Der Retter in der Not

Aus DER RABE RALF Oktober/November 2017, Seite 18

Die Steckrübe oder Kohlrübe ist Gemüse des Jahres 2017/2018

Im Supermarkt lächeln uns viele bunte Gemüsearten und -sorten an. Paprika, Gurken, Tomaten – selten ziehen wir da Sorten wie die Kohlrübe in Betracht, was dazu führt, dass sie immer mehr von den Feldern verschwinden. Dabei hat gerade die Kohl- oder Steckrübe in Deutschland eine lange Tradition und brachte viele unserer Vorfahren durch so manchen (Katastrophen-)Winter. Aus diesem Grund hat der Verein zur Erhaltung von Nutzpflanzenvielfalt die Steckrübe zum Gemüse des Jahres 2017/2018 gekürt.


Steckrüben ähneln Kartoffeln. Foto: Congerdesign

Was die Rübe ausmacht

Botanisch gesehen ist die Steckrübe eine Unterart des Rapses und somit eine Rapssorte, die Rüben ausbildet. Brassica napus subspecies rapifera hat eine kugelige Form mit langen, gezackten Blättern und ein Höchstgewicht von 1,5 Kilogramm pro Rübe. Die Farbe der Rinde ist meist grün bis gelblich, bei manchen Sorten auch rötlich. Der Geschmack ist herb-süßlich und erinnert an Kohl, mit dem die Rübe auch verwandt ist.

Eine Steckrübe besteht zu 84 Prozent aus Wasser. Aber sie enthält auch wichtige Nährstoffe wie Traubenzucker, Eiweiß und Fett. Außerdem kommen schwefelhaltige ätherische Öle, Provitamin A und die Vitamine B1, B2, C sowie Nikotinsäureamid, ein für viele Körperfunktionen zuständiger Vitaminbestandteil, in ihr vor. Gerade das macht sie zu einem gesunden Lebensmittel.

Ähnlich wie beim Raps handelt es sich bei der Steckrübe wohl um eine Kreuzung zwischen verschiedenen Rübenarten. Allerdings ist die genaue Entstehung des Kreuzblütlers noch ungeklärt, wie sich auch seine Herkunft nur vermuten lässt. Im 17. Jahrhundert wurde die Steckrübe aus Skandinavien in Deutschland eingeführt, daher stammt auch der Name „Schwedische Rübe“ für sie. Allerdings ist nicht geklärt, ob die Steckrübe ursprünglich von dort stammt. Inzwischen wird sie in allen gemäßigten Zonen angebaut.

Ihr Name variiert stark je nach Region. Andere Namen für die Steckrübe sind zum Beispiel Wruke, Butterrübe und Runke. In Österreich heißt sie Dotsche und in der Schweiz Knutsche. In Norddeutschland ist ihr Name Kohlrübe.

Selber anbauen

Am besten gedeiht die Steckrübe auf humushaltigen und lehmigen Böden. Leichte Böden brauchen eine besondere Pflege mit ausreichender Feuchtigkeit und Düngung. Die Steckrübe ist ein Wintergemüse. Gesät wird von März bis Ende Juni, geerntet im Oktober und November. Danach ist die Steckrübe ohne die Blätter bis April im Keller haltbar. Es muss nur darauf geachtet werden, dass sie keinen Frost ansetzt – sollte das passieren, muss sie sofort gekocht werden. Andererseits kann es zur Schimmelbildung kommen.

Schädlinge, auf die sich Rübenbauern vorbereiten müssen, sind die Kohlfliegenmaden. Diese fressen die Steckrüben an. Pflanzenschutznetze, das regelmäßige Hacken des Beetes und das Einhalten der Fruchtfolge im Beet schützen gegen sie. Ein weiteres Problem ist ein Schleimpilz, der eine Kohlhernie verursachen kann, die die Wurzeln zum Wuchern bringen kann. Vorbeugend kann die Fläche gekalkt werden. Sollte eine Kohlhernie trotzdem auftreten, sollte die Anbaufläche für sieben Jahre ungenutzt bleiben.

Bekannte Sorten der Steckrübe sind „Wilhelmsburger“, „Hoffmanns Gelbe“ und „Niko“. Die bei uns am weitesten verbreitete Sorte in den Gärten ist „Wilhelmsburger“, die im Jahr 1897 gezüchtet wurde. Im Inneren ist sie orangegelb, sie hat einen grünen Kopf und einen intensiven Geschmack. Gelbfruchtig ist auch die alte Sorte „Hoffmanns Gelbe“. „Niko“ stattdessen hat weißes Fruchtfleisch mit grünem Kragen und ein feines Aroma. Inzwischen gibt es neben samenfesten, alten Sorten auch Hybridzüchtungen, die sich mit ihren Eigenschaften allerdings nicht weitervermehren lassen.

Steckrüben schmecken gut

Steckrüben können den Geschmack von jeglichen Lebensmitteln annehmen, denen sie beigesetzt werden. Damit eignen sie sich gut als Beilage und Mengenaufwertung. Heute werden außerdem die gelbfleischigen Sorten verwendet, die süßer schmecken als die früheren weißfleischigen Sorten. Besonders geeignet sind Steckrüben für Suppen, Eintöpfe und Aufläufe. Eine weitere Idee ist der Steckrübenreibekuchen oder der Rohkostsalat. Gerade bei Letzterem hängt es aber von den Anbaubedingungen ab, wie er mundet: Sowohl die Sorte als auch Boden und Anbau und Erntegröße beeinflussen den Geschmack.

Bevor der Kürbis als Halloween-Gemüse für schaurige Spukfratzen diente, benutzten die Iren für ihr Fest unter anderem Steckrüben. Erst, als sie später in die Vereinigten Staaten und Kanada auswanderten, wurde dort auf den Kürbis zurückgegriffen, denn Steckrüben gab es dort noch nicht. Hierzulande wurde die Steckrübe bis in die 1950er für das Rübengeistern verwendet, einen Brauch, bei dem Kinder mit ausgehöhlten Rüben um die Häuser zogen und Naschereien erhaschten.

Der Ruf ist im Eimer – und verbessert sich doch

Doch warum ist die Steckrübe dann so unbeliebt in den deutschen Küchen? Das hat größtenteils mit den negativen Erinnerungen zu tun, die viele, besonders ältere Menschen mit der Rübe haben. Gerade der Winter 1917/1918 während des Ersten Weltkrieges ging dabei in die Geschichte ein. Deutschland wurde damals von den gegnerischen Staaten auch wirtschaftlich boykottiert. Hinzu kam eine große Kartoffelmissernte, und nachdem die letzten Schweine geschlachtet waren, wurde die – sonst als Viehfutter gebräuchliche – weiße Steckrübe an die hungernde Bevölkerung verteilt. Selbst Namensgebungen wie „Ostpreußische Ananas“ konnten die unbeliebte Rübe nicht aufwerten. Auch während des Hungerwinters 1946/1947 war die Steckrübe Notnahrungsmittel.

Doch inzwischen geht es wieder ein wenig bergauf für die Steckrübe. Da sie auch über die kalte Jahreszeit geerntet werden kann und der Anbau – auch der ökologische – ganz einfach ist, erfreuen sich neue Rezepte mit der kugelförmigen Rübe immer größerer Beliebtheit. Die Jüngeren haben nicht mehr die Assoziation mit der harten Nachkriegszeit, und so erlebt die Steckrübe ein Comeback. Genau das soll die Ernennung zum Gemüse des Jahres befördern – die Wiederkehr einer alten Gemüsesorte.

Marina Körner

Weitere Informationen, Rezepte: www.nutzpflanzenvielfalt.de (Gemüse des Jahres)


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