Nachhaltigkeit à la Cubano

Aus DER RABE RALF Oktober/November 2017, Seite 19

Was woanders als unmöglich gilt, hat in Kuba funktioniert

Angesichts der weltweiten, an vielen Orten immer stärker spürbaren Krisenphänomene wird das Überleben unserer Gesellschaften davon abhängen, rechtzeitig umzusteuern und mit passenden Aktivitäten eine Transformation zur Nachhaltigkeit voranzubringen. Die dringliche Überlebensfrage lautet dabei: Erfolgt die Transformation „by design“ oder „by disaster“, also durch bewusste Gestaltung oder durch Katastrophen?

Die Geschichte zeigt, dass viele frühere Hochkulturen durch Ignoranz und Arroganz die ersten Anzeichen für Umweltkrisen verschlafen haben – bis es zu spät war. Aufgrund der weltweiten Ausmaße heutiger Krisen (zum Beispiel des Klimawandels) wäre ein Verschlafen oder Aufschieben von Maßnahmen aber lebensgefährlich und würde uns teuer zu stehen kommen. Umso wichtiger sind positive und inspirierende Beispiele auf allen Ebenen, denn sie zeigen die Machbarkeit des Wandels und geben Beispiele für das „Wie“. Und so gibt es vor allem auf lokaler Ebene weltweit interessante, inspirierende Beispiele guter Praxis für eine nachhaltige Entwicklung. Eines der wenigen Beispiele guter Gestaltung auf staatlicher Ebene bietet – für manche sicher überraschend – Kuba.

Wie zahlreiche andere Länder steht Kuba vor komplizierten Herausforderungen vor allem in der Wirtschaft und bei der Versorgung der Bevölkerung. Hinzu kommt, dass der karibische Inselstaat vom Klimawandel besonders stark betroffen ist, zum Beispiel durch ausbleibenden Regen, durch zerstörerische Wirbelstürme, durch den Anstieg des Meeresspiegels und die Versalzung des küstennahen Grundwassers.


Solarpaneele eines Projekts des Berliner Vereins KarEn e.V. in Kuba. (Foto: KarEn e.V.)

Nachhaltigkeit in der Verfassung

Die kubanische Regierung hat die Bedeutung von Umweltschutz und nachhaltiger Entwicklung schon sehr früh erkannt, das zeigen Biografien aus den 1960er Jahren. Im Kontext des UN-Gipfels für Umwelt und Entwicklung 1992, des „Erdgipfels von Rio“, wurde dies sogar in der Verfassung verankert – was etwa in Deutschland bis heute versäumt wurde.

In der kubanischen Verfassung heißt es: „Der Staat schützt die Umwelt und die natürlichen Ressourcen des Landes. Er erkennt ihre enge Verbindung zur nachhaltigen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung an, die das menschliche Leben wertvoller macht und das Überleben, Wohlbefinden sowie die Sicherheit der gegenwärtigen und zukünftigen Generationen sichert. Die Anwendung dieser Politik obliegt den zuständigen Organen. Es ist die Pflicht eines jeden Bürgers, zum Schutz der Gewässer, der Atmosphäre, dem Erhalt des Bodens, der Flora, Fauna und des gesamten Reichtums der Natur beizutragen.“

Das Leitbild der Nachhaltigkeit ist seither in viele Bereiche der Politik und der Gesellschaft integriert worden. Besonders hervorzuheben sind die Nachhaltigkeitsvorgaben für die jeweilige Politik der einzelnen Ministerien. Allerdings folgt daraus nicht, dass alle Vorgaben eingehalten und alle Ziele erreicht werden. Auch in Kuba gibt es die Kluft zwischen Soll und Ist. Dennoch sind in vielen Bereichen wie zum Beispiel Energie, Bildung, Landwirtschaft und Tourismus deutliche Erfolge festzustellen.

„Energierevolution“

Genug Energie zu haben, war in Kuba nach dem Ende des „Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ der sozialistischen Staaten ein großes Problem, denn dadurch fielen in den 1990er Jahren auf einen Schlag 85 Prozent des Außenhandels weg, das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte um ein Drittel. Damit begann die „Spezialperiode“, die den Menschen viele Einschränkungen abverlangte, unter anderem wegen des Rückgangs der Ölimporte. Die bedrohliche Lage veranlasste die kubanische Regierung, sich auf eigene Stärken zu besinnen, zumal gleichzeitig die US-Sanktionen gegen Kuba, mit denen das seit 1961 bestehende sozialistische Gesellschaftssystem destabilisiert werden sollte, noch einmal verschärft wurden.

Im Bereich der Energieerzeugung und -nutzung dachte Kuba um. Es wurde mit alternativen Energiequellen experimentiert, zum Beispiel mit Biomasse aus Zuckerrohrrückständen, Wind- und Sonnenenergie. Nach mehreren Hurrikanen und dem sich verschlimmernden Klimawandel beschloss die kubanische Regierung, das Energiesystem umzubauen. 2005 wurde das Modernisierungsprogramm „Revolutión Energetíca“ konzipiert. Dazu sagte Staatspräsident Fidel Castro: „Wir warten nicht, bis Treibstoffe vom Himmel fallen, denn wir haben zum Glück etwas sehr viel Wichtigeres entdeckt: Energieeinsparung – was so viel wert ist, wie große neue Ölvorkommen zu entdecken.“

Zu dem Maßnahmenbündel, das schrittweise in die Tat umgesetzt wurde, gehörte auch der flächendeckende Austausch von „Energiefressern“ in den Haushalten. So wurden über neun Millionen Glühlampen durch Energiesparlampen ersetzt – meist kostenlos durch SozialarbeiterInnen. Dasselbe geschah mit anderen Haushaltsgeräten wie Ventilatoren, Elektrokochern, Dampfdrucktöpfen und Kühlschränken. Für letztere gab es günstige Kredite.

Weitere Bausteine auf dem Weg der Energiewende waren die Verstärkung des Stromnetzes, um die Netzverluste zu reduzieren, der Neubau von Kraftwerken in verschiedenen Regionen und die Dezentralisierung der Stromerzeugung, der Ausbau von regenerativen Energien sowie die Anhebung der Stromtarife für Haushalte mit hohem Verbrauch.

Zukunftsfähiges Kuba?

Die Energiewende in Kuba zeigt, dass Energiesparen die kostengünstigste gesellschaftliche Lösung sein kann: Ein Vergleich der Investitionskosten mit den eingesparten Stromkosten für die drei Bereiche Beleuchtung, Belüftung und Kühlung ergab für die Maßnahmen im Rahmen der „Energierevolution“ ein Kosten-Nutzen-Verhältnis von etwa 1:10. Der volkswirtschaftliche Nutzen war also rund zehnmal so hoch wie die Kosten. Einkommensschwache Haushalte erhielten sehr günstige Darlehen für den Kauf energiesparender Geräte. Sparanreize wurden durch progressive Tarife und durch Subventionsabbau geschaffen. All das wurde durch eine kontinuierliche Bildungs- und Werbekampagne flankiert – mit TV- und Radiosendungen, Zeitungsberichten, Stadtteildiskussionen, Festivals an Schulen und Universitäten.

Kubas Energie- und Nachhaltigkeitspolitik hat Maßnahmen entwickelt und realisiert, mit denen erstaunliche Ergebnisse erzielt wurden. Gerade im Vergleich mit Nachbarländern sind die Erfolge enorm. Auch die weitere Entwicklung Kubas orientiert sich am Leitbild der Nachhaltigkeit, wie aktuelle Strategiedokumente zeigen. Das alles ist wohl auch möglich, weil Kuba ein „konzernfreies Land“ ist, in dem Sonder- und Profitinteressen geringe Durchsetzungschancen haben. Auch weil Kuba bislang nur ein niedriges Produktionsniveau hat, sind Verbrauch und Emissionen noch gering. Angesichts der wachsenden westlichen Einflüsse, darunter aus den USA, besteht die Herausforderung darin, den „American Way of Life“ nicht einsickern zu lassen.

Edgar Göll

Literaturtipp: Dieter Seifried, „Energierevolution in Kuba“, 36 Seiten, Ö-quadrat, Freiburg 2013, www.oe2.de (Referenzprojekte)


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