Namen verwirren

Aus DER RABE RALF Oktober/November 2017, Seite 14

Die Blindschleiche ist Reptil des Jahres 2017

Die Namen der Blindschleiche gehören wohl zu den verwirrendsten, denn die Blindschleiche ist nicht blind, wenngleich sie nur schlecht sieht und farbenblind ist. Der Name kommt vielmehr von ihrer Haut, deren blendendes Glänzen auffällt oder die – nach einer anderen Beschreibung – Ähnlichkeit mit Erzblenden aus dem Bergbau hat. Doch auch der wissenschaftliche Name ist, aus historischen Gründen, sehr unpassend. Anguis fragilis ist zwar sehr zerbrechlich (fragilis), sie kann bei Gefahr Teile ihres Schwanzes abwerfen, die zum Teil wieder nachwachsen. Jedoch handelt es sich bei ihr um eine Echse und nicht um eine Schlange (Anguis), wie sie Carl von Linné 1758 beschrieb. Hätte sich der berühmte Naturforscher das Tier genauer angesehen, hätte er schnell gemerkt, dass es sich nicht um eine Schlange handelt, denn der Aufbau des Skeletts zeigt deutliche Unterschiede zu dem der Schlangen. So lassen sich Gliedmaßen-Rudimente erkennen, die auf den evolutionären Ursprung hin deuten.


Nicht blind, aber faul: Blindschleiche. (Foto: DGHT)

Weit verbreitet, aber schwer zu finden

Das alles sieht man natürlich nicht, wenn man die Tiere beobachtet, wie sie sich am Waldweg aufwärmen oder im Garten den Salat vor einer Nacktschnecke retten, was bei größeren Schnecken schon mal über eine halbe Stunde dauern kann. Auch schon das Fangen der Beute vollzieht sich wie in Zeitlupe. Die Blindschleiche betrachtet zunächst die Beute und stößt dann gemächlich zu, was bei schnelleren Insekten in den meisten Fällen nicht funktioniert. Wenn sie die Beute einmal hat, schafft sie es, selbst Gehäuseschnecken zu verspeisen.

Es ist allerdings gar nicht so leicht, Blindschleichen dabei zu beobachten oder sie überhaupt zu finden, da sie zwar sehr verbreitet sind, sich jedoch meist gut verstecken und selbst zum Fressen nur wenige Meter fortbewegen – wodurch zumindest die Bezeichnung Schleiche wieder sehr passend scheint. Wer Blindschleichen gezielt beobachten will, wird am Schotterbett alter Bahnstrecken oder bei Holzhaufen in Wäldern, Gärten oder Parks am ehesten fündig.

Doch Berlin ist dafür ein eher weniger gut geeigneter Ort, denn – wie auch in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein – gilt die Blindschleiche hier als gefährdet. Direkt nebenan in Brandenburg ist sie dafür in großer Zahl vorhanden. Auch deutschland- und europaweit wird sie nicht als gefährdet gelistet, steht jedoch unter besonderer Beobachtung, wobei es nur wenige Daten zu Populationsgrößen gibt. Bekannt ist lediglich, dass die in ganz Mittel- und Osteuropa vorkommende Echsenart zu den häufigsten Reptilien zählt. Dabei teilt sich die Art in fünf Unterarten auf, wobei nicht immer klar ist, ob es sich um Unterarten oder unterschiedliche Arten handelt.

Vom Lockduft zum Jungtier

Selbst zur Paarung im April bis Juni bewegen sich die, vermutlich über Duftstoffe angelockten, Männchen meist nur wenige hundert Meter. Sollten sich die Männchen dabei begegnen, führen sie einen sogenannten Kommentkampf aus. Dabei versuchen sie den Kontrahenten durch Winden und Beißen auf den Boden zu drücken. Der Sieger kann dann das Weibchen begatten, was ebenfalls mehrere Stunden dauert und meist gut versteckt stattfindet. Die dabei ausgeführten windenden Bewegungen und Bisse gleichen denen des Kommentkampfs. Die befruchteten Eier werden daraufhin für drei Monate in einer Tasche im Körper des Weibchens ausgebrütet.

Zeitgleich mit dem Ablegen der Eier schlüpfen zwischen sechs und zwölf etwa sechs bis neun Zentimeter lange Jungtiere, die sich bis zur Geschlechtsreife nach drei bis fünf Jahren und einer Länge von vierzig Zentimetern etwas mehr – aber immer noch kaum – fortbewegen. So könnten die Blindschleichen bis zu fünfzig Jahre an einem Ort leben, doch sie haben natürlich auch Prädatoren, Fressfeinde, zu denen vor allem Greifvögel und Säugetiere wie Füchse oder Wildschweine gehören.

Im Garten auf Spritzmittel verzichten

Auch der Mensch stellt für die Blindschleichen eine Bedrohung dar, schafft aber zugleich neue Lebensräume. So sind Schotterbetten an Bahnstrecken, aber auch gerodete Waldflächen ideale Biotope für Bildschleichen und andere Reptilien. Hier zeigt sich wieder einmal die Schwierigkeit, dem Schutz der Umwelt als Ganzes gerecht zu werden, ohne dass dabei einzelne Tierarten auf der Strecke bleiben. So stellt auch das Stilllegen von Bahnstrecken ein Problem dar, weil danach die Strecken mit der Zeit zuwachsen, aber auch ihre Nutzung als asphaltierter Radweg zerstört diesen Lebensraum.

Es gibt jedoch auch Maßnahmen, die Blindschleichen schützen, ohne dass eine aus Umweltschutz-Gesichtspunkten schwierige Abwägung nötig wird. Ein Verzicht auf Gifte in der Landwirtschaft, aber vor allem auch in privaten Gärten, stellt einen direkten Schutz von Blindschleichen, wie auch von allen anderen Kriechtieren und Insekten, dar. Doch selbst beim Rasenmähen gibt es Möglichkeiten die Blindschleichen zu schonen. So wird empfohlen, vor allem Straßenränder etwas weiter über dem Boden zu mähen – und dies eher bei kalten Temperaturen am Morgen, da die wechselwarmen Tiere dann noch weniger aktiv sind.

Wenn man direkt zum Schutz der Echsen beitragen möchte, kann man dies ganz leicht tun, indem man unordentlich ist und in seinem Garten einfach mal altes Holz oder Steine liegen lässt. Das Gleiche gilt natürlich auch für Wälder oder Parks, in denen teilweise gezielt Lebensräume für Kriechtiere geschaffen werden.

In diesem Jahr ist die Blindschleiche nun von der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT) zum Kriechtier des Jahres gekürt worden und folgt damit dem deutlich populäreren Feuersalamander, dem sie wohl auch in der Natur begegnet. Mit der Auszeichnung soll auf diese wenig erforschte und häufig nicht als solche erkannte Echse aufmerksam gemacht werden. Damit sie uns auch weiterhin durch ihr Aussehen und ihren Namen blenden kann.

Leonhard Lenz

Weitere Informationen: DGHT, Tel. 0621 / 86256490, www.dght.de/blindschleiche


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