Mega-Skizentrum in den Waldkarpaten

Aus DER RABE RALF April/Mai 2018, Seite 16/17

In der Westukraine wehrt sich ein Bündnis gegen Naturzerstörung

Die Swydiwez ist Teil der Waldkarpaten im Südwesten der Ukraine. Die Bergkette – in anderen slawischen Sprachen Svidovec oder englisch Svydovets – liegt im Regierungsbezirk Transkarpatien, eingebettet zwischen die Flüsse Tereswa und Tschorna Tyssa (Schwarze Theiß). Ein Gedenkstein von 1887 weist hier den geografischen Mittelpunkt Europas aus. Höchster Punkt des Bergmassivs, das sich über insgesamt 450 Quadratkilometer erstreckt, ist mit 1883 Metern die Blysnyzja. Die naturbelassene Wildheit der Swydiwez, ihre vielfältige Flora und Fauna und ihre drei natürlichen Seen machen sie zu einer der schönsten Bergregionen der Karpaten.

Nun will ein ukrainischer Oligarch hier 60 Hotels und 33 Skilifte errichten. Betroffen davon wären außer der Natur des Bergmassivs auch vier Dörfer in Höhen zwischen 500 und 900 Metern. Da im Herzen der Swydiwez auch die Tschorna Tyssa – die Quelle der Theiß – entspringt, einer der wichtigsten Flüsse der Region, sind Nutzungskonflikte vorprogrammiert. Hinzu kommt, dass hier mit 1400 Millimetern pro Jahr die höchsten Niederschläge der Waldkarpaten verzeichnet werden und die gesamte Region als ökologisch hochsensibel gilt.

Rhododendronwiese im Swydiwez-Massiv. (Foto: Bonna Mistress CC-BY-SA 4.0)

Sogar eine Landebahn

Erstmals war 2016 vom Plan eines Skizentrums die Rede. Es soll noch größer und schicker werden als Bukovel, das derzeit bekannteste Ski-Resort der Ukraine. Der Gouverneur von Transkarpatien Hennadij Moskal nannte zu dem neuen Tourismuskomplex unglaubliche Zahlen: Neben den Hotels und Skiliften sind auch 120 Restaurants und 230 Kilometer Fahrwege geplant. Dazukommen sollen Einkaufszentren, Ärztehäuser, Fitnessstudios, Bankfilialen, mehrstöckige Parkhäuser und sogar eine 1.000 Meter lange Landebahn für kleinere Flugzeuge. Der gesamte Komplex soll Platz für bis zu 28.000 Touristen bieten. Die Namen der Investoren, die all das finanzieren, wollte Moskal nicht nennen.

Für die Einheimischen sollen 5.000 Arbeitsplätze entstehen. Der Traum, in der Nähe Arbeit zu finden, würde wahr. Denn hier in den Bergen gehen die Menschen seit Jahrhunderten oft weit entfernt auf Saison arbeiten.

Anfang 2017 hielt die Verwaltung der Landkreise Tjatschiw und Rachiw öffentliche Informationsveranstaltungen ab, um die Zustimmung der drei betroffenen Dörfer Jassinja, Tschorna Tyssa und Lopuchowo für den geplanten Tourismuskomplex zu erhalten. Nach Angaben von Wassyl Fabriziy aus Lopuchowo, einem Aktivisten gegen die Verbauung des Bergmassivs, gab es dabei jedoch schwere Unregelmäßigkeiten. „Wir haben von der Versammlung in Lopuchowo erst erfahren, als sie zu Ende war. Es gab zwar eine Ankündigung in der Zeitung, darin wurde aber nicht erwähnt, dass es um eine Abstimmung für oder gegen das Skizentrum gehen sollte. Nur 20 von der Verwaltung beeinflusste Dorfbewohner waren anwesend und haben für das Projekt gestimmt. Sie haben für das ganze Dorf entschieden“, beklagt sich der Unternehmer. Dabei hatten die Kreisverwaltungen nicht einmal einen offiziellen Plan für das Projekt vorgelegt, sondern nur eine Skizze.

Swydiwez im Winter. Ist es mit der Ruhe bald vorbei? (Foto: Jurij Bachmat CC-BY-SA 2.0)

Dorfbewohner wehren sich

Ein paar entschlossene Bewohner von Lopuchowo reichten daraufhin Anzeige beim Verwaltungsgericht ein. Wie 70 Prozent der Menschen in den Dörfern arbeiten sie im Wald, haben ein Sägewerk oder einen anderen Broterwerb in der Umgebung, der mit Holz in Verbindung steht. Schon seit 20 Jahren protestieren sie gegen die schlechte Bewirtschaftung der staatlichen Wälder und die allgegenwärtige Korruption. Besonders prangern sie die Kahlschläge an, für die ein angeblicher Schädlingsbefall geltend gemacht wird. Nach anfangs verhaltenen Reaktionen auf die Bitte um Unterstützung ihres Anliegens nahm sich schließlich eine Umweltrechtsstudentin der Sache an und mobilisierte mehrere Nichtregierungsorganisationen, darunter Environment–People–Law, Green Dossier und die Europäische Kooperative Longo maï.

Es dauerte nicht lange, und Zeitungen begannen über das Projekt zu schreiben und die Kehrseite der Medaille hervorzuheben. In mehreren Artikeln und in den sozialen Netzwerken wurde über die Fläche gestritten, die für einen solchen Tourismuskomplex abgeholzt werden müsste. Die beeindruckende Zahl von 140 Quadratkilometern, die zuerst offiziell verbreitet wurde, nahm der Gouverneur später zurück und behauptete, es handle sich um einen Tippfehler – es seien nur 14 Quadratkilometer. Die Aktivisten von Lopuchowo und die Umweltschützerinnen finden diese durchsichtige Rhetorik lächerlich. Sie diene nur dazu, die Köpfe zu verwirren. Es gebe gar keinen genauen Plan, wie die Tourismusstation aussehen solle. Aber auch wenn nur eine kleine Anlage genehmigt werden würde, eröffne das die Möglichkeit, die ganze Gegend zu zerstören.

Die Bewirtschaftung der Wälder ist eine sehr sensible Frage in der Region und in der gesamten Ukraine. Nach der Maidan-Revolution 2014 haben viele geglaubt, dass sich die Korruption und die exzessive Ausbeutung der Wälder verringern würden. Die Aktivistin Walera Pawljuk erinnert sich: „Schon 1998 und 2000 hatten wir schwere Überschwemmungen mit Schlammlawinen, die sich durch das Dorf wälzten und mehrere Häuser mitrissen. Es war klar, dass das eine Folge des Raubbaus an den Wäldern war. In den letzten Jahren ist es nur noch schlimmer geworden. So hat sich zum Beispiel der Holzeinschlag im Staatswald von Lopuchowo zwischen 2005 und 2016 verfünffacht – von 50.000 auf 240.000 Festmeter Holz. Die Situation ist einfach katastrophal und hoffnungslos geworden.“

Immer mehr Kahlschläge verstärken die Erosion. Weil häufig gleich an den Forststraßen eingeschlagen wird, kommt es dort zu Auswaschungen und Erdrutschen.

Immer noch harmlos verglichen mit dem neuen Projekt: Das Ski-Resort Bukovel. (Foto: Frank Treak CC-BY-SA 3.0)

Gewohnheitsrecht und Großeinschlag

Etwa 16 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets sind bewaldet, ein Gebiet von der Fläche Bayerns und Baden-Württembergs zusammengenommen. Die ukrainischen Karpaten sind zu einem Drittel mit Wald bedeckt – hauptsächlich mit Kiefern, Tannen, Buchen und Eichen. Bis auf wenige Gemeinde- und Privatwälder sind alle Wälder Staatseigentum. Die staatlichen Wälder sind zum Großteil Wirtschaftswälder und benötigen intensive Pflege. Die Bäume sind im Schnitt nur 55 Jahre alt. Ältere Wälder und Urwälder in entlegenen Berggebieten sind einigermaßen geschützt, weil Forstunternehmen dort nur schwer Zugang haben oder es sich um Naturschutzgebiete handelt.

Illegale Abholzung hat viele Gesichter, aber man muss unterscheiden zwischen dem Gewohnheitsrecht der oft von Armut und Arbeitslosigkeit betroffenen Dorfbevölkerung, deren Eigenbedarf nicht ins Gewicht fällt, und dem im großen Maßstab organisierten, von korrupten Vertretern der Staatsmacht gedeckten Holzeinschlag zur persönlichen Bereicherung. Letzterer wird so gut wie nie juristisch verfolgt, und wenn doch, steht am Ende selten eine Verurteilung.

Die kleine ukrainische Umweltorganisation Lissowa Warta (Waldwacht) will daran etwas ändern. Sie dokumentiert illegalen Holzeinschlag und verbreitet Berichte, Dokumentationen und Fotos in den sozialen Netzwerken. Leider hat das Anprangern der Zustände bisher überhaupt keine Konsequenzen. Die Medien berichten kaum noch darüber, so alltäglich sind die Vorfälle geworden.

Wenn hier nun auch noch eine touristische Infrastruktur entsteht, dann werden die geplanten exzessiven Eingriffe mit Sicherheit schädliche und möglicherweise zerstörerische Folgen haben, warnt Oksana Stankewitsch-Wolosjantschuk, eine bekannte ukrainische Biologin aus der Region. Bis jetzt kämen die fragilen Ökosysteme aus Seen, Sumpfgebieten und Feuchtwiesen gut mit der Schneeschmelze und dem Regenreichtum in der Region zurecht. „Dagegen würde die geplante Infrastruktur mit großen Baustellen den Wasserhaushalt empfindlich treffen und auch den Klimawandel, den wir hier schon spüren, beschleunigen.“ Die Ökologin rechnet mit Bodenerosion, Erdrutschen und katastrophalen Überschwemmungen. „Nicht die Gäste, sondern die Einheimischen werden die Leidtragenden sein.“

Schneekanonen am Bukovel – und bald auch in den Waldkarpaten? (Foto: Andrij Korystuwatsch CC-BY-SA 3.0)

Überraschende Wende vor Gericht

Am 10. Januar fand endlich der Prozess statt, den die Aktivisten von Lopuchowo gegen den geplanten Tourismuskomplex angestrengt hatten. Der Prozesstag selbst verlief ruhig: Die Projektgegner vom Bündnis „Free Svydovets“ waren zahlreich erschienen, von der anderen Seite hingegen tauchte niemand auf. Auch aus den Kreisverwaltungen von Tjatschiw und Rachiw ließ sich niemand blicken. Dagegen filmten mehrere Fernsehsender den Prozess. Die drei Richter gaben der klagenden Partei Recht und hoben die Dekrete der Präfektur auf.

Dieser Gerichtsentscheid ist für die Ukraine eine Sensation, denn im Normalfall ist die Justiz korrupt. Er kam wohl auch durch die starke Medienpräsenz und die Anwesenheit zahlreicher Sympathisanten im Gerichtssaal zustande. Sie feiern nun ihren Erfolg, wissen aber auch, dass der Kampf nicht zu Ende ist. Der Investor kann zum Beispiel einen neuen Antrag stellen, diesmal mit einem rechtsgültigen Plan. Allerdings hat sich nun einiges geändert.

Gleich nach dem Prozess gab es aufgrund der großen Medienpräsenz weitere Verstärkung: Der WWF Ukraine schließt sich dem Free-Svydovets-Komitee an, ebenso der Club für Wandertourismus. Im Februar fand eine Pressekonferenz in Kiew statt. Und eine junge Filmemacherin dreht eine Dokumentation über die Proteste.

Die Blyznycja ist mit 1881 Metern der höchste Gipfel der Swydiwez. (Foto: Sergij Krynyzja/​Haidamac CC-BY-SA 3.0)

Einschüchterung und Schikane

Außerdem hat sich der Investor endlich zu erkennen gegeben. Es handelt sich um Ihor Kolomojskyj, einen der reichsten Oligarchen des Landes, dem auch die Skistation Bukovel gehört. Dort gibt es inzwischen Probleme mit der Wasserversorgung, weshalb sich der Investor nun auf dem Swydiwez-Massiv ausbreiten will. Für das geplante Projekt wären täglich sechs Millionen Liter Wasser erforderlich.

Kolomojskyjs rechte Hand, Olexandr Schewtschenko, sitzt für die nationalliberale Partei Ukrop im Parlament, die zum Block von Präsident Petro Poroschenko gehört. Schewtschenko zeigte sich Ende letzten Jahres zum ersten Mal öffentlich mit dem Vizedirektor der ukrainischen Forstbehörde und den Forstamts-Chefs der Regierungsbezirke Transkarpatien und Iwano-Frankiwsk. Befürchtet wird eine Privatisierungswelle in den bisher meist staatlichen Wäldern. Allerdings ist unklar, wie die Umwidmung vor sich gehen soll.

Nach Angaben von Schewtschenko sollen für die Skistation 16 Brunnen gebohrt und eine Kläranlage mit einer Tageskapazität von zwölf Millionen Litern gebaut werden. Mit den Projektgegnern wolle er „eine Arbeitsgruppe bilden“, um Kompromisse zu finden und Missverständnisse zu vermeiden, erklärte er.

„Das können wir nicht ernst nehmen“, heißt es beim Aktionsbündnis. Denn die Wirklichkeit sieht anders aus: Mit massiven Repressalien wird versucht, die Mitglieder des Bündnisses zum Schweigen zu bringen. Bei einem der Aktivisten gab es eine äußerst merkwürdige Steuerprüfung, die eine Strafe von 10.000 Euro zur Folge hatte. Von Schikanen ist auch eine Journalistin betroffen, die ausführlich über das Bündnis berichtet hatte.

Unterstützung kommt dagegen vom Ökologie-Institut der Karpaten. Die Forscher veröffentlichten viele Argumente für den Schutz des Bergmassivs und verbreiteten sie über soziale Netzwerke. Sie erarbeiten Spezialkarten des Swydiwez-Massivs, die sie den Kritikern zur Verfügung stellen wollen. Zuwachs bekam das Bündnis auch von Wissenschaftlern der Taras-Schewtschenko-Universität Kiew. Sie betreiben auf dem Swydiwez-Massiv – genau dort, wo die Hotels gebaut werden sollen – eine Forschungsstation und schließen sich nun dem Bündnis an.

Swydiwez-Komitee/Rabe Ralf/mb/jp


„Bitte helft uns!“

Wir sind Aktivisten des Dorfes Lopuchowo, transkarpatische Umweltorganisationen aus Lviv (Lemberg) und Kiew, Juristinnen, Naturliebhaber und Mitglieder der Europäischen Kooperative Longo maï. Wir sind gegen eine Urbanisierung im Herzen der Swydiwez. Wozu braucht es eine Infrastruktur oben auf den Almen, wenn es in den Bergdörfern keine gibt?

Viele Menschen erklären in den sozialen Netzwerken ihre Unterstützung. Daraufhin hat sich der Gouverneur von Transkarpatien sogar herabgelassen, inoffiziell kundzutun, dass man den Aktivisten nicht glauben soll. Die Aktivisten erhalten auch regelmäßig Drohungen, damit sie sich aus der Auseinandersetzung zurückziehen.

Die Mobilisierung wächst, jeden Tag kommen neue Leute dazu, aber in den Dörfern bleiben wir in der Minderheit. Auch wenn einige mit unseren Forderungen einverstanden sind, haben sie Angst, den Mächtigen entgegenzutreten, oder stehen unter dem Einfluss ihres Arbeitgebers.

Wir fordern, die Befürwortung einer Baugenehmigung durch den von der Zentralregierung ernannten Präfekten aufzuheben, keine Umwidmung für das Gelände zu erteilen und stattdessen die Hochebene und die natürlichen Seen des Swydiwez-Massivs durch eine Vergrößerung des benachbarten Naturschutzgebiets zu sichern. Außerdem muss die Obergrenze für den Holzeinschlag gesenkt und die Kontrolle durch zivilgesellschaftliche Organisationen wie Lissowa Warta verstärkt werden.

Wir rufen die Zivilgesellschaft, nationale und internationale Organisationen in allen Ländern auf, unsere Aktion für die Erhaltung des Swydiwez-Bergmassivs zu unterstützen. Wir sind eine Minderheit in unserer Region, schließt euch uns an! Unsere Hoffnung ist, ein Netz zum Schutz der Wälder Europas schaffen.

Komitee zur Erhaltung des Bergmassivs Swydiwez (gekürzt)

Weitere Informationen:
E-Mail: free.svydovets@gmail.com
Tel . 00380 97 235 2916
www.facebook.com/freesvydovets


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