Sind Bauern rechts?

Aus DER RABE RALF August/September 2022, Seite 15

Der Agrarwissenschaftler Onno Poppinga über die Irrtümer von Marxisten, Wirtschaftsforschern und Bauernvertretern

„Partisan unter den Agrarprofessoren“: Onno Poppinga. (Foto: privat)

Die große Mehrheit der deutschen Bauern wirtschaftet konventionell, was im Wesentlichen „klima- und umweltschädlich“ bedeutet. Die Verbraucher wissen das und halten mit ihrem Konsumverhalten die Maschine trotzdem am Laufen. Gleiches gilt für die Subventionspraxis der EU. Auch mächtige Lobbyverbände wie der Deutsche Bauernverband wollen den Status quo erhalten. Derweil geht die Natur zugrunde und das Höfesterben weiter. Die Landwirte werden zu Sündenböcken gemacht und protestieren, wie momentan in den Niederlanden. Der Protest richtet sich dabei meist gegen Umweltschutzauflagen – selten wird ein System in Frage gestellt, das die Natur und das Überleben des eigenen Berufstandes bedroht.

Wie kommt das? Ist es gerechtfertigt, der Mehrheit der Landwirte konservative oder gar rechte Tendenzen zu unterstellen? Der Rabe Ralf sprach mit dem linken Agrarwissenschaftler Onno Poppinga, der bis zu seiner Emeritierung am Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften der Universität Kassel lehrte.

Der Rabe Ralf: Herr Poppinga, von linker Seite scheint es ein traditionelles Desinteresse am Schicksal der Bauern zu geben. Das geht bis zu Karl Marx zurück, der sogar mit Verachtung über die „Idiotie des Landlebens“ sprach. Warum war Marx ein Bauernhasser?

Onno Poppinga: Karl Marx und Friedrich Engels haben wichtige Texte zur Landwirtschaft geschrieben. Wer beispielsweise verstehen will, warum unter Überschussbedingungen die Auszahlungspreise für Landwirte immer im Keller sein müssen, lese im dritten Band von „Das Kapital“, den Abschnitt zur Ausgleichung der Profitraten. Wer verstehen will, was die Vergütung für den Grundstückserwerb zum Bau von Windrädern mit den Strompreisen zu tun hat, lese dort die Kapitel über die „absolute Grundrente“.

Die bäuerliche Landwirtschaft als Produktions- und Lebensweise blieb Marx und Engels dagegen fremd. Nach ihrer Theorie ist die historische Mission des Kapitalismus die allseitige und umfassende Entwicklung der Produktivkräfte. Dieses Prinzip werde und müsse sich auch in der Landwirtschaft durchsetzen – gegenüber kapitalistischen Agrarunternehmen seien bäuerliche Betriebe ohne Chance und ohne Perspektive. In geradezu klassischer Weise hat Engels diese Sichtweise beschrieben: „Es ist die Pflicht unserer Partei, den Bauern immer und immer wieder die absolute Rettungslosigkeit ihrer Lage, solange der Kapitalismus herrscht, klarzumachen, die absolute Unmöglichkeit, ihnen ihr Parzelleneigentum als solches zu erhalten, die absolute Gewissheit, dass die kapitalistische Großproduktion über ihren machtlosen veralteten Kleinbetrieb hinweggehen wird wie ein Eisenbahnzug über eine Schubkarre.“

Auch heute noch werden Bauern als konservativ wahrgenommen und politisch rechts verortet. Auch Sie haben in Ihren historischen Studien gezeigt, dass sich große Teile der Bauernschaft von der nationalsozialistischen Propaganda vereinnahmen ließen oder gar zu überzeugten Anhängern der Blut-und-Boden-Ideologie wurden. In der Bundesrepublik waren dann die Unionsparteien und der mit ihnen eng verbandelte Bauernverband lange die politische Heimat der meisten Landwirte. Heute scheint die AfD in ländlichen Gebieten an Rückhalt zu gewinnen. Gibt es dafür historische Gründe?

Wie sollten die Bauern, die gerade mit den großen Agrarreformen im 19. Jahrhundert zum ersten Mal selbständige Eigentümer ihres Landes und ihres Hofes geworden waren, einer Einschätzung wie der von Engels etwas Positives abgewinnen können?

Vor allem aber: Statt die Erfahrung von „machtlosen und veralteten Kleinbetrieben“ zu machen, erlebten die Bauernhöfe ab Mitte des 19. Jahrhunderts trotz einiger gesamtwirtschaftlicher Krisenjahre einen starken Aufschwung. Sie entfesselten eine „biologische Revolution“: Fruchtfolgesysteme wurden entwickelt und führten zu einer Verdoppelung der Flächenerträge. Durch vermehrten Luzerne-, Klee- und Lupinenanbau verbesserten sie die Futtergrundlage für ihre Tiere. Durch Gründung von Zuchtverbänden verbesserten sie die Leistungsfähigkeit der Nutztiere. Sie entwickelten auch eine systematische Leistungsprüfung. Die Produktivität der Bauernhöfe nahm so stark zu, dass sie sich am internationalen Agrarhandel beteiligten. Bauern im Rheinland fütterten ihr Vieh mit importierter Gerste aus Russland, um ihren eigenen Brotweizen teurer verkaufen zu können. Großbauern in der Wesermarsch gründeten damals eine – allerdings erfolglose – Schifffahrtsgesellschaft für den Transport von Ochsen und Schafen nach Großbritannien.

Diese Erfolgsgeschichte mag auf die kapitalstarken Großbetriebe zutreffen, doch was war mit den bedrohten mittleren und kleinen Höfen? Hätten die nicht Engels‘ düsterer Zukunftsprognose eigentlich zustimmen müssen?

In der Tat gab es bei den eher kleinbäuerlichen Betrieben in den Mittelgebirgen und auf Moorstandorten einen deutlichen Unterschied zur Blüte der großbäuerlichen Betriebe auf Marsch- und Lößstandorten. Die Einkommens- und Lebensverhältnisse blieben bei dort viel bescheidener – aber einen deutlichen Aufschwung gab es auch hier. So emanzipierten sich die ehemals armen norddeutschen Regionen Vechta und Cloppenburg, Borken und Coesfeld von der Dominanz der großbäuerlichen Höfe, indem die Kleinbauern und Heuerlinge mit Importfuttermitteln – Gerste aus Russland und Dorschmehl aus Norwegen – eine sehr produktive „Veredelungswirtschaft“ entfalteten.

Anders als Marx und Engels es sich vorgestellt hatten, nahm die Zahl der bäuerlichen Betriebe damals sogar deutlich zu. Im Gegensatz zu den Bauernhöfen gerieten dagegen zahlreiche landwirtschaftliche Großbetriebe in erhebliche Turbulenzen. Obwohl sie ihr Eigentum an Nutzfläche durch die Agrarreformen des 19. Jahrhunderts auf Kosten der Bauernhöfe deutlich vergrößern konnten – das geschah vor allem in Preußen –, fiel ihnen die Umstellung auf eine Marktproduktion oft sehr schwer. Wer nicht schnell lernte, sich an die neuen Bedingungen anzupassen, wer seine Güter weiter als bloße Grundlage für eine adlige oder großbürgerliche Lebensführung ansah, der fand sich schnell im Ruin wieder. Sehr viele Güter wechselten die Eigentümer, es kam zu einer regelrechten „Güterschlächterei“, wie dies August Bernhardt 1872 beschrieb. Die Großbetriebe, die die Umstellung auf Marktproduktion überlebten, investierten zum Beispiel erfolgreich in Schnapsbrennereien und Zuckerrübenfabriken.

Aber heute herrscht doch allenthalben das sozialdarwinistische „Wachse oder weiche“-Prinzip. Das Höfesterben scheint sich nun sogar noch zu beschleunigen. Haben Marx und Engels am Ende nicht doch Recht behalten?

Die Entfaltung des kapitalistischen Systems führte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht zum Untergang der „machtlosen, veralteten Kleinbetriebe“, sondern es kam zu dem, was der Agrarsoziologe Burkart Lutz später „die jahrzehntelange Symbiose von kapitalistischer Industrie und bäuerlich-handwerklicher Gesellschaft“ nannte. Dazu heißt es bei ihm: „Entgegen dem, was die zeitgenössische Diskussion mit ihren Klagen über den Niedergang der herkömmlichen bäuerlich-handwerklichen Produktions- und Lebensweise, über massenhafte Landflucht und über die Zerstörung tradierter Gewerbe suggeriert und was auch die meisten Theorien von Modernisierung und Industrialisierung mehr oder weniger selbstverständlich unterstellen, brachte industriewirtschaftliches Wachstum der großen Mehrheit der Bauern und Handwerkern und ihren Familien substanzielle Vorteile.“

Das Nebeneinander der Wirtschaftsstrukturen endete dann abrupt in den 1950er Jahren. Erst dann begann auch in der Landwirtschaft die Industrialisierung: in der Arbeitserledigung, in der Tierhaltung, im Ackerbau. Das führte nicht nur zur Abwanderung von immer mehr Menschen, sondern auch zur Auflösung von vielen Millionen Betrieben. War um 1950 noch fast ein Viertel aller Erwerbstätigen in der Landwirtschaft tätig, ist es heute weniger als ein Prozent.

Zwar könnte das so verstanden werden, als wenn der „machtlose, veraltete Kleinbetrieb“ nun eben 100 Jahre später als von Marx und Engels vorhergesagt im Untergehen sei, aber auch die verbleibenden sehr wenigen Betriebe sind häufig immer noch durch typisch bäuerliche Merkmale gekennzeichnet. Nach wie vor weisen nur wenige Betriebe eindeutige Merkmale kapitalistischer Unternehmen auf: Trennung des Eigentums vom Bewirtschafter, durchgängig Lohnarbeit, Ausrichtung an Gewinnmaximierung statt an Einkommen.

Abseits von Marx haben anarchistische Denker und libertäre Bewegungen eine ganz eigene Sicht auf die Entwicklung der Landwirtschaft vertreten. Hier wurde viel positiver über die bäuerliche Welt gedacht. Ihr Untergang sollte verhindert werden. Das trifft weniger auf Deutschland zu, man denkt hier vor allem an Spanien. Wie kam es zu diesen nationalen Unterschieden?

Ganz andere gesellschaftliche Verhältnisse herrschten in den Ländern, in denen der Großgrundbesitz feudale Strukturen in den Kapitalismus hinüberretten konnte, wo die Bauern den „Kampf um Wald und Weide“ verloren hatten, wie dies der österreichische Sozialist Otto Bauer 1925 in seiner gleichnamigen Schrift beschrieb – so in Spanien und Portugal, im Süden Italiens, in Ungarn und Russland. Dort blieben die Bauernhöfe „machtlos und veraltet“, dort ging es um die Entmachtung des Großgrundbesitzes. In diesen Ländern waren es dann vor allem anarcho-syndikalistisch ausgerichtete Bauern und ihre Widerstandsformen, die Einfluss gewinnen konnten. Oft führte deren Politik – wie in der Spanischen Republik und dem folgenden Bürgerkrieg – zu heftigen Auseinandersetzungen mit marxistisch ausgerichteten Bewegungen und Parteien. Deren Leitsatz war nicht „Der Boden dem, der ihn bebaut“ – eine in vielen Teilen der Welt nach wie vor aktuelle Forderung –, stattdessen strebten sie die Verstaatlichung des Bodens oder staatlich kontrollierte Genossenschaften an.

Wie beurteilen Sie den russischen Agrarwissenschaftler Alexander Tschajanow, den wir in der vorletzten Ausgabe vorgestellt haben? Auch er entstammt einer eher libertären Tradition.

Tschajanow ist sehr wichtig. Er hat eine bis auf den heutigen Tag gültige und sehr eigenständige Einschätzung zum Verhältnis von selbständigen Bauernhöfen und einem sich sozialistisch verstehenden Staat vertreten. Tschajanow war zu seiner Zeit ein international bekannter Agrarökonom an der landwirtschaftlichen Hochschule in Moskau. Er kam zum Ergebnis, dass die bäuerliche Wirtschaft ein eigenständiges Wirtschaftssystem ist und dass sie kapitalistisch organisierten Betrieben überlegen sei. Die Selbständigkeit der bäuerlichen Betriebe lasse sie Krisen besser überstehen. Sie könnten den Arbeitskräfteeinsatz an wechselnde Anforderungen anpassen und seien auch zu kurzfristigen Verschiebungen zwischen Subsistenz- und Marktproduktion in der Lage.

Um die Produktivität der russischen Bauernhöfe zu verbessern und sie stärker in die Volkswirtschaft und die Wirtschaftsplanung zu integrieren, schlug Tschajanow ein Beratungs- und Genossenschaftssystem für Handel und Weiterverarbeitung vor. Dessen Aufgabe sollte die Unterstützung der selbständigen bäuerlichen Familienwirtschaft sein. Es dürfte gerade die Idee der Eigenständigkeit gewesen sein, die dazu beitrug, dass Tschajanow 1930 verhaftet und Opfer eines Schauprozesses wurde: Die Anklage lautete, er habe eine oppositionelle Bauernpartei angeführt. Er wurde nach Haft und Arbeitslager erschossen, seine Rehabilitierung erfolgte erst 1987.

Die kommunistische Partei entschied sich für die zwangsweise Kollektivierung der Bauern. Von Stalin wurde ihnen – mit Ziel der Industrialisierung der Sowjetunion – ein „Tribut“ auferlegt. Seine Begründung dafür war: Andere Völker wie die Briten nutzen zum Aufbau ihrer Wirtschaft ihre Kolonien, wir müssen uns an unsere Bauern halten. Millionen Tote waren die Folge.

Den sowjetischen Kommunisten fiel zur Bauernfrage nicht viel mehr als Zwangskollektivierung ein. Das galt ebenso für die zum „Arbeiter- und Bauernstaat“ erklärte Zweigstelle auf deutschem Boden. Aber warum hat die undogmatische Linke im Westen keine überzeugende Antwort auf die Bauernfrage gefunden?

Ein Zusammenhang zwischen der Verhaftung von Tschajanow und dem Beginn der Zwangskollektivierung in der UdSSR ist naheliegend. Allerdings ist seine Vorstellung von der bäuerlichen Wirtschaft als eigenständigem Wirtschaftssystemmit selbständigen Betrieben nicht nur für die KPdSU, sondern für alle politischen Gruppierungen, bei deren Gründung die marxistische Theorie eine wichtige Rolle spielte, als Zumutung, als „Sakrileg“ verstanden worden, das es als „revisionistisch“ zu bekämpfen gelte. Das galt für Sozialdemokraten und Sozialisten genauso wie für Gewerkschaften: Sie alle gingen – wie auch immer formuliert – von der „führenden Rolle der Arbeiterklasse“ aus, konnten sich eine Kooperation, gar eine Teilung der politischen Macht mit Bauern nicht einmal vorstellen.

Es ist deshalb keine Überraschung, dass in allen Ländern, in denen kommunistische Parteien dauerhaft an die Macht kamen, durch Kollektivierung die selbständigen Bauernwirtschaften verschwinden sollten. Dabei ging es nie nur um die „Entfaltung der Produktivkräfte in der Landwirtschaft“, sondern immer um die Durchsetzung des unbedingten Machtmonopols. Nur in Polen, wo die Kollektivierung 1956 am Widerstand der Bauern scheiterte, musste die Partei Konzessionen machen und lernen, mit den Bauern auszukommen.

Tatsächlich mussten dann in allen europäischen Ländern die sozialistischen Parteien und die Gewerkschaften, nachdem sie sich schließlich politischen Einfluss erkämpft hatten, zumindest ein „Arbeitsverhältnis“ zu den selbständigen Bauern und ihren Vereinigungen finden. Basis dafür war die Überzeugung, dass auch die Landwirtschaft industrialisiert werden müsse. Damit der technische und wissenschaftliche Fortschritt jetzt wirklich auf die Bauernhöfe käme, müsse auch der Staat sich beteiligen: durch Ausbildung, durch Beratung, durch Sozialpolitik, aber auch durch direkte Förderung.

Ein geradezu klassisches Beispiel für diesen Ansatz stellt das „Sozialdemokratische Agrarprogramm“ von 1927 dar. Die detailliert beschriebenen Vorschläge zur Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge lesen sich wie ein universeller Leitfaden für die Modernisierung der Landwirtschaft, so wie sie 30 Jahre später in allen Staaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (und weit darüber hinaus) umgesetzt wurden: „Die soziale Lage der kleinen und mittleren Bauern, die in vielen Teilen Deutschlands eine sehr gedrückte ist und keineswegs ihrer unermüdlichen Arbeitskraft entspricht, kann nicht durch das Emportreiben der Lebensmittelpreise auf Kosten der Konsumenten, sondern nur durch Steigerung der Produktion im gemeinsamen Interesse von Konsumenten und Produzenten gebessert werden.“

Gegen Umweltauflagen: Protest konventioneller Bauern in den Niederlanden. (Foto: Kees Torn/​Wikimedia Commons)

Ein Dogma, das heute noch überall zu gelten scheint. Die desaströsen Folgen sind bekannt. Warum hält sich der Produktivitäts-Mythos so hartnäckig?

Diese Auffassung wurde ab Mitte der 1950er Jahre zur Leitlinie aller politischen Parteien. Sie wurde transportiert von den Medien, über Lehrinhalte in landwirtschaftlichen Fachschulen und Universitäten fest in die Köpfe „eingebaut“. Sie gewann aber auch in der Landwirtschaft selbst viele Fürsprecher. Fortschritt durch Technik und Chemie – das waren die Zauberworte. Technisch auf der Höhe der Zeit zu sein, selbst auf einem PS-starken Traktor zu sitzen und die Arbeit ungleich schneller zu erledigen als zuvor mit dem Pferde- oder Kuhgespann – vor allem bei der Jugend auf dem Land weckte das Begeisterung. Um das zu nutzen, erzwang der Staat mit der Einführung einer „selbständigen Altersrente“ die frühe Übergabe der Betriebe an die Nachfolger: Die Rente gab es nur, wenn der Bauer mit 65 den Hof übergab.

Bei den Konsumenten, aber auch in Teilen der Bauernschaft kamen aber dann doch Zweifel an dieser Ideologie auf. Schließlich waren die negativen Auswirkungen des Wachstumszwangs unübersehbar.

Ja, aber es dauerte noch knapp zwei Jahrzehnte, bis ein Teil der Landwirte ins Nachdenken kam. Zwar stiegen die Erträge im Stall und auf dem Acker in bis dahin unbekannte Höhen –das war aber auch mit Problemen verbunden, was die Art der Landbewirtschaftung und die Perspektiven für die Bauern anging. Die Kritik am Einsatz von mineralischen Stickstoffdüngern und Pestiziden, das Unbehagen über die hohen Investitionen und die steigende Abhängigkeit von Banken und Verarbeitungsbetrieben bei gleichbleibend niedrigem Einkommen – all dies wurde zum Antrieb für den Aufbau ökologisch wirtschaftender Betriebe.

Das Unbehagen an der chemisch-technischen Landwirtschaft hatte sich zudem auch bei den Konsumenten entwickelt. Dieses „Bündnis“ zwischen Bauern und Konsumenten wurde zur Grundlage einer eigenen Form der Landwirtschaft. Sie ist eine eigenständige kulturelle Leistung, weil sie sich durchsetzen musste gegen große Teile der Öffentlichkeit, gegen die Agrarindustrieinteressen, die Agrarpolitik und gegen den Spott der meisten Agrarwissenschaftler. Parallel dazu wurde immer deutlicher, dass die Hoffnung, mit der Industrialisierung auch eine wirtschaftliche Perspektive zu gewinnen, also ein „erfolgreiches landwirtschaftliches Unternehmen“ zu werden, sich für immer mehr Betriebe als Illusion erwies. Der technische Fortschritt und die neuen Methoden in der Tierzucht steigerten die Produktivität nämlich viel schneller als die Nachfrage. Als Folge der Produktionsüberschüsse – Stichwort „Butterberge“ – fielen die Preise und das Einkommen sank. Daraufhin investierte der eine Teil der Bauern in den nächsten Wachstumsschritt, der andere gab auf.

Immerhin bildete sich ab den 60er Jahren dann doch eine wirkungsvolle Agraropposition – auch dank Ihrer Arbeit. Die Zahl der Biobauern wuchs, es gab erste Bündnisse zwischen Landwirten und Umweltbewegung. Bis heute ist diese Tradition lebendig. Kein Grund zum Optimismus?

Im Zusammenhang mit den mehrheitlich linksgerichteten sozialen und politischen Bewegungen baute sich damals europaweit eine eigenständige Agraropposition auf – man denke an Pioniere wie den Franzosen Bernard Lambert. Gegen den perspektivlosen Prozess des „Wachse oder weiche“ entwickelte sie eigene Ansätze, im theoretischen Verständnis, aber auch in der Praxis der Betriebe. Ein zentraler Ansatz war und ist, sich nicht mehr von den fallenden Kosten in weitere Investitionen treiben zu lassen, sondern Forderungen nach fairen Preisen zu entwickeln und durchzusetzen. Im Selbstverständnis der Agraropposition haben Forderungen der Umweltbewegung von Anfang an eine bedeutende Rolle gespielt – etwa die Kritik an der Flurbereinigung. Aber nicht immer waren die Ziele dieselben.

Die Landwirte sind heute in ein vollständig globalisiertes und kapitalisiertes Lieferkettensystem eingebunden. Kann es daraus überhaupt einen Ausweg geben?

Für die Betriebe, die solche Auswege suchten, erwies sich die – historisch verständliche – Orientierung an ihrem Einzelbetrieb als viel zu eng, fast als Fessel. Zur Industrialisierung gehört, dass die landwirtschaftlichen Betriebe nicht mehr für den Eigenbedarf und auch nicht mehr für lokale und regionale Märkte produzieren, sondern an hoch konzentrierte Unternehmen liefern: Schlachthöfe, Molkereien, Zuckerfabriken, Winzer- und Obstbaugenossenschaften, Getreidehandelsgesellschaften. Dabei verkaufen die Landwirte ihre Erzeugnisse nicht – wie nach marktwirtschaftlichen Theorien zu erwarten wäre –, sondern sie dürfen nur abliefern. Wenn man von Getreide und Raps absieht, wo die Landwirte wegen der Lagerbarkeit einen gewissen unternehmerischen Spielraum haben, sind sie überall sonst bloße „Ablieferer“ – über den Preis und die Anforderungen an das Produkt entscheidet allein das industrielle Unternehmen. Der Europäische Rechnungshof hat diese ökonomisch macht- und hoffnungslose Lage der Landwirte zutreffend als die von „Preisnehmern“ beschrieben.

Für eine nachhaltige und gerechte bäuerliche Landwirtschaft: „Wir haben es satt“-Demonstration 2022 in Berlin. (Foto: Leonhard Lenz/​Wikimedia Commons)

Was also tun? Was könnten Leitlinien einer gerechten und ökologischen Politik sein, die von den Bauern, den Verbrauchern und den Umweltschützern als Akteuren ausgeht?

Als erstes müssen die Grundsätze des Systems unterlaufen werden. Manche Milch-, Schweine und Getreidebauern haben verstanden, dass die geforderten ständigen Ertragssteigerungen und Betriebsvergrößerungen ihnen wirtschaftliche Nachteile bringen. Deshalb stellen sie ihre Produktion auf eine extensive und damit effiziente Produktion um. Diese Bauern verlassen also das System nicht, sie unterlaufen es. Bei Milchviehbetrieben sieht das dann zum Beispiel so aus: keine Hochleistung mehr, den Tieren mehr Platz in den Ställen und viel Weidegang gewähren, geringe Kosten für zugekauftes Kraftfutter, für Medikamente und so weiter, bei allen Investitionen die Kosten genau im Auge behalten, sich nicht beteiligen am Hochtreiben der Preise bei der Landpacht. Mit solchen Strategien lassen sich erstaunliche Ergebnisse erzielen. Allerdings konfrontieren diese Landwirte auch ihre Berufskollegen mit ihrer Wirtschaftsweise und somit gelebten gesellschaftlichen Kritik. Das „Unterlaufen des Systems“ erfordert deshalb Bauern und Bäuerinnen, die sehr selbständige Persönlichkeiten sind, die die Kritik ihrer Berufskollegen, der Berater und der Agrarprofessoren aushalten können.

Zweitens muss ein Bündnis mit den Bürgern als Verbraucher gesucht werden. Hier haben die ökologischen Betriebe wichtige Vorarbeit geleistet. Ohne Verbraucher, die sich bewusst für Erzeugnisse aus dem Ökolandbau entscheiden, hätte der sich gar nicht entwickeln können. Neben Wochenmärkten, Hofläden und Ökokisten gibt es inzwischen sehr unterschiedliche Formen dieser Zusammenarbeit. Sie reichen von „Genussscheinen“, mit denen Bürger Investitionsmittel für landwirtschaftliche Betriebe bereitstellen, über „solidarische Landwirtschaft“, bei der sich Konsumenten für Mitarbeit und dauerhaften Bezug von Lebensmitteln von „ihrem“ Hof entscheiden, bis zur „Regionalwert AG“, bei der finanzielle Verantwortung und Beteiligung im regionalen Zusammenhang über einen Verbund von Höfen entwickelt werden.

Drittens sollten die Bauern die Rolle als einflusslose „Preisnehmer“ nicht mehr akzeptieren. Hier waren die in mehreren EU-Ländern ab 2008 durchgeführten „Milch-Ablieferstreiks“ wichtige Aktionen. Diese und ähnliche Aktivitäten wurden vom Willen getragen, sich nicht mehr nur etwas von Marktwirtschaft erzählen zu lassen, sondern – durch „Bündelung“ der Interessen – selbst ein aktiver und auf Augenhöhe verhandelnder Partner am Markt zu werden – oder überhaupt erst wieder einen Markt zu schaffen. Die Anstrengungen, hier so etwas wie gewerkschaftliches Handeln zu erlernen und durchzusetzen, sind riesig und bewundernswert; der Widerstand der Ernährungsindustrie dagegen ist groß und gut organisiert. Vor allem in Frankreich und Spanien fordern oppositionelle Bauernorganisationen außerdem die Parlamente auf, für die wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse Mindestpreise einzuführen,  um das Einkommen der Landwirte nach unten abzusichern.

Die Rolle des einflusslosen Preisnehmers nicht mehr zu akzeptieren ist selbstverständlich auch auf die Verbraucher übertragbar. Wirkungsvoll ist zudem der öffentliche Schulterschluss zwischen Bauern, Verbrauchern und Umweltschützern, etwa auf der jährlichen „Wir haben es satt“-Demo in Berlin. Diese und weitere Aktionen können die Bauern und Bäuerinnen, die ihre Selbständigkeit behalten und verantwortungsbewusst wirtschaften wollen, sehr unterstützen.

Interview: Johann Thun

Weitere Informationen: www.meine-landwirtschaft.de

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