Natur des Jahres

Aus DER RABE RALF April/Mai 2020, Seite 5+9

Leben im Untergrund

Der Europäische Maulwurf ist Wildtier 2020

Der Maulwurf und sein Bau – Zeichnung von 1876. (Grafik: Theodor Franz Zimmermann, „Illustrierter Leitfaden der Naturgeschichte des Thierreiches“ von Gustav von Hayek, Gerold Verlag, Wien 1876 (gemeinfrei))

Man sieht ihn nur selten und trotzdem zeigen die Erdhügel verräterisch die Anwesenheit des Europäischen Maulwurfs (Talpa europaea). Das walzenförmige Säugetier durchgräbt mit seinem bis zu 13 Zentimeter langen und 45 bis 90 Gramm schweren Körper das Erdreich Europas. Seine Körperform erscheint zunächst plump, aber der Maulwurf kann sich zügig fortbewegen. Dabei schaufelt er mit seinen grabwerkzeugartigen Vorder- und Hinterpfoten riesige Tunnelsysteme, die eine Länge von bis zu zwei Kilometern erreichen. Sein dichter Pelz hat keinen Strich, was es dem kleinen Tier einfach macht, sich in engen Gängen in alle Richtungen zu bewegen.

Obwohl der Maulwurf sich eindeutig auf das Leben unter der Erde spezialisiert hat, ist er überraschenderweise in der Lage zu schwimmen. Maulwürfe sind Einzelgänger, vermeiden Begegnungen untereinander und verteidigen ihr Revier beharrlich, nur zur Fortpflanzung finden sie sich zusammen.

Blind wie ein Maulwurf?

Die kleinen und von Fell bedeckten Augen des Maulwurfs geben Grund zur Annahme, er sei blind. Tatsächlich kann er aber Hell-Dunkel- Schattierungen wahrnehmen – und ist ansonsten durch seine Vielfalt an anderen Sinnen nicht von seiner Sehkraft abhängig. Enorm viele Tasthaare (Vibrissen) im Schnauzenbereich und am Schwanz helfen ihm, sich in seiner Umgebung zu orientieren. Der Schwanz übernimmt dabei eine Funktion, die der eines Blindenstocks ähnelt, denn der Maulwurf lässt ihn bei seinen Tunnelgängen rotieren und tastet auf diese Weise die Seiten des Ganges ab. Trotz der fehlenden äußeren Ohrmuscheln hört der Maulwurf ausgezeichnet. Mit der langen, spitzen Schnauze erschnuppert er jede Feinheit.

Neben diesen Fähigkeiten weist der Maulwurf eine ganz spezielle anatomische Besonderheit auf: das „Eimersche Organ“. Es kommt allein bei Maulwürfen vor und besitzt fünfmal so viele Nervenfasern wie die menschliche Hand. Durch dieses Tastorgan ist es dem Maulwurf möglich, Muskelbewegungen von Beutetieren und leichte Erschütterungen wahrzunehmen.

Jäger der Erde

Dank der technischen Finessen seines Körperbaus und seiner Sinnesausprägungen beweist sich der Maulwurf als erstklassiger Jäger. Zu seiner Beute zählen Regenwürmer, Insekten und ihre Larven, Schnecken und kleine Wirbeltiere.

Sich unter der Erde fortzubewegen verbraucht sehr viel Energie. Um diesen Verlust auszugleichen müssen Maulwürfe täglich bis zu 100 Prozent ihres eigenen Körpergewichts an Nahrung aufnehmen. Nur durch mehrere Beutezüge pro Tag kann dieser reichliche Energiebedarf gedeckt werden. Frisst der Maulwurf zehn Stunden nichts, verhungert er. Deswegen gräbt er Jagdröhren, die quer zur Zugrichtung der Beute ausgerichtet sind. Mit regelmäßigen Kontrollgängen dieser Röhren sind alle vier bis fünf Stunden Mahlzeiten gewährleistet.

Da der Stollengräber keinen Winterschlaf hält, legt er sich Vorratskammern an, um die kalten Monate überleben zu können. Beispielsweise beißt er Regenwürmern das Kopfsegment ab, wodurch diese gelähmt sind und gelagert werden können.

Als Schädling verkannt

Nicht nur seine natürliche Beute muss sich vor den scharfen Klauen und der Gewandtheit des Maulwurfs in Acht nehmen. Jeder unerwünschte Gast wird rigoros aus dem Revier vertrieben. In der Buch- und Zeichentrickfilmreihe „Der kleine Maulwurf“ ist ein Maulwurf mit einer Maus befreundet, in der Realität aber jagen Maulwürfe Wühlmäuse und halten diese von ihren Gängen fern.

Das sollte den Maulwurf für den einen oder anderen Gärtner schon sympathischer werden lassen. Leider wird der kleine Gräber aber wegen der aufgeworfenen Erdhügel meist verscheucht – und das, obwohl ein Maulwurf im Garten durchaus Vorteile hat. Die Maulwurfshügel zeigen, dass der Boden gesund ist, und die aufgewühlte Erde ist optimal zum Gärtnern, da sie unkraut- und wurzelfrei ist. In dem nährstoffreichen Boden wachsen Pflanzen besonders gut.

Auch die Idee zu den erwähnten Büchern und Filmen ist einem Maulwurfshügel entsprungen: Als der tschechische Zeichner Zdeněk Miler 1956 beim Spazierengehen über einen solchen stolperte, hatte er die entscheidende Inspiration. In mehr als 80 Ländern hat „Der kleine Maulwurf“ Liebhaber gefunden, und auch in unseren Gärten sollte der Maulwurf endlich als Freund und Helfer erkannt werden.

Rebecca Lange

Weitere Informationen: www.nabu.de/maulwurf

Buchtipp: Josef Alois Novotný, Zdeněk Miler: Der Maulwurf in der Stadt, Leipziger Kinderbuchverlag, 80 Seiten, 12,90 Euro, ISBN 978-3-89603-393-2


Jagd auf das Symbol der Liebe

Die Turteltaube ist der Vogel des Jahres 2020

Turteltauben sind kleiner und graziler als Stadttauben. (Foto: Andy Morffew/​Flickr, CC BY 2.0)

Die Turteltaube, lateinisch Streptopelia turtur, gilt weltweit als Symbol für Glück, Liebe, Hoffnung und Frieden. Der Name kommt von dem „Turr, turr, turr“, das sie von sich gibt und das auch der Ursprung für das Wort „turteln“ ist. Als romantisch gilt die Turteltaube auch deshalb, weil sie die gesamte Paarungszeit zu zweit und mit demselben Partner verbringt.

Exotische Färbung

Der vom Naturschutzbund ausgewählte „Vogel des Jahres 2020“ hat eine rundliche Gestalt und ist mit 25 bis 28 Zentimetern Körperlänge kaum größer als eine Amsel. Seine Flügel sind schlank und spitz und haben eine Spannweite von 45 bis 50 Zentimetern.

Äußerlich sind Männchen und Weibchen kaum zu unterscheiden. Beide haben ein blaugraues und dunkelbraunes bis schwarzes Gefieder, die Spitzen ihres Schwanzes und ihre Halsinnenseite sind weiß gefärbt. Der Vogel wirkt exotisch durch die rötliche Färbung an Kehle, Brust und Lidern.

Turteltauben sind Zugvögel und verbringen den größten Teil des Jahres in Afrika, auf dem Weg dorthin oder zurück. Nur zwischen Ende April und Ende August suchen sie ihr Brutgebiet zum Beispiel in Deutschland auf, um dort einen Partner zu finden und zweimal zwei Eier auszubrüten.

Bedrohte Art

Zum „Vogel des Jahres“ wurde die Turteltaube gewählt, weil sie stark bedroht ist. Der Bestand ist in Deutschland seit 1980 um circa 90 Prozent zurückgegangen, weltweit um fast 80 Prozent. Das liegt zum einen an der intensiven Landwirtschaft, die die Lebensräume des Vogels zerstört, die sich meist an Wald- und Feldrändern befinden. Dort kann er gut brüten und findet reichlich Nahrung für seinen ausschließlich pflanzlichen Speiseplan.

Auf seinem Weg von und nach Afrika wird der Vogel legal und illegal bejagt. Jährlich sterben dadurch zwischen 1,4 und 2,2 Millionen Turteltauben. Erlaubt ist die Jagd in insgesamt zehn EU-Ländern. Eines davon ist Malta, das als einziges EU-Mitglied lange Zeit die Erlaubnis hatte, die Jagd auf den Vogel das ganze Jahr über aufzunehmen.

Der Sinn der Jagd war früher der Ausgleich des Fleischmangels in dem Land. Heute ist das Turteltaubenschießen für die 10.000 Jäger und Jägerinnen eher eine Sportart und Freizeitbeschäftigung, die gleichzeitig die Wirtschaft ankurbelt – durch den umfangreichen Erwerb von Waffen und Munition und die Vermietung von Jagdanwesen.

Im Frühling werden auf Malta Wachteln geschossen, wobei der Jagd auch einige Turteltauben zum Opfer fallen, die sich dort in der Zugzeit aufhalten. Zwar wurde die Erlaubnis, auch im Frühling zu jagen, seit der festgestellten Bedrohung des Vogels vorübergehend aufgehoben, jedoch wird das illegale Töten der Tiere nicht rechtlich verfolgt.

Wer etwas tun will, kann eine Petition des NABU gegen die legale Jagd der Vögel in der EU unterzeichnen oder regionale wie weltweite Projekte für Turteltauben unterstützen.

Paula Rinderle

Weitere Informationen:
www.nabu.de/turteltaube


Mädchen im blauen Kleide

Die Wegwarte ist Heilpflanze des Jahres 2020

„Echte Zichorie“. (Zeichnung: Jacob Sturm, aus Johann Georg Sturm, „Deutschlands Flora in Abbildungen“, 1796)

Mit nackten Füßchen am Wegesrand,
Die Augen still ins Weite gewandt,
Saht ihr bei Ginster und Heide
Das Mädchen im blauen Kleide?

So beginnt das Gedicht „Die Wegwarte“ von Isolde Kurz. Doch der Gemeinen Wegwarte oder Zichorie (Cichorium intybus) ist nicht nur ein Gedicht gewidmet, sie wurde auch vom Verein NHV Theophrastus zur Heilpflanze des Jahres 2020 gekürt. Der Verein wählt jedes Jahr eine Heilpflanze des Jahres – angefangen 2003 mit dem Weißdorn – mit dem Ziel, die Naturkeilkunde zu fördern. Auf die Frage, warum es dieses Mal die Wegwarte ist, meint Konrad Jungnickel, der Vorsitzende des Vereins: „Bedeutsam ist, dass die Pflanze durch ihren wirklich zähen Überlebenswillen auch an Extremstandorten gedeiht. Diese Energie spiegelt sich in ihrer Wirkung wider.“

Die Gemeine Wegwarte wird bis zu 1,20 Meter hoch, hat eine bis weit in den Boden reichende Wurzel, blüht vom Juni bis zum ersten Frost in einem leuchtenden Violett-Himmelblau und hat nach Löwenzahn aussehende, aber spitzere Blätter.

Weltweit gibt es acht Arten, wobei nur die Gemeine Wegwarte in Europa heimisch ist. Heute ist diese weit verbreitet und auch in Westasien und Nordafrika häufig anzutreffen, wo man sie an Wegrändern, Äckern, Bahndämmen und Flussuferwällen findet.

Preußischer Kaffee

Die Wegwarte oder Zichorie ist schon sehr lange als Heil- und Nahrungsmittel bekannt. Erstmals Erwähnung findet sie in ägyptischen Papyrustexten aus dem 4. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. Es wurden sogar Reste von ihr in Tutanchamuns Grab gefunden.

In Mitteleuropa wurde ab dem 18. Jahrhundert aus den getrockneten Wurzeln der Wegwarte ein koffeinfreier Kaffeeersatz – Zichorienkaffee oder Preußischer Kaffee – gebraut, den man heute noch kaufen oder ganz leicht selbst herstellen kann.

Das Kraut der jungen Wegwarte bereichert mit seinen Aromen Wildkräutersalate und Gewürzmischungen. Außerdem können Blüten und Wurzeln der Pflanze, getrocknet und als Tee zubereitet, gegen Verdauungsstörungen angewendet werden. Der Tee wirkt zudem appetitanregend, beruhigend, blutreinigend und entzündungshemmend. Darüber hinaus scheint die Wegwarte bei vielen anderen Beschwerden zu helfen. Schon Hippokrates sprach ihr eine kühlende Wirkung zu, der Schweizer Arzt Paracelsus empfahl sie zur Entgiftung und zur Behandlung der Lepra. Sebastian Kneipp nutzte sie für Auflagen bei schmerzhaften Entzündungen.

Allerdings ist zu beachten, dass ein Aufguss der Wegwarte nicht für jeden Menschen bekömmlich ist. In seltenen Fällen kann es zu Hautreizungen kommen. Es empfiehlt sich in jedem Fall, pro Tag nicht mehr als zwei Tassen des Tees zu trinken, um die heilende Kraft der Wegwarte zu entfalten.

Radicchio und Chi­co­rée

Die durch Züchtung entstandenen Kulturformen der Gemeinen Wegwarte, Radicchio und Chicorée, sind aus vielen Küchen nicht mehr wegzudenken. Vor allem der Chicorée ist nicht nur ein vielseitiges und geschmacklich aufregendes Wintergemüse, sondern auch besonders vitamin- und mineralstoffreich.

In China und den USA wird der sogenannte Futterchicorée als Weidepflanze für Rinder und Schafe kultiviert und gewinnt als widerstandsfähige Alternative zu Grünfutterpflanzen wie der Luzerne zunehmend an Bedeutung. Die mehrjährige Pflanze hat eine sehr tiefe Wurzel, mit der sie Trockenphasen gut übersteht. Im Hinblick auf eine Anpassung der Grünlandwirtschaft an die Herausforderungen des Klimawandels wird sie bereits hoch gehandelt.

Ella Sengewald, Sarah Scheufler

Weitere Informationen:
www.nhv-theophrastus.de


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