Mit Gentechnik gegen die Evolution

Aus DER RABE RALF Dezember 2020/Januar 2021, Seite 12

Die Freisetzung gentechnisch veränderter „Gene Drive“-Organismen: Ein irreversibles Experiment mit unbestimmtem Ausgang

Malariamücke: Die Gates-Stiftung will mit „Gene Drives“ Malaria bekämpfen. (Foto: James Gathany/Centers for Disease Control and Prevention)

Schon wieder Gentechnik: Nachdem wir in der letzten Ausgabe den grünen Europaabgeordneten Martin Häusling zur „Genschere“ interviewten, geht es diesmal um sogenannte „Gene Drives“, eine Technologie, die wegen ihrer unvorhersehbaren Wirkungen das Potenzial hat, die Welt zu verändern. Gene-Drive-Insekten sind für ihre Befürworter ein großer Hoffnungsträger im Kampf gegen Malaria – Kritiker warnen dagegen vor verheerenden Auswirkungen für Mensch und Natur durch die geplante Freisetzung dieser gentechnisch veränderten Tiere. Bei den Verhandlungen zur UN-Konvention über biologische Vielfalt gehört diese neue Gentechnik-Methode zu den besonders kontrovers diskutierten Themen.

„Save Our Seeds“ ist eine Initiative der Zukunftsstiftung Landwirtschaft und setzt sich gemeinsam mit anderen Organisationen in der europaweiten „Stop Gene Drives“-Kampagne dafür ein, ein gesellschaftliches Bewusstsein für die Tragweite dieser Technologie zu schaffen und die Debatte aus exklusiven Wissenschaftskreisen in die Öffentlichkeit zu verlagern. Eine ihrer Forderungen an die Politik ist ein weltweites Moratorium auf die Freisetzung von Gene-Drive-Organismen, um unerwünschte Auswirkungen auf Umwelt, Gesundheit, Landwirtschaft oder sogar den Frieden zu vermeiden.

Der Rabe Ralf sprach mit Mareike Imken, Leiterin der Stop-Gene-Drives-Kampagne bei Save Our Seeds, über die notwendige Debatte sowie über mögliche Gefahren und die grundsätzliche Legitimität von Gene Drives.

Der Rabe Ralf: Frau Imken, ganz grundsätzlich: Was ist der Unterschied zwischen Gene Drives und den herkömmlichen Methoden der Gentechnik?

Mareike Imken: „Gene Drive“ bezeichnet eine neue Methode der Gentechnik, die eine schnelle Verbreitung einer gentechnisch veränderten Eigenschaft in der gesamten Population eines Tieres oder einer Pflanze zum Ziel hat. Dabei wird auch die „Genschere“ Crispr/Cas als gentechnisches Werkzeug eingesetzt – ein molekularbiologischer Mechanismus, der es ermöglicht, gezielt bestimmte Abschnitte der DNA zu entfernen, zu modifizieren oder neu einzufügen.

Der wohl größte Unterschied zwischen Gene Drives und herkömmlicher Gentechnik liegt darin, dass sowohl die gentechnische Veränderung als auch das gentechnische Werkzeug selbst über Generationen hinweg an alle Nachkommen des gentechnisch veränderten Organismus vererbt werden. Den natürlichen Vererbungsregeln zufolge werden gentechnische Veränderungen grundsätzlich mit einer fünfzigprozentigen Wahrscheinlichkeit an die Nachkommen weitergegeben. Bei Gene Drives hingegen wird die Eigenschaft an ausnahmslos alle Nachkommen und alle zukünftigen Generationen vererbt. Normalerweise gehen Eigenschaften, die für die jeweilige Art schädlich sind, durch natürliche Selektion im Laufe der Zeit verloren, doch auch dieser Evolutionsfaktor wird bei dieser neuen Methode außer Kraft gesetzt.

Müssen bei der Fortpflanzung dann beide Eltern-Organismen die gentechnische Veränderung in sich tragen oder reicht es schon aus, wenn nur Elternteil gentechnisch verändert wurde?

Ein Elternteil reicht bereits aus. Am Ende kommt es nur darauf an, dass alle gebildeten Keimzellen diesen gentechnischen Mechanismus in sich tragen. Das wird möglich, weil sich Crispr/Cas während der Keimzellentwicklung selbstständig in bestimmte – noch gentechnisch unveränderte – Zielsequenzen der Keimzellen hineinkopiert.

Welche Chancen ergeben sich aus dieser Art der gentechnischen Manipulation, oder anders gefragt, was erhoffen sich die Investoren von dieser Methode?

Die EntwicklerInnen dieser Methode erhoffen sich, durch einen scheinbar kleinen Eingriff in das Genom einer Art große Weltprobleme lösen zu können, wozu auch die Infektionskrankheit Malaria zählt.

Zudem versprechen sie sich, auf diese Weise eingeschleppte, zumeist invasiv gewordene Arten an der Ausbreitung hindern zu können und so die Zerstörung lokaler Ökosysteme aufzuhalten. Da eine solche gentechnische Dezimierungsstrategie scheinbar eine Lösung für verschiedenste ökologische Probleme bietet, wird das Thema Gene Drives auch im Naturschutz kontrovers diskutiert.

Darüber hinaus zeigen auch landwirtschaftliche Verbände großes Interesse an dieser Methode, in der Hoffnung, dass man mit ihrer Hilfe sogenannte Agrarschädlinge bekämpfen könnte. Neben den ökologischen Konsequenzen, die eine noch effizientere Ausrottung von Insekten angesichts des heute schon verheerenden Insektensterbens bedeuten würde, muss auch die Unvereinbarkeit von Ökolandbau und konventioneller Landwirtschaft betont werden. Denn Gene-Drive-Organismen gefährden durch ihre unkontrollierbare räumliche Ausbreitung und durch ihr zeitliches Überdauern in den Populationen die Koexistenz verschiedener Formen der Landwirtschaft und würden die industrielle Landwirtschaft so in gewisser Art und Weise zementieren.

Grundsätzlich muss es vor allem darum gehen, aus einer ganzheitlichen Perspektive heraus abzuwägen, ob der Einsatz von Gene Drive Organismen der Komplexität der Probleme gerecht wird und in welchem Verhältnis der mögliche Gewinn zu den damit einhergehenden Risiken steht.

Welche Gefahren gehen von diesen Gene-Drive-Organismen für Natur und Umwelt aus und wie könnten sich diese wiederum auf den Menschen auswirken?

Die größte Gefahr, die von Gene-Drive-Organismen ausgeht, ist die Veränderung und Destabilisierung von Ökosystemen und Nahrungsnetzen mit wahrscheinlich negativen Konsequenzen für die menschliche Ernährungssicherung. Beispielsweise kann mithilfe von Gene Drives das Erbgut von Mäusen, Mücken oder Fruchtfliegen derart verändert werden, dass nur noch männliche oder sterile weibliche Nachkommen zur Welt kommen. Auf diese Weise kann eine Population oder Art dezimiert oder sogar ausgerottet werden.

Theoretisch bestünde auch die Möglichkeit, durch Modifikation bestimmter Gensequenzen bei Mücken die Übertragung von Malaria zu verhindern, was zunächst ein wissenschaftlicher Erfolg zu sein scheint. Allerdings wurde festgestellt, dass die „Genschere“ nicht annähernd so präzise oder vorhersehbar arbeitet wie zunächst angenommen, sodass auch Resistenzen gegen den Gene Drive oder – was weitaus schlimmer wäre – unvorhersehbare Eigenschaften entstehen könnten.

Die Freisetzung von Gene-Drive-Organismen wäre ein irreversibles Experiment mit unbestimmtem Ausgang, denn die Organismen können aus der Natur nicht einfach wieder entfernt werden. Sie können sich überall dort ausbreiten, wo sie lebensfähig sind, auch über Ländergrenzen hinweg. Neben den gravierenden ökologischen Auswirkungen der weltweiten Ausrottung einer Art dürfen auch mögliche gesundheitliche, soziale und ökonomische Konsequenzen und politische Konflikte nicht außer Acht gelassen werden.

Im Grunde steht die Wissenschaft bei der Erforschung der Risiken und Folgen der Gene-Drive-Technologie noch ganz am Anfang. Leitlinien für eine Umweltrisikobewertung werden gerade erst entwickelt. Die räumliche Ausbreitung der gentechnisch veränderten Organismen in den verschiedensten Ökosystemen und über Grenzen hinweg und ihre weitere Entwicklung über Generationen und Jahre verlaufen letztendlich so komplex, dass die Konsequenzen heute noch gar nicht absehbar sind – wenn sie das überhaupt je sein werden.

Was passiert, wenn eine Gene-Drive-Mücke, die nur männliche Nachkommen zeugen kann, beispielsweise eine Kuh sticht? Könnte sich diese Genmanipulation dann auch auf die Kuh übertragen?

Es gibt zwar ein solches Phänomen, das sich „horizontaler Gentransfer“ nennt, die Wahrscheinlichkeit dafür ist aber sehr, sehr gering. Die viel größere Gefahr ist, dass eine Fortpflanzung zwischen verschiedenen, meist nah verwandten Arten stattfindet und sich der Gene Drive auf diese Weise auch auf Arten überträgt, die ursprünglich gar nicht Ziel der Genveränderung waren.

Mareike Imken, Leiterin der „Stop Gene Drives“-Kampagne (Foto: Sandra Thiedeke)

Im Raum steht auch noch die Frage nach der ethischen Vertretbarkeit und der Legitimität eines derart gravierenden Eingriffs in die Natur.

Genau das ist die Frage, die in erster Linie gestellt werden muss. Aus diesem Grund gibt es auch die europäische „Stop Gene Drives“-Kampagne, die sich zum Ziel gesetzt hat, eine solche Debatte in Politik und Gesellschaft anzustoßen. Dabei ist es nicht damit getan, die Risiken zu bewerten, es muss auch über die Konsequenzen, über Kosten und Nutzen der Technologie und über mögliche Alternativen diskutiert werden. Es braucht einen Austausch zwischen der Wissenschaft und Menschen unterschiedlicher Kulturen und Wertegemeinschaften.

Und all das muss passieren, bevor vielleicht schon im Jahr 2024 die ersten Freisetzungen von Gene Drives in Burkina Faso stattfinden sollen. Dagegen regt sich auch in Afrika Widerstand und ich denke, dass es Teil unserer Verantwortung ist, darauf aufmerksam zu machen. Gleichzeitig stellt sich auch die Frage, wer über die Freisetzung der Organismen entscheiden darf: die wissenschaftlichen Institutionen, die Geldgeber und die Regierungen der Länder – oder sollte es wegen der globalen Konsequenzen nicht doch besser einen Weltkonsens geben? Auch an dieser Stelle fehlt eine Debatte.

In der neuen deutschen Gentechnik-Sicherheitsverordnung vom Juni 2019 gilt für die Gene-Drive-Forschung im Labor die Sicherheitsstufe 3 von 4, in Einzelfällen können genmanipulierte Organismen sogar in die Sicherheitsstufe 2 heruntergestuft werden. Halten Sie diese Risikobewertung für angemessen?

„Save Our Seeds“ hatte sich in einem Bündnis mit anderen Agrar- und Umweltorganisationen im Vorfeld für eine Einordnung in die Sicherheitsstufe 4 eingesetzt. Dank unseres Drucks wurde der ursprüngliche Vorschlag der Bundesregierung, Gene-Drive-Organismen grundsätzlich nur in Sicherheitsstufe 2 einzuordnen, etwas verschärft und es ist letztendlich Sicherheitsstufe 3 geworden, was zumindest ein kleiner Erfolg ist.

Das Problem ist allerdings, dass weiterhin die Möglichkeit einer Einordnung in Sicherheitsstufe 2 besteht, wenn die „Zentrale Kommission für die Biologische Sicherheit“ dies in Absprache mit den Bundesländern so entscheidet. Diese Einordnung bedeutet „geringes Risiko für die Umwelt“ und geht mit sehr niedrigen Sicherheitsstandards für die Forschung einher.

Auch die Tatsache, dass die Stelle für den Naturschutz in dieser vom Landwirtschaftsministerium berufenen Fachkommission seit Jahren nicht besetzt ist, finde ich in dem Zusammenhang äußerst fragwürdig. Die Stelle muss unbedingt besetzt werden, damit eine fachgerechte Risikobewertung von Laborversuchen mit Gene-Drive-Organismen stattfinden kann.

Sinnvoll wäre darüber hinaus, ein frei zugängliches Register mit allen Standorten der laufenden Gene-Drive-Forschung anzulegen. Das würde mehr Transparenz schaffen und den aktuellen Forschungsstand auch für die Öffentlichkeit zugänglich machen.

Mehr als 200 Organisationen weltweit, darunter „Save Our Seeds“, fordern ein internationales Moratorium auf Freisetzung, Import und kommerziellen Handel von Gene-Drive-Organismen. Im Rahmen der UN-Konvention über biologische Vielfalt wird seit einiger Zeit versucht, internationale Regelungen festzulegen. Welche Konfliktparteien und Interessen treffen bei diesen Verhandlungen aufeinander und welche Bedeutung hat die Freisetzung der Organismen überhaupt im globalen Zusammenhang?

Über Gene Drives wird seit einigen Jahren im Rahmen der UN-Biodiversitätskonvention sehr kontrovers diskutiert. Dort treffen beispielsweise die Interessen von Ländern mit einer starken Biotechnologiebranche wie Kanada oder Brasilien auf die EU-Staaten, die einen strengen Vorsorge-Grundsatz verteidigen und der Gentechnik größtenteils eher kritisch gegenüberstehen.

Nach der letzten Vertragsstaatenkonferenz zu diesem Thema in Ägypten stellte sich heraus, dass die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung im Voraus eine PR-Firma finanziert hatte, die den Entscheidungsfindungsprozess innerhalb der Arbeitsgruppen zur Vorbereitung der Biodiversitätskonvention beeinflussen sollte. Dabei wurden gezielt diverse Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler rekrutiert, die sich dann in Online-Arbeitsgruppen beteiligt haben, um mögliche Risiken gezielt herunterzuspielen.

Vielleicht war das auch einer der Gründe, warum es bei der letzten Vertragsstaatenkonferenz nicht möglich war, sich auf ein Moratorium für die Freisetzung von Gene-Drive-Organismen zu einigen. Stattdessen wurden in Ägypten Vorsorgebedingungen für die Freisetzung von Gene-Drive-Organismen beschlossen – was auf jeden Fall ein wichtiger erster Schritt ist, aber noch lange nicht ausreicht, um negative Folgen auszuschließen. Die Stop-Gene-Drives-Kampagne fordert deshalb, dass diese Bedingungen bei der nächsten Vertragsstaatenkonferenz in China weiter verschärft werden, damit solche Freisetzungsversuche gar nicht erst stattfinden dürfen, solange mögliche negative Folgen nicht ausgeschlossen werden können.

Wenn ich das richtig verstanden habe, agiert die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung also als einer der Hauptbefürworter und -geldgeber. Welches Interesse hat die Stiftung denn an Gene Drives?

Die Stiftung setzt sich auf internationaler Ebene unter anderem sehr stark für die Bekämpfung von Malaria ein. Die bisher bekannten und angewandten Maßnahmen stoßen ihrer Aussage nach langsam an ihre Grenzen, und so hat sich die Gates-Stiftung der Entwicklung neuer Technologien verschrieben. Grundsätzlich steht die Stiftung der Gentechnik positiv gegenüber, weshalb sie auch das Forschungskonsortium „Target Malaria“ finanziert, das neben der Darpa, einer Forschungsbehörde des Verteidigungsministeriums der USA, der zweitgrößte Geldgeber in der weiteren Forschung ist.

So, wie die Gates-Stiftung das Potenzial von Gene Drives darstellt, befürchte ich, dass der Eindruck entsteht, damit sei nun eine Wunderwaffe gegen Malaria gefunden, ohne die gesundheitlichen, gesellschaftlichen und sozialen Lebensbedingungen der Menschen verbessern zu müssen. Gerade in Zeiten von Corona wird aber deutlich, wie wichtig ein funktionierendes Gesundheitssystem und gute sanitäre Bedingungen für die Prävention von Krankheiten sind. Gene Drives sind eine technische Innovation, die womöglich bei der Bekämpfung von Malaria helfen könnte, die aber die grundlegenden Ursachen für die Ausbreitung von Krankheiten außer Acht lässt. Damit wird ein hohes ökologisches und gesellschaftliches Risiko eingegangen – das könnte fatale Konsequenzen haben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Lenja Vogt

Weitere Informationen:
www.stop-genedrives.eu
Tel. (030) 28482326


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