Rezensionen

Aus DER RABE RALF Februar/März 2022, Seiten 21-27

Zurück auf Anfang

Ernst Paul Dörfler führt vor, wie wir aus Klimakrise, Monokultur und Konsumzwang herauskommen können

Dieses Buch ist wie ein Flashback. Als wäre alles wieder auf Anfang gestellt, auf 1989, das Jahr, als Deutschland eine einmalige historische Chance erhielt – und sie mit aller Macht gründlich versiebte. Man hat es ja beinah vergessen, dass ein Kernelement der Friedlichen Revolution einmal grün war. Grün wie die Klimagerechtigkeit.

Ost und West auf dem Holzweg

1989 erschien die zweite Auflage von Ernst und Marianne Dörflers Buch „Zurück zur Natur? Mensch und Umwelt aus ökologischer Sicht“. Die erste Auflage war 1986 erschienen – und zwar nicht nur in Frankfurt am Main, sondern auch beim Urania Verlag in der DDR. Das Buch war praktisch sofort vergriffen. Lange vor dem Herbst 1989 hatten die Dörflers aufgeschrieben, warum die DDR auch wirtschaftlich auf dem Holzweg war, sich die falschen Ziele setzte und die Menschen genauso wie im Westen zum falschen Konsumdenken erzog, während die bildungspolitische Besessenheit von den Wundern der Technik schon die Kinder von der lebendigen Natur entfremdete, ohne die wir alle nicht existieren können. Das Wissen darum, wie in Ost wie West auf Grundlage rücksichtsloser Ressourcenausbeutung unsere Lebensgrundlagen zerstört wurden, war lange vor der Wiedervereinigung da und hätte spätestens – so betont Dörfler – ab 1994 in Politik umgesetzt werden müssen. Aus westdeutscher Sicht schon ab 1990. Aber das verhinderten ausgerechnet die Ostdeutschen, indem sie mehrheitlich die D-Mark, Helmut Kohl und „freie Fahrt für freie Bürger“ wählten, also genau den Dreiklang, der die Klima- und die Artenkrise weiter verschärfte.

Für Dörfler war schon 1982 klar, dass der Weg des entfesselten Wachstums und der Zwang zur Verstädterung der falsche Weg war. Mit Freunden ging er damals „aufs Dorf“, gründete mit ihnen eine Dorfgemeinschaft, um dort gemeinsam ein Leben abseits der städtischen Beengtheiten und der hohen Umweltbelastung zu probieren. Im Grunde das erste ökologische Dorfexperiment im heutigen Sachsen-Anhalt.

Später fand er ein Häuschen in einem kleinen Dorf gleich am Biosphärenreservat Mittelelbe, Teil des 1979 eingerichteten Unesco-Biosphärenreservats Flusslandschaft Elbe. Man glaubt es kaum – aber die DDR hatte schon elf Jahre vor der Wiedervereinigung mehr Biosphärenreservate als der Westen. Was den Umgang mit der Natur im Osten umso schizophrener erscheinen lässt.

Zwang zum Falschen

Ganz trocken stellt Dörfler etwas fest, was in den Köpfen etlicher unserer Politiker schlicht nicht ankommen möchte: „Unser Heimatplanet ist fragil, zerbrechlich geworden. Das Klima, die natürliche Vielfalt, die Gesundheit – sie lassen nicht mit sich verhandeln.“ Der Größenwahn des von seiner Allmacht überzeugten Menschen ist gescheitert und führt die Menschheit gerade in die größte Katastrophe, die sie je erlebt hat.

Zwar wissen wir alle, dass wir falsch leben. Aber wir ändern unser Leben nicht. Auch dann nicht, wenn die Besserverdienenden von uns in die Speckgürtel der Großstädte ziehen – in ein klimatisch höchst bedenkliches Eigenheim aus dem Musterkatalog, mit getrimmter (biologisch toter) Wiese drumherum und täglichen Stunden beim Pendeln zur Arbeit in die Stadt.

Dörfler weiß sehr wohl, dass das mit Zwängen zu tun hat. Das war auch schon 1982 sichtbar: Die gute Ausbildung, die gut bezahlten und hochqualifizierten Arbeitsplätze gab es nur in den großen Städten. Dasselbe galt auch damals schon für das Warenangebot und die Kultur. Weniger für die medizinische Versorgung. Darin unterschied sich die DDR deutlich vom Westen: Die medizinische Versorgung war auch in den Dörfern flächendeckend gesichert über Landambulatorien und Schwesternstationen.

Heute sind viele ländliche Regionen regelrechte Versorgungswüsten: kein Arzt, kein Supermarkt, kein Gemeindebüro, keine Polizeistation, kein Zug, kein Bus. Alles, was 1982 schon im Kern vorhanden war, hat sich seitdem noch weiter verschärft. Mit allen Problemen, die die heutigen dicht bebauten und im Sommer massiv überhitzten Städte mit sich bringen.

Naturverträgliche Landwirtschaft

Unsere beiden großen Hauptprobleme haben genau mit diesem falschen Verständnis von Wohnen, Leben und Arbeiten zu tun – die Klimakrise genauso wie das Artensterben. Denn mittlerweile gehört auch die industrielle Landwirtschaft zu den Haupttreibern von Klimaerhitzung und Artensterben.

Mit gutem Recht weist Dörfler darauf hin, dass es ein ziemlich dummer Gedanke ist, wenn ein Land wie Deutschland sich von unsicheren Lieferungen aus aller Welt so abhängig macht, wie wir es im ersten Corona-Jahr alle erlebt haben. Deutschland braucht eine autarke Nahrungsversorgung. Und die bekommt es auch nur, wenn vor allem die klimaschädlichen Teile unserer Nahrungsmittelproduktion verschwinden – zuallererst die Massentierhaltung, die der Haupttreiber der klimaschädlichen Emissionen in dem Bereich ist.

Ein Ausweg ist nur die Ökolandwirtschaft, über deren heute zu findende Modelle Dörfler am Ende seines Buches schreibt. Denn längst finden sich wieder Menschen, die bereit sind, naturverträglich zu ackern und auch die Natur wieder zu reparieren, wo sie Landwirtschaft betreiben – klassische Biobauern genauso wie Solidarische Landwirtschaften. Und ihre Produkte verkaufen sie direkt an die Städter, die diese Projekte unterstützen und gleichzeitig wissen, dass das, was sie dafür in der Gemüsekiste finden, gesünder ist als das industriell hergestellte Grünzeug aus dem Supermarkt.

Gerade das letzte Kapitel nutzt Dörfler, um durchzudiskutieren, ob wir nicht Wege finden, die Dörfer wieder zu beleben. Denn die jungen Leute ziehen ja nicht nur weg, weil alle attraktiven Einrichtungen geschlossen wurden, sondern weil auch die attraktiven Arbeitsplätze fehlen. Die Landwirtschaft ist ja selbst zum Modell der radikalen Arbeitsplatzvernichtung geworden.

Ermunterung zum Ausprobieren

Und so geht Ernst Paul Dörfler mit seinem Buch eigentlich zurück auf Anfang, dorthin, wo er einst die blindlings planenden Genossen auf den Irrsinn ihres Weges aufmerksam machte. Ein Irrsinn, der im heutigen Wachstumswahn genauso steckt. Und aus dem wir durchaus herauskommen könnten, wenn wir beginnen könnten, uns wieder als Teil der Natur zu begreifen, ohne deren Gaben wir nicht überleben können.

Nicht die von sich selbst so begeisterten Ingenieure sind gefragt, sondern die Bewahrer und Renaturierer, Menschen, die unsere Umwelt mit Wissen und Aufmerksamkeit wieder zum Leben erwecken. Und die das nicht nur in den Städten versuchen, sondern auch begreifen, dass das lebendige Land draußen vor der Stadt genauso wieder gesunden muss. Auch als Gabe und Geschenk an unsere Kinder und Enkel.

Wir haben 40 Jahre verloren, weil wir uns den Konsumzwang und die Wachstumsnot haben einreden lassen. Trotzdem ist Dörflers Buch wie eine Ermunterung: Probiert es einfach. Es ist aufregend, anstrengend und fordernd – aber es ist nicht schlimm, wenn wir uns nicht mehr von den falschen Versprechungen einer irre gewordenen Wachstumsgesellschaft pampern lassen.

Ralf Julke

Ernst Paul Dörfler:
Aufs Land
Wege aus Klimakrise, Monokultur und Konsumzwang
Hanser Verlag, München 2021
352 Seiten, 22 Euro
ISBN 978-3-446-27164-7

Stark gekürzt. Langfassung in der „Leipziger Zeitung“ (LZ): www.kurzelinks.de/aufsland


Die Klimakrise ist gelöst

Aber nur in der Theorie. An der Umsetzung mangelt es noch

Wussten Sie, dass der Reisanbau durch seinen hohen Methanausstoß zum Klimawandel beiträgt? Oder dass nur sechs Prozent aller Flüge Langstreckenflüge sind, diese aber trotzdem über die Hälfte der CO2-Emissionen aus Flügen ausmachen? Und haben Sie schon einmal von Ozeandüngung gehört? Egal ob Ihre Antworten ja oder nein lauten, in den beiden Büchern von David Nelles und Christian Serrer werden Sie garantiert noch etwas Neues lernen, auch wenn Sie schon sehr gut über den Klimawandel informiert sind.

Mit dem 2018 im Eigenverlag herausgebrachten Buch „Kleine Gase – große Wirkung: Der Klimawandel“ haben die beiden Wirtschaftsstudenten eine Marktlücke gefüllt: Es gab vorher kein deutschsprachiges Buch, das kurz und knapp, aber trotzdem umfassend die Ursachen und Folgen des Klimawandels erklärt. Das Ganze wird mit zahlreichen Grafiken und Statistiken veranschaulicht und selbstverständlich mit Quellen belegt. Es wird deutlich, dass der gesamte Klimawandel eigentlich auf den menschengemachten Treibhauseffekt zurückzuführen ist, die Folgen aber sehr vielfältig sind und sich wiederum gegenseitig beeinflussen. Ein sehr komplexes Thema also, die Autoren versuchen, leicht nachvollziehbar darzustellen. In den allermeisten Fällen gelingt das auch gut, nur ab und zu fehlt noch eine Information, die das Verständnis erleichtern würde. Wer keine Vorliebe für Zahlen hat, findet im hinteren Teil des Buches noch ein paar konkrete, anschauliche Beispiele für bedrohte Tierarten wie Pfeifhasen oder Korallen, anhand derer die Kombination verschiedener durch den Klimawandel verursachter Probleme, wie das Schmelzen der Schneedecke oder die Verschiebung der Jahreszeiten, erklärt werden.

Das Buch konnte mich, anders als die namhaften Personen, die auf der Rückseite des Einbandes zitiert werden, nicht hundertprozentig überzeugen, dennoch würde ich es hundertprozentig weiterempfehlen, denn es ist sehr interessant und ein vergleichbares Buch existiert schlichtweg nicht. Allein schon die gebündelte Darstellung eines so komplexen Themas spricht für sich. Anfangs hat mich die Gliederung des Buches nicht begeistert, da mir alles zu chaotisch erschien. Doch nach näherer Beschäftigung damit erkannte ich den Sinn dahinter. Am Ende gibt es neben einem Fazit auch einen Ausblick auf Lösungen für die Klimaprobleme, damit man nicht in der Klimaangst versinkt, sondern motiviert ist, etwas gegen die größte Krise der Menschheit (und nebenbei auch die größte Gesundheitsgefahr des 21. Jahrhunderts) zu unternehmen. „Kleine Gase – große Wirkung“ hatte einen solchen Erfolg, dass es ausverkauft und nur noch gebraucht erhältlich ist. Dafür erschien kürzlich der zweite Band, der mich auf Anhieb mehr begeistern konnte als der erste.

Energiewende plus Konsumwende

„Machste dreckig – machste sauber: Die Klimalösung“ ist wesentlich dicker als das erste Buch, und auch das Format ist etwas größer. Schade für Fans von ästhetisch geordneten Bücherregalen! Aber es enthält umso mehr Information – und hier hätte man, wie ich finde, auch inhaltlich fast nichts besser machen können.

Am Anfang werden die wichtigsten Aussagen des ersten Bandes noch einmal kurz und knackig zusammengefasst, bevor nach Sektoren sortiert die Vor- und Nachteile der verschiedensten technischen Lösungsansätze wie Direct Air Capture (DAC), Wasserstoffautos oder der klassischen Photovoltaik-Anlagen erklärt werden, aber auch die der nicht-technischen Maßnahmen. Im Endeffekt sind die wirkungsvollsten Maßnahmen alle auf die klimafreundliche Energieerzeugung, die Reduktion des Konsums tierischer Produkte und die allgemeine Konsumreduktion zurückzuführen.

Das Buch stimmt zumindest ein kleines bisschen hoffnungsvoll, indem es aufzeigt, dass es eigentlich für alle Probleme realistische Lösungen gibt. Sie müssen „nur noch“ umgesetzt werden! Deshalb ist eine konsequente Klimapolitik mit umfangreichen regulatorischen Maßnahmen und Umverteilung der Subventionen unerlässlich, jedoch haben auch das eigene Engagement und das Verhalten im Alltag große Wirkung. Außerdem ist internationale Zusammenarbeit wichtig, um nicht nur in Europa, sondern auch in Ländern des globalen Südens eine klimafreundliche Entwicklung trotz des wachsenden Wohlstands und des Bevölkerungswachstums erreichen zu können. Auch die Frage der Klimagerechtigkeit wird kurz angerissen, jedoch nicht weiterverfolgt. Die beiden Autoren haben wirklich an alles gedacht: Beispielsweise wird auch über Arbeitsplätze und Digitalisierung im Zusammenhang mit den vorgeschlagenen Lösungen gesprochen.

Die Autoren gehen sehr objektiv, kritisch und reflektiert an alle wissenschaftlichen Erkenntnisse heran und sagen auch klar und deutlich, wenn etwas unsicher oder unzureichend erforscht ist oder etwas sogar zum Klimawandel beitragen könnte, von dem man dies nicht erwartet hätte. Mitunter stößt man auf überraschende Forschungsergebnisse. Wünschenswert wären noch ein paar Worte über Kipppunkte und über die IPCC-Berichte gewesen, weil dadurch die Dringlichkeit der Klimakrise noch deutlicher geworden wäre.

Die beiden Bücher können auch sehr gut als Nachschlagewerk dienen, wenn man noch einmal nachschauen möchte, wie viel Strom eine Windkraftanlage im Jahr erzeugen kann oder wie die Korallenbleiche zustande kommt. Nicht umsonst sind die beiden Bücher Spiegel-Bestseller geworden: Sie sollten eigentlich Standardwerke sein, die jeder gelesen haben sollte. Auch und gerade Personen, die ein politisches Amt innehaben, sollten sich diese Informationen zu Gemüte führen. „Die Klimalösung“ enthält sogar mehr oder weniger eine Anleitung für die erforderlichen politischen Maßnahmen.

Das Erfolgskonzept besteht unter anderem darin, dass über 250 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen einbezogen wurden. Zu jedem speziellen Thema wurden das Wissen und die Forschungsergebnisse renommierter Klimaexperten zusammengetragen. Im Übrigen betreiben die beiden Autoren auch einen Youtube-Kanal namens „Klima wandel dich“ und die Fortbildungsplattform „Klimafabrik“ für Unternehmen, Kommunen und die Politik.

Lisa Graf

David Nelles, Christian Serrer:
Kleine Gase – große Wirkung
Der Klimawandel
KlimaWandel, Friedrichshafen 2018
128 Seiten, gebraucht ca. 8 Euro
ISBN 978-3-9819650-0-1

David Nelles, Christian Serrer:
Machste dreckig – machste sauber
Die Klimalösung
KlimaWandel, Friedrichshafen 2021
200 Seiten, 10 Euro
ISBN 978-3-9819-650-1-8

Weitere Informationen: www.klimawandel-buch.de


Von Nazi-Siedlern und Öko-Schwurblern

Andreas Speit und Andrea Röpke zeigen bemerkenswerte Querverbindungen auf

Wer derzeit auf einigen Berliner Ökomärkten unterwegs ist, wird sich vielleicht über die geringe Anzahl an Maskenträgern unter Händlern und Besuchern wundern. Gelegentlich kann man dort auch ein Gespräch über verordnete „Maulkörbe“ und die „Impfdiktatur“ unserer „totalitären Regierung“ aufschnappen. „Nanu“, wird sich der unbedarfte Besucher wundern, „hatte öko nicht immer was mit links zu tun und geht es Linken nicht um den Schutz der Schwachen, sprich: den vom Virus besonders betroffenen Bevölkerungsteilen?“ Weit gefehlt! Kenner wissen schon lange, dass die Ökoszene faule Stellen hat, die bis zu ihren Wurzeln zurückreichen. Wer noch Zweifel daran hat, kann sich von Andreas Speit und Andrea Röpke eines Besseren belehren lassen.

Corona als Indikator

Wenn die Corona-Krise ein Gutes hat, dann, dass sie als das dient, was man in der Chemie einen Indikator nennt. Sie zwingt Teile der Gesellschaft dazu, Farbe zu bekennen, und lässt sonst verdeckte Wiedersprüche in aller Deutlichkeit hervortreten. Speit schreibt in „Verqueres Denken“, dass das allgemeine Bewusstwerden der drohenden Klimakatastrophe zur Bildung einer neuen, dritten Lebensreformbewegung geführt hat. Diese sei, wie ihre um 1900 und 1968 auftretenden Vorgänger, teilweise wissenschaftsfeindlich eingestellt und beklage die „Entzauberung der Welt“. Aus demselben Umfeld stammt wiederum ein großer Teil jener, die sich Impfkritiker oder gar Impfgegner nennen. Natur sei immer gut, Wissenschaft meistens schlecht, so das hier vorherrschende schlichte Weltbild. Da Impfungen unnatürlich und deshalb abzulehnen seien, könnten nur die Pharmalobby, Bill Gates oder noch dunklere Mächte hinter der Pandemie stecken. Aus – im besten Fall – kapitalismuskritischen Instinkten und alten Ressentiments bastelt man sich ein feindliches System zusammen, gegen das es sich zu erheben gilt.

Speit kann belegen, dass ökobewegte Impfgegner oft aus dem wohlbekannten Milieu grün wählender Besserverdiener kommen, die ihre Kinder mit dem Elektro-SUV zum Waldorfkindergarten fahren und dann vor dem Ökosupermarkt parken. Tonangebend sind hier also weniger die sächsisch grölenden Ost-Proletarier, die uns die üblichen Fernsehberichte genüsslich als Coronamob präsentieren, sondern Teile jenes verrohten Bürgertums, das sich sonst so gerne über den unaufgeklärten Pöbel erhebt.

In gut geschriebenen Einzelkapiteln gibt Speit einen Überblick zu allen Hauptprotagonisten und Netzwerken der Querdenker. Dabei spart er allerdings nicht an Wiederholungen. Aufschlussreich ist der historische Abriss über die Geschichte alternativ-medizinischen Denkens. Hier erfährt man etwa, dass es schon 1881 ein deutsches Monatsheft mit dem Titel „Der Impfgegner“ gab. Natürlich dürfen auch lange Kapitel über die politisch ambivalente Gründungsgeschichte der Grünen und der Waldorfschulen nicht fehlen. Der als „Avocado-Adolf“ bekannte Tierfreund und Judenfeind Attila Hildmann hat hier ebenso seinen Auftritt wie Paul Watson, der durchaus umstrittene Gründer von „Sea Shepherd“. Jeder Leser muss selbst entscheiden, ob hier nicht doch einiges durcheinandergerät.

Alte Bekannte und neue Kameraden

Erwartbar landet auch Speit irgendwann bei den dünnbrettbohrenden Halbdenkern aus Schnellroda und dem vom eigenen Pathos dauerhaft erregten Ex-Lehrer aus Bornhagen, die eine sich langweilende bürgerliche Presse zu dämonischen Charismatikern und faszinierenden Totaloppositionellen machen will. Auch diese Neurechten geben sich neuerdings einen ökologischen Anstrich und können sich dabei tatsächlich auf einige Ahnen berufen.

Die von all diesen Personen und Gruppen lautstark proklamierte Behauptung, eine Alternative zum herrschenden System zu vertreten, erweist sich bei näherem Hinsehen als grobe Selbsttäuschung. Am eigenen Anspruch gemessen, lassen sich die eher erfühlten Argumente dieser Pseudorebellen leicht widerlegen. So hat der Glaube daran, dass mir das Virus ja nichts anhaben kann, weil ich mich gesund ernähre und im Einklang mit der Welt lebe, wenig mit naturnaher Spiritualität, aber viel mit dem allgegenwärtigen egoliberalen Selbstoptimierungswahn zu tun. Auch der AfD geht es nicht um die geliebten Landsleute, denn ihre Coronapolitik ist genauso wenig „patriotisch“ wie ihre Wirtschaftspolitik. Beide Gruppen sind einfach nur sozialdarwinistisch. Speit bringt es auf den Punkt: „Die Demonstrant:innen denken nicht quer, sie denken egoman.“

Und ewig klingen die Zedern

In der zusammen mit Andrea Röpke geschriebenen Studie „Rechte Landnahme“ widmet sich Speit einem verwandten Thema: den Siedlungsprojekten rechtsextremer Gruppen auf deutschem Boden. Dass hier einige Protagonisten aus dem Querdenker-Buch erneut auftauchen, ist kein Zufall.

An vorderster Front ist die Anastasia-Bewegung zu nennen. Diese beruft sich auf das mehrbändige Machwerk „Die klingenden Zedern Russlands“ von Wladimir Megre. Der Autor, der einem tatsächlich weismachen will, dass sein Romanepos auf wahren Begebenheiten beruht, präsentiert uns ein unerträglich verkitschtes Natur- und Geschichtsbild, das zwischen weinerlichem Verfolgungswahn (dreimal darf man raten, wer die Bösen sind) und idyllischer Rassenpornografie changiert. Prost Mahlzeit. Wenn sich nicht auch hierzulande ein paar Einfältige finden lassen würden, die dieser Weltanschauung folgen und in Grabow bei Blumenthal im nordwestlichen Brandenburg und anderswo Siedlungsexperimente durchführen, müsste man eigentlich nur noch lachen.

Dass das Thema durchaus ernst ist, machen Speit und Röpke am Beispiel der Artamanen deutlich. Ein Wiedergänger dieser aus dem völkischen Teil der Jugendbewegung stammenden Gruppierung konnte seit den 1990er Jahren mehrere Siedlungen in Mecklenburg-Vorpommern etablieren. Die Neo-Artamanen gehen dabei geschickter vor als ihre simpler gestrickten Geistesverwandten.

Ob mehr staatliche Programme zum „Kampf gegen Rechts“ hier Abhilfe schaffen können, mag bezweifelt werden. Hilfe von oben kann vielleicht das Schlimmste verhindern, doch eine sich nur um kapitalstarke Städte kümmernde Politik hat ja gerade zur Verödung der ländlichen Räume beigetragen. Räume, in die jetzt die Schreckgespenster aus der Vergangenheit eindringen.

Was tun?

Was sollen kritische Ökos angesichts der von Speit und Röpke beschriebenen Gefahren tun? Wachsam sein und sich besinnen! „Wachsam sein“ bedeutet: die eigene Szene kritisch im Auge behalten, argumentieren, wenn es Zweck hat, spotten, wenns absurd wird, und Widerstand leisten, wenn es sein muss.

„Sich besinnen“ heißt: sich nichts wegnehmen lassen und zurück zu den Quellen gehen. Wer auf der Suche nach einer freiheitlichen Naturbeziehung ist und sich für widerständiges Siedeln interessiert, kann bei Gustav Landauer, Martin Buber, Murray Bookchin, Élisée Reclus, Peter Kropotkin und anderen Anregungen finden. Wer die Praxis kennenlernen will, kann eines der vielen linken Ökodörfer besuchen (siehe Seite 27). Denn all diese Ideen, in Wahrheit sind sie unser!

Johann Thun

Andreas Speit:
Verqueres Denken
Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus
Ch. Links Verlag, Berlin 2022
240 Seiten, 18 Euro
ISBN: 978-3-96289-159-6

Andrea Röpke, Andreas Speit:
Völkische Landnahme
Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos
Ch. Links Verlag, Berlin 2021
208 Seiten, 18 Euro
ISBN: 978-3-86153-986-5


Auf nach Eurotopia

Das „Verzeichnis von Ökodörfern und Gemeinschaften in Europa“ liegt in aktualisierter Form vor

Oscar Wilde hat einmal gesagt: „Eine Weltkarte, in der Utopia nicht verzeichnet ist, ist keines Blickes wert, denn sie unterschlägt die Küste, an der die Menschheit ewig landen wird.“ Das vom Ökodorf Sieben Linden herausgegebene Eurotopia-Verzeichnis beschränkt sich zwar auf Europa, kann dabei aber den Anspruch des Dichters übertreffen.

Die Idee ist beinahe so alt wie die Menschheit: Irgendwo muss es doch einen Ort geben, in dem Menschen auf friedliche, freie und gleichberechtigte Art miteinander leben können. Viele Philosophen, Religionsführer und Dichter haben sich einen solchen Ort vorgestellt. Manche Politiker haben seine Existenz erzwingen wollen und erschufen dabei das Gegenteil. Dennoch hat es, am Rande der Geschichte, immer Momente gegeben, die dem Traum nahekamen.

Reale Utopien

 „Eurotopia“ stellt rund 600 Orte vor, die auch heute noch an diese Möglichkeit glauben. Neben der schieren Anzahl ist dabei beeindruckend, wie lange einige der Gemeinschaften schon existieren. 1997 erschien der Band zum ersten Mal, zur Feier des fünfundzwanzigsten Jubiläums liegt nun eine überarbeitete und aktualisierte Ausgabe vor. Das Verzeichnis ist übersichtlich gegliedert und mit zahlreichen Fotos versehen. Sehr schnell kann man sich mithilfe der Legende zurechtfinden und nahe und ferne Orte lokalisieren. Auch die vorangestellten Einleitungstexte sind hilfreich.

Der Hauptteil des Bandes bietet zahlreiche Kurzinformationen zu den ideologischen Grundsätzen, den jeweiligen Prozessen der Entscheidungsfindung, den Besitzverhältnissen und Haupttätigkeitsbereichen sowie dem Grad der Selbstversorgung mit Lebensmitteln in den einzelnen Kommunen. Dadurch ist es möglich, sich schon vom Lesesessel aus ein gutes Bild von den unterschiedlichen Gemeinschaften zu machen. Den Textteil haben in der Regel die Beschriebenen selbst verantwortet. Auch dadurch wird die Vielstimmigkeit der Projekte hervorgehoben.

Kein Reiseführer

Löblich ist auch, dass am Beispiel der Anastasia-Bewegung (siehe S. 21) eine kritische Auseinandersetzung mit rechten Siedlungsversuchen stattfindet. Dieser Abschnitt hätte ruhig länger ausfallen können. Aus dem Hauptteil mit seiner Vielzahl an linken und politisch neutralen Kommunen geht allerdings hervor, dass rechte Gemeinschaften hier eine kleine Minderheit sein müssen.

Das Eurotopia-Verzeichnis will ausdrücklich kein Reiseführer sein. Sehr zu Recht weisen die Herausgeber darauf hin, dass man nicht einfach plötzlich bei einem der beschriebenen Projekte „auf der Matte“ stehen sollte. Die meisten Gemeinschaften haben aber ihre Kontaktdaten hinterlegt und können so von Interessierten erreicht werden. Ob das Leben in den vorgestellten Gemeinschaftsprojekten tatsächlich einer realen Utopie gleichkommt, können nur die Bewohner selbst entscheiden.

Johann Thun

Michael Würfel u.a.:
Eurotopia
Verzeichnis von Ökodörfern und Gemeinschaften in Europa
Blühende Landschaften, Beetzendorf 2021
632 Seiten, 20,90 Euro
ISBN 978-3-9816860-7-4

Direktbezug und weitere Informationen: www.eurotopia.de


Klimawandel trifft alle

… aber sowohl die Ursachen als auch die Folgen sind sehr ungleich verteilt

Von den Folgen des Klimawandels und der Naturzerstörung sind wirklich alle Menschen auf der Welt betroffen. Manche früher, manche später. Manche weniger, manche mehr. Aber letztendlich eben doch alle. Niemand ist also von der Verantwortung befreit, dieser größten Krise der Menschheit entgegenzuwirken. Glücklicherweise gibt es nicht nur hier in Deutschland eine Fridays-for-Future-Bewegung und nicht nur in Europa eine Fülle an Organisationen und Initiativen, die sich den Kampf gegen Umweltverschmutzung und Klimawandel zum Ziel gesetzt haben. Man bekommt es nicht immer mit, aber auch auf allen anderen Kontinenten haben einige Menschen die Gefahren des Klimawandels erkannt und setzen sich dagegen ein. Der Journalist Akshat Rathi aus London hat zahlreiche dieser Jugendlichen aus aller Welt kontaktiert, sie nach ihren Geschichten, Beweggründen und der Art ihres Engagements gefragt und 60 der so gesammelten Erzählungen in seinem Buch „Klima ist für alle da“ zusammengestellt.

Gemeinsam unschlagbar

Der englische Originaltitel „United we are unstoppable“ bringt noch einen anderen Aspekt ins Spiel, nämlich, dass man als einzelner Mensch selten wirklich etwas verändern kann, aber dass trotzdem jede kleine Tat zählt, da sie vereint mit all den kleinen Taten anderer doch einen riesigen Unterschied machen kann. Das wird auch im Buch nochmal aufgegriffen und mit Greta Thunberg in Verbindung gebracht.

Nach zwei Vorworten, die einige interessante Hintergrundinformationen zum Beispiel über die Geschichte des Klimawandels enthalten, sind die einzelnen Texte nach Kontinenten sortiert. Jeweils am Anfang gibt es zu dem Kontinent eine Übersicht, unter anderem mit den größten klimatischen Herausforderungen, was sehr hilfreich ist.

Verstecktes zentrales Thema: Klimagerechtigkeit

Die Aktivisten und Aktivistinnen engagieren sich auf ganz unterschiedliche Weise und sind über sehr verschiedene Wege zum Klimaschutz gekommen. Ein Thema, das sich aber durch sehr viele der Berichte zieht, ist Klimagerechtigkeit. Hier geht es darum, dass die Menschen in den Regionen, die am wenigsten zum Klimawandel beitragen, häufig am schlimmsten davon betroffen sind.

Das Buch hat den Anspruch, nicht nur Probleme aufzuzeigen, sondern vor allem optimistisch und hoffnungsvoll zu sein. Dabei richtet es sich nicht nur an Jugendliche, sondern auch an Erwachsene. In jedem Fall lernt man zahlreiche neue Perspektiven und Fakten kennen – das ist nicht nur lehrreich, sondern auch spannend zu lesen. In aller Deutlichkeit wird auf die wirklich drängende, akute Dimension der Klimakrise hingewiesen.

Ökologisch produziert

Aber nicht nur inhaltlich geht es um den Klimaschutz, auch die Rohstoffe und die Herstellungsweise des Buches spiegeln das ökologische Thema wider. Das Papier wurde aus Abfällen der lokalen Zuckerrübenverarbeitung hergestellt, auf eine Folienumwicklung wurde verzichtet. Außerdem hat sich der Verlag dazu verpflichtet, dass alle Inhaltsstoffe und Materialien der Bücher „in den Kreislauf zurückkehren“ können. Schade ist nur, dass nicht jedes Buch auf diese Weise produziert wird.

Lisa Graf

Akshat Rathi (Hrsg.):
Klima ist für alle da
Wie 60 junge Menschen uns dazu inspirieren, die Welt zu retten
Blanvalet-Verlag, München 2021
320 Seiten, 18 Euro
ISBN 978-3-7645-0778-7


Wohnraum muss keine Ware sein

Der politisch gewollte Aufstieg der Immobilienkonzerne und wie er gestoppt werden kann

Die Kampagne „Deutsche Wohnen und Co. enteignen“ hat nicht nur in Berlin die Diskussion darüber entfacht, dass es doch sinnvoll wäre, dass Wohnraum keine Ware sein muss und dass Enteignungen von Immobilienkonzernen im Interesse der Mehrheit der Bevölkerung liegen könnten. Der Soziologe Philipp Metzger hat in seinem Buch viele Argumente dafür gesammelt.

Der größte Teil des Buches zeichnet auch für Laien verständlich nach, wie in der Mieternation Deutschland die profitorientierten Immobilienkonzerne politisch gewollt die Macht bekamen, die sie heute haben. Metzger zeigt auf, wie in der Ära von CDU-Kanzler Kohl mit dem Ausstieg aus dem sozialen Wohnungsbau die Weichen dafür gestellt wurden. Die Privatisierung des kommunalen Wohnungsbestands in der ehemaligen DDR in den 1990er Jahren hat die neoliberale Transformation des deutschen Wohnungsmarktes weiter vorangetrieben.

In der Zeit der rot-grünen Bundesregierung vor etwa 20 Jahren wurde diese Politik fortgesetzt. Die Deregulierung des Kapitalmarkts unter dem rot-grünen Kabinett Schröder wie auch unter den folgenden Merkel-Regierungen „war ein wichtiger Wegbereiter der aktuellen Industrialisierungsprozesse“, schreibt Metzger. In den folgenden Kapiteln zeichnet er den Aufstieg der börsennotierten Wohnkonzerne nach und beschreibt deren Geschäftsmodelle sehr differenziert. Ein eigenes Kapitel widmet er den Wohnkonzernen Vonovia und Deutsche Wohnen.

Im Schlussteil befassen sich weitere AutorInnen mit besonderen Aspekten der Finanzialisierung des Deutschen Wohnungsmarktes. Mit der Rolle der Investmentgesellschaft Blackrock als Kapitalorganisator beschäftigt sich der Publizist Werner Rügemer. Die Berliner Linksparteipolitikerin Katalin Gennburg zeigt am Beispiel von Airbnb, wie durch die Wohnraumverwertung im digitalen Zeitalter einkommensschwache MieterInnen verdrängt werden.

Wohnungspolitische Alternativen

Allerdings benennt Gennburg auch außerparlamentarische Bündnisse, die einer solchen kapitalistischen Landnahme Grenzen setzen können. Ihr Beitrag verweist auf die Texte im letzten Abschnitt, die sich mit Alternativen für eine andere Wohnungspolitik befassen. Sie wurden von verschiedenen Aktiven der MieterInnenbewegung verfasst.

Philipp Möller von der Berliner Mietergemeinschaft beschreibt, dass der mittlerweile vom Bundesverfassungsgericht gekippte Mietendeckel „eine post-neoliberale Phase in der Wohnungspolitik“ hätte einleiten können. Möller geht in einem kurzen historischen Exkurs auf die Vorläufer des Mietendeckels in der Weimarer Zeit ein, als massive Eingriffe in den Wohnungsmarkt auch von bürgerlichen Parteien verteidigt wurden, die heute schon „Kommunismus“ rufen, wenn die Wohnkonzerne nur in ihren Profiten etwas geschmälert werden oder mehr Steuern zahlen sollen.

Nach dem Scheitern des Mietendeckels ist das Volksbegehren zur Enteignung von Wohnungskonzernen ein neues Pilotprojekt für eine nach-neoliberale Phase. In ihrem Beitrag benennen die AutorInnen aus der Initiative „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ auch die Probleme, mit denen sie sich auseinandersetzen mussten. So hätten auch viele Deutsche-Wohnen-MieterInnen zunächst Vorbehalte gegen die Enteignungsforderung geäußert, weil sie sie mit der radikalen Linken verbanden. Zu lange ist schon vergessen, dass die Sozialisierung von Betrieben in den Programmen vieler DGB-Gewerkschaften stand. Dass es schließlich gelungen ist, die Enteignung von Wohnkonzernen wieder politisch zu diskutieren und dafür fast 60 Prozent Zustimmung zu bekommen, ist schon ein Erfolg der Berliner Kampagne.

Peter Nowak

Philipp Metzger:
Wohnkonzerne enteignen
Wie Deutsche Wohnen und Co. ein Grundbedürfnis zu Profit machen
Mandelbaum Verlag, Wien/Berlin 2021
294 Seiten, 17 Euro
ISBN 978-3-85476-695-7


Menschlichkeit in einer gewaltvollen Welt

Mimmo Lucano, ehemaliger Bürgermeister des Willkommensdorfes Riace, erzählt seine Geschichte

Das Buch von Domenico „Mimmo“ Lucano erschien in deutscher Übersetzung, kurz nachdem der Autor im September 2021 in Italien zu mehr als 13 Jahren Gefängnis verurteilt wurde – rechtlich wegen der Förderung illegaler Einreise, politisch als Strafe dafür, dass er Geflüchtete solidarisch aufgenommen hatte (Rabe Ralf Dezember 2021, S. 20).

Mimmo Lucano war von 2004 bis 2018 Bürgermeister des kleinen kalabrischen Dorfes Riace, das weltweit als Willkommensdorf bekannt wurde. Er wurde 2010 mit dem dritten Platz des „World Mayor“-Preises als einer der besten BürgermeisterInnen weltweit geehrt. 2016 nahm ihn das US-Magazin Fortune in die Liste der „World‘s 50 Greatest Leaders“ auf, zusammen mit Angela Merkel und Papst Franziskus. 2017 bekam er den Dresdner Friedenspreis.

Lucano schildert seine Kindheit und Jugend in dem von Abwanderung betroffenen Bergdorf. Mehrere Geschwister seiner Eltern waren nach Übersee ausgewandert, und sie sahen sich nie wieder. Die Trauer über den Verlust und das Verständnis für Migration prägten viele Familien. Als Angehöriger der Mittelschicht – wie sein Vater wurde er Lehrer – war sich Lucano früh seiner Privilegien bewusst, angesichts der Armut seiner proletarischen Freunde. Er war inspiriert von befreiungstheologischen, antipsychiatrischen und anarchistischen Ideen. Die Würdigungen seiner Vorbilder und Mitstreiter geben Einblicke in politische Kämpfe an der Seite der Schwachen, gegen Ungerechtigkeiten und gegen die Macht der Mafia.

Berührende Einblicke

Nach einigen Jahren in Rom und Turin kehrte er zurück in sein Dorf, um sich dort politisch einzumischen. 1998 strandete ein Schiff mit kurdischen Flüchtlingen in Riace. Mit FreundInnen kümmerte er sich um sie und vernachlässigte darüber sogar seine Familie. Immer mehr Geflüchtete kamen ins Dorf, und Lucano gründete mit MitstreiterInnen den Verein „Città Futura“ (Stadt der Zukunft). In kleinen Werkstätten und Läden schufen sie Arbeitsplätze, auch für Einheimische. Der Autor schildert, wie mit den Geflüchteten wieder Leben ins Dorf einzog. Er beschreibt die staatlichen Aufnahmeprogramme und deren Auswirkungen. Als Bürgermeister waren ihm die Schutzsuchenden wichtiger als die Bürokratie.

Die Behörden wussten die Aufnahmebereitschaft von Riace zu schätzen und schickten viele Geflüchtete dorthin. Durch Inspektionen und verspätete Zahlungen von Fördermitteln wurde jedoch die Arbeit zunehmend erschwert, und zuletzt gefährdeten juristische Maßnahmen Lucanos Lebenswerk. Nur kurz berichtet er, wie er 2018 unter Hausarrest gestellt, dann aus Riace verbannt wurde. Erst elf Monate später durfte er zurückkehren.

Die Mailänder Soziologieprofessorin Giovanna Procacci hat die Gerichtsverfahren gegen Lucano und 26 seiner MitstreiterInnen verfolgt. In einem ausführlichen Nachwort hebt sie die Besonderheiten des Modells Riace hervor und ordnet die unübersehbar politisch motivierten Prozesse in die europäische Abwehr gegen Geflüchtete ein. Die Rechtsprechung werde zunehmend genutzt, „um humanitäre Einsätze zugunsten von Migranten zu blockieren und zu diffamieren“. Das Urteil sei „ein Angriff auf alle, die an den Wert von Solidarität und an den Respekt für die Menschenrechte glauben“.

Riace hat vielen Menschen Hoffnung gegeben, und das Buch gibt berührende Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt von Mimmo Lucano und sein kompromissloses Festhalten an der Menschlichkeit in einer gewaltvollen Welt. Ihm ist größtmögliche Verbreitung zu wünschen.

Elisabeth Voß

Mimmo Lucano:
Das Dorf des Willkommens
Rüffer & Rub, Zürich 2021
288 Seiten, 28,50 Euro
ISBN 978-3-906304-87-8

Eine etwas längere Fassung dieser Rezension erschien im Dezember 2021 in der Zeitschrift Graswurzelrevolution.

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