„Kein Geld zu haben ist immer verdächtig“

Aus DER RABE RALF Oktober/November 2019, Seite 21

Vor 50 Jahren starb der Schriftsteller B. Traven. Sein Werk ist brandaktuell

„Der Schatz der Sierra Madre“ wurde 1948 verfilmt, mit Humphrey Bogart (links) in der Hauptrolle. (Bild: Insomnia Cured Here/​Flickr, CC BY-SA 2.0)

Jedes Jahr erscheinen 80.000 neue Bücher in Deutschland. Man sollte meinen, dass man bei so viel Lesestoff nicht zu ollen Kamellen greifen muss. Aber es gibt Autorinnen und Autoren, zu denen man immer wieder zurückkehrt und deren Bücher man nie in die Verschenke-Kiste legen würde. Einer von ihnen ist für mich B. Traven, der vor ziemlich genau 50 Jahren gestorben ist.

B. Traven war ein deutscher Autor, der in Mexiko lebte und arbeitete. Der Mann hinter diesem Pseudonym hat seine Biografie so kunstvoll verschleiert, dass sich viele Menschen mehr für das Mysterium seiner Herkunft interessieren als für seine Romane und Erzählungen. Das ist schade, denn die Bücher handeln vom Leben, Leiden und Aufbegehren der ärmsten Menschen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum sie im Gegensatz zu sterbenslangweiligen bürgerlichen Klassikern nie in der Schule durchgenommen werden.

Abenteuerromane mit Sozialkritik

Traven veröffentlichte seine Bücher ab Mitte der 1920er Jahre bei der Büchergilde Gutenberg. Diese Buchgemeinschaft ermöglichte ihren Mitgliedern – meist Arbeitern – einen preiswerten Zugang zu guter Literatur. In Travens ersten Werken erlebt ein amerikanischer Proletarier „Abenteuer“ mit sozialkritischem Hintergrund.

Eines seiner bekanntesten Bücher ist der Roman „Das Totenschiff“: Ein Seemann verliert seinen Pass. Ohne Dokumente, die seine Identität beweisen könnten, wird er von einem Land ins andere abgeschoben. Seine einzig verbleibende Perspektive ist, auf einem völlig maroden Kahn – einem Totenschiff – anzuheuern. Die Ausweglosigkeit seiner Situation schildert der Protagonist mit einem tiefschwarzen Humor. Auch heute ist der Wahnsinn von Staaten, Grenzen, Pässen und Bürokraten noch aktuell, und es stechen noch immer Totenschiffe in See. „Das feste Land ist mit einer unübersteigbaren Mauer umgeben, ein Zuchthaus für die, die drinnen sind, ein Totenschiff oder eine Fremdenlegion für die, die draußen sind.“

Traven lehnt alle hierarchischen Strukturen ab: Staatsgewalt, Kapitalismus, Kirche, aber auch verknöcherte Gewerkschaften waren ihm zuwider.

Travens Werk ist erstaunlich gut gealtert. Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass einige Aspekte aus heutiger Sicht fragwürdig sind, unter anderem seine Tendenz zur Romantisierung des „einfachen Indianerlebens“, seine Unfähigkeit, vernünftige Frauenfiguren zu entwickeln, und die Verwendung des Begriffs der Rasse. Allerdings glaubte er nicht etwa an eine Überlegenheit der „weißen Rasse“ – ganz im Gegenteil.

„Indianische“ Weltsicht

Als Anarchist war er fasziniert von den urkommunistisch angehauchten Kulturen, die er bei seinen Reisen durch die südmexikanische Region Chiapas kennenlernte. In seinen Reiseberichten schildert er, dass die „Indianer“ ihre Arbeitstiere nicht schlugen oder peitschten – was er nicht nur für mitfühlender, sondern auch für intelligenter hielt. „Der Europäer“ sei hingegen „immer getrieben von dieser höllischen Abscheulichkeit, anderen Menschen seinen Willen aufzupressen“, heißt es in „Land des Frühlings“ von 1928. „Ist aber jemand so winzig, dass er keinen erwachsenen Menschen unterjochen kann, dann unterjocht er wenigstens sein Kind, und hat er kein Kind, dann peitscht er seinen Hund.“

In „Die weiße Rose“ stellt Traven der kapitalistischen, westlichen Weltsicht eine „indianische“ Weltsicht gegenüber, die den Zusammenhalt der Menschen untereinander und den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen betont. Eine US-amerikanische Ölgesellschaft will dem einheimischen Besitzer einer Hacienda, eines Landgutes, sein Land abkaufen, weil dort Ölvorkommen entdeckt wurden. Als der Besitzer, Hacinto, sich weigert, sein Land gegen Geld zu tauschen, greifen sie zu illegalen Methoden und schließlich Gewalt. In diesem Roman geht es nicht mehr nur um die Perspektive des amerikanischen Proleten, sondern es steht ein indianischer Protagonist im Mittelpunkt.

Tropenholz in Europas Wohnzimmern

In seinen folgenden Büchern taucht Traven immer tiefer in die Lebensrealität seiner Wahlheimat Mexiko ein. Seine Protagonisten sind nun indianische Bauern und Arbeiter. Der Caoba-Zyklus besteht aus sechs Romanen, die Ausbeutung, illegale Versklavung und Misshandlung vor allem in berüchtigten Holzfällercamps schildern. Der Zyklus spielt 1910 im Vorfeld der mexikanischen Revolution und führt zur „Rebellion der Gehenkten“, so der Titel des fünften Bands.

Traven weiß, dass das Tropenholz, das im Urwald unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen geschlagen wird, schlussendlich auch nach Europa verschifft wird und dort die Wohnzimmer schmückt. Durch seine Bücher zeigt er den Arbeitern auf der anderen Seite des großen Teichs, welche Unterdrückung ihren Brüdern auf seiner Seite widerfährt. Ein Verbindung, die dank der fortschreitenden wirtschaftlichen Globalisierung heute enger ist als je zuvor. Die einzig richtige Antwort ist die, die schon Traven vor fast hundert Jahren kannte: Solidarität.

Sarah Buron 

Weitere Informationen: www.btraven.com
6 Bände online lesen: nemesis.marxists.org


„Ich kann die Hacienda wirklich nicht verkaufen. Sie gehört doch gar nicht mir.“

„Wie?“, fragte Señor Perez. „Gehört Ihnen nicht? Das ist ja neu. Steht doch in allen Registern als Ihr Eigentum.“

Hacinto lachte: „Sie gehört mir natürlich, die Rosa Blanca. Wie sie einstmals meinem Vater gehört hat. … Ich meine, die Hacienda gehört mir nicht so, dass ich damit machen kann, was ich will. Sie gehört doch auch denen, die nach mir leben wollen. Für die bin ich verantwortlich. Ich bin nur der Verwalter für die, die später leben werden. …“

„Seien Sie doch nicht so stumpfsinnig“, sagte Señor Perez. „Ihre Nachkommen können sich doch den Mais für die Tortillas kaufen, sie haben doch dann Geld genug.“ … In seiner Welt war die Beziehung Mais und Land, Mensch und Land völlig getrennt. In seiner Welt dachte man schon nicht mehr Mais, sondern man dachte nur Produkt.

Die weiße Rose, 1929


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