Klima-Folgen

Aus DER RABE RALF Juni/Juli 2021, Seite 10

Folge 3: Von klaren Formulierungen und gelungener Kommunikation

Über die Klimakrise sprechen – keine einfache Sache. (Grafik: Gordon Johnson/Pixabay)

Dass die Klimakrise mittlerweile die größte Bedrohung der Menschheit ist und ihr Ausmaß weit über ein bisschen wärmeres Wetter hinausgeht, kommt immer mehr in den Köpfen der Menschen an. Doch zum Handeln motiviert dieses Wissen in den meisten Fällen noch nicht, oft hat es sogar eine lähmende Wirkung. Aus diesem Grund stellt sich die Frage, wie Informationen zu diesem Thema vermittelt werden können, ohne den Ernst der Lage zu verharmlosen, aber auch ohne den Menschen so viel Angst einzujagen, dass sie die Augen davor verschließen. Mit welchen Mitteln können möglichst viele Menschen erreicht werden? Welche Art der Ansprache und welche Wortwahl motivieren zum Handeln oder erhöhen zumindest die Wahrscheinlichkeit, dass – im besten Fall richtig – gehandelt wird?

Vom Klimawandel zur Klimakrise

Wie wir über Klimafragen reden, sollte im ersten Schritt dem tatsächlichen Ausmaß der Bedrohung gerecht werden. Greta Thunberg sprach in ihren Reden immer wieder von der Klimakrise, manchmal sogar vom Klimanotstand oder Klimakollaps. All diese Begriffe beziehen sich auf die ökologische, politische und gesellschaftliche Bedrohung im Zusammenhang mit der menschengemachten globalen Erwärmung. Im Vergleich dazu erscheint „Klimawandel“ wenig bedrohlich. Denn während „Krise“, „Notstand“ oder „Kollaps“ unmissverständlich auf eine drohende Katastrophe hinweisen, wird mit einem „Wandel“ in den meisten Fällen sogar etwas Positives verbunden. Das wird dem Ausmaß der Gefahr offensichtlich nicht gerecht und ist eine Verharmlosung.

Hinzu kommt, dass der Begriff Klimawandel sowohl für die natürlichen Klimaschwankungen als auch für die menschengemachten klimatischen Veränderungen verwendet wird. Die fehlende Differenzierung macht es „Klimaleugnern“ einfacher, wissenschaftliche Studien aus dem Kontext zu reißen und ihre Falschaussagen darauf zu stützen.

Katastrophal statt herzerwärmend

Ähnlich sieht es beim Begriff Erderwärmung aus. Wärme ist im allgemeinen Sprachgebrauch eindeutig positiv konnotiert: Nach einem langen, kalten Winter freuen wir uns gerade in Deutschland auf die ersten warmen Sommertage. Im übertragenen Sinne erwärmen wir uns für eine gute Idee, wir bevorzugen bei der Einrichtung unserer Wohnungen warme Farben, um eine angenehme Atmosphäre zu schaffen – und ist es nicht herzerwärmend, wie die Kinder im Park über die Wiese toben? „Erderwärmung“ ist also gar nicht gut geeignet, um auf die verheerenden Auswirkungen eines weltweiten Temperaturanstiegs aufmerksam zu machen. Von Wärme zu sprechen, während immer mehr Regionen auf der Welt unter extremen Hitzewellen leiden, die tausende Menschenleben kosten, unbeherrschbare Brände verursachen und riesige Naturflächen zerstören, ist eine grobe Verharmlosung der Realität in vielen Teilen der Welt. Ausdrücke wie „Erderhitzung“ oder „Aufheizen der Atmosphäre“ werden dem Ausmaß der Krise schon eher gerecht.

Die britische Tageszeitung „The Guardian“ ging hier vor zwei Jahren einen wichtigen Schritt, als die Chefredakteurin Katharine Viner ankündigte, fortan die Wortwahl in der Klimaberichterstattung zu verändern. Statt über Klimawandel und Erderwärmung wird seitdem häufig über Klimakrise und Erderhitzung geschrieben. Angesichts der teilweise dramatischen Erkenntnisse aus der Forschung, über die in der Zeitung berichtet wird, seien die bisher verwendeten Begrifflichkeiten nicht mehr angemessen, begründete die Chefredakteurin die Entscheidung, die zuvor in der Redaktion intensiv diskutiert worden war. „Wir wollen gewährleisten, dass wir wissenschaftlich korrekt sind und dieses sehr wichtige Thema unseren Leserinnen und Lesern in aller Deutlichkeit vermitteln“, so Viner. Der meist verwendete Ausdruck „Klimawandel“ klinge zum Beispiel eher passiv, während die wissenschaftlichen Ergebnisse eine Katastrophe für die Menschheit befürchten ließen.

Chancen statt Verbote

Ein weiterer Aspekt ist, dass Klimaschutz in erster Linie mit Verzicht und Verboten in Verbindung gebracht wird. Wer nachhaltig leben möchte, nimmt am besten keine tierischen Produkte mehr zu sich, darf nicht mehr Auto fahren – und in den Urlaub fliegen ist sowieso tabu.  Auch deshalb ist es wichtig, die Debatte rund um die Klimakrise anders zu führen: ohne Verharmlosung der Realität, aber mit Blick auf die Möglichkeiten, die noch bleiben, um unsere Zukunft zu gestalten.

Natürlich reicht es nicht, nur die Begrifflichkeiten zu verändern, aber eine bewusstere Kommunikation könnte die Dringlichkeit der Klimakrise zumindest einer größeren Zahl von Menschen begreiflich und uns alle zu „Possibilist:innen“ machen: Während sowohl der Optimismus als auch der Pessimismus die Realität in gewisser Weise verklären, bezeichnet der Possibilismus eine Welthaltung des Möglichen. Possibilist:innen suchen im Rahmen der gegebenen Umstände nach Möglichkeiten und Lösungen, um die Welt anders und besser zu gestalten. Denn die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens, die Begrenzung der Erderhitzung auf ein erträgliches Maß ist noch möglich – und der Kampf gegen die Klimakrise ist eine grundsätzliche Bejahung: Ja zu intakten Ökosystemen, ja zu Gerechtigkeit, ja zu einer lebenswerten Zukunft!

Lenja Vogt

Weitere Informationen: www.klimafakten.de/fakten-besser-vermitteln/so-gehts

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