Klima schützen, Meere plündern?

Aus DER RABE RALF Juni/Juli 2021, Seite 1/4

Das Wettrennen um die Schätze der Ozeane soll als Klimaschutz getarnt werden

Oktopus erkundet Greifarm: Der Tiefsee droht die Zerstörung noch vor der Erforschung. (Foto: Bruce Strickrott/NOAA)

Kaum in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden die aktuellen Verhandlungen bei der Internationalen Meeresbodenbehörde auf Jamaika. Diese UN-Behörde verwaltet die mineralischen Ressourcen in der Tiefsee als gemeinsames Erbe der Menschheit. Damit trägt sie perspektivisch die Verantwortung für den Bergbau auf der Hälfte unseres Planeten.

Lange Zeit wurde von einem solchen Tiefseebergbau nur geträumt. Mittlerweile hat jedoch ein Wettlauf um diese Ressourcen am Meeresboden begonnen. Verschiedene Staaten und multinationale Konzerne beteiligen sich nun daran und wollen möglichst günstig an die enormen Vorkommen in den Ozeanen gelangen.

Nötig für Windräder und E-Autos?

Der Bergbau in der Tiefsee hätte aber verheerende Folgen für die Ökosysteme. Die Abbaugebiete würden zerstört werden, noch bevor die Meeresforschung ihre ökologische Bedeutung und die vorhandene Artenvielfalt auch nur annähernd erfasst hat.

Bei den UN-Verhandlungen über die Regeln zum Abbau in der Tiefsee behaupten inzwischen viele der Befürworter, dass sie mit dem Tiefseebergbau beginnen wollen, um das Klima zu schützen. Ihre Erze sollen die Metalle für Windräder und Elektroautos liefern und auch für die Zukunft in ausreichender Menge garantieren. Damit rechtfertigen sie ihre finanziellen Interessen und die Zerstörung der Tiefsee-Ökosysteme – und missbrauchen die Klimabewegung für ihre Zwecke. Eine Strategie, die immer mehr um sich greift und inzwischen auch in Deutschland die Debatte um den Tiefseebergbau verändert.

Mehr Metalle, mehr industrielles Wachstum

Es sind irreführende und falsche Argumente, mit denen hier der Tiefseebergbau auf Kosten der Klimabewegung durchgesetzt werden soll. Um die offensichtlichen Widersprüche zwischen Tiefseebergbau und Meeresschutz zu überdecken, wird ein scheinbar eingängiges Argumentationsgebäude verwendet. Einige Tiefseebergbau-Konsortien haben eigene Studien und Werbekampagnen in Auftrag gegeben.

Karikatur: Gerhard Mester, Copyright: SFV/​Mester

Das wichtigste Klimaschutz-Argument geht so: Eine Verknappung strategisch wichtiger mineralischer Rohstoffe gefährde die künftige Produktion von alternativen Energieträgern und Klimatechnologien. Der Tiefseebergbau könne die „Versorgungslücke“ schließen. Die dazu angegebenen Bedarfsrechnungen werden jedoch wissenschaftlich infrage gestellt. Geradezu naiv ist die Behauptung, dass das zusätzliche Angebot von Metallen aus der Tiefsee gerade die Energiewende sichern würde – und nicht in erster Linie die allgemeinen Rohstoffpreise niedrig hält und dadurch ein fortgesetztes industrielles Wachstum erzeugt.

Einsparung und Recycling werden schlechtgeredet

Im Kern dienen diese Industrie-Argumente dazu, die Erfolgsaussichten einer alternativen Rohstoffpolitik zu bestreiten, die auf Kreislaufwirtschaft, Recycling, Sparsamkeit, Langlebigkeit und auf nachhaltigen Produktionsprozessen und Grundstoffen beruht. In Deutschland braucht es aber eine solche Rohstoffwende, die den hohen Bedarf an neuen Metallen senkt. Statt auf unerschöpfliches Wachstum und Tiefseebergbau zu setzen, sollten wir eine umfassende Reduzierung des Rohstoffkonsums anstreben. Dazu gehören höhere Rohstoffpreise für einen umweltfreundlichen und sozial gerechten Bergbau an Land.

Das, was der Klimaschutz bewahren will, gerät durch den Tiefseebergbau in Gefahr – am Ende auch die Ozeane als wichtigste CO₂-Speicher des Planeten. Meeresschutzorganisationen wenden sich aus vielen Gründen klar gegen die Einführung des Tiefseebergbaus: sowohl, um die Ökosysteme zu erhalten, als auch, um eine destruktive Rohstoffpolitik auf Kosten der Länder des globalen Südens zu verhindern.

Nicht spalten lassen!

Der Tiefseebergbau verschachert das gemeinsame Erbe der Menschheit, um den Traum vom unbegrenzten Wachstum für einige wenige Privilegierte am Leben zu erhalten. Die Zivilgesellschaft darf nicht hinnehmen, dass mit dem Klimaschutz die Zerstörung der Ozeane gerechtfertigt wird. Wir brauchen Solidarität und ein gemeinsames Handeln der klima-, entwicklungs- und umweltpolitischen Bewegung.

Kai Kaschinski

Weitere Informationen:
www.fair-oceans.info
www.power-shift.de
Tel. (030) 41934182


Manganknollen

Manganknollen sind schwarz und so groß wie Kartoffeln oder Salatköpfe, sie liegen am Meeresgrund in 4.000 bis 6.000 Metern Tiefe. Sie enthalten Kupfer, Kobalt und Nickel, die in der Stahl- und Elektroindustrie benötigt werden – bei Weitem nicht nur für Windräder. Auch Platin oder Tellur zur Herstellung von Computern und Smartphones sind darin zu finden.

Auf dem eigentlich weichen Meeresboden bieten die Manganknollen den einzigen festen Untergrund für Schwämme, Weichkorallen, Seeanemonen. Wo ihnen diese „Lebensbasis“ genommen wird, haben solche Arten wenig Chancen.

Die „Ernte“ von Manganknollen ist teuer. Doch je knapper und teurer die Metalle angesichts des steigenden Rohstoffverbrauchs werden und je länger eine umwelt- und ressourcenschonende Kreislaufwirtschaft auf sich warten lässt, desto mehr scheint sich der Aufwand zu lohnen – solange die Umweltschäden nicht bezahlt werden müssen. J.W./mb

Manganknollen sind nicht tot, sie beherbergen viele Lebensformen. (Foto: ROV-Team/GEOMAR, CC BY 4.0)

 

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