Klima-Folgen

Aus DER RABE RALF Februar/März 2021, Seite 10

Folge 1: Von Kipppunkten und kollabierenden Ökosystemen

Kippelemente im Klimasystem – Regenwald und Permafrost sind nur zwei davon. (Grafik: Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, CC BY-ND 3.0 DE)

Wen interessiert es schon, ob sich die Erde jetzt um 1,5 oder um zwei Grad erwärmt? Der Unterschied erscheint so gering, dass sich nur die wenigsten das Ausmaß der Konsequenzen vorstellen können, die diese Differenz wahrscheinlich nach sich zieht. Denn das Risiko, dass sogenannte Kipppunkte überschritten werden, steigt mit jedem Zehntelgrad und macht die Klimakrise damit noch unberechenbarer.

Dank Bewegungen wie Fridays for Future ist die Klimakrise inzwischen in aller Munde, wurde in den Fokus der Medien gerückt und endlich auch auf die politische Agenda gesetzt. Dennoch haben viele das Gefühl, dass ihnen grundlegende Fakten und Informationen zum Thema fehlen. Wir wollen deshalb mit dieser Artikelreihe fundiertes Wissen rund ums Klima vermitteln und gleichzeitig über die neusten Erkenntnisse und Entwicklungen in den Bereichen Forschung, Politik und Gesellschaft berichten.

Kipppunkte im Klimasystem

Von Kipppunkten haben viele im Zusammenhang mit der Klimakrise bestimmt schon einmal gehört, ohne sich etwas Konkretes darunter vorstellen zu können. Ein Kipppunkt (englisch tipping point) ist der Punkt, an dem eine Aneinanderreihung von kleinen, scheinbar bedeutungslosen Ereignissen, die über einen längeren Zeitraum geschehen, ein Niveau erreicht, bei dem eine zusätzliche kleine Änderung plötzlich einen einschneidenden Effekt auf ein ganzes System hat. Bei der Klimakrise könnte diese scheinbar unbedeutende Veränderung etwa die Erwärmung um ein weiteres Zehntelgrad sein, durch die ein Kipppunkt überschritten wird. In der Folge kommt es zu einer Kettenreaktion, die unvorhersehbare und irreversible, das heißt unumkehrbare Auswirkungen auf die Umwelt und das Klima hätte.

Abgebrochener Permafrostblock an der Nordküste Alaskas. (Foto: Benjamin Jones/​​US Geological Survey/​Wikimedia Commons)

Tauender Permafrostboden

Permafrostböden sind ein gutes Beispiel, um das abstrakte Phänomen greifbar zu machen. Als Permafrost werden Böden bezeichnet, die mindestens zwei Jahre hintereinander Temperaturen unter dem Gefrierpunkt aufweisen. In solchen Böden sind immense Kohlenstoffvorräte in Form von abgestorbenen Tier- und Pflanzenresten eingelagert, die sich über einen Zeitraum von mehreren Jahrtausenden dort angesammelt haben.

Durch die Erderwärmung tauen allerdings immer größere Teile des Permafrostbodens auf und die Zersetzung der bislang eingeschlossenen organischen Reste beginnt. Bei diesen Zersetzungsprozessen werden unter anderem Treibhausgase wie Kohlendioxid und Methan freigesetzt, die den anthropogenen, also vom Menschen verursachten Treibhauseffekt verstärken. Wenn das Auftauen der Permafrostböden nun einen gewissen Grad überschreitet, ist ihr vollständiges Verschwinden wahrscheinlich unaufhaltbar, denn der Prozess verstärkt sich selbst – eine Art „Teufelskreis“.

Da in diesen Böden etwa 25 Prozent des weltweiten Bodenkohlenstoffs gespeichert sind, würde das Überschreiten des Kipppunkts die globale Erwärmung beschleunigen. Und selbst wenn wir es dann noch schaffen sollten, die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre und somit auch die Temperaturen auf der Erde wieder zu senken, bliebe der Permafrostboden verschwunden.

Vertrocknender Regenwald

Ein anderes Beispiel, an dem die dramatischen Folgen einer solchen Kettenreaktion schon bald sichtbar werden könnten, ist der Amazonas-Regenwald in Südamerika. Dass die Abholzung des Regenwaldes zu den größten Klimasünden überhaupt zählt, ist mittlerweile weltweit bekannt. Durch die anhaltende Verkleinerung und Zerstückelung des Waldes geht dessen Fähigkeit zur Bindung von Kohlendioxid aus der Luft verloren. Bei den häufig durchgeführten Brandrodungen wird noch zusätzlich Kohlendioxid freigesetzt. Damit nicht genug, bedrohen die Rodungen auch im Rest des Waldes das sensible Ökosystem und führen schon jetzt zu einer Abwärtsspirale aus Trockenheit, Bränden und Dürren. Die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Niederschlägen und Waldentwicklung geraten aus dem Gleichgewicht.

Brasilienexperte Roberto Maldonado vom WWF warnt vor einer existenziellen Katastrophe am Amazonas. Die großflächigen Rodungen haben unter der Regierung Bolsonaro einen neuen Höhepunkt erreicht, zwischen August 2019 und Juli 2020 wurden unglaubliche 11.000 Quadratkilometer Regenwald zerstört, eine Fläche halb so groß wie Mecklenburg-Vorpommern. Insgesamt sind bereits 20 Prozent der ursprünglichen Waldfläche zerstört, wissenschaftliche Studien gehen bei etwa 25 Prozent zerstörter Fläche von einer Überschreitung des  Kipppunktes aus. Dann kann die Natur die Schäden im Ökosystem nicht mehr kompensieren. Am Ende könnte der Amazonaswald zu einer Graslandschaft werden.

Da viele Prozesse, die mit den Kipppunkten im Zusammenhang stehen, heute noch nicht ausreichend erforscht sind, ist es schwierig, den genauen Zeitpunkt des Kippens und das Ausmaß der Veränderungen vorherzusagen. Fakt ist aber: Wenn die Kipppunkte irgendwann überschritten werden, drohen neue Katastrophen. Wir sollten uns daher bewusst machen, welchen gravierenden Unterschied auch ein Zehntel Grad bedeuten kann, und uns umso mehr für die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels einsetzen.

Lenja Vogt

Weitere Informationen:
www.uba.de/publikationen/kipp-punkte-im-klimasystem
www.pik-potsdam.de/kippelemente


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