„Rechtsextreme setzen auf Naturschutz“

Aus DER RABE RALF Oktober/November 2018, Seite 12

Interview mit Lukas Nicolaisen von der Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz

Lukas Nicolaisen. (Foto: NFJ)

Der Rabe Ralf: Herr Nicolaisen, was ist Radikalisierungsprävention und warum gibt es dafür bei den Naturfreunden jetzt eine Fachstelle?

Lukas Nicolaisen: Mit Radikalisierungsprävention sind zunächst mal alle Maßnahmen gemeint, die verhindern sollen, dass Menschen sich politisch radikalisieren. Oder andersrum formuliert: Maßnahmen, die demokratiefördernd sind, sich also positiv auf Menschenrechte, Vielfalt, Chancengleichheit und Nachhaltigkeit beziehen.

Meistens werden damit Jugendliche und junge   Erwachsene angesprochen. Manchmal aber auch Menschen, die ihr Wissen weitergeben. Die Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz, kurz FARN, hat beide Zielgruppen im Blick. Wir entwickeln also Bildungsformate für junge Menschen und bieten gleichzeitig Fortbildungen für Personen an, die in der Kinder- und Jugendhilfe oder im Natur- und Umweltschutz tätig sind.

Der zu beobachtende Rechtsruck in Deutschland und Europa macht es aus unserer Sicht notwendig, gerade mit jungen Menschen in den Dialog zu treten. Denn sie sind es, die – hoffentlich – in der Zukunft die Demokratie tragen und bewahren werden. Es ist deshalb wichtig, sie für Selbstbestimmung, Emanzipation und Gleichheit zu begeistern.

Sind Umweltschützer aber nicht sowieso Demokraten, oft sogar eher links?

Das ist eine Ansicht, mit der wir tatsächlich ziemlich oft konfrontiert sind. Die meisten Menschen in Deutschland würden wohl sagen, dass die Ökologiebewegung in den 1970er und 80er Jahren entstanden ist. Viele denken hier auch sofort an die Anti-AKW- und die 68er-Bewegung. In dieser Assoziationskette taucht Rechtsextremismus einfach nicht auf. Beschäftigt man sich aber näher mit dem Themenfeld, wird offensichtlich, dass Naturschutz und Rechtsextremismus leider vielfach miteinander verknüpft waren und sind.

Rechtsextreme Gruppen und Einzelpersonen engagieren sich in unterschiedlichen Bereichen des Natur- und Umweltschutzes. Von klassischem Artenschutz über Ökolandbau, fairen Handel  und Nachhaltigkeit bis hin zu regionalen Wirtschaftskreisläufen und erneuerbaren Energien ist wirklich alles dabei. Tatsächlich ist mir noch kein Natur- oder Umweltschutzthema untergekommen, das nicht auch von extrem rechten Gruppierungen aufgegriffen und bespielt wird.

Dieses Phänomen ist auch gar nicht neu. Es ist mitnichten so, dass neu-rechte Bewegungen plötzlich den Natur- und Umweltschutz für sich entdeckt hätten. Vielmehr beziehen sich rechtsextreme Gruppierungen gerne auf die Geschichte des deutschen Natur- und Umweltschutzes und definieren Umweltschutz vor diesem Hintergrund als ursprünglich rechtes Themenfeld. Sie beziehen sich auf den Biologen Ernst Haeckel und den von ihm mitbegründeten Sozialdarwinismus, auf die Heimatschutzbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts und auf die Lebensreformbewegung. Die alte Rechte nimmt zudem gerne Bezug auf das Reichstierschutz- und das Reichsnaturschutzgesetz, die 1933 und 1935 im Dritten Reich verabschiedet wurden.

Wie kam es zur Gründung der Fachstelle?

Dafür muss ich ein bisschen ausholen, denn die Gründung hat viel mit unserer Verbandsgeschichte und unserem Selbstverständnis zu tun. Die Naturfreunde und die Naturfreundejugend sind aus der Arbeiterbewegung hervorgegangen. Die „Eroberung“ der Natur für die Arbeiterschaft war von Anfang an auch zu verstehen als Eroberung von Freiraum für die persönliche und vor allem politische Entwicklung der Arbeiterinnen und Arbeiter. Für Naturfreunde war das Engagement gegen die Ausbeutung der Natur deshalb auch schon immer verknüpft mit dem Engagement gegen die Ausbeutung der Menschen und umgekehrt. Das eine gegen das andere auszuspielen kam für Naturfreunde nie in Frage. Dieser Grundsatz findet sich bis heute in der Naturfreundebewegung und damit auch in der Arbeitsweise von FARN wieder.

Die Fachstelle bietet bundesweit Bildungsveranstaltungen über Naturschutz und Rechtsextremismus an. (Foto: FARN)

Dazu kommt die eigene Verbandserfahrung mit dem nationalsozialistischen System. Die Kritik am Kapital und an der herrschenden Klasse führte 1933 zum Verbot des Touristenvereins „Die Naturfreunde“ durch die Nazis. Viele Naturfreunde engagierten sich daraufhin im Widerstand.

Die Gedenk- und Erinnerungsarbeit, die antifaschistische Arbeit und das Engagement für Natur und Umwelt gehören also zum Selbstverständnis der Naturfreundebewegung. Als im vergangenen Jahr Fördermittel im Bundesprogramm „Demokratie leben“ im Themenfeld Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz zur Verfügung gestellt wurden, war es für uns selbstverständlich, uns um diese Förderung zu bewerben.

Welche Probleme mit rechtsradikalen Naturschützern gibt es in Berlin und Brandenburg?

In Brandenburg ist die neonazistische Kleinpartei „Der III. Weg“ aktiv – auch und gerne im Natur- und Umweltschutz. Regelmäßig engagieren sich Parteimitglieder für die sogenannte „Säuberung der Umwelt“ – gemeint ist, auch wenn sich anderes vermuten ließe, das Aufsammeln von Müll in Parkanlagen, Wäldern et cetera. Zum Jahresende werden unter dem Slogan „Tierfutter statt Böller“ regelmäßig Spenden für Tierheime gesammelt. Überhaupt spielt Natur- und Umweltschutz im Programm des „III. Wegs“ eine große Rolle.

Auch die NPD engagiert sich immer wieder im Natur- und Umweltschutz. In der Vergangenheit war es der Partei gelungen, in regionale Natur- und Umweltschutzbündnisse – zum Beispiel gegen Braunkohle oder gegen Gentechnik – einzudringen und hier auch Schlüsselpositionen einzunehmen.

Im Sommer dieses Jahres engagierten sich die Jungen Nationalisten, die Jugendorganisation der NPD, mit der Social-Media-Kampagne „Bienen-Guerilla – Support your local Bienenvolk“ für „heimische“ Bienen. Supportet wurde die Kampagne vom rechtsextremen Versandhandel Revoltopia, der seinen Sitz in Berlin hat und damit wirbt, nachhaltig, ethisch und sozial zu sein. Man setzt auf ökologischen Anbau und Fairtrade. Verkauft wurden hier Saatgutmischungen als „Munition“ für die Bienen-Guerilla. Auf der Website ist zu lesen: „Für jedes bestellte Tütchen spenden wir eines an Kindergärten, Einrichtungen oder verschenken es so an Interessierte, um das Projekt bekannter zu machen! Du hilfst also durch deine Bestellung aktiv an der Verbreitung!“

Aus unserer Sicht führt allerdings die Fokussierung auf einzelne rechtsextreme Personen oder Gruppierungen, die sich im Natur- und Umweltschutz engagieren, eher in die Irre. Wesentlich ist für uns, den Blick auf das gesamte Bild zu lenken.

Dazu gehört erstens, zu erkennen, dass Natur und Umwelt zentrale Elemente im rechtsextremen Menschen- und Weltbild sind. Rechtsextreme begreifen sich als Umweltschützer. Ein Slogan wie „Umweltschutz ist Heimatschutz“ oder „Naturschutz ist Heimatschutz“ oder auch „Naturschutz ist identitär“ findet sich in allen rechten beziehungsweise extrem rechten Zusammenschlüssen. Begriffe wie Natur, Lebensraum, Arterhalt/Artenvielfalt, Flora und Fauna haben dort eine zentrale Stellung in der Betrachtung der Welt.

Und zweitens ist es aus unserer Sicht unbedingt notwendig, sich kritisch mit Konzepten im „Mainstream-Natur- und -Umweltschutz“ auseinanderzusetzen. Bis heute finden sich dort auch menschenverachtende und demokratiefeindliche Denkmodelle, zum Beispiel neo-malthusianische Ansätze, nach denen zum Wohle von Natur und Umwelt die Bevölkerung – vor allem im globalen Süden – „reduziert“ werden soll. Das macht es extrem Rechten leicht, an Vorhandenes anzuknüpfen, Strukturen zu unterwandern und schlimmstenfalls die Deutungshoheit zu erlangen.

2005 hatte der Rabe Ralf öffentlich gemacht, dass der Namensgeber des Berliner Naturschutzpreises Victor Wendland ein hoher NS-Beamter war und nach dem Krieg die Rehabilitierung der bedeutenden jüdischen Naturschützer Max Hilzheimer und Benno Wolf verhindert hatte. Es gab eine Debatte und der Preis wurde umbenannt. Ist das ein Einzelfall?

Es ist sicherlich eher Regel als Ausnahme, dass nationalsozialistische Natur- und Umweltschützer auch nach 1945 wieder zu Ehren kamen. Der wohl bekannteste unter ihnen ist Konrad Lorenz, der heute hauptsächlich als „Vater der Graugänse“ bekannt und beliebt ist. Dass er Sprecher des „Rassenpolitischen Amtes“ der NSDAP war, kommt in Berichten und Artikeln nicht selten eher nebensächlich daher. Dabei war Zeit seines Lebens immer wieder erkennbar, dass sein Naturbild und damit auch sein wissenschaftliches Wirken stark mit NS-Ideologien wie zum Beispiel dem Sozialdarwinismus verbunden war – den Nobelpreis hätte jemand mit einer solchen Biografie natürlich nie erhalten dürfen.

Aber auch heute weniger bekannte NS-Naturschützer konnten nahtlos an ihre Karriere in Nazi-Deutschland anschließen. Heinrich Wiepking-Jürgensmann zum Beispiel, der als Landschaftsarchitekt am nationalsozialistischen „Generalplan Ost“ für Osteuropa beteiligt war, fand nach 1945 wieder eine Anstellung an der Universität Hannover. Bis 1994 wurde zudem der Heinrich-Wiepking-Preis für hervorragende Diplomarbeiten verliehen.

Im Juni fand die erste bundesweite Fachtagung der Fachstelle Radikalisierungsprävention statt. (Foto: FARN)

Bis heute vergibt die Stadt Rinteln in Niedersachsen alle drei Jahre den Reinhold-Tüxen-Preis, um Persönlichkeiten auszuzeichnen, die „Hervorragendes in Forschung und Lehre auf dem Gebiet der Vegetationskunde“ geleistet haben. Von Reinhold Tüxen wissen wir, dass seine Karriere als Pflanzensoziologe nicht nur in der NS-Zeit begann, sondern mit dieser in enger Verbindung stand. Das Handbuch der völkischen Wissenschaften weist ihm eine Schlüsselrolle in der scheinbaren Verwissenschaftlichung der „Blut-und-Boden-Ideologie“ zu.

Ganz konkret war Tüxen auch an der Planung des Reichsparteitagsgeländes und des Westwalls sowie am Bau der deutschen Autobahnen beteiligt. Außerdem ist davon auszugehen, dass Reinhold Tüxen an der Begrünung des KZ Auschwitz-Birkenau und an der Planung der „deutschen Musterstadt“ Auschwitz beteiligt war.

Veranstaltungen bietet FARN bisher nur in Niedersachsen an. Warum?

Das ist so nicht ganz richtig. FARN ist bundesweit tätig. Wir bieten individuell zugeschnittene Informations-, Beratungs- und Qualifikationsmöglichkeiten in Form von Vorträgen, Seminaren und Workshops an. Inhalt und Format werden mit den Auftraggebern abgestimmt. Uns ist wichtig, auf individuelle Fragen und Zielsetzungen eingehen zu können.

Einen Workshop, der sich an engagierte Jugendliche in Natur- und Umweltschutzverbänden richtet, gestalten wir zum Beispiel grundsätzlich aktiver und erfahrungsorientierter als eine Veranstaltung mit Studierenden oder hauptamtlich Tätigen in Natur- und Umweltverbänden. Außerdem macht es einen großen Unterschied, ob sich die Anfrage aus reinem Interesse am Thema oder aus einem konkreten Anlass ergibt, zum Beispiel rechte Unterwanderungsversuche.

Unsere eigenen Seminare finden aber tatsächlich überwiegend in Hannover und Bielefeld statt. Das hat ganz praktische Gründe. In beiden Städten haben wir das große Glück, Bildungsstätten vorzufinden, die auch Naturfreundehäuser sind.

Was können Umweltorganisationen gegen rechte Ökologen unternehmen? Was kann jede und jeder einzelne tun?

Das oberste Gebot lautet: Keine „Querfront“ mit extrem rechten Natur- und Umweltschützern. Auch wenn sich Forderungen ähneln oder sogar gleichen mögen, die Beweggründe für rechten Natur- und Umweltschutz sind ganz andere. Sie sind immer mit menschenrechtsverachtenden und demokratiefeindlichen Ideologien verknüpft. Letztlich geht es beim rechtsextremen Natur- und Umweltschutz immer um Heimatschutz und am Ende sogar um Volksschutz. Und mit „Volk“ ist in diesem Zusammenhang nie Staatsbürgerschaft gemeint, sondern eine irgendwie historisch und organisch gewachsene homogene Gemeinschaft.

Für jede und jeden Einzelnen bedeutet das: Augen und Ohren auf. Nachfragen, wenn einem eine Aussage von einem Mitstreiter oder einer Besucherin merkwürdig vorkommt. Und, ganz wichtig, menschenverachtenden und demokratiefeindlichen Positionen widersprechen.

Vielen Dank!

Die Fragen stellte Matthias Bauer.

Lukas Nicolaisen leitet die Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (FARN) der Naturfreunde in Berlin-Friedrichshain. Weitere Informationen: www.nf-farn.de


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