Max Hilzheimer am Köppchensee

Aus DER RABE RALF April/Mai 2021, Seite 3

Späte Ehrung für den in Berlin lange totgeschwiegenen Naturschutzpionier

Der zweieinhalb Tonnen schwere Migmatit kam in der letzten Eiszeit zu uns. (Foto: Nicolas Basse)

„Hoppla!“, dachte ich, als ich Anfang Dezember am Pankower Mauerweg von Ferne einen Riesenhaufen entdeckte. „Wieder eine Umweltschweinerei, wieder hat jemand Baumüll abgekippt.“ Mit dem Rad fuhr ich von der Blankenfelder Bahnhofstraße den Grenzweg hinab bis zum Köppchensee an der Stadtgrenze. Als ich näher kam, entpuppte sich der graue Haufen als ein Riesenfindling, der dort aufgestellt worden ist. Er trägt die Inschrift: „Max Hilzheimer 1877-1946, erster Naturschutzkommissar 1927-1936 der Berliner Stelle für Naturdenkmalpflege, Verfolgter des Naziregimes“.

Jahrzehntelang „vergessen“

Es freut mich riesig, dass endlich eine für Berlin so wichtige Persönlichkeit geehrt wird, auch wenn ich als jahrzehntelanger ehrenamtlicher Betreuer des Gebiets am Köppchensee leider nicht zur Installation des Steines eingeladen war, was durchaus schlechter Stil im Umgang mit Ehrenamtlichen ist. Die Steinmetzmeisterin Anne Schulz aus Biesenthal hat den Gedenkstein geschaffen.

Max Hilzheimer, in der Weimarer Republik ein hoch geachteter Naturschützer und international bekannter Zoologe, wurde nach seinem Tod aus unerfindlichen Gründen viele Jahrzehnte vergessen und verschwiegen (Rabe Ralf Februar 2005, S. 1). Stattdessen wurde an verdiente Berliner Umweltschützer noch bis 2006 ein „Dr.-Victor-Wendland-Ehrenring“ verliehen, obwohl der namensgebende Naturschutzfunktionär einst ein hoher NS-Beamter war, der nach dem Krieg nichts für Hilzheimers Rehabilitierung tat.

Naturschutz durch Naturverständnis

„Max Hilzheimer war mit seinem Verständnis von und seinem Engagement für den Naturschutz seiner Zeit weit voraus. Umweltbildung war für ihn der Schlüssel für erfolgreichen Naturschutz“, zitiert Christine Schmitt in der „Jüdischen Allgemeinen“ vom 21. Januar aus der Mitteilung des Berliner Senats anlässlich der späten Ehrung. Hilzheimer sei überzeugt gewesen, dass ein besseres Verständnis der Natur zu einem respektvolleren Umgang mit ihr führen werde.

So ist es durchaus folgerichtig, dass der Hilzheimer-Gedenkstein nun in einem Gebiet steht, in dem viele Spaziergänger und Naturbegeisterte unterwegs sind. Hilzheimer sei schon vor 90 Jahren dafür eingetreten, dass auch Stadtmenschen die Chance bekommen, sich für die Natur zu begeistern, sagte Michael Gödde, Leiter des Naturschutzreferats in der Stadtentwicklungsverwaltung, der „Jüdischen Allgemeinen“. Der Zeitung zufolge war es Gödde, der zusammen mit seinem Team den Stein ins Rollen gebracht hat.

Umweltbildung für alle statt nur Schutzgebiete

Als Reformpädagoge trug Hilzheimer auch selbst dazu bei, den Naturschutz in breite Bevölkerungskreise zu tragen. Er lehrte an der Volkshochschule und an Bildungseinrichtung der Gewerkschaften und bildete auch Forstmitarbeiter in Naturschutzfragen aus. Ebenfalls sehr modern war sein Ansatz, nicht nur Behördenvertreter und Wissenschaftler in die ehrenamtliche Naturschutzkommission zu berufen, sondern auch zivilgesellschaftliche Kräfte.

Hilzheimer legte aber auch die Grundlage für die Ausweisung vieler Schutzgebiete und Naturdenkmale in Berlin. Hervorheben möchte ich die Pfaueninsel, den großen Stein in Buchholz, den Faulen See in Weißensee und das Kalktuffgelände in Blankenfelde. Ab 1933 wurde der gebürtige deutsche Jude massiv schikaniert, verlor seine Lehrtätigkeit und 1936 seine Anstellung im Märkischen Museum. Naturschutz- und Wissenschaftlerkreise ließen ihn einfach fallen. Seine katholische Frau verhinderte mit großem Mut seine Deportation, indem sie sich nicht von ihm scheiden ließ. Hilzheimer starb am 10. Januar 1946 an seinem zweiten Schlaganfall.

Hilzheimersee statt Köppchensee

Schon vor etwa zehn Jahren schlug auf einem Naturschutztag des NABU eine Gruppe vor, den nach einem Herrn Koepchen benannten Köppchensee in Hilzheimersee umzubenennen. Koepchen war Pächter des Sees und vermutlich ein cleverer Kapitalist, der ab 1920 illegal Müll in den ehemaligen Torfstich kippen ließ, um – wie in den Akten zu lesen ist – „dieses nutzlose Stück Land einer vernünftigen Nutzung zuzuführen“. Jahrelang stritt sich Koepchen mit dem Berliner Magistrat wegen der illegalen Müllentsorgung, bis die Stadt um 1925 klein beigab und die wilde Deponie legalisierte. Bis 1963 wurden dort über 1,5 Millionen Kubikmeter Hausmüll entsorgt. Vielleicht war es eine Goldgrube für Herrn Koepchen. Die Umbenennung des Sees in einem Gebiet, das Hilzheimer bestimmt bekannt war und in dem nun der Stein für ihn steht, wäre doch eine wundervolle Ehrung.

Wolfgang Heger

Weitere Informationen und Literaturliste: Wikipedia – Max Hilzheimer

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