Kontrolle von unten statt Bio-Label

Aus DER RABE RALF April/Mai 2018, Seite 18

In der „Union Coop“ haben sich gewerkschaftlich organisierte Kooperativen zusammengeschlossen

Im vergangenen Jahr wurde nach einem mehrjährigen Diskussionsprozess die „Union Coop Föderation“ aus der Taufe gehoben, ein Verbund von Kooperativen, die in der Freien Arbeiter*innen Union (FAU) organisiert sind. „Wir wollen nicht nur die Arbeitsbedingungen im Hier und Jetzt verbessern, sondern über den Kapitalismus hinausdenken“, heißt es in der Selbstdarstellung. „Nicht in der Nische, sondern im Verbund mit anderen Kollektivbetrieben und der Basis-Gewerkschaft FAU suchen wir – solidarisch mit unseren KollegInnen in Chef-Betrieben – Antworten auf die vielfältigen Zumutungen der heutigen Wirtschaftsform.“

Die besetzte französische Fabrik Scop-Ti produziert Tee für die Union-Coop. (Foto: Scop-Ti)

Auf den ersten Blick fühlt man sich an die sogenannten „Post-68er“ und den bei ihnen vorherrschenden Enthusiasmus der Alternativökonomie-Bewegung vor 30 oder 40 Jahren erinnert. Davon unterscheidet sich dieser Ansatz jedoch deutlich. „Vermutlich stehen wir eher in der Tradition der 1920er als der Post-68er, weil wir verbindliche Strukturen und eine klare Anbindung an eine revolutionäre Arbeiter*innenbewegung richtig finden“, sagt Hansi Oostinga von der Union Coop. „Viele alte Kollektive aus der Post-68er-Zeit haben das große Ganze vergessen und sehen nur noch ihren Betrieb, was ja auch okay ist, aber eben nicht mehr wirklich gesellschaftsverändernd. Wir fühlen uns deshalb eher mit dem Netzwerk zurückeroberter Fabriken verbunden, die – ausgehend von Argentinien – eine weltweite Vernetzung organisiert haben.“

Gegen Selbstausbeutung und Lohndumping

In Europa ist die Kombination von selbstverwalteten Betrieben und gewerkschaftlicher Organisation bislang ziemlich einzigartig – sieht man einmal von den Experimenten in der sozialen Revolution in Spanien 1936/37 ab. Vergleichbare Projekte existieren heute nur in Spanien, wo es ähnliche Initiativen bei der Landarbeiter*innengewerkschaft SAT und der anarcho-syndikalistischen CNT gibt.

Selbstverwaltete Betriebe stehen dennoch im Ruf, die entfremdete Arbeit für ein Ausbeutungsunternehmen lediglich durch die Selbstausbeutung – unter dem Deckmantel der Selbstverwirklichung – zu ersetzen. Auch dieses Problem kennt man in der Union Coop. Oostinga erklärt auf Nachfrage: „Natürlich ist das eine wichtige Diskussion. Das Problem ist logischerweise immer das mangelnde Kapital. In der Regel sind wir ja die, die nichts haben, als ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Das ist auch nicht neu für die Arbeiter*innenbewegung. Im Gegensatz zu einigen dieser Post-68er Betriebe ist es für uns zumindest wichtig – und eines unserer Prinzipien – nicht dazu beizutragen, geltende Standards in der Branche zu unterlaufen oder etwa Lohndumping zu betreiben.“

Von der Zusammenarbeit mit Teilen der Gewerkschaftsbewegung erhofft sich die Union Coop Unterstützung beim Auf- und Ausbau von alternativen Strukturen. Die anarcho-syndikalistische FAU hat in der Vergangenheit schon wiederholt selbstverwaltete und besetzte Betriebe praktisch unterstützt – ein Beispiel ist das „Strike Bike“ im Jahr 2007.

„Vielleicht sogar besser als ein Bioladen“

Der ökologische Aspekt spielt dagegen in der Selbstdarstellung erst einmal keine Rolle. Hansi Oostinga beschwichtigt: „Natürlich ist uns das nicht egal, aber wir sind auch kein Bioladen – und deswegen vielleicht sogar besser. Bei uns geht es nicht um Kontrolle von oben, die eh nicht funktioniert, sondern um Kontrolle von unten.“ Die beste Absicherung für eine nachhaltige und qualitativ hochwertige Produktionsweise sei die Kontrolle der Produktion durch die Produzenten. Das sei besser als jedes Label.

„Wir wissen zum Beispiel, dass es Fairtrade-Bio-Kaffee von großen Unternehmen gibt, die bis zu den jeweiligen Grenzwerten anderen Kaffee beimischen, sodass grade noch die Kriterien erfüllt sind“, sagt Oostinga. „Das machen wir nicht, wir vertrauen da auf die Basis.“ In den Fällen, in denen zum Beispiel eine Bio-Produktion nicht machbar ist, sei es besser, das transparent zu machen statt zu tricksen. „Unsere Erfahrung ist, dass da, wo die Arbeiter über den Inhalt ihrer Arbeit entscheiden, sie möglichst sinnvoll produzieren möchten – sprich bio, fair, regional und einfach gut.“ Das sei natürlich nicht immer möglich, so Oostinga. So könne etwa die französische Tee-Kooperative Scop-Ti ihren Bedarf nicht komplett aus den von ihr bevorzugten Quellen speisen, weil das Angebot dafür einfach fehle. „Sie macht das aber auch transparent und hat deshalb zwei Marken entwickelt, eine bio und regional, die andere eher konventionell.“

Erste kleine Läden in Berlin

Momentan sind vor allem Betriebe aus dem Handel und der Gastronomie in der Union Coop organisiert, wie die Berliner Rösterei Flying Roasters oder der Veganladen Dr. Pogo in Berlin-Rixdorf. Aber auch Projekte aus dem Bildungs- und Kulturbereich wie der Filmverleih Sabcat Media haben sich dazugesellt. Es gibt außerdem Kontakte zu Bau und Transport sowie in die „Immobilienbranche“. Grundlage ist, dass diese Betriebe die folgenden, selbstgegebenen Prinzipien erfüllen:

  • Jedes Belegschaftsmitglied hat die gleichen Rechte bei Entscheidungen und Entlohnung.
  • Einzelne oder Dritte können sich nicht bereichern.
  • Der Betrieb ist um Transparenz und solidarisches Wirtschaften bemüht.

Neben der Organisation von Betrieben vor Ort gibt es Unterstützung und Zusammenarbeit mit besetzten Betrieben und Kooperativen in anderen Ländern. Momentan bestehen Kontakte zu Betrieben in Spanien, Frankreich, Polen, Griechenland und Südamerika. Es ist eine Form praktischer Solidarität und gleichzeitig erhofft man sich davon, dass Themen wie Betriebsbesetzungen stärker öffentlich wahrgenommen werden.

Die gesetzten Ziele und Wünsche sind hoch. Neben der Nutzung von Synergieeffekten beispielsweise durch den gemeinsamen Einkauf und Vertrieb von Waren oder die Präsenz auf Messen wird auch über Neugründungen beraten. Momentan ist die Union Coop vor allem durch ihren Internetshop präsent. Im Sortiment des Verbundes finden sich derzeit spanischer Bio-Rotwein (Verano Acrata), fair gehandelter Kaffee und diverse Teesorten aus der besetzten französischen Fabrik Scop-Ti, aber auch anarchistische Literatur, Filmplakate und CDs. Weitere Produkte sollen nach und nach hinzukommen. Schon fest geplant ist der Vertrieb von Produkten wie Likören aus der besetzten Fabrik Rimaflow in Mailand, eventuell auch von Olivenöl aus einer besetzten Finca in Andalusien.

Zurzeit führen sechs Läden und Projekte in Berlin die Produkte der Union Coop, bundesweit gibt es neben dem Webshop insgesamt elf Verkaufsstellen. Neben den Produkten von selbstverwalteten Betrieben sollen auch mittelfristig auch Gewerkschaftsmaterialien über die Union Coop verbreitet werden.

Maurice Schuhmann

Weitere Informationen:
www.union-coop.org
(Verkaufspunkte unter „Shop“)
Tel. (030) 28700808


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