Rezensionen, Theater- und Filmkritik

Aus DER RABE RALF August/September 2022, Seiten 22/23, 26/27

Zurück zu euren Kindheitshelden

Im Theaterstück „Zaubertatzes Wunderworte“ gewinnt die Fantasie

Die Katze Dolores und die Ratte Tristan retten den Buchladen. (Foto: Jaro Theater)

Bücher sind nicht nur einer der ältesten und wichtigsten Informationsträger, sie gelten auch als Gedächtnis unserer Zivilisation. Sie können aber nicht das leisten, was in Zeiten von „Big Data“ und einer sich ständig wandelnden Gesellschaft gefordert wird: immer schneller zu sein. Zeit ist zum Luxusgut geworden. Bücher dagegen, einmal geschrieben, bleiben, wie sie sind. Die gedruckten Wörter existieren über Jahrzehnte hinweg. Bücher scheinen einen Gegenpol zur Hektik der modernen Gesellschaft zu bilden. Das macht ihren ganz besonderen Charme aus. Man kann in die Geschichte eintauchen, sie interpretieren und Debatten über ihren Inhalt führen. Alles im eigenen Tempo.

Reise ins Land der Märchen

Auf die Einzigartigkeit der Bücher möchte das Theater Jaro in Berlin-Wilmersdorf in seinem neuen Stück „Zaubertatzes Wunderworte“ aufmerksam machen. In einer Mischung aus Puppentheater und klassischem Schauspiel werden wir auf eine Reise in die Welt der Bücher und der Fantasie mitgenommen.

Der Buchladen „Fabulosa Libri“ soll von einem Investor aufgekauft werden. Die Inhaberin Frau Ella, die das Reisen liebt, besonders in ihre Lieblingsgeschichten, sträubt sich vehement dagegen, auch als ihr viel Geld dafür angeboten wird. Ella steckt all ihr Herzblut und ihre Leidenschaft in den Buchladen. Sie glaubt daran, dass jeder Mensch Sehnsucht nach dem eigenen Kindheitshelden hat und davon verzaubert werden kann.

Im Laden wohnen auch die Katze Dolores und die Ratte Tristan. Beide lieben Rätsel und begeben sich auf eine Mission. Das Ziel: den Buchladen retten! Sonst würden wahrscheinlich noch weniger Bücher gelesen werden und die Fantasie der Menschen würde immer weiter verkümmern. Um das zu verhindern, reisen die Ratte und die Katze als Drache und Zaubertatze nach Poesia, ins Land der Märchen.

„Lest und belebt die Bücher!“

Das Stück beginnt ruhig mit Livemusik auf der Gitarre. Schon kurz nachdem die Hauptfiguren erschienen sind, lachen die Kinder im Publikum – und diese positiven Reaktionen ziehen sich durch die gesamte Vorführung. Die Charaktere wirken lebendig und lebensnah. Zusammen mit einer vielfältigen, emotionalen Sprache und der durchgehenden musikalischen Untermalung durch die Gitarre wird viel Abwechslung geboten. Auch das Ambiente ist kaum zu überbieten. Bei gutem Wetter wird das Stück im Innenhof des Theaters aufgeführt – von Bäumen umgeben bei blauem Himmel und Sonnenschein, gern auch bei einem Kaffee aus dem kleinen Theatercafé.

Schwierige Themen wie Aufbruch, Neustart und existenzielle Krisen werden kindgerecht behandelt. Man kann sich vollständig in die Figuren hineinversetzen. Die Kinder werden aufgefordert, an der ein oder anderen Stelle mitzureden und so zum Teil der Geschichte zu werden.

„Zaubertatzes Wunderworte“ vermittelt Kindern und Erwachsenen, welche essenzielle Rolle Bücher spielen können. Kein anderes Medium schafft es, dass wir so in die Geschichten eintauchen, sie erleben und unsere Fantasie anregen lassen. Nicht nur für Kinder, auch für Erwachsene sind Bücher eine Möglichkeit, für eine gewisse Zeit dem Alltagsstress zu entfliehen und sich von den Geschichten der Kindheitshelden verzaubern lassen. Ganz nach dem Motto: „Lest und belebt die Bücher!“

Julienne Reiser

Theater Jaro, Schlangenbader Str. 30/​Ecke Wiesbadener Str., 14197 Berlin-Wilmersdorf, Tel. (030) 3410442, www.theater-jaro.de

Eintritt 7-12 Euro, 5-12 Jahre


Gemeinsam aus der Klimakrise

Warum Arbeiterinnen mehr zur Lösung der Klimakrise beitragen können als Beatles-Fans

„Lauter Frühling“ ist ein Dokumentarfilm mit einem fiktiven Teil. (Standbild: labournet.tv)

„Hallo, ich bin Johanna, ich habe 20 Jahre Streiks und soziale Bewegungen gefilmt und war sehr spät dran, zu begreifen, welche Katastrophe der Klimawandel ist.“ Mit diesem persönlichen Statement von Regisseurin Johanna Schellhagen beginnt ihr neuester Film „Lauter Frühling“. Schellhagen ist Gründerin der Plattform Labournet.tv, die zahlreiche soziale Bewegungen porträtiert hat. Mit ihrem Film „Die Angst wegschmeißen“ machte Schellhagen 2015 eine Serie von Arbeitskämpfen in der norditalienischen Logistikbranche bekannt. Nun will sie die Erfahrungen, die sie in den letzten Jahren gesammelt hat, mit der Klimabewegung teilen.

Im ersten Teil ihres Films finden sich Videoausschnitte über Aktionen der Klimabewegung. Wir sehen die Proteste von sehr jungen Leuten, hören sie skandieren: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.“ Eingeblendet werden immer wieder kurze Erklärungen von bekannten AktivistInnen. Dabei wird klar, dass die Erklärungsansätze sehr unterschiedlich sind. Während der Soziologe Matthias Schmelzer und der schwedische Humanökologe Andreas Malm eine Verbindung zwischen Klimawandel und Kapitalismus ziehen, beschwört Marcela Hernández von der Indigenen-Bewegung in Chile Mutter Erde. Der Anti-Fracking-Aktivist Esteban Servat beschreibt die Folgen des Klimawandels vor allen in den Ländern des globalen Südens. Er spricht von der Wasserkrise und von der Zerstörung der Urwälder und der natürlichen Lebensgrundlagen von Millionen Menschen.

Grüner Kapitalismus funktioniert nicht

Eine ältere Demonstrantin erklärt, dass sie mittlerweile überzeugt ist, dass nur revolutionäre Veränderungen den Klimawandel stoppen können. Andreas Malm spricht vom systemischen Zwang, der kapitalistische Unternehmen immer tiefer in die Natur eingreifen lässt, um die Profite zu steigern. „Kapitalistische Staaten aufzufordern, ihre fossile Grundlage aufzugeben, bedeutet, sie aufzufordern, ihre kapitalistischen Grundlagen aufzugeben.“ Matthias Schmelzer hält es allerdings für möglich, dass ein „grüner Kapitalismus“ auch die Klimakrise noch in Wert setzen kann. Einig sind sich alle im Film Befragten aber darin, dass auch ein grüner Kapitalismus die Ausbeutung der meisten Menschen nicht aufheben und die Klimakrise nicht lösen würde.

Positiv ist, dass der Film den Blick immer wieder auf den globalen Süden legt, wo internationales Kapital mit besonders rüden Methoden gegen alle Proteste vorgeht. Der argentinische Aktivist Esteban Servat erklärt, warum auch linke Regierungen nicht so einfach aus dem fossilen Kapitalismus aussteigen können. Sie würden sofort gestürzt, so seine Prognose. Tatsächlich aber kommt noch ein anderer Aspekt hinzu. Die Sozialreformen, die linke Regierungen wie die von Hugo Chávez in Venezuela durchsetzten, konnten oft nur mit den Geldern finanziert werden, die durch den Export fossiler Brennstoffe wie Erdöl eingenommen wurden. Das bedeutet im Grunde: Es ist das Eingebundensein fast aller Staaten in die heutige Weltwirtschaft, die einen Ausstieg aus dem fossilen Kapitalismus so schwer macht.

Lediglich dieses bekannte Dilemma noch einmal zu dokumentieren, ist jedoch nicht Schellhagens Anliegen. Nach etwa einem Drittel des Films spitzt die Regisseurin ihre Kritik an einem Wirtschaftssystem zu, das unter allen Umständen wachsen muss, was dazu führt, dass selbst noch funktionsfähige Produkte eher weggeworfen als repariert werden. Auch diese Erkenntnis ist nicht so neu, schließlich gibt es heute Repair-Läden bis in die kleinsten Orte.

KlimaaktivistInnen treffen ArbeiterInnen

Doch Schellhagen fragt sich, welche Rolle die ArbeiterInnen im Kampf gegen die Klimakrise spielen können. Der Film ist so auch eine Reaktion auf Strömungen in der Klimabewegung, die sich wie der ehemalige Umweltreferent der Rosa-Luxemburg-Stiftung Tadzio Müller fragen: Warum sollen ArbeiterInnen mehr zur Lösung der Klimakrise beitragen können als beispielsweise Beatles-Fans?

Schellhagens Film ist eine über 60-minütige Antwort auf diese in der Mittelklasse-geprägten Klimabewegung nicht so seltene Ansicht. Die Klimabewegung muss die Kräfte der Veränderung finden, sagt Schellhagen und lenkt so den Blick auf die Arbeitskämpfe in aller Welt, die hierzulande kaum wahrgenommen werden. Hier kann die Regisseurin auf ihre langjährigen Kontakte zu kämpferischen Lohnabhängigen zurückgreifen. Sie lässt AktivistInnen der italienischen Basisgewerkschaft SI Cobas ebenso zu Wort kommen wie die Amazon-Beschäftigte Magda Malinowski aus Poznań. „Arbeit ist entscheidend für das kapitalistische Produktionssystem. Wenn wir uns auf der Arbeit organisieren, können wir das gesamte System verändern“, betont Malinowski.

Der Film macht klar, dass die Menschen in den Betrieben die Macht haben, nicht nur ihre Arbeitsbedingungen, sondern auch die Gesellschaft zu verändern. In einem optimistischen Szenario, der in dem Film einen eigenen Abschnitt einnimmt, kämpfen Klima- und ArbeiterInnenbewegung zusammen gegen den zerstörerischen Kapitalismus. Es gibt große Streiks – nur in der Lebensmittel- und der Care-Branche wird weitergearbeitet, weil dort lebenswichtige Güter und Dienstleistungen bereitgestellt werden.

Gezeigt wird die Gründung von Räten, die Besetzung von Radio- und Fernsehstationen und die Einrichtung von öffentlichen Großküchen für die Essensversorgung. Während des Aufstands werden auch Fabriken besetzt, Klima- und BetriebsaktivistInnen lernen sich kennen. Natürlich schläft die Reaktion nicht. Am vierten Tag des Aufbruchs kommt es zu Räumungsversuchen durch Polizei und Militär. AktivistInnen rufen über das Radio zur Unterstützung der besetzten Autowerke in Wolfsburg auf …

Vom stummen zum lauten Frühling

Nach etwa 20 Minuten landet der Film wieder in der Realität des Jahres 2022, wo KlimaaktivistInnen erkennen, dass die vielen kleinen Schritte aus der Klimakrise eine Illusion sind. Viele sprechen vom „System Change“. Der Film macht Mut, gerade weil die animierten Szenen aus der Zukunft heute so unwahrscheinlich erscheinen, aber vielleicht die einzige Möglichkeit sind, die Katastrophe noch zu verhindern.

„Silent Spring“ („Stummer Frühling“) hieß ein Buch der US-amerikanischen Biologin Rachel Carson, das sie vor 60 Jahren kurz vor ihrem frühen Tod veröffentlichte und das zu einem Klassiker der globalen Umweltbewegung wurde. Der Titel spielt auf den Gesang der Vögel und das Summen der Insekten an, die durch die Umweltkrise verschwunden sind. Johanna Schellhagen hat den Titel ins Positive verkehrt. In ihrem Film sind es die Protestrufe der Menschen, die sich überall auf der Welt gegen die zerstörerische Politik wehren – und aus dem stummen einen lauten Frühling machen. Es ist zu hoffen, dass der Film Diskussionen auslöst und vielleicht sogar dabei hilft, Betriebs- und Klimakämpfe zusammenzubringen.

Peter Nowak

Der laute Frühling
Gemeinsam aus der Klimakrise
Regie: Johanna Schellhagen
Deutschland 2022, 62 Minuten
Kinostart: 2. August

Aufführungstermine und weitere Informationen: www.labournet.tv


Weg vom Wegwerfprodukt

Der Anbau gentechnisch veränderter Baumwolle – ein kritischer Überblick

Weniger Ernteeinbußen, höhere Erträge und mehr Wohlstand – mit diesen Hoffnungen vertrauen Landwirte weltweit auf gentechnisch verändertes Saatgut. Welche Risiken damit verbunden sind, wird öffentlich vor allem für den Lebensmittelbereich diskutiert. Doch Gentechnik spielt auch eine große Rolle im Baumwollanbau.

Diesem Thema widmet sich Judith Düesberg in einer 40-seitigen Broschüre, herausgegeben vom Gen-ethischen Netzwerk. Darin arbeitet sie Zusammenhänge heraus: zwischen Gentechnik und Ökologie, zwischen der Kolonialgeschichte und globalen wirtschaftlichen Abhängigkeiten. Wie wirkt sich gentechnisch verändertes Saatgut auf die Baumwollpflanzen aus, auf das Ökosystem, auf die Landwirte und auf die Gesellschaft insgesamt? Und wie konnte sich Hybrid-Saatgut im Baumwollanbau so durchsetzen? Um diese Fragen geht es.

Wachsende Abhängigkeiten

Für die Verbraucher ist nicht ohne Weiteres erkennbar, ob der Lieblingspullover Gentechnik enthält oder nicht. Denn während für gentechnisch veränderte Lebensmittel und Saaten eine Kennzeichnungspflicht beim Import in die EU gilt, trifft dies nicht auf pflanzliche Textilfasern zu. In der Textilindustrie hat sich die Gentechnik schon fest etabliert: Die meisten Kleidungsstücke aus Baumwolle tragen gentechnisch veränderte Fasern in sich.

Dabei verursacht Gentechnik im Baumwollanbau zahlreiche Probleme. Aus Hybrid-Saatgut wachsen Pflanzen heran, die beispielsweise selbst Insektengifte produzieren oder ihrerseits tolerant gegenüber bestimmten Herbiziden sind – oft vereinen sie auch beide Eigenschaften. Probleme entstehen etwa dadurch, dass Schadinsekten Resistenzen entwickeln und deshalb noch mehr Pestizide eingesetzt werden müssen.

Die Folgen für die Landwirte können gravierend sein. Denn gentechnisch verändertes Saatgut ist teuer, und auch die darauf abgestimmten Herbizide müssen von den Landwirten erworben werden – ihre wirtschaftliche Abhängigkeit von den großen Konzernen wächst. Schwierigkeiten können aber auch jene Bauern bekommen, die herkömmliches Saatgut verwenden: Wird auf ihren Feldern patentierte Hybrid-Saat gefunden, die beispielsweise von anderen Anbauflächen weitergetragen wurde, kann es zu hohen Schadenersatzforderungen kommen.

Weniger, aber bessere Kleidung kaufen

Diese globalen Verflechtungen herauszuarbeiten und die vorliegenden wissenschaftlichen Studien zu belastbaren Ergebnissen zusammenzufassen gestaltet sich schwierig. Denn vieles ist umstritten: Bringt gentechnisch verändertes Saatgut den Bauern wirklich mehr Wohlstand? Welche Wirkung hat das Hybrid-Saatgut langfristig auf die Umwelt? Welche weiteren Wechselwirkungen gibt es zwischen Genen, Umweltfaktoren und Pflanzeneigenschaften? Hinzu kommt, dass Konzerne einige Untersuchungen mitfinanzieren und hierdurch Einfluss auf die öffentliche Meinung nehmen.

Die Autorin macht deutlich: Ein Wandel ist notwendig, und er muss von jedem Einzelnen ausgehen. Möglich ist er nur, wenn Verbraucher weniger, aber dafür hochwertigere Kleidung länger tragen – Textilien dürfen nicht länger als Wegwerfprodukte verstanden werden. Wie mühsam diese Veränderung werden kann, zeigen die Zahlen: Im Jahr 2017 wurde nur ein Prozent der globalen Anbaufläche von Baumwolle ökologisch bewirtschaftet. Der Konsum von Kleidung hat sich seit dem Jahr 2000 hingegen weltweit verdoppelt, und Kleidungsstücke werden heute nur noch halb so lange getragen wie vor 15 Jahren.

Fazit: Judith Düesberg bietet einen spannenden, informativen und anschaulich illustrierten Einblick in das Thema. Sie zeigt auf, dass Gentechnik schon viel fester in unserem Alltag etabliert ist, als wir glauben – oder glauben wollen.

Sandra Diekhoff

Judith Düesberg:
Gentechnik im Kleiderschrank
Ein kritischer Blick auf den Anbau von gentechnisch veränderter Baumwolle
Gen-ethisches Netzwerk, Berlin 2021
Broschüre, 40 Seiten, kostenlos

Bezug und weitere Informationen: www.gen-ethisches-netzwerk.de 


Mehr als CO₂-Speicher

Der Band „Deutschlands Moore“ führt warnend durch faszinierende Kulturlandschaften

Schlechte denglische Wortspiele wie „more Moore“ sollte man sich eigentlich verkneifen, und doch trifft genau dies das Gebot der Stunde: Angesichts der Klimakatastrophe müssen so viele Moore wie möglich wiedervernässt werden, denn Moore speichern mehr Kohlenstoff als jedes andere Ökosystem der Welt. Dass sie darüber hinaus vielfältige und geschichtsreiche Kulturlandschaften bilden, kann man aus einem gerade erschienenen Bildband lernen.

Standardwerk auf fester Grundlage

Der Biologe und Agrarwissenschaftler Michael Succow wird manchmal scherzhaft als „Moorpapst“ bezeichnet, womit gemeint ist, dass es wenige Fachleute gibt, die auf diesem Gebiet international eine vergleichbare Anerkennung genießen. Bei einem von ihm und Lebrecht Jeschke geschriebenen – und unter Mitarbeit von Greta Gaudig und Franziska Tanneberger herausgegebenen – Buch über „Deutschlands Moore“ kann es sich also nur um ein kompetenzstrotzendes Standardwerk handeln. Eine Erwartungshaltung, die sich tatsächlich während des Lesens verfestigt. Sicher und auf solider Grundlage führt der Band durch das unwirtliche Gelände der Moorlandschaften.

Schon im ersten Kapitel erfährt man, dass Moore alles andere als „geschichtslose Orte“ sind. Sie waren nicht nur für die frühen Menschen göttliche Kultstätten und geehrte Heiligtümer, auch uns historisch nähere Dichter und Maler verfielen ihrer geheimnisvollen Aura und setzten sich künstlerisch mit ihnen auseinander. Vor allem waren Moore aber Orte der Rohstoffgewinnung und der Landwirtschaft: Torf, Raseneisenerz und Wiesenkalk konnten hier abgebaut, fruchtbares Land konnte hier trockengelegt werden. Moorgeschichte ist immer auch Wirtschaftsgeschichte.

Republik der Moore

Während das zweite Kapitel eine „kleine Moorkunde“ anbietet und in (möglichst) leicht verständlicher Sprache über die geo-, bio- und ökologischen Grundlagen von Moorbildungen und Moortypisierungen aufklärt, besteht der Hauptteil des Buches aus Porträts deutscher Einzelmoore, die nach Regionen geordnet sind.

Ob man sich nun für die Regenmoore des nordwestdeutschen Tieflandes, Durchströmungsmoore an der Blinden Trebel in Vorpommern oder für das „Saukopfmoor“ im Thüringer Wald interessiert, der Band macht deutlich, dass man in fast allen Winkeln Deutschlands ins Moor gelangen kann. Immer wieder wird dem Leser vorgeführt, dass nicht vom Moor eine Bedrohung ausgeht, sondern vom Menschen. Deshalb muss im letzten Kapitel noch einmal eindringlich auf die katastrophale Bilanz der Entwässerungspraxis eingegangen werden. Succow lässt das Buch aber mit der Hoffnung enden, dass die Biosphäre auch mit uns Menschen eine Zukunft hat.

Schwerwiegender Inhalt

„Deutschlands Moore“ ist 544 Seiten stark. Der wuchtige, text- und bildreiche Band mag den Leser auf den ersten Blick erschlagen. Wer ihn aber aufschlägt, wird in eine wunderbar gestaltete Welt hineingezogen. Schnell hat man sich festgelesen, gerne taucht man darin unter. Wer die knapp 70 Euro Kaufpreis nicht übrig hat, kann das Werk in der Berliner Stadtbibliothek oder der Umweltbibliothek der Grünen Liga Berlin ausleihen.

Johann Thun

Michael Succow, Lebrecht Jeschke:
Deutschlands Moore
Ihr Schicksal in unserer Kulturlandschaft
Natur+Text Verlag, Rangsdorf 2022
544 Seiten, 69 Euro
ISBN 978-3-942062-41-1


Von der Kommune zum Kommunismus

Heinrich Vogelers Schriften führen hoffnungsvoll in die Kolchose

In der 1935 erschienenen Studie „Erbschaft dieser Zeit“ stellt der Philosoph Ernst Bloch fest, dass eine linke Politik nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie neben der genauen Analyse der ökonomischen Gegenwartsverhältnisse auch utopische Bilder einer erreichbaren Zukunft anbietet. Ersteres nennt er „Kältestrom“, Letzteres „Wärmestrom“. Die politischen, biografischen und kunsttheoretischen Schriften Heinrich Vogelers führen von der Wärme der Utopie in die Kälte des real existierenden Sozialismus.

Liebling des Bürgertums

Heinrich Vogeler (1872-1942) ist heute nur noch als Maler bekannt. Das war auch schon zu seinen Lebzeiten so. Mit den um die Jahrhundertwende geschaffenen Bildern „Sommerabend“, „Heimkehr“ oder „Abendsonne im Moor“ wurde er zum gefeierten Liebling des Bürgertums. Diese Arbeiten sind ganz dem Jugendstil zuzuordnen, jener träumerisch-dekorativen Kunstperiode, die mitten im alles umstürzenden Hochkapitalismus zu seliger Weltflucht einlud. Vogeler wurde sich dieser Wiedersprüche schneller bewusst als sein Publikum. Vom Ersten Weltkrieg geweckt, fand er zu einem expressionistischen Stil. Rückblickend wusste er nicht mehr viel Positives über seine glorreichen Anfänge zu sagen. Im „Lebenslauf“ von 1933 rechnet der Maler mit einer „kleinbürgerlichen Romantik“ ab, die „von der Großbourgeoisie hochgeschätzt und hoch bezahlt wurde“.

Pinsel und Pflug

Vogeler experimentierte nicht nur mit Farben, sondern auch mit alternativen Lebensformen. Beeinflusst von William Morris und Gustav Landauer, machte er seinen Worpsweder „Barkenhoff“ zu einem Treffpunkt für Lebensreformer. Diese wollten den ehemaligen Bauernhof wieder in eine Stätte der – gemeinschaftlich bewirtschafteten – Agrarproduktion zurückverwandeln. Die Texte, die Vogeler nun schrieb, sind von einem hohen Pathos getragen und apokalyptisch grundiert. 1919 deklamiert er: „Nur die Gemeinschaft, die Arbeit aller für alle, kann uns vor dem Untergang retten zu einem dauernden Friedenszustand zwischen Menschen und Völkern.“

Untergang im Osten

Nachdem er mit der anarcho-sozialistischen Kommune gescheitert war, glaubte Vogeler im bolschewistischen Russland die Erfüllung seiner Träume finden zu können. Er schwor dem Idealismus ab, reiste nach Moskau und versuchte sich malerisch dem Dogma des sozialistischen Realismus zu unterwerfen. Zum Glück gelang ihm das nicht immer. Auch seine späten Texte bestehen nicht nur aus Propaganda und Parteisprech. Neben großartigen Reiseberichten gibt es immer wieder Stellen, in denen eine utopische Hoffnung aufblitzt: Alles könnte, alles müsste doch ganz anders sein. Unter nicht ganz geklärten Umständen starb Vogeler 1942 in einem Kolchos in Kasachstan. Der Aisthesis Verlag hat einen Großteil seiner Schriften nun in einer optisch ansprechenden Edition herausgegeben. Nicht nur im Kältestrom frierende Linke sollten sie lesen.

Johann Thun

Heinrich Vogeler: Schriften
Herausgegeben von Walter Fähnders und Helga Karrenbrock
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2022
289 Seiten, 25 Euro
ISBN 978-3-8498-1779-4


Geteilt durch 10

Wie die Ressourcenwende sozial gerecht gelingen kann

Der renommierte Umweltforscher Friedrich Schmidt-Bleek stellt in „Grüne Wahrheiten“ sein Konzept für die dringend benötigte Ressourcenwende vor. Das postum veröffentlichte Werk des 2019 verstorbenen Chemieprofessors ist nun die letzte seiner rund 400 Publikationen, darunter 20 Bücher. Es will die Grundzüge einer Wirtschaft vorstellen, in der der gleiche Nutzen mit viel weniger Naturzerstörung erreicht werden kann, ohne den Lebensstandard großartig einzuschränken.

Schon 1992 entwickelte der Autor am Wuppertal-Institut das Faktor-10-Prinzip: Die westlichen Länder müssen ihren Ressourcenverbrauch, vor allem Wasser und Material, um den Faktor 10 – also um 90 Prozent – verringern, um eine Zukunft ohne totale ökologische Krise zu erleben. Auch für schädliche Abfälle und Treibhausgasemissionen soll das Faktor-10-Prinzip gelten. Schmidt-Bleek und seine Wuppertaler Kollegen zeigten, dass dies technisch möglich ist.

Ein grundlegendes und sehr interessantes Konzept ist dabei die Unterscheidung in Primär-, Sekundär- und Tertiärwirtschaft. Als Primärwirtschaft bezeichnet Schmidt-Bleek die Ökosphäre – sie stellt Strukturen, Lebensräume und Rohstoffe bereit. Später entwickelten die Menschen (und auch nur sie) die Sekundärwirtschaft, um den Nutzen zu vervielfachen, den sie von der Primärwirtschaft gratis erhielten. Die Sekundärwirtschaft ist das, was wir heute allgemein als Wirtschaft bezeichnen. Die Tertiärwirtschaft ist dann die Finanzwirtschaft, bei der es rein um Geldanlagen und -transfers geht und nicht um „richtige“ Güter.

Der ökologische Rucksack

Weil sich die ökologischen Auswirkungen von Waren schlecht in Zahlen fassen ließen, entwickelte Schmidt-Bleek das Konzept vom „ökologischen Rucksack“. Das ist das Gesamtgewicht aller Materialien, die aus der Primärwirtschaft entnommen werden – oder auch nur zugunsten der Entnahme entfernt werden müssen. Darin enthalten sind auch Rohstoffe zur Energiegewinnung und zum Transport.

Im Schnitt ist der ökologische Rucksack 30-mal so schwer wie das Produkt selbst, bei Informations- und Kommunikationstechnik sogar noch viel mehr. Ein Smartphone hat zum Beispiel einen ökologischen Rucksack von 70 Kilogramm, das ist ungefähr 600-mal mehr als sein eigenes Gewicht. Der allgemeine Enthusiasmus für die Digitalisierung von allem und jedem muss also auf seine Sinnhaftigkeit überprüft werden, ganz zu schweigen von den sehr schlechten Arbeitsbedingungen in weiten Teilen der Branche. Im Buch spricht sich Schmidt-Bleek aber klar für eine Digitalisierung in bestimmten Bereichen aus.

Noch einen Schritt weiter geht die ebenfalls vom Autor entwickelte Einheit MIPS („Material-Input pro Serviceeinheit“). Damit lassen sich die ökologischen Auswirkungen eines bestimmten Nutzens messen. Man berechnet dazu wieder die Menge aller aufgewendeten Ressourcen in Kilogramm – auch für Energiegewinnung und Transporte – und teilt dann durch eine sinnvolle Einheit, zum Beispiel die Gerätelaufzeit in Stunden, die gefahrenen Kilometer eines Autos oder die Kilowattstunden vom erzeugten Strom.

So kann man dann zum Beispiel die Autonutzung und die ÖPNV-Nutzung ökologisch vergleichen – oder das Benzinauto mit dem Elektroauto. Dabei fällt auf, dass ein Elektroauto nicht ökologischer als ein Verbrenner ist, jedenfalls mit dem heutigen Energiemix. Denn solange zur Stromerzeugung fossile Brennstoffe verbrannt werden, kann man auch gleich mit fossilem Sprit fahren. Der MIPS wird kleiner, wenn weniger Material, Energie und Transportwege zur Herstellung und zum Betrieb nötig sind. Er sinkt aber auch, wenn Produkte länger halten – zum Beispiel, weil sie gut repariert werden können.

Zu einer erfolgreichen Ressourcenwende gehört für Schmidt-Bleek auch eine Agrarwende, denn momentan wird ein Großteil der Ackerflächen zum Tierfutteranbau oder auch für sogenannte Biokraftstoffe genutzt. Zusätzlich fordert er sozialpolitische Maßnahmen und eine ökologische Steuerreform. Dafür richtet der Autor eine ganze Reihe von – teils sehr detaillierten – Forderungen an die Politik. Und auch die Unternehmen täten gut daran, sich der Dematerialisierung zu verschreiben, betont er. Denn die Sekundärweltwirtschaft in ihrem heutigen Zustand hat keine Zukunft. Ohne Kurswechsel nehmen die ökologischen und wirtschaftlichen Risiken bald überhand und es gibt keine Planungssicherheit mehr. Späte Reparaturmaßnahmen werden viel teurer, als wenn die Wirtschaft sich jetzt umstellt beziehungsweise die politischen Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden.

Praxisbeispiel Bauwirtschaft

Dass das Faktor-10-Prinzip funktionieren kann, wird am Beispiel einzelner Unternehmer wie Hubert Rhomberg gezeigt. Dieser hat das Prinzip in seiner Baufirma in Österreich umgesetzt und kommt im Buch ausführlich zu Wort. Der Bausektor ist besonders wichtig, denn auf Straßen und Gebäude entfallen rund 40 Prozent des Ressourcenverbrauchs und der Abfälle und 60 Prozent aller Transporte.

Insgesamt reichen technische Innovationen auf lange Sicht nicht aus, man kommt um eine allgemeine Reduzierung des Konsums nicht herum, zum Beispiel durch das Mieten oder Leihen von Gegenständen. Zu beachten ist auch die Gefahr von sogenannten Rebound- oder Bumerang-Effekten. Wenn zum Beispiel das Auto technisch klimafreundlicher wird, nutzt man es wahrscheinlich öfter, weil man dann ein besseres Gewissen dabei hat.

Die Wurzeln von Klimawandel und Artensterben liegen für den Autor in der hemmungslosen Entnahme von Ressourcen aus der Primärwirtschaft durch die Sekundärwirtschaft. Bisher reagiere die Politik immer erst, wenn die Probleme bereits da sind, statt Vorsorge zu betreiben. Politiker könnten offenbar nicht verstehen, dass es irgendwann einen Kipppunkt geben wird, ab dem es zu spät für Rettungsmaßnahmen ist.

Bisher wird der Erfolg einer Volkswirtschaft immer am Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessen. Schmidt-Bleek fände es viel sinnvoller, wenn der MIPS oder eine ähnliche Größe die Grundlage wäre. Er stellt die Frage, ob nicht auch die Medien eine Mitschuld an dem BIP-Dogma haben.

Kein Universalrezept

Das Buch ist leider etwas kompliziert geschrieben, man muss manchmal einen Satz oder Abschnitt zwei- oder dreimal lesen, bis man ihn versteht. Zusätzlich liest es sich bis über die erste Hälfte hinaus so, als sei man noch bei der Einleitung, da immer wieder auf ein späteres Kapitel verwiesen wird. Eine leichte Lektüre für die allmorgendliche S-Bahn-Fahrt ist das Buch also nicht. Der Inhalt ist allerdings höchst spannend und kann überzeugen. Viele der Ideen sind nicht neu, aber sie haben nichts an Aktualität verloren und werden im Buch mit aktuellen Zahlen, Fakten und Erkenntnissen ergänzt.

Bei allem geballten Fachwissen betont Schmidt-Bleek stets, dass es sich bei seinem Konzept nicht um ein Universalrezept, sondern um ein Gerüst handelt, das von anderen konkretisiert und ergänzt werden kann.

Lisa Graf

Friedrich Schmidt-Bleek:
Grüne Wahrheiten
Das Buch zur Ressourcenwende
Verlag Julius Springer, Berlin 2021
180 Seiten, 24,99 Euro
ISBN 978-3-662-63686-2

Weitere Informationen: www.initiative-ressourcenwende.eu

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