Lebensmittelrettung – und alle gewinnen?

Aus DER RABE RALF Februar/März 2020, Seite 17

Die Sirplus-Supermärkte verkaufen gerettete Lebensmittel zum günstigen Preis. Das hat auch eine Schattenseite

„Gerettetes bis zu 80 Prozent günstiger“: Sirplus-Markt in der Steglitzer Schloßstraße. (Foto: Tala Ziad)

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, lautet eine vielzitierte Aussage des Philosophen und Soziologen Theodor W. Adorno. In Bezug auf das Konzept der Sirplus-Supermärkte passt dieses Zitat bestens. Im Jahr 2017 eröffnete die erste Filiale von Sirplus in Berlin. Der Name ist ein Wortspiel mit dem englischen „surplus“ (Überschuss) und bezieht sich darauf, dass überschüssige Ware verkauft wird. Mittlerweile gibt es vier Filialen in Berlin, die Lebensmittel „retten“, außerdem einen Online-Bestellservice für Lebensmittel und ein Angebot für veganes Catering. Beim Onlinebestellservice wird man hellhörig. Widerspricht das nicht dem eigenen ökologischen Anspruch? Nach Angaben von Sirplus ist die CO₂-Bilanz bei der Online-Lebensmittelrettung dennoch positiv, da die Anlieferung im Vergleich zu den vorherigen Lieferwegen der Produkte kaum ins Gewicht fällt.

Etwas tun gegen Lebensmittelverschwendung

Laut Statistik wirft jede/r Deutsche 85 Kilo Lebensmittel pro Jahr in den Müll. Das sind bundesweit rund sieben Millionen Tonnen weggeworfene Lebensmittel im Jahr. Damit stammt mehr als die Hälfte der verschwendeten Lebensmittel aus Privathaushalten.

Aber auch unser Einkaufsverhalten ist für die Verschwendung verantwortlich. Für unser Geld wollen wir die beste Ware – und uns werden bestimmte Normen in Bezug auf Formen und Größen von Lebensmitteln präsentiert. Nicht normgerechte Produkte werden ausgesondert. Ebenso führt das Mindesthaltbarkeitsdatum – selbst für haltbare Waren wie Salz oder Zucker – dazu, dass verwendbare Produkte kurzerhand zu Müll werden.

Das brachte Raphael Fellmer, der bereits bei der Initiative „Foodsharing“ mitgewirkt hat und als Autor des Buches „Glücklich ohne Geld“ bekannt ist, und Martin Schott auf die Idee, die Supermarktkette „Sirplus“ zu gründen, um Lebensmittel, die noch gut sind, wieder in den Verwertungskreislauf zurückzuführen – und zwar für eine breite Kundschaft. Auf ihrer Internetseite beschreiben die beiden das Ziel: „Wir wollen das Lebensmittelretten ‚mainstream‘ machen und so die Verschwendung massiv reduzieren! Wir wollen alle Lebensmittel wertschätzen und ihnen den Weg zurück in den Kreislauf des Lebens ebnen. Wir wollen allen Konsumenten und Produzenten, aber auch gemeinnützigen Einrichtungen eine Lösung bieten, um Verschwendung und Überproduktion nachhaltig zu reduzieren. Wir wollen die Ressourcen unseres Planeten bewahren!“

Fast abgelaufene Produkte für fast den halben Preis

Inwieweit sie damit bereits im Mainstream angekommen sind, zeigt die große Presseresonanz, die vom Stadtmagazin Zitty über Berliner Morgenpost, Süddeutsche Zeitung, Spiegel und Stern bis zu RTL reicht. Der Höhe- beziehungsweise Tiefpunkt dürfte der Auftritt von Fellmer und Schott in der RTL-Show „Höhle der Löwen“ gewesen sein, wo es zu einem Eklat kam, weil einer der Juroren den Start-up-Unternehmern Selbstüberschätzung vorwarf.

Das Konzept kommt aber generell gut an – schon wird auch über ein Franchise-Programm nachgedacht. Die selbstgesteckten Ziele sind hoch. In den kommenden Jahren sollen mindestens 35 weitere Filialen hinzukommen. Allein in Berlin arbeiten mittlerweile 80 Menschen für Sirplus. Neben dem reinen Verkauf und Marketing wird auch auf Bildung gesetzt. Für Schulklassen und Interessierte gibt es eigene Workshops und (mit Werbung vollgepackte) Unterrichtsmaterialien.

Die Idee scheint auf den ersten Blick sehr gut zu sein – ökologisch, sozial und aufklärend. Sirplus kauft Supermarktketten wie Metro oder Bio Company sehr günstig Produkte ab, die kurz vor dem Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums stehen oder es bereits überschritten haben. Diese werden dann im Schnitt für 40 Prozent unter dem normalen Ladenpreis angeboten, in Einzelfällen oder bei überschrittenem Mindesthaltbarkeitsdatum für bis zu 80 Prozent weniger.

Es gibt auch Verlierer

Der große Haken an der Sache lässt sich aber nur schwer verdecken. Im Kapitalismus kann man selbst mit „Müll“ noch Geld machen. Für die Unternehmen, die diese Lebensmittel abgeben, rechnet sich das.

Daraus macht Sirplus auch keinen Hehl: „Während die Händler ihre überschüssigen Lebensmittel kostengünstig an uns abgeben, reduzieren sie Abfallkosten und stärken ihren Einsatz für nachhaltigen Umgang mit Ressourcen und ihre soziale Verantwortung.“ Man könnte meinen, dass alles auf eine Win-win-Situation hinausläuft – die beteiligten Unternehmen haben ebenso etwas davon wie diejenigen, die günstige Lebensmittel mit gutem Gewissen im Supermarkt erstehen können. Es wird aber wohl Verlierer geben: erstens die Tafeln, die Bedürftige mit Essen versorgen und zumindest mittelfristig mit den Supermärkten um die Spenden konkurrieren müssen, und zweitens Menschen, die containern gehen (müssen). Hier zeigt sich ein blinder Fleck im Konzept. Umweltschutz droht auf Kosten der Ärmsten der Gesellschaft zu gehen.

Ein weiterer Aspekt ist die Frage, ob das Konzept nicht in gewisser Hinsicht als Stütze des Bestehenden wirkt. Denn es benötigt ja auch jene wählerischen Kunden, die nur „makellose“ Produkte im normalen Supermarkt oder Biosupermarkt kaufen, damit es den Ausschuss überhaupt gibt – und diese normalen Kunden können sogar ebenfalls ein gutes Gewissen haben, wenn sie daran denken, dass die verschmähte Ware in einen weiteren Kreislauf kommt. Am grundlegenden Kaufverhalten dürfte sich jedenfalls nichts ändern.

Die Idee hat zudem den etwas faden Beigeschmack von grünem Kapitalismus – und das, obwohl Fellmer einen mehrjährigen „Geldstreik“ hinter sich hat. Sicherlich ist der Gewinn des Unternehmens noch überschaubar, aber mit der Expansion wird sich dies ändern – und der Konkurrenzdruck für andere Initiativen wird steigen.

Wer zahlt, steht weiter vorn

Sirplus erklärt hierzu zwar: „Für uns sind die Tafeln und Foodsharing Partner. Mit anderen Lebensmittelrettern arbeiten wir eng zusammen. Zudem spenden wir Lebensmittel an gemeinnützige Organisationen und soziale Projekte. Bei unseren Partnern hat die Tafel immer Vorrang. Wir holen das ab, was andere Organisationen aus verschiedenen Gründen nicht retten können.“ Inwieweit das aber in der Realität durchgehalten werden kann, ist fraglich.

Die Mitarbeiter der Berliner Tafel sind jedenfalls skeptisch und befürchten eine Bevorzugung von Sirplus bei den Lebensmittelketten, die mit beiden Institutionen kooperieren. Dem Rundfunksender RBB sagte Sabine Werth von der Tafel: „Dadurch, dass die zahlen, springen die Firmen lieber auf den neuen Zug auf. Weil sie dort schlicht und ergreifend mehr Geld bekommen.“

Vor diesem Hintergrund ist das Konzept zwiespältig und ich persönlich habe auch ein solches Gefühl, wenn ich einen Teil meiner Einkäufe dort erledige.

Maurice Schuhmann

Weitere Informationen:
www.sirplus.de
www.raphaelfellmer.de


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