Rezensionen

Aus DER RABE RALF Februar/März 2020, Seite 22/23 + 26/27

Es summt, brummt und krabbelt immer weniger

Insektenatlas 2020 trägt Fakten zusammen und dokumentiert Artensterben

„75 Prozent unserer wichtigsten Kulturpflanzen sind von der Bestäubungsleistung von Insekten abhängig. Doch global verzeichnen Insektenpopulationen dramatische Rückgänge. So sind etwa bei der Hälfte der 561 Wildbienenarten in Deutschland die Populationen rückgängig.“ Das stellt der Insektenatlas 2020 fest, den die Heinrich-Böll-Stiftung und der Umweltverband BUND kürzlich in Berlin vorgestellt haben.

Insekten halten nicht nur das ökologische System der Erde am Laufen. Beim Wegfall tierischer Bestäubung droht einzelnen Obst- und Gemüsesorten darüber hinaus ein Ernterückgang um bis zu 90 Prozent – ob Äpfel, Kirschen, Pflaumen oder Gurken. Insekten verbessern zudem durch das Zersetzen von Dung und abgestorbenen Pflanzenteilen die Bodenqualität und reduzieren Pflanzenschädlinge. So können dem Insektenatlas zufolge Marienkäfer den Befall mit Getreideblattläusen um 80 Prozent reduzieren.

Fakten, Fakten

Insekten machen gut 90 Prozent aller Tierarten weltweit aus und bilden damit die artenreichste Gruppe aller Lebewesen. Der Atlas bietet auf 50 Seiten und in über 80 Grafiken viele Daten und Fakten, die von gut einem Dutzend Autorinnen und Autoren in knapp 20 Kapiteln zusammengetragen, ausgewertet und anschaulich dargestellt wurden. Erklärt wird, warum insbesondere die industrielle Agrarwirtschaft die Lebensräume der Insekten so massiv bedroht und welche Auswege möglich sind.

Die Broschüre formuliert auch Kritik an der zu zögerlichen Politik und benennt notwendige Schritte zum Schutz der Insekten. Weitere spannende Aspekte sind Insekten als Nahrung für Mensch und Tier, die Imkerei, gentechnische Forschung an Insekten sowie der Ökolandbau als Garant für eine insektenfreundliche Zukunft. Aber der Atlas wagt auch den Ausblick auf eine Welt ohne Insekten.

Jedes Kapitel ist mit zwei Seiten sehr kurz gehalten, der hohe Informationsgehalt wird vor allem durch die prägnanten Grafiken sichergestellt.

Mahnung und Appell

Heinrich-Böll-Stiftung und BUND sind sich einig, dass die bislang ergriffenen politischen Maßnahmen nicht ausreichen, um das Insektensterben zu beenden. Die Agrarpolitik müsse die Landwirte dabei unterstützen, weniger Pestizide einzusetzen, weniger Dünger auszubringen und mehr Lebensräume für Insekten zu schaffen, fordert der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt. Öffentliches Geld müsse zum Schutz der Insekten eingesetzt werden. Die jährlich knapp 60 Milliarden Euro EU-Agrarförderung sollten in der neuen Förderperiode von 2021 bis 2027 an eine naturfreundliche, klimaschonende und tiergerechte Landwirtschaft gebunden werden.

Und Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, warnt: „Von industrieller Landwirtschaft profitieren nur die großen Agrarkonzerne.“ Auf der Strecke blieben Kleinbauern, Konsumenten und eben auch Insekten. Ihre Forderung: Pestizide, die in Europa verboten sind, sollen von deutschen Konzernen auch nicht länger in anderen Ländern vertrieben werden.

Der Atlas kann für Unterrichtszwecke – auch klassensatzweise – bei der Heinrich-Böll-Stiftung bestellt werden.

Jörg Parsiegla

Heinrich-Böll-Stiftung, BUND, LMd (Hrsg.):
Insektenatlas 2020
Daten und Fakten über Nütz- und Schädlinge in der Landwirtschaft
Selbstverlag, Berlin 2020
50 Seiten, kostenfrei
ISBN 978-3-86928-215-2

Bezug und Download: www.boell.de/insektenatlas


Stadt, Land – im Fluss

Der Kritische Agrarbericht 2020 plädiert für Anerkennung ökologischer Leistungen

Wie immer rechtzeitig zur Eröffnung der Internationalen Grünen Woche in Berlin und quasi als Gegenbilanz zur dort medienwirksam inszenierten Schau der überwiegend kommerziellen Landwirtschaft stellte das AgrarBündnis am 16. Januar den Kritischen Agrarbericht vor. Das Bündnis ist ein Zusammenschluss von derzeit 25 unabhängigen Organisationen aus Landwirtschaft, Umwelt-, Natur- und Tierschutz sowie Verbraucher- und Entwicklungspolitik mit mehr als einer Million Einzelmitgliedern.

Den Schwerpunkt der diesjährigen Ausgabe deutet der Untertitel an: „Stadt, Land – im Fluss“. Während in den Städten die Wohnungsnot immer drängender wird, leiden entlegene Regionen unter mangelnder Infrastruktur und teuren Mobilitätskosten. „Die Landwirtschaft alleine wird nicht der Rettungsengel für die Probleme ländlicher Räume sein“, sagte AgrarBündnis-Geschäftsführer Frieder Thomas bei der Präsentation des Sammelbandes. „Aber wenn wir das Ernährungssystem als Ganzes denken – von umweltfreundlicher und tiergerechter Erzeugung über regionale handwerkliche Verarbeitung bis hin zum klimabewussten Konsum –, dann haben wir einen zentralen Schlüssel für die anstehende nachhaltige Transformation in der Hand.“

Dazu müsse sich die Politik aber weit mehr bewegen als bisher. Ein „Weiter so“ gehe nicht mehr. „Wir brauchen klare Regeln – beispielsweise für Ressourcenschutz oder artgerechte Tierhaltung“, so Thomas. „Aber wir brauchen auch eine gezielte Unterstützung der Landwirtschaft, damit Bäuerinnen und Bauern den notwendigen Veränderungsprozess bestehen können.“

Der Kritische Agrarbericht 2020 platzt in eine Zeit großer Verunsicherung der Bauern hinein. Den umweltschonend arbeitenden Bauern wird seit Jahrzehnten die Unterstützung und Anerkennung für die Umstellung ihrer Betriebe versagt oder heruntergehandelt. Und konventionell wirtschaftenden Landwirten ist selbst schon die neue Düngeverordnung des Guten zu viel. Verlässliche Orientierung fehlt den einen wie den anderen.

Krise nur zusammen mit Bauern lösbar

AgrarBündnis-Sprecher Bernd Voß von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) sprach vom großen Veränderungsdruck, unter dem die bäuerlichen Betriebe heute stehen – sowohl in der Tierhaltung als auch in der Flächenbewirtschaftung. „Die Herausforderungen zu meistern kann aber nur zusammen mit den Bäuerinnen und Bauern gelingen“, betonte er. Sie seien es schließlich, die die Flächen und Standorte kennen. „Für den Umbau der Tierhaltung braucht es zusätzliche finanzielle Mittel und einen verlässlichen Rahmen“, so Voß. Deshalb sollte die Mehrwertsteuer auf tierische Produkte erhöht werden. Das habe nicht nur eine Lenkungswirkung für den Klimaschutz, sondern erbringe auch die nötigen Haushaltsmittel, damit Betriebe nicht auf den Umbaukosten für eine tiergerechtere Haltung sitzen bleiben. Die Gelder und Instrumente der europäischen Agrarpolitik müssten endlich für konkrete Leistungen der Bäuerinnen und Bauern für Klima, Umwelt und regionale Entwicklung zur Verfügung stehen und dürften nicht pauschal auf der Fläche verteilt werden.

Die Themenfelder im Kritischen Agrarbericht sind seit vielen Jahren dieselben und werden mit jeder neuen Ausgabe fortgeschrieben. Die „Agrarpolitik und soziale Lage“ der Bauern eröffnet die Kapitelabfolge, weiter geht es mit Übersichten wie „Welthandel und Ernährung“, „Produktion und Markt“ oder „Natur und Umwelt“. Mit „Agrarkultur“ sowie „Verbraucher und Ernährungskultur“ endet der Band. Eingestreut sind Themen wie „Ökologischer Landbau“, „Gentechnik“ und „Wald“. Grundlage der Beiträge ist jeweils eine Zusammenfassung der agrarpolitischen Debatte des Vorjahres, darüber hinaus werden Weichenstellungen für die Zukunft diskutiert.

Jörg Parsiegla

AgrarBündnis (Hrsg.):
Der kritische Agrarbericht 2020
Stadt, Land – im Fluss
ABL-Verlag, Hamm 2020
360 Seiten, 25 Euro
ISBN 978-3-930413-67-6

Bezug und kostenloser Download: www.kritischer-agrarbericht.de


Mitmachen!

Wie man Kinder für ihre Umwelt begeistert: Neue Ausstellung im Labyrinth Kindermuseum

Jedes Tier hat seine Aufgaben: Magnus und Bruno als Tigerhaie. (Foto: Jan Ernsting/Labyrinth Kindermuseum Berlin)

Kinder können eines besonders gut: spielen. Im Gegensatz zu Erwachsenen, die sich zum vergnüglichen Zeitvertreib an diversen Gesellschaftsspielen erfreuen, nutzen Kinder ihr Talent zum Wahrnehmen und Entdecken ihrer Umwelt. Diese „gesunde Spielsucht“ verleiht ihnen ganz nebenbei allerhand Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wissen. Letzteres ist von besonders großer Bedeutung, wenn es um Herausforderungen im Natur- und Umweltbereich geht. Nur so können Dinge verstanden werden und Veränderungen entstehen. Das Labyrinth Kindermuseum Berlin hat dazu und dafür eine aktive Umweltausstellung gestaltet.

Werde zur Garnele

Was treiben Garnelen im Meer eigentlich den lieben langen Tag? Schnell ins Garnelenkostüm schlüpfen und Aufgaben lösen. Welche Frucht gehört zu welcher Baumart? Wissen und Raten gehören manchmal zusammen. Was hat ein Eichhörnchen für wichtige Aufgaben? Dazu versteckt man die Früchte einfach selbst. „Wer bin ich?“ schon einmal mit Tieren gespielt? Dann los.

Wie bekommen Kinder ein Bewusstsein dafür, dass manche Lebensmittel von weit her kommen und viel CO₂ verursachen und dass regionale Produkte die bessere Wahl sind? Man sortiert Produkte nach ihrem CO₂-Gewicht und merkt, dass Bananen ziemlich viel „wiegen“ und Äpfel aus Deutschland deutlich leichter sind. Dieses und viele weitere Spiele erweitern Wissen und formen Bewusstsein. Auch Erwachsene können noch dazulernen.

Der Gedanke dahinter

Die Spielaktionen sind vielseitig, sodass für alle Ansprüche und Altersklassen, für Einzelkinder oder Gruppen etwas dabei ist. Es kann gefühlt, geschaut und gelauscht werden. Vor allem aber ist Tatendrang gefragt. Balancieren, Teamwork oder Wissen, aber auch Geschicklichkeit und Gedächtnis sind Wege zum Ziel. Neben all den Aktionen gibt es auch Infoschilder zum Lesen. Aber gut dosiert, um einen Einstieg zu bekommen und anschließend spielerisch-lernend aktiv zu werden.

Die Ausstellung ist in sechs Lernlandschaften eingeteilt. Jede Station greift wichtige Themen im Bereich Umwelt und Natur auf. Da geht es zum Beispiel um das Ökosystem Meer. Schrittweise wird dieser große, unbekannte Lebensraum ein lebendiger Ort mit spannenden Geschichten. Die Grundsteine für Faszination und Wertschätzung werden gelegt. Es gibt jedoch auch Probleme wie Müllstrudel oder Fischsterben. Statt diese wichtigen Themen außen vor zu lassen, werden sie erklärt und mit Lösungsvorschlägen versehen, die einfach sind und Spaß machen.

Besonders hervorzuheben ist die Station des alltäglichen Lebens. Denn alles Wissen über Eisbär und Co. ist nur dann sinnvoll, wenn wir die Auswirkungen unseres Handelns kennen. Deshalb gibt es viele konstruktive Vorschläge, wie kleine Gewohnheitsänderungen in der Ernährung oder beim Papierverbrauch große Stellschrauben werden können.

Kleiner Tipp: unbedingt die Sanitäranlagen aufsuchen. Eine Station befindet sich auf dem Weg dorthin im Treppenhaus und zeigt Porträts von Kindern und Jugendlichen, die mit ihren Ideen und ihrem Mut für den Umweltschutz aktiv sind. Sie sind Vorbilder und zeigen, dass man nicht erst erwachsen werden muss, um etwas zu bewegen.

Rosa Wallow

Natürlich heute! Mitmachen für morgen
Eine Umweltausstellung für Kinder
bis 8. August 2021
Eintritt: 5,50–6,50 Euro, ab 3 Jahren

Labyrinth Kindermuseum Berlin
Osloer Straße 12
13359 Berlin-Wedding
Tel. (030) 800931150
www.labyrinth-kindermuseum.de


Tierschutz auf dem eigenen Teller

Gegen das Elend der Massentierhaltung gibt es kein Patentrezept

Tierschutz mit Messer und Gabel hört sich erst einmal paradox an. Vor allem wenn man sich vegan oder vegetarisch ernährt. So war meine erste Reaktion beim Lesen des Titels eine ablehnende. Doch Sarah Wiener bringt es in ihrem Vorwort zum Buch auf den Punkt: „Bei dem Wort ‚Tierschutz‘ denken viele zunächst an geschlachtete Robbenbabys, geprügelte Hunde oder aussterbende Sibirische Tiger. Dabei liegt Tierschutz viel, viel näher. Er fängt nämlich auf dem eigenen Teller an.“

In zehn Kapiteln führt Andrea Flemmer durch die dunkle Welt der Massentierhaltung, berichtet von Missständen und wie es dazu kommen konnte. Dass es bei der Fleischproduktion nicht mit rechten Dingen zugehen kann, ist angesichts der übervollen Regale und niedrigen Preise in den Supermärkten eigentlich klar. Verstörend ist es dennoch, von der Fehlentwicklung dieses Industriezweiges zu lesen, vom Ausmaß an Leid und dem politischen Versagen, das damit einhergeht.

Die Fakten werden von der Autorin verständlich aufbereitet. So gibt sie im Kapitel über die Massentierhaltung genaue Auskunft über das klägliche Leben der verschiedenen Tierarten in den Massenställen. Angefangen beim meistgeschlachtetem Tier und Exportschlager, dem Schwein: Im eigenen Exkrement lebend, fristet es sein Dasein, bis es im Alter zwischen sechs und sieben Monaten bei einem Gewicht von etwa 120 Kilogramm geschlachtet wird. Gerade mal 0,75 Quadratmeter stehen einem Schwein laut Gesetz zu. Die Tiere leiden massiv, haben ständig Verletzungen, sind gelangweilt, unterfordert und neigen zu Verhaltungsstörungen.

Plädoyer für bewussten Fleischkonsum

In Deutschland werden jährlich 700 bis 780 Millionen Tiere geschlachtet. Die Vorstellung, einmal pro Woche vegetarisch zu essen, scheint für viele utopisch. Dabei bräuchten auf diese Weise 140 Millionen Tiere jährlich weniger geschlachtet zu werden. So wäre es doch für Tier und Mensch zumindest eine Verbesserung, wenn sich die Haltungsbedingungen der Nutztiere ändern würden.

Hier setzt Andrea Flemmer an, schlägt Lösungen vor – vor allem Ökolandwirtschaft – und zeigt Alternativen auf. Zum Beispiel berichtet sie von „Hornkugeln“: Diese werden behornten Milchkühen zum Schutz vor Verletzungen aufgesetzt. In konventionellen Betrieben ist es gängige Praxis, jungen – meist zwei Wochen alten – Kälbern, die Hornanlagen auszubrennen. Die betäubungslose Enthornung der Kälber ist bis zu einem Alter von sechs Wochen erlaubt.

Dass es in einigen Betrieben ganz anders läuft und bei Bio-Produzenten wie Demeter das Tierwohl an erster Stelle steht, lässt aufatmen. Ein wenig schwammig jedoch fällt das Fazit aus: Es bleibe noch viel zu tun, um den Tieren ein erträgliches Leben zu ermöglichen und die Menschen vor Antibiotikaresistenzen und einer ungesunden Umwelt zu schützen. Was genau, bleibt unklar.

Das Buch richtet sich an fleischessende Menschen, die sich zwar für Tierwohl interessieren, aber wenig darüber wissen. Es regt zum Nachdenken an und plädiert für einen bewussten Fleischkonsum. Nach einer konkreten Lösung für das Ende der Massentierhaltung sucht man hier allerdings vergeblich.

Elisabeth Jedan

Andrea Flemmer:
Tierschutz mit Messer und Gabel
Spurbuchverlag, Baunach 2015
288 Seiten, 29,80 Euro
ISBN 978-3-88778-456-0


Eigeninitiative stärken

Ratgeber für Selbsthilfegruppen und Initiativen

In der praktischen Arbeit in und mit Selbsthilfegruppen zeigte sich vor gut zehn Jahren, dass es keinen übersichtlichen Leitfaden für juristische Fragestellungen gibt. Das berichtet die Autorin Renate Mitleger-Lehner, selbstständige Anwältin für Familienrecht und ehrenamtlich in einer Münchner Stadtteil-Selbsthilfegruppe sowie als Fachreferentin aktiv. Inzwischen ist ihr Ratgeber-Buch in der dritten Auflage erschienen und hat sich nach ihrem Bekunden als juristisches Standardwerk etabliert.

Auch wenn im Buchtitel nur Selbsthilfegruppen angesprochen werden und die Autorin häufig Fragestellungen aus Gesprächskreisen zu chronischen Erkrankungen erörtert, sind viele der Themen auch für aktivistisch orientierte Mietergruppen oder lose Klima-Initiativen relevant: Wer tritt nach außen auf? Wer unterschreibt einen Mietvertrag? Wer ist für den Flyer presserechtlich verantwortlich?

Auch Initiativen haben Rechte und Pflichten

Die Autorin hat den Anspruch, detailliert auf die Fragen einzugehen, will aber gleichzeitig den Leserinnen und Lesern „keine einengende Reglementierung entgegensetzen, sondern im Gegenteil mögliche Unsicherheiten verringern, um die Eigeninitiative zu bestärken und zu befördern“. Diese Gratwanderung gelingt meistens gut, weil der Praxisbezug der Autorin spürbar ist.

Der Ratgeber ist übersichtlich in fünf Abschnitte gegliedert, wobei der Schwerpunkt im ersten Teil bei den Rechtsformen liegt. Die Autorin argumentiert dabei ausführlich, dass eine Initiative oder Selbsthilfegruppe nicht „einfach nur eine Gruppe“ sei, sondern meistens als eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts gelte. Die dafür existierenden Rechte und Pflichten stellt sie mit ihren Auswirkungen vor, ebenso in Kurzform auch die Vor- und Nachteile anderer Rechtsformen.

Erfrischend sachlich

Im zweiten Abschnitt liegt der Schwerpunkt auf der praktischen Arbeit von Selbsthilfegruppen. Dabei geht es um Fragen der Beratungstätigkeit, um mögliche Gesprächsregeln und Verschwiegenheitsfragen. Beispielsweise betont die Autorin mehrfach, dass der Grundsatz des „Erfahrungsaustauschs auf Augenhöhe“ den Beteiligten immer präsent sein sollte.

Der dritte Abschnitt zum Datenschutz und zur Öffentlichkeitsarbeit ist in der Neuauflage aus Aktualitätsgründen aufgenommen worden. Erfrischend sachlich und unaufgeregt werden hier die neuen Regelungen mit ihren Auswirkungen besprochen. Im vierten und fünften Abschnitt geht es um Geld und Versicherungen, also zum Beispiel darum, wie ein Gruppenkonto eingerichtet werden kann oder wann wessen Haftpflicht- oder Unfallversicherung einspringen sollte.

Auch wenn sich die teilweise trockene Materie kaum zur Lieblingslektüre von aktionsorientierten Gruppen mausern wird, ist der Ratgeber doch ein hilfreiches Nachschlagewerk mit vielen praktischen und nützlichen Tipps.

Peter Streiff

Renate Mitleger-Lehner:
Recht für Selbsthilfegruppen
Ein Leitfaden für die Praxis
3., aktualisierte und erweiterte Auflage
202 Seiten, 19,50 Euro
AG SPAK Bücher, Neu-Ulm 2019
ISBN 978-3-945959-37-4


Solidarisch leben – aber wie?

Wenn sich alle um das richtige Leben bemühen, ist das noch nicht das gute Leben für alle

Die „Imperiale Lebensweise“ haben Ulrich Brand von der Universität Wien und Markus Wissen von der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin vor drei Jahren untersucht. Angeregt davon verfassten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als „I.L.A. Kollektiv“ (I.L.A. = imperiale Lebensweise und Ausbeutungsstrukturen im 21. Jahrhundert) in einer Schreibwerkstatt das Buch „Auf Kosten anderer?“ (Rabe Ralf Oktober 2017, S. 22). In neuer Zusammensetzung haben Wissenschaftlerinnen und Aktivisten als I.L.A. Kollektiv (diesmal: imperiale Lebensweise und solidarische Alternativen) dann den hier besprochenen Band „Das Gute Leben für Alle“ erarbeitet. Eine dritte „I.L.A. Werkstatt“ bearbeitet zurzeit das Nachfolgeprojekt „Wandelwerkstatt“.

Es ist eine richtige und wichtige Einsicht: Die Lebensweise der einen im globalen Norden beraubt die anderen im globalen Süden ihrer Lebensgrundlagen. Der Zugriff auf die Ressourcen der Welt ist sehr ungleich verteilt, und auch wir hier in Deutschland leben auf Kosten anderer. Aber wer sind „wir“? Es gibt nicht die eine Lebensweise, sondern eine zunehmende Schere zwischen Arm und Reich, und bekanntlich hinterlassen ausgerechnet diejenigen, die sich stärker um einen ökologischen Lebensstil bemühen, einen viel größeren ökologischen Fußabdruck als diejenigen, deren Konsummöglichkeiten finanziell eingeschränkt sind (Rabe Ralf Oktober 2016, S. 3).

Und so gibt es in allen Ländern soziale Spaltungen: Viele werden ausgebeutet, wenige profitieren, Benachteiligungen und Privilegien verteilen sich nach sozio-ökonomischem Status, Bildung, Herkunft, Geschlecht und so weiter. Aber sind der Ressourcenverbrauch oder „die Reichen“ die Ursache für Ungerechtigkeiten und das Elend der Welt? Oder sind imperialistische Machtzentren und Kriege dafür verantwortlich? Oder führt das auf Profiterzielung ausgerichtete Wirtschaftssystem mit konkurrenzgetriebenem Wachstum zu Ungleichheit, innergesellschaftlichen und globalen Spaltungen und Umweltzerstörungen? 

Alles hängt mit allem zusammen

Ulrich Brand und Markus Wissen legen in ihren Ausführungen zur „Imperialen Lebensweise“ die Verwobenheit globaler Macht- und Herrschaftsverhältnisse mit Klassengesellschaften und Lebensweisen überzeugend dar. Der SUV ist für sie das Sinnbild der neoliberalen Konkurrenzgesellschaft. Die Stärkeren leisten sich dieses überdimensionierte Auto, das in Herstellung und Betrieb besonders viele Ressourcen verbraucht, um selbst sicherer durch den Verkehr zu kommen – auf Kosten anderer.

Die von Brand und Wissen kurz angerissenen „Konturen einer solidarischen Lebensweise“ klingen optimistisch, aber recht vage. Als Beispiele einer „Gegenhegemonie“ zur herrschenden imperialen Lebensweise nennen sie nicht nur den Verzicht auf Fleischkonsum und Autos, sondern auch, dass „die ‚normale‘ Karriere“ nicht mehr erstrebenswert sei. Als Erkenntnis von zwei Uni-Professoren überzeugt das nur begrenzt.

Die Autorinnen und Autoren des I.L.A. Kollektivs, die „Das Gute Leben für Alle – Wege in die solidarische Lebensweise“ verfasst haben, weisen ausdrücklich darauf hin, dass sie sich ihrer eigenen privilegierten Position als „‚weiß‘, akademisch, städtisch, jung“ bewusst sind, und betonen, dass sie ihr „Bild der Utopie als einen Aufschlag verstanden wissen“ wollen, der „prozesshaft und offen“ ist. Erfrischend unbefangen stellen sie grundlegende Fragen nach Ausbeutung und Wettbewerb und bekennen: „Wir glauben an ein Gutes Leben für Alle anstatt eines besseren Lebens für wenige auf Kosten anderer.“

Ihr Idealbild: „In einer solidarischen Lebensweise können alle Menschen ihre Bedürfnisse verwirklichen – ohne dabei auf Kosten anderer oder der Natur in Gegenwart und Zukunft zu leben.“ Die schon heute bestehenden Alternativen zeigen sie entlang zentraler Lebensbereiche wie Ernährung, Mobilität oder Wohnen, durch die sie einen Flickenteppich von Projekten und Vorschlägen ausrollen. 

Versuch einer solidarischen Kritik

Mir ist diese Buchbesprechung nicht leicht gefallen und ich habe sie immer wieder verschoben. Ulrich Brand, Maja Göpel, Barbara Muraca, Tilman Santarius und Markus Wissen haben für „Das Gute Leben für Alle“ ein enthusiastisches Vorwort verfasst und gratulieren „zu dieser vorzüglichen und wichtigen Arbeit“. Auch ich finde das Thema wichtig und möchte die Arbeit der Autorinnen und Autoren wertschätzen. Von unseren Grundüberzeugungen her trennt uns nicht viel, denke ich. Jedoch möchte ich nicht aus falsch verstandener Solidarität über mein Unbehagen hinweggehen.

Es ist vor allem das durchgängige „wir“ und das selbstgewisse „wir müssen“, das mir sehr unangenehm aufstößt. So schreiben schon Brand und Wissen, und es wird hier fortgeführt. Mich schreckt es ab, und auch wo ich inhaltlich zustimme, möchte ich nicht solcherart vereinnahmt werden. Ich habe an zwei Veranstaltungen zum Buch teilgenommen, das ist nicht repräsentativ, aber beide Male ging es in den anschließenden Diskussionen um individuelles Verhalten – um die Abschaffung von Kaminöfen, um Ernährung und ums Fliegen – in einer von mir als teilweise konkurrenzbeladen empfundenen Atmosphäre. Auch wenn die Autorinnen und Autoren mehrfach darauf hinweisen, dass es nicht damit getan ist, individuell verantwortlicher zu konsumieren, sondern dass sich strukturell etwas ändern muss, scheint das Propagieren einer solidarischen Lebensweise doch eher zu solchen „privatistischen“ Reaktionen einzuladen. Damit wird die Auseinandersetzung mit der Lebensweise in ihrer komplexen Einbindung, wie sie Brand und Wissen beschrieben haben, auf einen äußerlich gezeigten Lebensstil reduziert.

Durch die ständige Wiederholung des Begriffs „Solidarische Lebensweise“ scheint mir dieser zu einem unhinterfragten Label zu werden, das ohne nähere Erläuterung auf unterschiedlichste Beispiele von Alternativen aufgeklebt wird. Der Stil eines Lehrbuchs mit teilweise sehr vereinfachenden Zeichnungen und glatten Botschaften erweckt den Eindruck eines ziemlich geschlossenen Weltbilds, von dem die Leserinnen und Leser überzeugt werden sollen, statt sie zu eigenen Fragen anzuregen. Auch die farbig unterlegten Textstellen wirken belehrend.

Mehr Zwischentöne und mehr Nachdenklichkeit hätten dem Buch gut getan. Wer sich trotzdem angesprochen fühlt, findet eine Fülle an wichtigen Themen und Informationen, die vor allem für diejenigen, die sich noch nicht viel mit gesellschaftlichen Alternativen beschäftigt haben, interessant sein können. Insofern ließe sich bei kritischer Durchsicht aus dem Werk noch einiges entwickeln.

Elisabeth Voß

Ulrich Brand, Markus Wissen:
Imperiale Lebensweise
Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus
Oekom Verlag, München 2017
224 Seiten, 14,95 Euro
ISBN 978-3-86581-843-0

I.L.A. Kollektiv (Hrsg.):
Das Gute Leben für Alle
Wege in die solidarische Lebensweise
Oekom Verlag, München 2019
128 Seiten, 20 Euro
ISBN 978-3-96238-095-3

Weitere Informationen:
www.ilawerkstatt.org


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