Lieferdienste in der Kritik

Aus DER RABE RALF Dezember 2021/Januar 2022, Seite 3

Welche Kehrseiten sich hinter „schnell und preiswert“ verbergen

Bei Wind und Wetter unterwegs: Fahrradlieferdienste. (Foto: AP/​WAL 172619/​Pixabay)

Durch die Corona-Pandemie sind etliche Wirtschaftsbereiche in die Rezession gerutscht. Vor allem die Reise- und Veranstaltungsbranche sowie die Gastronomie waren betroffen. Während es in diesen Bereichen hohe Verluste gab,  entwickelten sich andere Geschäftsmodelle weiter. So zum Beispiel Lebensmittel- und Restaurantlieferdienste wie Lieferando, Gorillas oder Foodpanda, die inzwischen präsenter denn je sind.

Ansprechendes Konzept

Ob fertige Menüs, Getränke oder Waren aus dem Supermarkt – das Spektrum an Lieferangeboten ist groß. Besonders für ältere Menschen stellen Lieferando und Co ein praktisches Angebot dar. Die Geschäftsmodelle von Lebensmittellieferanten und Restaurantlieferdiensten sind ähnlich. Ganz bequem lässt sich eine riesige Auswahl an Produkten über Apps der Anbieter per Smartphone aufrufen. Nach wenigen Klicks ist das persönliche Menü zusammengestellt und wird vor die Haustür geliefert. Es gleicht dem klassischen Einkaufengehen – nur ohne gehen.

Meist nutzen jedoch jüngere Menschen das Angebot der Lieferketten. Bequemlichkeit ist einer der Hauptgründe dafür. Die Unternehmen duellieren sich mit ihren verlockenden Angeboten, werben mit starken Rabatten und anderen Vorteilen bei einer Bestellung. Laut der Verbrauchs- und Medienanalyse VuMA bestellen mehr als 16 Millionen Menschen in Deutschland im Monat ein- oder mehrmals Essen bei einem Lieferservice. Die Tendenz ist steigend.

Mit den Worten schnell, einfach und preiswert lässt sich das Konzept der Lieferdienste gut beschreiben. Da wissen die wenigsten, wie es um Produzenten, Arbeitende und die Umwelt steht …

Harte Vertragsbedingungen

Während in erster Linie die Lieferkonzerne einen Gewinn verzeichnen, können viele Mitwirkende nicht von dem Geschäftsmodell profitieren. Während Lebensmittellieferanten ihre Ware von größeren Konzernen beziehen, arbeiten Restaurantlieferdienste mit Gastronomen zusammen.

Bringdienste als „Retter in der Not“ – man könnte hinter dem Konzept eine gewinnbringende Wechselbeziehung zwischen Bringservice und Gastronomen vermuten. In der Realität ist die Lieferung jedoch mit hohen Provisionen verbunden: Bei einer Bestellung zahlt das Restaurant 30 Prozent, bei Selbstabholung 13 Prozent der Einnahmen an den Vermittler. Für einen Gastronomiebetrieb ist es schwer, Umsatzbeteiligungen in solcher Höhe zu ignorieren. Eine Preiserhöhung, die die Provisionen ausgleicht, könnte ein Ausweg sein. Dann drohen aber Kundenverluste und Einschränkungen durch die Lieferketten. In dieser Lage sparen einige Gastronomen an der Qualität der Zutaten – eine bedauerliche Entwicklung für die Kundschaft und das Produktionsteam.

Ein selbstorganisierter Lieferservice ist eine Alternative. Hier ist aber ein fester und großer Kundenstamm die Voraussetzung. Durch die Marktmacht der großen Anbieter wird das erschwert. Wenn ein Betrieb kein starkes Alleinstellungsmerkmal hat, ist er für die Klientel im Internet kaum auffindbar. Bezahlte Anzeigen sind die ersten Suchergebnisse, die vorgeschlagen werden, und die wenigsten klicken sich durch die weiteren Seiten.

Aus diesen Gründen sollten wir die Herkunft unseres Essens hinterfragen und ein Bewusstsein über den Zusammenhang zwischen Preis, Qualität und Aufwand entwickeln. Außerdem ist es wichtig, kleinere Betriebe zu unterstützen.

Arbeiten unter Druck

Auch die Ausliefernden klagen über ihre Arbeitsbedingungen. Zum einen stellen das kurzfristige Ausliefern und das Einhalten der digital berechneten Ankunftszeit eine Herausforderung dar. Je nach Schnelligkeit nimmt die Zufriedenheit der Kundschaft zu und damit das Trinkgeld. All das bedeutet für die eher junge Altersgruppe, die in dem Berufsfeld tätig ist, eine stressige Arbeitsatmosphäre, in der Aufwand und Entlohnung nicht im richtigen Verhältnis stehen.

Kritisiert wird auch die Bezahlung, die trotz der starken körperlichen Anstrengung nur knapp über dem Mindestlohn liegt. Bis vor Kurzem mussten viele der „Rider“ sogar die Ausrüstung selbst finanzieren.

Aber die Betroffenen haben sich inzwischen organisiert und üben Druck aus. So gründeten sich die Gorillas Riders als „Interessenvertretung für die Mitarbeiter von Gorillas Technologies“. Sie wollen etwas gegen „Missstände und schlechtes Management“ tun und fordern faire Arbeitsbedingungen in dem wachsenden Berufsfeld.

Auch die Aufmerksamkeit in Medien und Öffentlichkeit nimmt zu. Immer öfter liest und hört man von den Problemen der Branche. Zwar bestehen viele Unklarheiten weiter, wenn es um Arbeitsschutz, Sicherheit und persönliche Rechte geht, doch mittlerweile haben die Beschäftigten auch Erfolge zu verzeichnen.

Ein Meilenstein war die Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts in Erfurt. Es urteilte im November, dass ein Anspruch auf ein Fahrrad und ein Smartphone als Arbeitsmittel besteht. Ein wichtiger Schritt in Richtung einer annehmbaren Arbeitsatmosphäre.

Ökologischer als Einkaufen?

Wie der ökologische Fußabdruck der Lieferdienste im Vergleich zum Einzelhandel aussieht, ist schwer zu ermitteln. Viele kaum fassbare Faktoren – zum Beispiel das eigene Mobilitäts- und Einkaufsverhalten sowie die Umweltambitionen der Handelnden – spielen in der Bilanz eine Rolle. So lässt sich nicht pauschal sagen, ob Liefernlassen umweltfreundlicher ist, als selbst einzukaufen.

Einige Faktoren lassen sich jedoch bestimmen. Die Bringdienste betreiben in den Städten Verteilerzentren, deren Lagerkapazitäten kleiner als die der großen Supermärkte sind. Großhändler müssen die Stationen bei hoher Nachfrage mehrmals am Tag mit dem Auto beliefern, was mehr CO₂-Ausstoß verursacht. Außerdem müssen frische Lebensmittel kühl lagern. Deshalb kann nicht auf Trockeneis, Kühlpads und gekühlte Lagerorte verzichtet werden – je mehr jedoch gekühlt werden muss, desto höher ist der Energieverbrauch und desto schlechter fällt die Umweltbilanz aus.

Der Transport, meist per E-Bike, ist nachhaltiger als eine Autofahrt zum Supermarkt, doch muss auch ein Akku hin und wieder geladen werden. Könnten mehrere Bestellungen auf einer Fahrt ausgeliefert werden, würde das die Bilanz verbessern. Dass Lieferungen zusammengefasst werden, ist aber bei den kurzen Lieferzeiten eine Ausnahme.

Ein Nachteil ist der Verpackungsmüll. Die Waren müssen gut verpackt sein, damit sie nicht beschädigt werden. So landet ein Berg aus Styropor, Plastik und Packpapier nach dem Bestellen im Müll. Während beim Einkaufen eigene Beutel und im Restaurant Frischhaltedosen verwendet werden können, ist der Verpackungsmüll bei der Bestellung unvermeidlich.

In jedem Fall ist es wichtig, beim Einkaufen und Bestellen die eigenen Bedürfnisse zu reflektieren. Besonders in der Großstadt gibt es meist andere Möglichkeiten, nachhaltig und bewusst einzukaufen. Lieferservices können für viele eine große Unterstützung sein und den Alltag erleichtern. Trotzdem sollte man den Bezug zu den eigenen Lebensmitteln nicht verlieren und überlegen, in welchem Umfang man auf Bringdienste zurückgreift.

Kaya Thielemann

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