Mutig gegen Atomprojekte

Aus DER RABE RALF Oktober/November 2020, Seite 20

Der „Nuclear-Free Future Award“ zeichnet Engagement für eine unverstrahlte Zukunft aus

Der Journalist Fjodor Marjasow und der Jurist Andrej Talewlin aus Russland
(Foto: Nuclear Free Future Foundation)

Der Nuclear-Free Future Award ehrt seit 1998 Menschen auf der ganzen Welt, die sich für das Ende des Atomzeitalters engagieren und Wege aufzeigen, um sowohl die militärische als auch die zivile Nutzung der Kernenergie zu beenden.

Der Preis wird von der in München ansässigen Nuclear Free Future Foundation vergeben und finanziert sich aus Spenden. Eine international besetzte Jury mit Mitgliedern aus Aktivismus und Wissenschaft wählte in den drei Kategorien „Widerstand“, „Aufklärung“ und „Lösungen“ – dotiert mit jeweils 5000 US-Dollar – die Preisträgerinnen und Preisträger 2020:

Widerstand: Fjodor Marjasow und Andrej Talewlin, Russland

Sich in Russland offen gegen den Staat und den Staatskonzern Rosatom zu stellen, der im Land sämtliche Aktivitäten in Sachen Atomkraft koordiniert, bedarf großen Muts. Fjodor Marjasow und Andrej Talewlin gehören zu denen, die sich das trauen.

Der Journalist Fjodor Marjasow veröffentlichte über hundert investigative Beiträge zur atomaren Wirklichkeit in Russland und machte die Geheimpläne des staatlichen Atomkonzerns Rosatom publik, ein unterirdisches Endlager für Atommüll in Shelesnogorsk bauen zu wollen, einer geschlossenen Atomstadt in Sibirien. 2013 versuchte er mit einer von 146.000 Menschen unterschriebenen Petition den Plan zu verhindern. Sein Dokumentarfilm „Wir schaufeln unser eigenes Grab“ – legt die fragwürdigen Geschäftspraktiken von Rosatom offen. Die Folge: Der Inlandsgeheimdienst FSB setzt ihn unter Druck, durchsucht seine Wohnung und beschlagnahmt seinen Computer, und der russische Staat ermittelt gegen ihn wegen „Extremismus“.

Andrej Talewlin ist außerordentlicher Professor für Umweltrecht und Atomrecht an der Universität Tscheljabinsk. Er vertrat mehrfach russische Nichtregierungsorganisationen vor Gericht. 2002 widerrief das Oberste Gericht des Landes auf seine Initiative die Einfuhrgenehmigung für 370 Tonnen Atommüll aus dem ungarischen Atomkraftwerk Paks. Nach einer von ihm mitinitiierten internationalen Kampagne gab die deutsche Bundesregierung 2010 den Plan auf, bestrahlten Kernbrennstoff aus einem Forschungsreaktor in die Wiederaufbereitungsanlage Majak zu schicken. Dieses Jahr war er einer der Initiatoren eines offenen Briefes an Kanzlerin Merkel und Präsident Putin: 47 Organisationen aus Russland, Deutschland und den Niederlanden fordern darin, den Export von abgereichertem Uran aus der Urenco-Urananreicherungsanlage im Münsterland in die geschlossenen Atomstädte Russlands zu stoppen. Die russische Staatsmacht hat den streitbaren Juristen bereits 2015 als „ausländischen Agenten“ eingestuft.

Aufklärung: Felice und Jack Cohen-Joppa, USA

Es gibt Menschen, die alles riskieren, um gegen Kernkraft und Atomwaffen zu protestieren. Viele werden dafür vor Gericht gestellt und ins Gefängnis geworfen. Und dann gibt es Menschen, die solche Atom-Gegner unterstützen. Zwei, die das seit Jahrzehnten tun, sind Felice und Jack Cohen-Joppa.

Seit 1982 berichten die beiden mit ihrer Verlags- und Wohltätigkeitsorganisation „The Nuclear Resister“ (Der atomare Widerständler) umfassend über Verhaftungen wegen zivilen Ungehorsams gegen die Atomkraft in den Vereinigten Staaten.

Die beiden kennen aber auch die andere Seite, weil sie selbst in den 1970er Jahren in der US-amerikanischen Anti-Atomkraft-Bewegung aktiv waren. Jack Joppa wurde bei Protesten verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Dort gründete er das „National No Nukes Prison Support Collective“, den Vorläufer von „The Nuclear Resister“. Bis heute haben Felice und Jack Cohen-Joppa mehr als 100.000 Anti-Atom- und Anti-Kriegswaffen-Aktionen dokumentiert.

Lösungen: Ray Acheson, Kanada

Ray Acheson gilt als Stimme der jungen Generation in der internationalen Anti-Atom-Politik. Seit 2005 beschäftigt sie sich mit zwischenstaatlichen Abrüstungsprozessen und setzt sich dabei aus einer antimilitaristisch-feministischen Perspektive für eine Reihe von Abrüstungs- und Rüstungskontrollvorhaben ein. Ein Schwerpunkt ihres Engagements und ihrer Forschung liegt auf Kriegsökonomie und den patriarchalischen und rassistischen Strukturen von Krieg und bewaffneter Gewalt. Als Direktorin von Reaching Critical Will (RCW), dem Abrüstungsprogramm der ältesten Frauen-Friedensorganisation der Welt, der Women’s International League for Peace and Freedom, bringt sie zivilgesellschaftliche Organisationen zusammen. Ray Acheson ist Mitglied mehrerer Lenkungsgruppen bedeutender Bündnisse, darunter die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN).

Eines der aussagekräftigsten Ergebnisse ist ihr Mitwirken am Atomwaffenverbotsvertrag, der die humanitären und physischen Auswirkungen von Nuklearwaffen speziell in Bezug auf Frauen und Mädchen hervorhebt.

Deb Haaland, indianische Abgeordnete im US-Kongress
(Foto: Michael S. Anaya-Gorman/debforcongress.com)

Ehrenpreis: Deb Haaland, USA

Deb Haaland wurde 2018 als eine der ersten indianischen Abgeordneten in den US-Kongress gewählt. Ob Klima oder Covid-19, ob soziale Ausbeutung oder die Verkleinerung des Nationalparks Bears Ears in Utah – die Stimme der Demokratin Deb Haaland ist in Washington gut zu hören. Derzeit gehört sie zu denen, die für eine Erweiterung des Strahlenopferentschädigungsgesetzes von 2019 streiten: Die finanzielle Wiedergutmachung soll auch Uranbergleute nach 1971 einbeziehen, ebenso die „Trinity Downwinders“. Trinity war 1945 der erste Atomtest der Welt – im Land der Mescalero-Apachen. Bis heute warten die Nachkommen der damals durch Strahlung geschädigten Menschen auf Wiedergutmachung.

Horst Hamm

Weitere Informationen:

www.nuclear-free.com

Tel. 089 / 28659714


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