Klimagerechtigkeit muss unbequem sein

Aus DER RABE RALF April/Mai 2022, Seite 16/17

Warum die Klimabewegung kein weißes Selbstgespräch sein kann

Das Humboldt-Forum in Berlins Mitte: Ein Ort der Raubkunst und der Fortschreibung kolonialer Gewalt? (Foto: Gode Nehler/​Wikimedia Commons)

Die Klimakrise wird mittlerweile breit diskutiert. In deutschen Klima- und Umweltbewegungen findet die Diskussion aber oft stark verkürzt statt. Die Krise wird vornehmlich als eine Herausforderung dargestellt, der wir durch individuelles und bewusstes Verhalten begegnen können: weniger Plastik und Müll produzieren, Konsumverhalten, weniger fliegen, CO₂-Ausstoß reduzieren. Das sind zwar richtige und wichtige Schritte zur Bekämpfung der Klimakrise, aber so wird suggeriert, wir könnten sie durch individuelles Verhalten bewältigen. So einfach ist es leider nicht. Dieser Ansatz lässt die Einzelnen in dem Glauben, sie hätten ihren Dienst an der Gesellschaft schon dadurch getan, dass sie Bioprodukte kaufen oder Bahn fahren statt zu fliegen.

Und dann haben wir es auch noch mit Unternehmen zu tun, die sich ihrer Verantwortung gänzlich entziehen und den Umgang mit Mensch und Natur dem Prinzip der Profitmaximierung unterwerfen. Das hat in kapitalistischen Gesellschaften System. Der vielleicht wichtigste Aspekt der Klimakrise wird ausgeblendet: Sie ist vor allem eine soziale Krise – die nur durch Klimagerechtigkeit gelöst werden kann.

Mit Kolumbus begann die Ausplünderung

Klimagerechtigkeit ist ein komplexes Konzept, das über die Bekämpfung der Klimakrise hinaus auch Kolonialismus, Rassismus, Sexismus, Klassismus und andere Formen der Unterdrückung berücksichtigt und soziale und ökonomische Gerechtigkeit anstrebt. Vor allem der Kolonialismus hat Normen, Werte und ökonomische Strukturen geschaffen, die bis heute globale Ungerechtigkeiten aufrechterhalten und rechtfertigen. Wenn wir das nicht berücksichtigen, blicken wir ahistorisch und unpolitisch auf die Klimakrise und laufen Gefahr, Scheinlösungen zu verfolgen, die das Problem nicht an der Wurzel packen. Aber fangen wir von vorn an.

Der Beginn der globalen Kolonialisierung liegt im Jahr 1492, als Christoph Kolumbus „Amerika entdeckte“. Kolumbus und andere Eroberer unterwarfen die Bevölkerungen Nord- und Südamerikas, Afrikas, Australiens, Süd- und Südostasiens und etablierten eine europäische Fremdherrschaft. Das Ziel war stets die Ausbeutung von Mensch und Natur für wirtschaftliche Profite. Europäische Mächte machten es sich zum Ziel, die Natur aus rein kommerziellen Interessen zu dominieren. Wälder, Feuchtgebiete und Mangrovenwälder – alle wichtig für die Biodiversität und die Speicherung von CO₂ – wurden zerstört, um Platz für Straßen, Plantagen oder Bergbau zu schaffen. Nur durch die gewaltvolle Ausplünderung der anderen Kontinente mithilfe von Mord und Versklavung konnte in Europa die Industrialisierung und die bis heute bestehende Anhäufung von Macht und Kapital stattfinden.

Rassismus als Rechtfertigung

Um die Versklavung und Ausbeutung der Menschen des globalen Südens zu rechtfertigen, etablierte sich von Europa ausgehend ein System der Hierarchisierung von sogenannten „Menschenrassen“. Weiße Europäer galten anderen Menschen als überlegen und somit als Norm. Schwarze Menschen, Indigene und People of Color, heute englisch abgekürzt BIPoC, wurden dieser Norm untergeordnet, ihnen wurde das Menschsein einfach abgesprochen. Viele Kulturen, die Traditionen und das Wissen der Menschen wurden kurzerhand für wertlos erklärt.

Dass das Wissen über den Kolonialismus und seine heutigen Auswirkungen in Deutschland stark begrenzt ist und gern verdrängt wird, spüren wir immer wieder. So wurde eine von uns während ihres Praktikums an der deutschen Botschaft in Nairobi (Kenia) unlängst von einem weißen deutschen Botschaftsmitarbeiter gefragt, warum sie so viel über Kolonialismus rede, es sei doch besser, nach vorn zu schauen und die Vergangenheit ruhen zu lassen, der Kolonialismus sei schließlich eine längst abgeschlossene Epoche der Geschichte. Aber der Kolonialismus endete nicht plötzlich am Tag der Unabhängigkeit der jeweiligen Länder. Postkoloniale Wirtschafts- und Denkstrukturen prägen unsere Welt bis heute – und machen sich leider auch in den Lösungsstrategien zur Klimakrise bemerkbar.

(Neo)koloniale Strukturen

Schauen wir uns als Beispiel die „grüne“ Lösung für die Verkehrskrise an, das Elektroauto. Die darin verbauten Batterien benötigen das seltene Leichtmetall Lithium, das vor allem in Bolivien abgebaut wird. Der Abbau vergiftet die Wasserquellen, zerstört die Lebensgrundlagen der indigenen Bevölkerung und findet unter menschenunwürdigen Arbeitsverhältnissen statt. Die angeblich saubere Mobilitätswende wird durch Auslagerung der negativen Auswirkungen in den globalen Süden erkauft. Sie beruht auf den bekannten kolonialwirtschaftlichen Strukturen.

Um die Klimakrise als Folge von Kolonialismus und postkolonialen Strukturen zu begreifen, ist es unabdingbar, auf das globale Machtgefälle und die bestehende Ungerechtigkeit zwischen globalem Süden und Norden hinzuweisen. Doch auch im globalen Norden sind es marginalisierte Menschen, die besonders von den Folgen der Klimakrise betroffen sind: postmigrantische Menschen, Ältere, Geringverdienende oder Menschen mit Behinderung. Die notwendige Verknüpfung von Klimakrise, Rassismus, Ungerechtigkeit und Armut wird häufig gescheut und als zu komplex abgetan. Diese Probleme werden lieber getrennt voneinander behandelt und sollen nacheinander gelöst werden. Das kann nicht funktionieren.

Gegen eine weißgewaschene Klimabewegung

Die unzureichende Debatte in Deutschland macht es BIPoC und vielen anderen marginalisierten Menschen schwer, ihren Platz in der Klimabewegung zu finden. Für uns ist der Kampf für Klimagerechtigkeit untrennbar mit dem Kampf gegen Rassismus, Sexismus und koloniale Strukturen verbunden. Zusammenhängende Phänomene erfordern zusammenhängende Kämpfe.

Klimaaktivismus beruht auf einer langen Tradition von lokalen Kämpfen, die auch von BIPoC initiiert und angeführt wurden. Diese Kämpfe waren und sind immer mit Kämpfen um Gerechtigkeit, Rechte, Land, Partizipation und Selbstbestimmung verknüpft. Vielleicht haben sich diese Menschen in der Vergangenheit und heute nicht unbedingt als Klimaaktivist*innen bezeichnet, doch ihr Kampf war und ist immer auch einer für Klimagerechtigkeit und die Wertschätzung der Natur. Wir schulden es ihnen, dies in unserem Streben nach Klimagerechtigkeit zu berücksichtigen. Die Klimabewegung im globalen Norden muss an dekoloniale und antirassistische Kämpfe und an die radikale Kritik von Kapitalismus, Kolonialismus, Polizeigewalt anknüpfen. Leider kommt dies bei den mehrheitlich weißen Klima- und Umweltbewegungen immer noch zu kurz.

Klimagerechtigkeit ist nicht einfach, sie ist unbequem – sie erfordert, dass viele Menschen ihre gewohnten Lebensweisen und die Systeme, die diese ermöglichen, infrage stellen. Ob das sich klimabewusst gebende Deutschland dazu bereit ist, bleibt offen. Wir hoffen es sehr, denn viel Zeit bleibt uns nicht.

Sheena Anderson, Tatu Hey, Black Earth Kollektiv

Weitere Informationen:
www-blackearthkollektiv.org
www.bundjugend.de/kolonialismusundklimakrise

Raoul Peck: Rottet die Bestien aus! Dokumentarfilmreihe, Arte, 2021 


Kurs Klimakatastrophe

Der Weltklimarat warnt vor verheerenden, irreversiblen Folgen unseres Krieges gegen die Natur und das Klima

Karikatur: Gerhard Mester/​Wikimedia Commons

Auch wenn die Welt diese Nachricht in der jüngsten lautstarken Propagandaschlacht des fossilen Zeitalters kaum vernommen hat, so ist doch unser Krieg gegen die Natur unverändert die eigentliche Herausforderung auf Leben und Tod, vor der die Menschheit steht.

UN-Generalsekretär Antonio Guterres nennt den kürzlich erschienenen neuen Bericht des Weltklimarates IPCC „einen Atlas des menschlichen Leids und eine Anklage gegen das kriminelle Versagen der Klimapolitik“. Fast die Hälfte der Menschheit ist schon jetzt besonders stark vom Klimawandel und seinen Folgen bedroht, ein weiteres Viertel muss sich an drastische Veränderungen anpassen.

Milliarden Menschen sind bereits betroffen

Die nächsten Jahre sind absehbar die letzte Gelegenheit, um die drohende Klimakatastrophe noch zu verhindern und die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Denn die Entwicklungen verlaufen schneller, die Risiken sind größer und die Biosphäre reagiert sensibler als bisher angenommen, schreibt der IPCC im zweiten Teil seines sechsten Sachstandsberichts. Sollte sich die Welt auch nur zeitweise über die Marke von 1,5 Grad erwärmen, rechnen die Autoren mit irreversiblen Auswirkungen auf die Ökosysteme. „Die Risikoschwellen werden schon bei deutlich niedrigeren Temperaturen erreicht“, so Hans-Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven, einer der Hauptautoren des Berichts. Ein Zurück, zum Beispiel durch CO₂-Rückholung, wird es bald nicht mehr geben.

Die Klimarisiken schaukeln sich jetzt bereits hoch. „Jenseits der 1,5 Grad sehen wir schwerwiegende, zum Teil irreversible Schäden“, sagt Mitautor Matthias Garschagen von der Uni München. „Zum Beispiel das Auftauen von Permafrostböden, das rasante Abschmelzen von Gletschern und Meereis und der weitere Verlust von Waldflächen. Das führt dazu, dass es immer schwieriger wird, die Temperaturkurve später wieder zu senken.“

Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung

Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – das war das inspirierende Motto der ökumenischen Bewegung in den 1980er Jahren in der DDR. Es ist heute aktueller denn je und drückt die Kernpunkte des notwendigen neuen Denkens aus.

So schrecklich der Angriff auf die Ukraine ist, das Abrutschen in eine Eskalationsspirale von Gewalt, Erpressung, Waffenexporten und weiteren Kriegen muss unbedingt verhindert werden. Krieg, ökonomische Erpressung und Aufrüstung können nie eine Lösung sein, wie wir vor über 30 Jahren schon einmal wussten – auch wenn wir seitdem so einiges an „System Change“ und Krieg vonseiten des Westens erleben mussten. Doch der Rückfall in ein imperiales, in vielfacher Hinsicht fossiles Denken kann die Probleme der Staaten nicht lösen, geschweige denn die globalen Probleme. „Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst“ – dieser wahre Satz gilt möglicherweise auch für unseren Krieg mit der Natur.

Wir müssen einen gesellschaftlichen Zustand verhindern, in dem die Menschheit quasi „blind“ weiter in Richtung Klimakatastrophe taumelt.

Plötzlich geht es um Aufrüstung und Rüstungsexporte, um die Verschiebung des Kohleausstiegs, die Verlängerung der Braunkohleverstromung und vielleicht sogar der Atomkraft. Plötzlich werden weitere 100 Milliarden Schulden gemacht, zu all den Coronaschulden noch dazu – für Aufrüstung. Klimaschutz ist wieder an fünfter Stelle in der Prioritätenliste und in den Nachrichten.

Es gilt, den Kriegstreibern, Kriegsgewinnlern und Rüstungsprofiteuren das Handwerk zu legen.

Groko ohne Ende

Es gibt einen fossil-mobil-monetären – und militärischen, muss man nun unbedingt hinzufügen – Machtkomplex in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, der grundsätzlich weitermachen will wie bisher. Ob Große Koalition oder Ampel – die eigentliche Große Koalition im Hintergrund, die zwischen Wirtschaft, Großkapital und Politik, wird davon nicht berührt, wie der Koalitionsvertrag der Ampel-Parteien deutlich macht.

Hier einige Stichworte aus dem Vertrag: „Raum für unternehmerisches Wagnis schaffen“, „Wachstum generieren“, „wirtschaftlich und technologisch in der Spitzenliga spielen“, „Eisenbahnverkehrsunternehmen gewinnorientiert im Wettbewerb“, „Wettbewerbsfähigkeit für nachhaltiges Wachstum erhöhen“, „Börsengänge für Wachstumsunternehmen erleichtern“ – und immer so weiter.

Worte, die nicht vorkommen, sind Genügsamkeit, Konsumverzicht, Suffizienz, Vermögenssteuer oder  Wachstumsbegrenzung. Doch grüne und olivgrüne Subventions- und Konjunkturprogramme für Großkonzerne reichen nicht aus, um den Klimakollaps noch zu verhindern (siehe auch Rabe Ralf August 2020, S. 3). Es geht nicht um die Begrünung und Aufrüstung der „Megamaschine“, sondern um ihre Verschrottung.

Die eigentliche Freiheits- und Friedensenergie

Die Klimakatastrophe und die weitere Naturzerstörung lassen sich durch eine bloße Dekarbonisierung und Elektrifizierung der heutigen Strukturen nicht verhindern – schon weil es dafür gar nicht genügend erneuerbare Energien gibt –, sondern nur durch eine gleichzeitige, sehr schnelle Verringerung des Energie- und Rohstoffverbrauchs der Ökonomien und Gesellschaften.

Die eigentliche „Freiheitsenergie“ – wie FDP-Finanzminister Christian Lindner neuerdings die grüne Energie nennt – ist die nicht verbrauchte und nicht benötigte Energie.

Laut der „Denkfabrik“ Agora Energiewende wäre zur Einhaltung der Klimaziele eine Reduzierung des Energieverbrauchs um 50 Prozent bis 2050 notwendig. Die Wege zum „Freiheitsenergiesparen“ sind weit offen. Dazu gehören eine Regionalisierung der Wirtschaft mit entsprechend verringerten und verteuerten Transporten, eine erhebliche Verringerung des Energie-und Stoffdurchsatzes der Wirtschaft Industrie und vor allem auch der Landwirtschaft und eine entsprechend geänderte Subventionspolitik. Also ein Ende der Globalisierung und der energiefressenden Digitalisierung.

Der Überkonsum und die globalisierten kapitalistischen Ausbeutungsstrukturen zerstören die Biosphäre und die Reproduktionsfähigkeit der Lebensgrundlagen. Der weltweite Raubbau an Ressourcen und Naturgütern verursacht nicht nur Treibhausgasemissionen, er zerstört auch CO₂-Senken wie Wälder, Böden und Meere. „Die Natur kann unsere Rettung sein, aber nur, wenn wir sie retten!“, sagt die Direktorin des UN-Umweltprogramms UNEP, Inger Andersen.

Der Weltklimarat IPCC erachtet als nötig: Es müssten alljährlich 1,6 bis 3,8 Billionen Dollar ausgegeben werden, um eine Klimaerwärmung um mehr als 1,5 Grad Celsius zu verhindern. Um das ins Verhältnis zu setzen: Fossile Brennstoffe werden nach jüngsten Schätzungen mit jährlich 554 Milliarden Dollar subventioniert und in ihr Militär stecken die Länder der Welt pro Jahr rund zwei Billionen Dollar.

Noch haben wir die Wahl zwischen Krieg und Frieden, auch mit der Natur: „Give Peace a Chance!“

Jürgen Tallig

Der Autor hat 1989 das Neue Forum in Leipzig mitgegründet. Weitere Informationen: www.earthattack-talligsklimablog.jimdofree.com

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