Der Mann, der Bäume pflanzte

Aus DER RABE RALF Oktober/November 2022, Seite 13

Der Forstwirtschaftler Micheil Murwanischwili rettete Georgiens Wälder

Micheil Murwanischwili (1875-1959). (Foto: unbekannt/​gemeinfrei)

Kennen Sie die Kurzgeschichte „Der Mann, der Bäume pflanzte“ von dem französischen Schriftsteller Jean Giono? Sie erzählt von dem langen, aber erfolgreichen Alleingang eines Schäfers, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein trostloses Tal in den provenzalischen Voralpen wieder aufforstet. Wie wäre es, wenn ich Ihnen von einer realen Person mit einer ähnlichen Geschichte etwa zur gleichen Zeit erzählen würde? Sie spielt allerdings in einem anderen Land.

Unser Held hieß Micheil Murwanischwili und lebte von 1875 bis 1959 in Georgien. Der studierte Forstwirtschaftler war stellvertretender Direktor eines der wichtigsten Forstämter in dem Land zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus. Wie überall, wo er hinkam, engagierte er sich für die Entwicklung der Gemeinde und für allgemeine Bildung, richtete den ersten Lesesaal ein.

Zu der Zeit gehörte Georgien zum russischen Zarenreich und unterlag dessen Gesetzen und Regeln. Als der russische Landwirtschaftsminister eine Verordnung erließ, nach der künftig jeder Wald abholzen und das Holz nach Gutdünken nutzen durfte, war für Murwanischwili klar, dass dies zur Zerstörung der georgischen Wälder führen würde. Mitte der 1890er Jahre veröffentlichte der junge Förster einen Artikel in der damals einflussreichen Zeitung „Iweria“, in dem er seine Unzufriedenheit mit dem neuen Gesetz zum Ausdruck brachte und vor den dramatischen Folgen warnte. Natürlich kam dies schnell den Behörden in Moskau zu Ohren. Die Folge war Murwanischwilis Absetzung. Für einige Jahre wurde er an einen entfernten Ort versetzt.

Waldschutz und Bildung

Ab 1910 leitete Murwanischwili acht Jahre lang das Forstamt in Zagweri. In der kleinen Stadt musste das Trinkwasser aus einem drei Meilen entfernten Ort geholt werden. Er entdeckte neue Wasserquellen und machte sie nutzbar. Auch einen Waldpark für Urlauber ließ er anlegen. Nach einem Waldbrand wurde unter seiner Aufsicht ein 450 Hektar großer Kiefernwald gepflanzt.

In Bordschomi – heute ein beliebter Urlaubsort – richtete Murwanischwili 1923 die erste mechanisierte Saatgut-Trocknungsanlage des Landes ein, das inzwischen Sowjetunion hieß. Er legte damit den Grundstein für eine moderne Forstwirtschaft. Die in Bordschomi gezüchteten Samen wurden auch in andere Regionen und Länder verschickt. Überall begannen Forstbetriebe neue Kiefernsorten zu züchten. Murwanischwili wurde nicht nur zu einem Pionier der Wiederaufforstung, er leistete auch viel für eine gute Aus- und Weiterbildung in der Forstwirtschaft und darüber hinaus.

Gegen Ende seiner Laufbahn kehrte Murwanischwili in seine Heimatstadt Surami zurück und war dort wiederum im Forstamt tätig. Er gründete eine Baumschule und ließ dann auf 130 Hektar eine spezielle Kiefernsorte anpflanzen. Heute ist das „Surami Resort“ ein beliebter Ort zur Stärkung von Atmungs- und Immunsystem.

Micheil Murwanischwili starb 1959. Seinem Wunsch entsprechend wurde er in Surami am Rande des von ihm gepflanzten Waldes beigesetzt. Dank des unermüdlichen Einsatzes dieses einzigartigen Menschen sind heute weite Teile Georgiens mit Wäldern bedeckt. Was sich fast wie ein Märchen anhört, kann kommenden Generationen als Vorbild dienen. Denn den Mann, der Bäume pflanzte, gab es wirklich.

Ana Barbakadse

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