Natur des Jahres

Du bist ja toll!

Aus DER RABE RALF Juni/Juli 2020, Seite 9 (oben)

Die Schwarze Tollkirsche ist Giftpflanze des Jahres 2020

Blüten und Früchte der Tollkirsche. (Foto: S. Hermann und F. Richter/Pixabay)

Im Jahr 2004 hat der Botanische Sondergarten Wandsbek in Hamburg erstmals dazu aufgerufen, sich an der Wahl der „Giftpflanze des Jahres“ zu beteiligen. Privatpersonen haben mit ihrer Abstimmung einen Einfluss darauf, welche Pflanze den Titel verliehen bekommt. Anders als bei den Wahlen für Pflanzen, Tiere oder Lebensräume der „Natur des Jahres“ geht bei dieser Aktion nicht darum, auf existenzbedrohte Arten hinzuweisen. Mit der Kür der „Giftpflanze des Jahres“ soll eine aktive Auseinandersetzung mit dem Thema Giftpflanzen angeregt werden. Denn Pflanzen mit giftiger Wirkung auf Mensch und Tier finden sich in den Gärten und Wohnungen vieler Menschen, wo sie als Zierpflanzen kultiviert werden. Die giftigen Eigenschaften können dabei zu unschönen Situationen führen. Das will der Botanische Garten mit der Aktion verhindern.

Eine der giftigsten Pflanzen in Europa

In diesem Jahr hat die Schwarze Tollkirsche (Atropa belladonna) die Abstimmung mit 31 Prozent gewonnen, gefolgt von der Engelstrompete und dem Holunder. Die Tollkirsche ist in Süd- und Mitteleuropa, Nordafrika sowie Vorderasien heimisch. Sie gilt als eine der giftigsten Pflanzen in Europa.

Man findet das Nachtschattengewächs auf kalkhaltigen, wenig feuchten Böden in halbsonniger bis sonniger Lage an lichten Stellen im Wald oder an Waldrändern. Durch die heutige Auflichtung von Wäldern sind Wildbestände häufiger geworden.

Die Tollkirsche ist eine ausdauernde, kräftige, buschartige Pflanze mit stark verzweigten Stängeln. Die Blütezeit liegt zwischen Juni und August. In dieser Zeit sind Blüten, Früchte und unreife Früchte gleichzeitig an einer Pflanze zu entdecken.

Bei der Erwähnung der Tollkirsche denkt man sofort an die saftigen, schwarz glänzenden Beerenfrüchte, deren Form und Größe einer Kirsche ähneln. Sie haben einen süßlichen Geschmack, was die Tollkirsche geschmacklich von vielen anderen Giftpflanzen unterscheidet, da diese meist bitter schmecken.

Schmaler Grat zwischen Rausch und Lähmung

Im Mittelalter war die Schwarze Tollkirsche eine wichtige Zutat für zahlreiche Hexentränke und Hexensalben. Eine zentrale Rolle spielten dabei die Zentralnervensystem-gängigen Alkaloide mit ihren Rausch- und Halluzinationswirkungen, trotz der großen Gefahr sich zu vergiften. Der Grat zwischen einer erregenden Wirkung auf das Gehirn und einer möglicherweise tödlichen Lähmung ist sehr schmal.

Dennoch wurden die Blätter, Früchte und die Wurzeln der Tollkirsche arzneilich viel genutzt. Auch im kosmetischen Bereich war die Tollkirsche beliebt. Im 16. Jahrhundert waren Frauen mit großen Augen und Pupillen das Schönheitsideal. In der Tollkirsche kommt das pupillenvergrößernde Atropin vor. Diese Extrakte wurden als verschönerndes Mittel verwendet. Allerdings reduzierte sich dabei die Sehschärfe.

Der Artname belladonna (lateinisch: schöne Frau) bezieht sich auf diese kosmetische Anwendung. Die Gattung Atropa ist nach der griechischen Schicksalsgöttin Atropos benannt, die den Lebensfaden durchschnitten und damit das Lebensende der Menschen bestimmt hat.

Rebecca Lange

Weitere Informationen:
www.hamburg.de/giftpflanze-des-jahres
Tel. 040 / 6939734


Grün, grün, grün ist alles was ich hab

Aus DER RABE RALF Juni/Juli 2020, Seite 9 (unten)

Der Schmetterling des Jahres 2020 kommt mit den überdüngten Böden nicht mehr zurecht

Grüner Zipfelfalter (Foto: Harald Süpfle/​Wikimedia Commons)

Die Arbeitsgemeinschaft Rheinisch-Westfälischer Lepidopterologen und die BUND NRW Naturschutzstiftung haben den Grünen Zipfelfalter (Callophrys rubi) zum Schmetterling des Jahres 2020 gekürt. Der Falter steht bereits auf der bundesweiten Vorwarnliste der bedrohten Arten. Seit 2003 machen die beiden Organisationen mit dem Schmetterling des Jahres auf die Bedeutung und Bedrohung der Arten aufmerksam. Nur noch ein Drittel der Tagfalterarten in Deutschland ist ungefährdet.

Bedrohter Überlebenskünstler

Das drastische Insektensterben betrifft auch den Grünen Zipfelfalter. In Deutschland geht der Bestand deutlich zurück. In Nordrhein-Westfalen gilt der Falter als stark gefährdet, im Bergischen Land ist die Art bereits ausgestorben.

Und das, obwohl der Grüne Zipfelfalter geringste Ansprüche an seinen Lebensraum stellt und bei den Nahrungsquellen nicht wählerisch ist. Als Raupe ernährt er sich von Blüten, Blättern und unreifen Früchten ganz unterschiedlicher Pflanzen. Die ausgewachsenen Falter geben sich auch mit dem Nektar vieler Pflanzenarten zufrieden. Sie saugen beispielsweise an den Blüten von Hahnenfuß, Klee, Hartriegel oder Weißdorn.

Auch bei der Wahl des Biotops zeigt sich der Grüne Zipfelfalter genügsam. Er kommt an strukturreichen halboffenen Standorten wie Niederwald, Buschlandschaften oder Waldrändern genauso gut klar wie auf Feucht- und Trockenheiden, Trockenrasen, Wiesen sowie in lichten Waldbereichen und Gebüschen. Der Zipfelfalter braucht nicht viel, um sich wohlzufühlen und sich zu vermehren – und doch ist er bedroht.

Es ist nicht abschließend klar zu benennen, warum das so ist. Vermutlich liegt es aber an der allgemeinen Reduzierung und Verschlechterung des Lebensraums. Magere, das heißt nährstoffarme Standorte werden durch die Landwirtschaft intensiver genutzt und stärker gedüngt, Aufforstung und forstliche Nutzungsänderungen machen die Wälder dunkler. Kulturlandschaften wie Wiesen, Heiden und lichte Wälder werden heutzutage nicht mehr bewirtschaftet und wachsen zu.

Grün schimmernder Bläuling

Den Namen hat der Grüne Zipfelfalter von seiner hellgrünen Flügelunterseite, die am Rand bräunlich erscheint, und dem markanten Zipfel an den Hinterflügeln. Die obere Seite der Flügel ist graubraun. Da der Falter die Flügel meist geschlossen hält, ist er durch das Grün perfekt zwischen Blättern getarnt. Die Flügelunterseite ist aber auch ein ideales Bestimmungsmerkmal, denn der Grüne Zipfelfalter ist die einzige in Mitteleuropa vorkommende Art, die diese Färbung aufweist. Männliche Falter sind von weiblichen durch einen Duftschuppenfleck auf der Oberseite der Vorderflügel zu unterscheiden. Auch die Raupen sind schon grün gefärbt und haben einen gelben Streifen an den Flanken vom Kopf bis zum hinteren Körperende.

Der Grüne Zipfelfalter gehört zur Familie der Bläulinge (Lycaenidae). Seine untypische Farbe hat dazu geführt, dass sein anderer Name Brombeer-Zipfelfalter im Volksmund in den Hintergrund getreten ist. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Nordafrika über weite Teile Europas bis nach Sibirien.

Rebecca Lange

Weitere Informationen:
www.bund-nrw-naturschutzstiftung.de
Tel. 0211 / 30200514


Heimat der Seehunde und Wattwürmer

Aus DER RABE RALF Juni/Juli 2020, Seite 5

Der Wattboden wurde als Boden des Jahres 2020 ausgewählt

Das Wattenmeer: So viel Wattboden gibt es nur hier. (Foto: Rüdiger Stehn/​Flickr, CC BY-SA 2.0)

Bekannt ist der Wattboden vor allem durch die Gezeiten. Das Kuratorium, das über den „Boden des Jahres“ entschieden hat, wirbt passend dazu mit dem Satz: „Mal Wasser, mal Land.“ Der Boden bildet, anders als man zunächst annehmen würde, durch den Wechsel von trocken und nass ein wertvolles Ökosystem.

Nährboden“

Der Wattboden ist Heimat vieler verschiedener Tier- und Pflanzenarten. Auf Salzwiesen sind es 2300 unterschiedliche, in den Meerwasser- und Brackwasserzonen sogar 2700. Damit hat der Wattboden eine hohe Biodiversität. Gebiete in Landnähe und weiter draußen unterscheiden sich in Bezug auf Erosion, Sedimentablagerungen, Boden- und Wassertemperatur, Strömungen, Wetterbedingungen, periodische Überflutungen und den Salzgehalt des Wassers. Das hat Einfluss auf den Pflanzenbewuchs und die Besiedlung mit verschiedenen Bodenorganismen. Durch die ungewöhnlichen Bedingungen und die Verbindung aus Land und Meer bietet der Wattboden einen Lebensraum für meist sehr spezialisierte Pflanzen- und Tierarten. Die bekanntesten Bewohner sind Seehunde, Kegelrobben und Wattwürmer. Zudem ist der Wattboden ein Laichplatz von Schollen und Seezungen. Der Schlick dagegen beherbergt Krebse, Muscheln, Faden- und Strudelwürmer, die wiederum eine Nahrung für die vielen Vögel in der Region oder für Zugvögel bieten.

Das Wattenmeer

Wattboden gibt es auf jedem Kontinent. Das größte Gebiet mit Wattboden ist das Wattenmeer. Es erstreckt sich über 1100 Quadratkilometer an der Nordseeküste von Dänemark über Deutschland bis zu den Niederlanden. Der deutsche Teil ist 3500 Quadratkilometer groß. Davon befinden sich die meisten Flächen in einem Naturschutzgebiet. Aber auch in angrenzenden Hafenstädten kann der Wattboden bei Niedrigwasser sichtbar werden, zum Beispiel im Hafenbecken. Zu den geschützten Gebieten gehören Sand- und Schlickwatt, Muschelbänke, Seegras- und Salzwiesen, Sandstrände und Dünen.

Deichbau kommt an Grenzen

Durch das Ansteigen des Weltmeeresspiegels ist es möglich, dass einige Wattbodenflächen in diesem Jahrhundert dauerhaft überflutet werden. Hauptgrund für das Ansteigen ist der Klimawandel, der den natürlichen Anstieg enorm beschleunigt. Die überfluteten Wattgebiete müssten sich dann an anderen Orten neu bilden. Gefährdet sind dann auch Küstenregionen. Diese schützen sich seit Jahrhunderten mit Deichen, welche immer größer gebaut werden, um die Bewohner vor der Überflutung zu schützen. Neueindeichungen schaden jedoch der umliegenden Natur und vor allem dem Wattboden immens. Deshalb ist die Neueindeichung in den Wattenmeer-Regionen aller drei Länder nicht mehr erlaubt.

Paula Rinderle

Weitere Informationen:
www.boden-des-jahres.de
Tel. 02151 / 897586


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