Kein Zins ist auch keine Lösung

Aus DER RABE RALF Juni/Juli 2019, S. 21

Beweist das Freigeld-Experiment von Wörgl die Richtigkeit der Zinskritik?

Wörgler Schwundgeld, sogenanntes Freigeld, von 1932. (Abbildung: gemeinfrei/Wikimedia Commons)

Der Bayerische Rundfunk zeigte am 23. April den österreichischen Spielfilm „Das Wunder von Wörgl“, das auf einer wahren Geschichte aus den 1930er Jahren beruht. Die Tiroler Gemeinde Wörgl leidet an der Wirtschaftskrise, es herrschen Erwerbslosigkeit und große Not, die öffentliche Kasse ist leer, als Bürgermeister Michael Unterguggenberger 1932 eine regionale Währung einführt. Er lässt Arbeitsbestätigungsscheine drucken, kurz „AB-Scheine“ genannt, und bezahlt damit die bisher Erwerbslosen, die in Bauprojekten der Gemeinde arbeiten. Es kommt zum bescheidenen wirtschaftlichen Aufschwung, der jedoch nach etwas mehr als einem Jahr bereits beendet wird, weil auf Betreiben der Nationalbank ein Gerichtsurteil die Herausgabe der Scheine untersagt.

Idee des Finanztheoretikers Silvio Gesell

Zinskritiker*innen gilt seither Wörgl als Beweis, dass Silvio Gesell (1862-1930) Recht hatte mit seiner Freigeldtheorie, wonach die Wirtschaft daran kranke, dass Geld gehortet werde, statt es auszugeben. Die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes soll erhöht werden, indem Geld nicht mehr verzinst wird, sondern umgekehrt das Geld beständig an Wert verliert. So waren auch die AB-Scheine in Wörgl angelegt.

Bürgermeister Unterguggenberger sagt im Film: „Wir haben die Rohstoffe, Maschinen und Arbeitskräfte. Uns fehlt nur das Tauschmittel.“ Die Lebenssituation der Bevölkerung ließ sich auch ohne hartes Geld verbessern, weil alle Beteiligten sich darin einig waren, dass sie die AB-Scheine als Tauschmittel akzeptieren.

Und wenn die Wörgeler*innen sich geeinigt hätten, ganz ohne Tauschmittel zu wirtschaften? Wenn sie – statt zuhause zu sitzen – sich gemeinsam über notwendige Arbeiten für die Gemeinde verständigt und diese einfach ausgeführt hätten? Und wenn die Inhaber*innen von Geschäften und Gasthäusern sie einfach so versorgt hätten? Wenn also die Bewohner*innen begonnen hätten, angesichts der Krise jenseits des Äquivalenttauschs miteinander zu wirtschaften, nach dem Prinzip des Beitragens: Alle tun, was sie können, und bekommen, was sie benötigen?

Abhängig von Warenform und Hierarchie

Zugegeben, es ist nicht so ganz einfach, sich das vorzustellen. Zu stark ist die Gewöhnung daran, dass alles seinen Preis hat, die Produkte in den Geschäften ebenso wie die Arbeitskraft. Sicher hätten die Leute ziemlich viel miteinander reden müssen, sich darüber abstimmen müssen, was zu tun ist, wer was macht und was jede*r braucht. Ein Tauschmittel kann das erleichtern. In Wörgl kamen das Tauschmittel und die Aufforderung zur Arbeit von oben, vom Bürgermeister. Nachdem der Pfarrer dazu aufrief, die AB-Scheine anzunehmen, ließen auch die Inhaber*innen der örtlichen Geschäfte ihre Skepsis fallen und verkauften Lebensmittel und andere Waren auch für diese Scheine. Wörgl zeigt daher, wie abhängig von der Gewohnheit des Äquivalenttauschs und wie abhängig von Hierarchien Leute auch in Notsituationen sein können – und dass sich ihre Lage erst dann zum Besseren wendete, als sie etwas taten. Quelle des Wohlstands war jedoch die Arbeit, nicht das Tauschmittel, das war nur ein Mittel zum Zweck.

Weltweit gibt es viele Beispiele, die Wörgl ähnlich sind. Jedoch werden Regionalwährungs-Scheine in Deutschland meist nicht durch Arbeit erworben, sondern mit Euro gekauft und zum Einkauf in teilnehmenden Geschäften genutzt, um die regionale Wirtschaft anzukurbeln. Den bekannten „Chiemgauer“ in Bayern können die Händler*innen zu 95 Prozent seines Werts in Euro zurücktauschen, 3 Prozent gehen an lokale Vereine, 2 Prozent finanzieren die Chiemgauer-Infrastruktur. In Berlin gab es Ende 1993 als befristete Alternativwährung und Kunstaktion in Prenzlauer Berg das „Knochengeld“. 2005 wurde mit großem Werbeaufwand ein Regiogeld namens „Berliner“ in Umlauf gebracht – öffentlich gefördert und fälschungssicher hergestellt in der Bundesdruckerei. Der erhoffte Erfolg blieb aber aus und das Experiment wurde 2008 eingestellt. Danach gab es Pläne für „Spreeblüten“, die nie in die Gänge kamen und kürzlich umbenannt wurden in „Fairo“. Daraus soll nun eine digitale Währung werden.

Schwundgeld bringt auch Probleme mit sich

Bei Regionalwährungen, Schwundgeld etc. handelt es sich zweifellos um zweitklassiges Geld, denn es ist nicht beliebig einsetzbar, sondern hat einen begrenzten Radius. Euro-gedecktes Regiogeld schafft keine Werte, sondern ist lediglich ein Versprechen, mit seinem Erwerb freiwillig auf die beliebige Verwendbarkeit des eigenen Geldes zu verzichten. Erst wenn, wie zum Beispiel in Wörgl, auch für dieses Ersatzgeld gearbeitet werden kann, kann damit im begrenzten lokalen Rahmen die Lebenssituation verbessert werden. Jedoch sollte das nicht idealisiert werden, denn mit zwei Klassen von Arbeitsentgelt entstehen möglicherweise auch zwei Klassen von Beschäftigten. Während die einen mit harter Währung bezahlt werden, gibt es für die anderen nur minderwertige Scheine. Und der Wertverlust des Schwundgelds kann ein Problem für arme Menschen darstellen, die für Anschaffungen darauf angewiesen sind, zu sparen.

Die ideologische Überhöhung von schneller Zirkulation und Konsumsteigerung widerspricht zudem allen Notwendigkeiten zur Entschleunigung, Energie- und Ressourcenschonung in der Wirtschaft. Zwar behaupten Freigeldtheoretiker*innen gerne, der Wachstumszwang komme aus dem Zins, das lässt sich aber weder theoretisch noch praktisch belegen. Die marxistische Auffassung, wonach Wachstum aus der Marktkonkurrenz entspringt, weil zur Senkung der Stückkosten rationalisiert wird und sich dadurch der Warenausstoß erhöht, scheint plausibler.

Problematisch sind die ideologische Aufladung und die teilweise zu beobachtende Heilslehren-Gläubigkeit in der Zinskritik. Das ist nicht nur unsolidarisch gegenüber anderen Ansätzen alternativen Wirtschaftens, sondern kann die Türen öffnen zu Antisemitismus und rassistischen Blut- und Boden-Ideologien. Die verbreitete biologistische Sicht, die sich in Begriffen wie „fließendes Geld“ und „natürliche Wirtschaftsordnung“ äußert, blendet sowohl Interessengegensätze als auch gesellschaftliche, demokratische Aushandlungsprozesse aus.

Der Zins ist nicht das Hauptübel

Zinskritik ist Ausdruck einer berechtigten Empörung über Ungleichheit. Es ist ungerecht, dass die Habenden durch die Verzinsung ihres Geldes immer mehr bekommen, noch verstärkt durch Zinseszinseffekte, während die Habenichtse arm bleiben, und – wenn sie sich etwas anschaffen wollen, wofür ihr Geld nicht reicht – auch noch Kreditzinsen zahlen müssen. Jedoch ist der Zins – der ja viel älter ist als der Kapitalismus – weder das einzige noch das größte Übel, sondern eher eine Randerscheinung in einem patriarchalen System von Ungleichheit, Macht, Herrschaft und Gewalt. Darum ist kein Zins auch keine Lösung – wie ja auch die aktuelle Niedrigzinsphase zeigt.

Es ist schön, wenn es Gemeinschaften gelingt, mit freiwirtschaftlichen Projekten ihre Lebenssituation zu verbessern. Das ersetzt jedoch nicht die Auseinandersetzungen um Eigentum, Ressourcennutzung, Technologieentwicklung, Arbeitsverhältnisse etc. Wer nur auf Zinskritik setzt und sich auf die Zirkulationssphäre beschränkt, sitzt damit dem Geld-Fetisch auf und ist blind für die Ausbeutung der Arbeit im Produktionsprozess. Auf die eine Patentlösung zu hoffen hilft ohnehin nicht weiter, denn wirtschaftliche Fragen sind vielschichtig. Daher gilt wie so oft die zapatistische Weisheit: „Fragend gehen wir voran“.

Elisabeth Voß

 


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