Klima-Folgen

Aus DER RABE RALF August/September 2022, Seite 12

Folge 10: Die gefährliche Beschönigung der Klima-Realität

Kevin Anderson. (Foto: Christine Twigg/University of Manchester)

Kevin Anderson ist ein britischer Klimawissenschaftler mit Professuren an den Universitäten Manchester und Uppsala. Er war Direktor des renommierten Tyndall Center for Climate Change Research. Mit ihm sprach David Goeßmann vom nichtkommerziellen Nachrichtenmagazin Kontext TV.

David Goeßmann: Wir haben auf der letzten Klimakonferenz wieder große Reden gehört, und es scheint, dass die führenden Politiker der Welt den Planeten wirklich in letzter Minute retten wollen. Sie sagen aber, die Realität sieht ein bisschen anders aus. Wie?

Kevin Anderson: Wenn wir das Pariser Klimaabkommen einhalten wollen, also bei der Erderwärmung deutlich unter zwei Grad Celsius und idealerweise bei 1,5 Grad bleiben wollen, haben wir nur noch wenige Jahre Zeit, um unsere Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Für die wohlhabenden Teile der Welt muss der Energieverbrauch von Industrie, Gebäuden, Flugverkehr, Schiffen, Autos und so weiter bis etwa 2030, spätestens 2035 vollkommen emissionsfrei sein, um die 1,5 Grad noch einhalten zu können. Die ärmeren Länder haben etwas mehr Zeit, entsprechend der sogenannten „gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung“, der Gerechtigkeitskomponente der Klimaabkommen. Aber sie haben auch nur etwa 10 bis 15 Jahre mehr Zeit, um ihre Emissionen auf null zu reduzieren.

Die Realität ist nun: Es gibt nach wie vor keine Pläne und keine Zusagen der Regierungen, die diesen wissenschaftlichen Notwendigkeiten entsprechen.

In den Medien hieß es, wenn die Staaten alle gemachten Zusagen erfüllen, lasse sich die Erwärmung unter zwei Grad halten. Im Vergleich zum Pariser Klimagipfel 2015 scheint das ein Fortschritt zu sein und die Zukunft nicht mehr ganz so düster …

Wir sollten zunächst bedenken, dass wir heute nicht mehr in der gleichen Lage sind wie 2015 in Paris. In den letzten sechs Jahren hat die Menschheit jährlich etwa 40 Milliarden Tonnen Kohlendioxid ausgestoßen. Wir sprechen also von einer riesigen Menge an CO₂-Emissionen seit Paris. Die Herausforderung ist deshalb viel größer.

„Die Regierungen vertrauen auf Technologien, die unsere Kinder erst noch entwickeln müssen.“

Außerdem glauben die meisten, dass eine Regierung, wenn sie „netto null Emissionen“ als Ziel nennt, null meint. So ist es aber nicht. „Netto null“ bedeutet, dass Technologien, die es heute noch nicht gibt, in der Zukunft eingesetzt werden sollen, um CO₂ aus der Atmosphäre zu entfernen. Die Staaten wollen damit ihre Emissionen nachträglich kompensieren. Der Bestand von Autos soll nicht reduziert werden, es soll weiter geflogen werden, die Wohnungen sollen nicht kleiner werden. Unsere Kinder und Enkel sollen das Zuviel an Treibhausgasen ausgleichen müssen, indem sie Technologien entwickeln, um unser Kohlendioxid im Jahr 2050 aus der Atmosphäre zu holen. Nur wenn man glaubt, dass das ein akzeptabler Weg ist, kommt man bei ungefähr 1,8 oder 1,9 Grad an. Wenn nicht, dann landet man bei drei Grad Erwärmung, wenn nicht mehr.

Wissenschaftler vom „Global Carbon Project“ haben auf eine riesige Lücke zwischen den offiziellen Angaben der Staaten und den tatsächlichen Emissionen hingewiesen. Was bedeutet das?

Wenn sie recht haben und es diese riesige Lücke gibt, ist das ein großes Problem. Denn die Physik und der Klimawandel scheren sich nicht um Schönrechnereien, sie reagieren nur auf die tatsächliche Menge der Emissionen. Wenn also Länder absichtlich oder versehentlich zu niedrige Zahlen nennen, werden die politischen Maßnahmen, die auf dieser Basis ergriffen werden, nicht ausreichen.

Sie haben Ihre Kollegen dafür kritisiert, dass sie in der Öffentlichkeit nicht die ganze Wahrheit sagen. Warum?

Ich kritisiere vor allem Einzelne, nicht alle – hauptsächlich die leitenden Forscher, aber auch andere.

Sie wollen keine Namen nennen?

Nein. Sie tun es oft mit guten Absichten – aber es ist nicht richtig. Privat erzählen sie mir von ihrer Arbeit, wie schlimm die Situation ist, und dann zeichnen sie in der Öffentlichkeit ein hoffnungsvolleres Bild, das ihrer Forschung aber nicht entspricht. Und manchmal ist der Unterschied wirklich sehr groß.

Sie stützen sich in den Modellen auch auf Technologien, bei denen sie nicht davon überzeugt sind, dass sie funktionieren. Aber sie verwenden sie, um die Aufgabe leichter erscheinen zu lassen. Sie müssen dann die politischen und wirtschaftlichen Vorgaben nicht infrage stellen. Einige begründen das damit, dass das Wirtschaftsmodell nicht geändert werden kann. Deshalb müssten wir unsere Annahmen abschwächen und so darüber sprechen, dass es attraktiv wirkt.

Das mag für eine Nichtregierungsorganisation, einen Imageberater oder eine politische Partei angemessen sein. Für Wissenschaftler ist das aber völlig unangebracht. Unsere Aufgabe besteht darin, sorgfältig zu forschen und, wenn wir uns irren – was gelegentlich vorkommt –, uns entsprechend zu korrigieren. Die Ergebnisse sollten klar und deutlich dargelegt werden. Forschung ist nicht dazu da, für Organisationen oder politische Entscheidungsträger etwas attraktiv zu machen.

Was eine Reihe von Wissenschaftlern getan hat, halte ich für sehr gefährlich. Es wurden Modelle entwickelt, die sich der Politik anpassten. Und je mehr Zeit verging, je schwieriger die Herausforderungen wurden, umso illusionärer wurden die Modelle. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse kamen unter die Räder. Das erlebe ich immer wieder.

Zum Beispiel sagte kürzlich bei einer Veranstaltung die Vortragende: „Wissen Sie, die Lage ist schwierig, aber wir können etwas tun.“ Später, im Zug, schlug sie dann die Hände über dem Kopf zusammen und sagte mir – entschuldigen Sie die Ausdrucksweise: „Wir sind am Arsch, wir sind total am Arsch.“ Nicht, dass sie diese Sprache im Vortrag hätte verwenden sollen. Aber sie hätte dort die Lage adäquat schildern sollen, nicht nur mir unter vier Augen. Wenn wir die politischen Entscheidungsträger und die Öffentlichkeit falsch informieren, wie können sie dann eine Politik entwickeln, die zu den Tatsachen passt?

Worauf bewegen wir uns derzeit bei der Temperatur zu? Und welche Auswirkungen hätte das?

Das ist schwer zu sagen, aber meiner Einschätzung nach auf eine Erwärmung um etwa drei bis vier Grad Celsius in diesem Jahrhundert. Wenn das eintritt, leben wir auf einem anderen Planeten. Schon bei zwei Grad Erwärmung werden zum Beispiel alle tropischen Korallenriffe vernichtet. Die Insekten, die unsere Pflanzen bestäuben, werden ebenfalls stark geschädigt, wir werden also große Probleme bei der Nahrungsmittelproduktion bekommen. Dürren und Überschwemmungen werden das Ganze noch verschlimmern. Militärische Konflikte werden zunehmen und die Stabilität der lebenswichtigen Wirtschaftszweige wie der Landwirtschaft gefährden.

„Die Leute, die die Bankenkrise herbeigeführt haben, entwickeln jetzt ähnliche Finanzmechanismen gegen den Klimawandel.“

Es ist abzusehen, dass bei einer Erwärmung um drei bis vier Grad viele unserer derzeitigen Ökosysteme zusammenbrechen. Sie werden sich auf sehr lange Sicht sicherlich zu neuen Ökosystemen entwickeln. Aber viele unserer menschlichen Systeme werden nicht in der Lage sein, mit so gravierenden Veränderungen umzugehen. Drei oder vier Grad in einigen tausend Jahren sind nicht dramatisch, drei oder vier Grad in 100 Jahren sind eine Katastrophe.

Auf den Klimagipfeln findet viel „Greenwashing“ statt. Nicht nur von Regierungen hören wir dort schöne Reden, auch von Finanzinstituten und anderen Unternehmen. Wohin fließt das Geld wirklich und wohin nicht?

Zunächst einmal gibt es gar nicht so viel Geld. Die vollständige weltweite Energiewende ist eine riesige Aufgabe. Jede Facette unserer Infrastruktur – von der Energieproduktion über Verkehr und Gebäude bis zur Industrie – muss sich innerhalb von ein, zwei, höchstens drei Jahrzehnten verändern. Die dafür nötigen Investitionen fehlen aber nach wie vor. Zwar sind die Summen, über die gesprochen wird, recht groß. Aber es handelt sich eher um Finanzmechanismen, um letztendlich – wie bei Banken üblich – Geld für die Leute zu erwirtschaften, die die Instrumente in den Händen halten. Die notwendigen Veränderungen werden dadurch nicht erreicht.

Dieselben Leute, die mit Finanztricks die Bankenkrise von 2008 herbeigeführt haben, entwickeln jetzt ähnliche komplexe Finanzmechanismen, um dem Klimawandel zu begegnen. Solche Gelder müssen aber transparent und ehrlich sein. Ich fürchte, dass das nicht der Fall ist. Zugleich folgt die Klimafinanzierung der Idee, dass wir andere, vor allem in Entwicklungsländern, dafür bezahlen, an unserer Stelle die nötigen Veränderungen vorzunehmen.

Sie haben an einer Studie mitgearbeitet, die herausfinden sollte, warum wirksame Klimaschutzmaßnahmen seit drei Jahrzehnten blockiert werden. Was waren die Ergebnisse?

In dieser umfangreichen und anspruchsvollen Studie wurde das Problem von Forschern mehrerer Fachdisziplinen untersucht. Einige betrachteten psychologische Aspekte, andere technische Fragen, wieder andere die Regierungsführung. Wir haben aus neun unterschiedlichen Perspektiven die Frage gestellt, warum die Emissionen nicht gesenkt werden konnten. Wir kamen übereinstimmend zu dem Schluss, dass Macht eine zentrale Rolle spielt.

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos (von links): Leonardo DiCaprio, Gründer Hilde und Klaus Schwab, Joe Biden. (Foto/​Ausschnitt: Monika Flückiger/​Swiss Image/​WEF/​Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Es gibt eine Machtstruktur, dominiert von einer relativ kleinen Gruppe, die wir in der Studie das „Davos-Cluster“ genannt haben. Wir sprechen dabei von relativ wenigen Menschen, die man als die globalen mobilen Eliten bezeichnen könnte. Viele davon treffen sich einmal im Jahr zum Weltwirtschaftsforum in Davos in der Schweiz. Es sind die Direktoren großer Unternehmen, Chefs mächtiger Regierungen, die Vorstände von Finanzinstitutionen und auch einige einflussreiche Wissenschaftler. Und diese exklusive Gruppe hat viel Macht in der Gesellschaft. Ihr Interesse besteht darin, diese Macht zu erhalten. Es geht ihr nicht darum, auf ökologische oder soziale Herausforderungen zu reagieren. Diese Gruppe ist auch gar nicht dazu in der Lage – obwohl sie so redet, als ob sie es könnte. Die Frage ist also: Woher könnte stattdessen die notwendige Kraft kommen?

Was uns faszinierte: An der gesellschaftlichen Basis orientieren sich Gruppen bereits tatsächlich an den Forderungen der Wissenschaft. Daran sind schon viele Menschen beteiligt. Wenn also die Menschen die Macht, die sie tatsächlich haben, mobilisieren und sich mehr auf die wissenschaftliche Forschung einlassen würden, könnten wir statt der elitären Machtausübung von oben eine andere Machtstruktur schaffen, die offener ist und Veränderung von unten ermöglicht.

Das soll nicht heißen, dass Führungskräfte nicht wichtig sind. Das sind sie. Es geht aber um das Verhältnis von oben und unten. Im Moment werden die Entscheidungen von oben getroffen. Doch die Eliten sind einer Denkweise verhaftet, die das Problem verursacht hat und einer Lösung im Weg steht. Um aus der Sackgasse herauszukommen, brauchen wir eine Mobilisierung von unten.

Welche Maßnahmen sind denn erforderlich, um eine katastrophale Klimaerwärmung zu verhindern? Ist das Zwei-Grad-Ziel technisch und wirtschaftlich noch zu schaffen? Wenn ja, wie?

Die Erwärmung unter zwei Grad zu halten ist nicht nur technisch, sondern auch politisch möglich. Dazu müssen wir uns die Frage stellen: Welche Emissionen können wir sofort verringern? Mit denen sollten wir anfangen.

Ein großer Teil wird aus Vorschriften bestehen, die das Verhalten derjenigen von uns ändern, die für die meisten Emissionen verantwortlich sind. Dazu muss man wissen, dass die Hälfte aller globalen Emissionen von nur zehn Prozent der Bevölkerung stammt. Das obere eine Prozent verursacht sogar doppelt so viele Emissionen wie die unteren 50 Prozent der Weltbevölkerung. Einige der obersten 0,01 Prozent, ganz überwiegend Männer, fliegen zum Klimagipfel und erzählen den anderen, was sie gegen den Klimawandel tun sollen. Sie und ihre Ansichten und Lebensentwürfe, die ihnen diesen sehr ressourcenintensiven Lebensstil ermöglichen, sind aber das Problem. Wir werden am Klimawandel scheitern, wenn wir den Lebensstil derjenigen unter uns, die zu den oberen 10 Prozent und dem oberen einen Prozent gehören, nicht grundlegend ändern.

Für die meisten Menschen, auch die durchschnittlichen und unterdurchschnittlichen Emittenten in den westlichen Ländern, geht es nur um strukturelle Veränderungen. Was sich für sie verändert, sind ihre Häuser, ihre Verkehrsmittel oder die Art, wie sie zur Arbeit kommen, wo ihr Arbeitsort liegt.

Für die aber, die für die meisten Emissionen verantwortlich sind, geht es um große Veränderungen im Lebensstil. Das werden sie nicht freiwillig tun. Sie müssen durch Vorschriften dazu gezwungen werden.

Was gibt Ihnen Hoffnung?

Die Jugendbewegungen, die politischen Bewegungen und das gesamte zivilgesellschaftliche Spektrum. Nicht nur die die großen Demonstrationen, über die die Presse berichtet, sondern vor allem die Arbeit dahinter. Immer mehr Leute analysieren die Politik, hinterfragen die Zahlen und entwickeln Alternativen. Sie sind zahlenmäßig der kleinen Elite des „Davos-Clusters“ überlegen. Ich hoffe, dass sie sich Gehör verschaffen und die Politik verändern können. Auf kommunaler Ebene sehen wir schon, dass Bürgermeister und Gemeinderäte eine Politik vorantreiben, die mehr will als unsere Regierungen. Auch wenn es bisher noch nicht reicht – das zivilgesellschaftliche Engagement ist enorm wichtig und gibt mir Hoffnung.

Vielen Dank für das Gespräch.

Sehr gern.

Gekürzt. Vollständiges Interview und weitere Informationen: www.kontext-tv.de (Sendungen – Themen – Klima – Kevin Anderson)

Bisher erschienen:
Teil 1: Kippelemente
Teil 2: Extremwetter
Teil 3: Begriffe
Teil 4: Zoonosen
Teil 5: Atomkraft
Teil 6: Landwirtschaft
Teil 7: Rassismus
Teil 8: CO₂-Tricks
Teil 9: Männer

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