Rezensionen

Aus DER RABE RALF Oktober/November 2021, Seiten 23-30

Das Ende des automobilen Kapitalismus

Ein linkes Bündnis macht einen Aktionsvorschlag für die Klimabewegung 

„Nichts ist unmöglich“ ist der Titel einer Broschüre „über den automobilen Kapitalismus und sein Ende“. Darin macht das „Ums Ganze“-Bündnis einen Vorschlag für eine linke Intervention in die Klimapolitik. Bei dem Bündnis handelt es sich um einen bundesweiten Zusammenschluss außerparlamentarischer Linker, die sich gegen Nationalismus und Sozialabbau, seit einiger Zeit aber auch in der Klimabewegung engagieren. Dabei wird versucht, linke Ideologiekritik mit praktischen Aktionsvorschlägen zu verbinden.

Die Broschüre beginnt mit einem historischen Abriss zum Fordismus. Kennzeichnend für diese kapitalistische Periode war die Massenfertigung in großen Fabriken mit oft in einer Gewerkschaft organisierten Lohnabhängigen. In Deutschland kam es zu einem – in der Broschüre kritisierten – Klassenkompromiss zwischen Kapital und Arbeit. Etwas schematisch ist die Kritik, dass diese „Sozialpartnerschaft“ vor allem „zu Lasten von Mensch und Natur im globalen Süden“ gegangen sei. Schließlich fand die Mehrwertproduktion in Deutschland statt. 

Gegen grüne Scheinlösungen  

Differenzierter ist die Position zum Massentourismus. Das Recht auf Mobilität für alle Menschen sei eine zivilisatorische Leistung, die einst in der Arbeiterbewegung erkämpft wurde. Das bedeute aber nicht, „die armseligen Konsum- und Freizeitangebote des sogenannten Westens wie Easyjet-Tourismus und Massentierhaltungswurst aggressiv zu verteidigen“.

Betont wird, dass auch der „grüne Kapitalismus“ nicht ohne Unmengen von Ressourcen auskommt. Gleichzeitig wird gut erklärt, dass viele Menschen auf das Auto angewiesen sind, weil der öffentliche Verkehr von der Politik immer mehr ausgedünnt wird. Treffend wird auch eine grüne Lifestyle-Ideologie kritisiert, wo ein Mehrwegbecher oder ein E-Auto für das grüne Milieu vor allem zur Abgrenzung von Durchschnittskäuferinnen und Dieselfahrern dienen.

Der letzte Teil der Broschüre beschäftigt sich mit Wegen zum Ausstieg aus dem automobilen Kapitalismus. Klar ist für die Autor·innen, dass ein Zurück zur Natur oder eine generelle Absage an die Technik nicht die Lösung sein können. „Elektrifizierung, Automatisierung, Digitalisierung usw. sind Errungenschaften, die in einer befreiten Gesellschaft zentrale Werkzeuge sein werden, um materiellen Wohlstand für alle zu garantieren, während die Zeit, die Menschen zur Herstellung dieser Waren aufwenden, auf ein notwendiges Minimum gedrückt wird“, betonen sie.

Klimabewegung trifft Belegschaft

Die konkreten Vorschläge für eine „kommunistische Mobilitätswende“ haben Reformcharakter. Dazu gehören der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und die Sozialisierung der Autoindustrie.

Auch die heikle Frage, wie es eine linke Klimabewegung mit den Beschäftigten der Autoindustrie und ihren Gewerkschaften hält, wird angesprochen. Hier werden die Initiativen von Automobilbeschäftigten positiv erwähnt, die selber nach Alternativen zur Autogesellschaft suchen. Auch eine mögliche Transformation der Produktionsstätten findet Erwähnung. Da es sich um ein gesellschaftliches Problem handelt, müssten die Diskussionen allerdings auf gesellschaftlicher Ebene laufen. Über die Fortführung oder den Stopp der Autoindustrie kann nicht in einer Fabrik oder in einer Branche entschieden werden. Dafür ist eine breite Bewegung nötig. Die Broschüre könnte dazu ein Beitrag sein.

Peter Nowak

… ums Ganze:
Nichts ist unmöglich
Über den automobilen Kapitalismus und sein Ende
Selbstverlag, Berlin 2021
60 Seiten, kostenlos

Bezug: E-Mail: mail@top-berlin.net
Download: www.umsganze.org/nichts-ist-unmoeglich


Nachdenken über Bäume

Der beliebte Lebenswelten-Aquarellkalender erscheint im 32. Jahr

Die künstlerisch-ökologische Arbeitsgruppe Formica hat zusammen mit dem Kunstferienlager des Kunstvereins Templin den neuen Aquarellkalender „Lebenswelten – bedroht und geliebt“ herausgebracht. Im Kalender 2022 regen Kinder, Jugendliche und Erwachsene zum Nachdenken über Bäume, unsere ständigen Begleiter an.

Gert Klinger, ehemaliger Mitarbeiter im Naturpark Uckermärkische Seen, hat ein einfühlsames Vorwort geschrieben: „Die Entwicklung der Wälder ist eng mit der Geschichte der Menschen verbunden. Der Wald als Lebensraum ernährte sie, bot Feuer- und Bauholz, stand aber auch für Gefahren, dunkle Mächte und abweisende Wildnis.“ Mythen, Sagen und Märchen habe er ebenso geprägt wie Kunst, Kultur und Sprichwörter. „Aber auch die Bäume selbst sind ein Speicher unserer Geschichte und der regionalen klimatischen Veränderungen“, so Klinger. „Neben ihrem Alter, das sich sehr einprägsam an den Jahresringen ablesen lässt, erzählen uns die Bäume von vergangenen Stürmen, Waldbränden, Kalt- und Warmzeiten, Dürren und Feuchtperioden, von Schädlingsbefall und Kriegseinwirkungen.“ Unsere früheren Generationen seien Waldbewohner gewesen, „und auch heute können wir im Wald zur Ruhe kommen, uns erholen und wieder ein ‚Zuhause‘ finden.“

Aus der Vielzahl beeindruckender Aquarelle wurden 13 Arbeiten von Kindern und Jugendlichen und 12 von Erwachsenen ausgewählt und mit eigenen Texten versehen. Der ehrenamtlich organisierte und gestaltete Kalender im Format A3 kann für 15 Euro pro Exemplar bestellt werden. Der Erlös wird für den Druck des Folgejahres aufgewendet, Mehreinnahmen kommen der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen zugute.

Benjamin Sonntag 

Formica, Kunstverein Templin (Hrsg.):
2022 (Monats-Wandkalender)
Lebenswelten – bedroht und geliebt
Bäume, unsere ständigen Begleiter
Selbstverlag, Berlin 2021
24 Kalenderseiten, 15 Euro

Bestellung: Formica n.e.V., Joachim Czepa, Tel. (030) 56301973, E-Mail: marita.czepa@berlin.de, www.kv-t.de/kunstkalender


Kampfansage für den Wald

Warum Fichtenplantagen keine Wälder sind und vieles mehr – auf hohem Niveau, aber sehr lesbar erklärt

Vor lauter Holz sehen wir den Wald nicht mehr. In einer Gesellschaft, die Rentabilität allem voranstellt, ist das nicht erstaunlich. Aber tragisch.

Wir glauben, über den Wald viel zu wissen, denn gern bestaunen wir die Pracht der Bäume auf sonntäglichen Spaziergängen. Dann durchströmt uns ein diffuses Wohlbefinden und wir versichern uns, dass Wald gesund ist für den Menschen. Wald ist schön, gut und erfreulich – und bedeckt ein Drittel der Fläche Deutschlands, eines der waldreichsten Länder Europas. Also alles prima?

Weiter so heißt jetzt Klimaanpassung

Weit gefehlt. Trotz einer Heerschar hoch ausgebildeter Forstwirte machen wir allzu viel falsch. Der Wald trocknet aus, wird von Ungeziefer zerfressen und von Stürmen niedergestreckt. Schuld soll allein der Klimawandel sein. „Wir helfen den Waldbesitzenden effektiv, unkompliziert und schnell, neue widerstandsfähige und standortangepasste Mischwälder zu pflanzen und die Wälder damit besser an den Klimawandel anzupassen“, beschwichtigt Julia Klöckner, die für Landwirtschaft und Wald (aber vor allem für Agrarindustrie) zuständige Ministerin.

Anpassen ist das Schlüsselwort der Macher, die ihr Tun meist selber nicht verstehen. Niemals passen wir uns der Natur an, wir unterwerfen sie. Denn sie muss – oberstes Gebot unserer Gesellschaft – möglichst rentabel sein. Und eine rationale Anpassung besteht in dieser Logik ausschließlich aus Maßnahmen, mit denen sich fett verdienen lässt. „Mischwälder pflanzen“ ist nur gut, wenn das auch eine einträgliche Investition bedeutet.

Dieses Buch ist ein Weckruf. Es ist ein mit schönen Farbfotos großzügig illustriertes Handbuch, ein Kompendium, in dem jede und jeder einführendes und fortgeschrittenes Wissen finden wird. Hier geht es um Ökologie, um Bäume und um die Lebewesen, die mit ihnen zusammenleben. Es geht aber auch um Politik und, natürlich, um Wirtschaft, die Treiberin dieser Politik. Vor allem ist dieses Buch, so die Herausgeber, eine „Kampfansage an verfehlte Forstpraktiken“.

Es geht nur um Ertragssteigerung 

In 30 gut lesbaren und reichlich mit Quellen versehenen Beiträgen legen die Autorinnen und Autoren, Fachleute in ihrem Bereich, ihre vielfältigen Erfahrungen dar. Und ziehen die notwendigen Schlüsse unverblümt und ohne Rücksicht auf die Politik.

Schon im Geleitwort fasst es der Greifswalder Ökologe Michael Succow zusammen: Das Problem sei die „gesteigerte Nutzungsintensität, ein alleiniges Orientieren auf den zu steigernden Holzertrag“. Er nennt auch die Lösung: „Es gilt, die sich vielfältig in langen Zeiträumen entfalteten Wälder als sich selbst optimierende Ökosysteme zu begreifen und sie entsprechend zu behandeln.“ Und konkret: „Ausnahmslos gilt es im Tiefland die von Koniferen geprägten Kunstforste in Laubwälder zu überführen und dabei die freie Sukzession zuzulassen.“ Die Abkehr von der Holzplantage, die nur dazu dient, um Regale, Papier oder Brennholz zu produzieren, ist also dringend notwendig. Denn die wirklichen Funktionen der Wälder „als Kühler, Wolkenbildner, Sauerstoffproduzenten, Humusbildner sind für das Gemeinwohl von unschätzbarem Wert“.

Erstaunliche Selbstheilungskräfte 

„Deutschland ist ein Waldland“, sagt der Rügener Landschaftsökologe und Naturschützer Hans Dieter Knapp und verlangt einen grundsätzlich anderen Umgang mit Wald, eine „schon vor Jahrzehnten geforderte Waldwende“. Denn Wälder seien das wichtigste Land-Ökosystem der Erde.

„Der Holzweg“ bietet in fünf Abschnitten ein breites Panorama über die Lage des Waldes in Deutschland. Der erste Teil gibt zunächst einen tiefen Einblick in die Geschichte des Waldes und vor allem des Umgangs mit ihm. Es ist erschütternd zu lesen, wie sich die Forstwirtschaft, die nur auf kommerzielle Nutzung von Holz aus ist, schon immer gegen Naturschutz und Ökologie gestellt hat. Trotz wachsender wissenschaftlicher Erkenntnis setzt sich die zerstörerische Keule der Wirtschaft durch.

Im Folgenden geht es um den Wald als vernetztes Ökosystem. Wir lernen, dass man Wälder am besten sich selbst überlässt. Die Selbstheilungskräfte eines so komplexen, vernetzten Systems, wie es der Wald ist, sind erstaunlich. Nach Sturm- oder Dürreschäden alles abzuräumen und mit exotischen Baumarten neu zu bepflanzen, ist dagegen sinnlos und schädlich.

Bürgerinitiativen gegen Brutal-Forstwirtschaft

Der Abschnitt zum Klimawandel behandelt die zentralen Fragen der heutigen Krise. Die Politik habe, angeblich für den Klimaschutz, „aus unseren Wäldern Holzfabriken gemacht“, schreibt der aus Berlin stammende Waldschutzexperte Norbert Panek. Die gerade laufende aufwändige Bundeswaldinventur sei „eine beispiellose interessengesteuerte Verschleierungs- und Beschönigungskampagne der Forst- und Holzlobby“. Eine Grundsatzdebatte finde nicht statt.

Ein Abschnitt beschreibt die Auflehnung der Zivilgesellschaft gegen den Holzkommerz. Immer mehr Bürger beschweren sich über den brutalen Holzschlag. 70 Tonnen schwere Maschinen verletzen den Waldboden irreparabel, ihre sogenannten Rückegassen zum Abtransport des Holzes nehmen bis zu einem Fünftel der Wirtschaftsfläche ein. In ganz Deutschland engagieren sich in den letzten 15 Jahren neben Umweltverbänden auch Bürgerinitiativen, die inzwischen gut vernetzt sind. Ob das ausreicht, ist dennoch ungewiss. Die Bilder im Buch illustrieren den Raubbau, den die Waldschützer beklagen: Kahlschläge, durch Maschinen zerstörte Waldwege, Berge von Laubholzschnitzeln für den Export.

Es geht anders, aber zu wenige trauen sich

Zum Glück gibt es auch Lichtblicke, die wir im „Waldwende“-Abschnitt finden. Allen voran schaffte es Lübeck, seinen Stadtwald zum „Bürgerwald“ zu machen. Ein neuer Forstamtsleiter beendete 1986 die Kahlschläge, verzichtete auf Pestizide und setzte Pferde statt Maschinen ein. Unterstützung kam von Greenpeace – was bei der traditionellen Forstwirtschaft als Verrat angesehen wurde. Das Konzept einer naturnahen Waldpflege und -nutzung war jedoch erfolgreich und wurde auch von einigen anderen nachgeahmt. Aber der mit der Politik eng verfilzten Forstwirtschaft gelang es, einen breiten Wandel im Land zu verhindern.

Im letzten Abschnitt geht es um die Frage, was man für den Wald tun kann – und was man lieber lassen sollte. Etwa das, was Ministerin Klöckner gern erklärt: „Eine stärkere Nutzung von Holz als Baustoff bindet langfristig CO₂.“ Für die Herausgeber ist das „unverantwortlich und gefährlich, da es der Ausplünderung von Wald Vorschub leistet“.

Profitmaximierung ist ein Irrweg, ob im Gesundheitswesen, beim Wohnen oder im Wald. Die „teils aggressive Abwehr und Ignoranz von Forstwissenschaft und Politik“ gegenüber waldökologischen Erkenntnissen sei unverständlich und „vielleicht nur soziopsychologisch erklärbar“, so das Resümee der Herausgeber. „Wir erleben nicht eine Krise des Waldes, sondern eine Krise des Systems Forstwirtschaft.“

Walter Tauber

Hans Dieter Knapp, Klaus Siegfried, Lutz Fähser (Hrsg.):
Der Holzweg
Wald im Widerstreit der Interessen
Oekom Verlag, München 2021
480 Seiten, 39 Euro
ISBN 978-3-96238-266-7

Langfassung der Rezension: www.wikistade.org/buecher-zum-umbruch 


Eine Wirtschaft für die Zukunft

Mit oder ohne Markt – und wie kommen wir dahin?

Wie kann angesichts zunehmender Krisen eine zukünftige Wirtschaftsweise aussehen, die sozial gerecht und radikal demokratisiert ist und deren ökologische Folgen zumindest eingehegt werden? Und wie genau sollte eine solche Vision schon heute ausgearbeitet werden?

Die Autoren des vorliegenden Buches – der Ökonom Robin Hahnel und der Soziologe Erik Olin Wright, 1946 und 1947 geboren (Wright starb 2019) – haben als Professoren an US-amerikanischen Universitäten geforscht und gelehrt. Beide haben sich jahrzehntelang mit alternativen Formen des Wirtschaftens beschäftigt.

Weder sozialdemokratisch noch staatssozialistisch

Robin Hahnel hat gemeinsam mit Michael Albert, dem Mitgründer der Online-Community für gesellschaftlichen Wandel ZNet, ein ausgefeiltes Konzept einer „Partizipativen Ökonomie“ entwickelt, früher bekannt unter dem englischen Kurzwort „Parecon“. Diese Ökonomie beruht weder auf marktwirtschaftlicher Konkurrenz noch auf staatlicher Planung, sondern auf Räten der jeweils direkt Betroffenen, die die Regeln des wirtschaftlichen Austauschs direkt miteinander aushandeln sollen.

Erik Olin Wright untersuchte mit seinem „Real Utopias“-Projekt Ansätze anderen Wirtschaftens, die schon heute in eine radikaldemokratische sozialistische Zukunft weisen, und beschreibt verschiedene transformatorische Wege dorthin. Dabei setzt er gesellschaftliche, wirtschaftliche und staatliche Macht in unterschiedliche Verhältnisse zueinander und beschreibt deren Einflüsse auf die Wirtschaftstätigkeit.

Beide Autoren sind sich darin einig, dass sowohl der sozialdemokratische Versuch einer Humanisierung des Kapitalismus als auch der Staatssozialismus gescheitert sind. Im Gespräch tauschen sie sich über gemeinsame und unterschiedliche Vorstellungen von Alternativen aus. Zunächst skizziert Hahnel kurz seine Partizipatorische Ökonomie, Wright antwortet mit solidarischer Kritik, woraufhin Hahnel sein Konzept verteidigt. Anschließend gibt Wright Einblicke in seine Ideen von Sozialismus und Realutopien, die Hahnel kritisch reflektiert. Wright rundet das Gespräch mit einigen Schlussgedanken ab.

Ernsthafte Suche nach konkreten Auswegen

Eine wichtige Frage darin ist die nach der Bedeutung des Marktes. Für Wrights Überlegungen spielen Märkte keine große Rolle, jedoch lehnt er sie nicht vollständig ab, im Unterschied zu Hahnel, für den sie in einer Übergangszeit gezähmt, dann aber abgeschafft werden sollten. Es sei eine Selbsttäuschung zu glauben, eine Marktwirtschaft sei mit Gerechtigkeit und Demokratie vereinbar, meint Hahnel. Märkte würden „Gier und Angst stimulieren“ und seien „ein Krebsgeschwür für das sozialistische Projekt“. Wright erkennt jedoch auch in Hahnels Modell der Partizipatorischen Ökonomie noch Marktelemente, wenn in die Verhandlungen um Produktpreise zwischen Räten von KonsumentInnen und ProduzentInnen auch Angebot und Nachfrage eingehen.

Eine weitere Frage, um die es im Gespräch der beiden geht, ist die nach Strategien einer Transformation. Woran lässt sich erkennen, dass eine Reform nicht das Bestehende stützt, sondern zu einem grundlegenden Wandel beiträgt? Ist ein vollständiger Systembruch notwendig oder genügt ein fließender Übergang? Historische Beispiele sind eher entmutigend. Umso wichtiger sind solche ernsthaften Bemühungen wie die hier unternommenen, trotz allem Ideen für eine andere Wirtschaft und für die Wege dorthin zu skizzieren.

Irritierender Ökonomismus und formalistische Kälte

Im englischen Original erschien das Gespräch bereits 2014, aber die angesprochenen Fragen sind nach wie vor aktuell. Das handliche Büchlein im Taschenkalender-Format lädt zur ausführlichen Reflexion und vertiefenden Diskussion ein – gerade auch an den Punkten, die zum Widerspruch herausfordern. So bleiben beispielsweise beide Ansätze im Bestehenden verhaftet, wenn sie an Lohnarbeit und Geld festhalten. Auch das Leistungsprinzip bleibt erhalten, wenn Arbeit nach ihrem Schweregrad entlohnt werden soll und entsprechende Konsumansprüche begründet. Gleichzeitig wird jedoch ein bedingungsloses Grundeinkommen befürwortet. Dass die gewohnte Produktvielfalt auch in einer zukünftigen, demokratisierten Wirtschaft erhalten bleiben soll, irritiert angesichts von Klimakatastrophe und Ressourcenraub ebenso wie die Monetarisierung ökologischer und gesundheitlicher Schädigungen aus der Produktion, wie sie die Partizipatorische Ökonomie vorsieht. Diese Schäden sollen von den jeweils Betroffenen bewertet und ihnen finanziell ausgeglichen werden.

Solche rational-berechnenden Überlegungen verströmen eine formalistische Kälte, als sei alles im Leben messbar und gegeneinander aufrechenbar. Vor allem der Partizipatorischen Ökonomie scheint es in erster Linie darum zu gehen, Anstrengungen und Schäden fair und gerecht zu entgelten – entwickelt wurde sie mithilfe mathematischer Modelle. Demgegenüber kommt Erik Olin Wright von der Erforschung praktischer Alternativen her und kann sich vielfältige Formen des Wirtschaftens auch im Sozialismus vorstellen.

Anstoß zum notwendigen Weiterdenken

In der Kürze eines solchen Büchleins lassen sich nicht alle Fragen erschöpfend behandeln. Es fehlen beispielsweise eine globale, insbesondere feministische und indigene Perspektive und eine Einbeziehung von lebendigen sozialen Beziehungen – wo bleibt die Freude an der Arbeit als kreativer Tätigkeit und Selbstausdruck in einem sozialen Beziehungsgeflecht? Trotzdem habe ich es mit Gewinn gelesen, denn es leistet zweifellos einen Beitrag zur notwendigen Kritik des Kapitalismus und zur existenziellen Frage nach Alternativen und danach, „welche praktischen Initiativen wir heute ergreifen können, um uns in diese Richtung zu bewegen“ (Wright).

Elisabeth Voß

Robin Hahnel, Erik Olin Wright:
Alternativen zum Kapitalismus
Vorschläge für eine demokratische Ökonomie
Bertz + Fischer, Berlin 2021
244 Seiten, 15 Euro
ISBN 978-3-86505-734-1

Auf Deutsch erschienen bisher:

Michael Albert: Parecon. Leben nach dem Kapitalismus, Trotzdem Verlagsgenossenschaft, Frankfurt/M. 2006.

Erik Olin Wright: Reale Utopien. Wege aus dem Kapitalismus. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Berlin 2017.

Eine etwas andere Fassung der Rezension erschien im September 2021 in der Zeitschrift Graswurzelrevolution (Nr. 461, www.graswurzel.net).


Wie sieht unsere Erde in 500 Jahren aus?

Im Theaterstück „Klima-Fieber“ erkunden zwei Kinder unsere Zukunft

Utopia fordert die Kinder auf, etwas zu tun. (Foto: Theater Jaro)

Ozeane voller Plastikmüll oder Naturkatastrophen mit enormen Ausmaßen sind dystopische Bilder, die viele im Zusammenhang mit unserer Zukunft malen. Auf der anderen Seite gibt es Hoffnung: Klimaschutz rückt stärker in den gesellschaftlichen und politischen Fokus. Menschen überdenken ihr Leben in Bezug auf Nachhaltigkeit immer häufiger – je früher, desto besser.

Genau deswegen ist es wichtig, Kinder an solche Fragen heranzuführen, um sie früh für unsere Welt zu sensibilisieren: eine bedrohte Welt, durch die man sich bewusst bewegen sollte.

Die Zusammenhänge einem Kind zu erklären stellt selbstverständlich eine Herausforderung dar. Das Theater Jaro in Berlin-Wilmersdorf entwickelte deshalb zusammen mit pädagogischen Fachkräften Programme, die kindgerecht einen Einblick in die komplexe Krise geben. Das Ziel: die Selbstwirksamkeit stärken. Denn es besteht Handlungsbedarf, nicht Informationsbedarf. 

Entdeckungen im Paralleluniversum

Im Theaterstück „Klima-Fieber oder Lea und Karl sehen Grün“ reisen die Geschwister Lea und Karl gemeinsam mit ihrem Roboter-Freund Zero durch das Universum und entdecken verschiedene Paralleluniversen. Auf ihrer Reise setzen sich die beiden mit wichtigen Themen wie Ernährung, Fast Fashion, Konsum und Mobilität auseinander und bewegen sich dabei in einem Bühnenbild, das zum Teil aus upgecycelten Materialien besteht.

Schon als Zero auf die Bühne kommt, sind alle Augen gespannt auf ihn gerichtet. Als dann die beiden zentralen Figuren auf die Spielfläche treten, gibt es für die Kinder viel zu lachen – positive Reaktionen machen sich im gesamten Spielverlauf bemerkbar. Auch am Ende der Vorführung sind viele an Leas Nachhaltigkeits-Schulprojekt interessiert, das den Aufhänger zum Stück bildet.

Zukunft ohne Tiere und Pflanzen?

Nachdem die Reise in der Steinzeit begonnen hat, geht es in die Zukunft – eine Welt ohne Pflanzen und Tiere. Müll und Gestank prägen das Bild. Die bunte Figur „Utopia“ erscheint und fordert die Kinder auf, etwas zu tun – denn sie kommen aus der Gegenwart, die das Fundament der Zukunft bildet. Direkte Fragen wie „Auf was könnt ihr verzichten?“ geben den Kindern Einblick in Nachhaltigkeit. Das Stück endet mit einem Lied, das alle Ideen und Alternativen zusammenfasst und von einigen Kindern nach dem Stück weiter gesungen wurde.

Das Stück gibt auch Erwachsenen einen guten Einblick in die eigene Selbstwirksamkeit und bringt vor allem den Kindern humorvoll nahe, wie sie ganz einfach etwas für unseren Planeten tun können.

Kaya Thielemann

Klima-Fieber
oder
Lea und Karl sehen Grün
Regie: Sylvie Niemann
60 Minuten

Theater Jaro, Schlangenbader Str. 30/Ecke Wiesbadener Str., 14197 Berlin-Wilmersdorf (U3 Rüdesheimer oder Breitenbachplatz, Bus 186 Bingerstraße), Tel. (030) 3410442, www.theater-jaro.de 

Eintritt 7-12 Euro, 7-12 Jahre 

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