Rezensionen

Aus DER RABE RALF April/Mai 2021, Seite 26/27

Es muss sich etwas ändern

Der neue Fleischatlas zeigt: „Weiter so“ geht nicht mehr

Die fünfte Ausgabe des „Fleischatlas“ beginnt mit dem Massenausbruch des Coronavirus in Deutschlands größtem Schlachthof im Juni letzten Jahres. Der Skandal sorgte zwar dafür, dass Leiharbeit und Werkverträge in den Schlachthöfen beendet wurden. Ein grundlegender Wandel in der Fleischindustrie, wie ihn Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner angekündigt hatte, blieb wie zu erwarten aus.

Bekanntes und weniger Bekanntes

Dass Covid-19 nun zusätzliche Probleme in der Fleischindustrie verursacht, heißt leider nicht, dass sich die bestehenden Probleme in Luft auflösen. Diese betreffen die gesamte Produktionskette, weswegen sich die Herausgeber – Heinrich-Böll-Stiftung, BUND und Le Monde diplomatique – ein weiteres Mal zusammengetan haben, um sachlich darüber zu informieren. Einiges davon ist allgemein bekannt, wie die immensen Treibhausgasmengen aus der Massentierhaltung oder die Abholzung des Regenwaldes für Monokulturen mit Futterpflanzen. Weniger bekannt sind Probleme wie der Wasserverbrauch der Tierzucht und seine Auswirkungen oder die sinkende Zahl der Betriebe bei gleichzeitiger Zunahme der Tierzahlen pro Betrieb.

Zu fast allen Themen gibt es Grafiken, Diagramme oder Karten, die auf einen Blick die wichtigsten Informationen liefern. Wer tiefer einsteigen möchte, kann die zugehörigen Texte lesen, die sehr sachlich sind und immer zum Nachdenken anregen.

Alternativen und Zukunftsprognosen

Aber der Fleischatlas kann deutlich mehr, als Probleme und Verantwortliche zu benennen. Er stellt auch Alternativen vor, mit denen man seinen Fleischkonsum reduzieren kann, ohne ganz auf das Geschmackserlebnis Fleisch verzichten zu müssen. Als erstes fallen einem hier vegane oder vegetarische Fleischimitate ein, die es ja schon überall zu kaufen gibt. Weniger bekannt ist eine weitere Alternative: im Labor gezüchtetes Fleisch, für das keine Tiere gehalten und geschlachtet werden müssen. Allerdings ist die Technologie in den meisten Ländern noch nicht zugelassen und bisher viel zu teuer. Dennoch wird spekuliert, dass der Anteil von Laborfleisch bis 2040 auf etwa 35 Prozent ansteigen könnte.

Eine Kernaussage lässt sich dem Fleischatlas entnehmen: So, wie es heute läuft, kann es nicht weitergehen. Die Fleischproduktion in Deutschland müsste erheblich zurückgehen, um noch irgendwie vertretbar zu sein. Zu erreichen ist das nur durch gesetzliche Einschränkungen – oder durch einen allgemeinen Mentalitätswandel bei der Ernährung. So liegt der Anteil von Veganern und Vegetariern bei den Jüngeren deutlich höher als bei den Älteren, die oft andere Grundeinstellungen bei Ernährung und Nachhaltigkeit haben.

Kompakt und anschaulich

Insgesamt ist der Fleischatlas eine nahezu perfekte Möglichkeit, beim Thema Fleisch auf den neuesten Stand zu kommen, ohne sich durch triste Sachtexte und lange Artikel quälen zu müssen. Alle Informationen werden anschaulich präsentiert. Für alle, die wissen wollen, wie Fleisch unsere Welt beeinflusst, ist der Fleischatlas eine empfehlenswerte und spannende Lektüre.

Fabio Micheel

Christine Chemnitz u.a.:
Fleischatlas 2021. Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel. Jugend, Klima und Ernährung
HBS, Berlin 2021
52 Seiten, kostenlos
ISBN 978-3-86928-224-4

Bezug und Download:
www.bund.net/fleischatlas


Auf Kosten der Gesundheit

Ein Arzt beschreibt, wie ein privatisiertes Gesundheitswesen an der Gewinnorientierung scheitert

Die Umwelt- und Klimakrise, die Hausfrauen, Bauern und Speisende quält, ist vor allem eine Krise des schwindenden Gemeinsinns. Wie kann es angehen, dass via Krankenhauskost allein die industrielle Landwirtschaft gefördert wird und Genesende mehr oder weniger mit der aromalosen Kost der Massentierhaltung abgespeist werden? So geschieht es zumindest in Berlin, nur ganz wenige Krankenhäuser wagen es anders zu machen.

Privatisierung hilft Coronaviren

Auch die Coronakrise ist vor allem eine Krise einer zu wenig am Gemeinwohl orientierten Politik. In der Wochenzeitung „Zeit“ schilderte kürzlich eine Ärztin aus Bergamo in Norditalien, wie sie die Corona-Zeit erlebt und durchstanden hat. Sie war bis zu 14 Stunden im Krankenhaus und musste ihre 80-jährige Mutter ganze Tage lang allein lassen. Das Krankenhauswesen der Gegend war durch die radikale Privatisierungspolitik der rechtskonservativen Lega Nord praktisch vor die Wand gefahren worden: die Kliniken privatisiert und zentralisiert, kleine Spitäler geschlossen, das Personal stark reduziert. Und so kam es, wie es kommen musste, die wenigen noch vorhandenen Kliniken waren schnell überlastet und ein Teil der Kranken konnte nicht mehr richtig versorgt werden. Es fehlte an allem: Hygienematerial, Intensivbetten, Schutzkleidung. Über 300 Ärzte starben in Italien an Corona.

Wir hier hatten Glück: In Deutschland ist die Privatisierung des Gesundheitswesens noch nicht so weit vorangeschritten. Keine EU-Kommission erzwang hier eine derart rabiate Sparpolitik auf Kosten des Gemeinwohls. Aber auch hierzulande ist die Allmende eines solidarischen Gesundheitssystems in Gefahr. Die Bertelsmann-Stiftung plädierte 2019 für das Schließen der kleineren Kliniken auf dem Land. Und das nach der letzten größeren Gesundheitsreform eingeführte Fallzahlensystem führt dazu, dass die Kliniken so wichtige Aufgaben wie Entbindungen oder die Versorgung von Krebspatienten kaum noch kostendeckend durchführen können.

Zusammenhänge werden nicht mehr erkannt

Ein junger Arzt aus Bremen ist darüber entsetzt. Als Kardiologe, Facharzt für Herzerkrankungen, weiß Umes Arunagirinathan genau, dass etwa Herz-OPs den Kliniken etwas bringen, während für die Versorgung von längerfristig Kranken keine Zeit bleibt. Er hat seine Erfahrungen und Schlussfolgerungen nun in einem engagierten und sehr flüssig zu lesenden Buch zu Papier gebracht. „Die immer weiter fortschreitende Ökonomisierung des Gesundheitswesens“, warnt er, „macht Gesundheit und Heilung zu einem Produkt, uns Ärzte zu Dienstleistern und die Patienten zu Konsumenten. Wir Ärzte und Ärztinnen müssen immer häufiger nach Kriterien entscheiden, die nicht in unserem beruflichen Ethos begründet liegen, sondern gewinnorientiert sind oder zumindest wirtschaftlichen Regeln folgen.“

Krankenhäuser sollen heute Gewinn machen. „Dem wird alles untergeordnet“, so der Autor. Patienten würden nur noch als Träger von Symptomen wahrgenommen, „damit die Abrechnung einfacher wird und die Kosten sinken“. Komplexe Zusammenhänge und Krankheitsbilder können so aber nicht mehr erkannt werden, und sowohl die Behandelten als auch das medizinische Personal sind frustriert von dem unbefriedigenden Fünf-Minuten-Umgang. Zugleich stehen kostspielige Herz-, Transplantations- und Krebszentren leer – und hierzulande sogar Intensivbetten –, weil die heutige Gesundheitsindustrie auf Maschinen statt Menschen setzt. Wenn größere Zusammenhänge aber nicht mehr erkannt werden können, sind wir auf kommende Pandemien und andere Krisen schlecht vorbereitet.

Elisabeth Meyer-Renschhausen

Umes Arunagirinathan:
Der verlorene Patient
Wie uns das Geschäft mit der Gesundheit krank macht
224 Seiten, 16 Euro
Rowohlt Polaris, Hamburg 2020
ISBN 978-3-499-00299-1


Von Fakten und vorsichtigem Optimismus

Warum wir die Lage der Welt oft für schlechter halten, als sie ist

Korruption, Armut, Krieg und Terror … die Liste der internationalen Konflikte ist lang. Und über all den Problemen thront die immer bedrohlicher werdende Klimakrise und seit Neustem auch noch eine globale Pandemie. Wer das weltweite Tagesgeschehen zumindest ein bisschen verfolgt, verfällt über kurz oder lang in eine Art Hoffnungslosigkeit. Denn der Welt geht‘s doch immer schlechter, oder?

Der schwedische Wissenschaftler und Arzt Hans Rosling hat es sich zur Aufgabe gemacht, in seinem Buch „Factfulness“ – ein englisches Wortspiel aus „factual“ (faktengetreu) und „tactfulness“ (Taktgefühl) – das Gegenteil zu beweisen. „Dieses Buch ist mein Versuch, Einfluss auf die Welt zu nehmen: die Denkweise der Menschen zu verändern, ihre irrationalen Ängste zu lindern und ihre Energien in konstruktives Handeln umzuwandeln“, schreibt der Autor im Vorwort. Aus diesem Grund beginnt das Buch mit einem Selbsttest. Anhand von 13 repräsentativen Fragen können die Leser:innen ihr Wissen über die Welt testen und dadurch Rückschlüsse auf ihr eigenes Weltbild ziehen. Meine Antworten waren zu meiner Freude fast alle falsch – denn glücklicherweise ist die Welt sehr viel besser, als ich angenommen hatte.

Entscheidungen ohne Faktenwissen?

Ein Beispiel: Hat sich der Anteil der Weltbevölkerung, der in extremer Armut lebt, im Laufe der letzten zwanzig Jahre fast verdoppelt, kaum verändert oder vielleicht sogar halbiert? Die richtige Antwort ist, dass sich der Anteil mehr als halbiert hat, sogar von 29 auf neun Prozent gesunken ist. Natürlich ist jeder einzelne Mensch, der unter widrigsten Bedingungen leben und leiden muss, einer zu viel und das erklärte Ziel ist es, die Armut vollständig zu beenden. Doch die Frage zeigt auch, dass wir auf einem guten Weg sind.

Im Laufe seines Lebens stellte Rosling vielen Menschen aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft auf der ganzen Welt dieselben 13 Fragen. Die Ergebnisse waren alarmierend, denn es stellte sich heraus, dass wichtige Entscheidungsträger:innen ein völlig falsches Bild von der Welt hatten. Wie sollen auf der Grundlage eines solchen Weltbildes fundierte Entscheidungen getroffen werden?

Denkmuster des instinktiven Pessimismus erkennen

Doch statt demokratische Entscheidungsprozesse schlechtzureden, werden die typischen Denkmuster, die zu dieser pessimistischen Weltsicht führen und die auch vor gebildeten und reflektierten Menschen keinen Halt machen, nach und nach entschlüsselt. Dabei vermittelt der Autor eine konstruktive Denkweise und gibt den Leser:innen eine Strategie an die Hand, mit deren Hilfe diese instinktiven Denkmuster erkannt und selbstständig reflektiert werden können. Dies verknüpft Rosling immer wieder mit autobiografischen Elementen, die vor allem seine Schwächen offenlegen und seinen Weg zu dem bedachten Menschen zeigen, der er war und von dessen Erkenntnissen wir auch nach seinem Tod noch profitieren können.

Das Buch zeigt, dass die Welt oft besser ist, als wir denken, und verhilft gerade in Zeiten von Corona zu einem vorsichtigen Zukunftsoptimismus. Weil „besser“ aber nicht unbedingt eine Steigerung von gut ist, sollten wir nicht aufhören, uns für mehr Gerechtigkeit einzusetzen – aber mit einem realistischen und faktenbasierten Blick auf die Welt.

Lenja Vogt

Hans Rosling: Factfulness
Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist
Ullstein, Berlin 2019
400 Seiten, 16 Euro
ISBN 978-3-550-08182-8
 


Der laute Frühling

Seit zehn Jahren zeigt die Videoplattform labournet.tv Arbeitskämpfe und Alternativmodelle

„Der laute Frühling“ spielt auf das Buch „Der stumme Frühling“ von Rachel Carson an. (Bild: Trailer/labournet.tv)

„Streik der Zuckerrohrarbeiter in Kolumbien“, Neue Protestwelle in Tunesien“, Union-Busting bei Starbucks in Berlin“ – das sind einige der Titel von Videos auf der Internetplattform labournet.tv. Seit zehn Jahren sorgt ein keines Kollektiv von Frauen dafür, dass „die Kämpfe zirkulieren“, so das Motto von labournet.tv. Im Zentrum stehen die Lohnarbeiter:innen, ihre (Selbst-)Organisierung, historische und heutige Arbeitskämpfe sowie gesellschaftliche Alternativmodelle.

Arbeitende Bevölkerung bleibt unsichtbar

Dabei betont Johanna Schellhagen, eine der Gründerinnen von labournet.tv, dass alle Filme aus der Perspektive der Arbeitenden entstanden sind. Sie kritisiert, dass die arbeitende Bevölkerung gesellschaftlich kaum wahrgenommen wird. „Selbst wenn über einen Streik berichtet wird, werden meist nicht die Arbeiterinnen und Arbeiter interviewt, sondern die Gewerkschaftssekretärin – oder überhaupt nur die Arbeitgeber und genervte Kunden“, betont Jeanne Neton von labournet.tv. „Dem setzen wir etwas entgegen, indem wir aus der Perspektive der Arbeitenden selbst berichten.“ Das feministische Videokollektiv will mit seiner Arbeit in die Gesellschaft wirken und einen Beitrag zu ihrer Veränderung leisten.

Die Betroffenen selbst zu Wort kommen lassen

„Diesen ganzen Bereich, wo Leute gegen ihre Vernutzung und Ausbeutung, gegen Altersarmut und die Zerschlagung ihrer Betriebe kämpfen, braucht mehr Berichterstattung. Das geht nicht, indem man mit der Gewerkschaftssekretärin redet, sondern indem man sich mit den Betroffenen verbündet. Dann können wir eine breite gesellschaftliche Solidaritätsfront aufbauen, die die Verhältnisse tatsächlich umwälzt“, erklärt Johanna Schellhagen die Motivation für ihr Engagement. „Es gibt einen immensen Bedarf an Leuten, die losziehen, wenn gestreikt wird und den Arbeiterinnen und Arbeitern ein Mikrofon unter die Nase halten oder eine Veranstaltung organisieren, in der sie berichten können, was bei ihnen im Betrieb passiert und wofür sie kämpfen“, resümiert Schellhagen aus ihren Erfahrungen bei labournet.tv.

Sie beschreibt damit auch einen wichtigen Teil ihrer Arbeit im letzten Jahrzehnt. So wurde 2015 mit Schellhagens Film „Die Angst wegschmeißen“ ein Zyklus von Arbeitskämpfen vornehmlich migrantischer Beschäftigter in der norditalienischen Logistikindustrie bekannt. Im Anschluss plante das Publikum Solidaritätsaktionen mit den Streikenden.

Was kann die Klimabewegung lernen?

In der nächsten Zeit arbeitet Johanna Schellhagen an dem Film „The Loud Spring“, in dem Klimaaktivist:innen befragt werden, was sie unter dem Begriff „System Change“ verstehen und wie sie ihn erreichen wollen. „Wir wollen auch rauskriegen, ob die Klimabewegung nicht von der Arbeiter:innenbewegung lernen kann, die schließlich auch fast ein Jahrhundert lag über die Frage Reform oder Revolution gestritten hat“, erklärt Johanna Schellhagen.

Man darf auf den Film gespannt sein. Ebenso sollte man die vielen Videos von Arbeitskämpfen aus aller Welt nicht verpassen, die auf labournet.tv zu finden sind. Und man sollte mit einer Spende dazu beitragen, dass die Kämpfe weiter zirkulieren können.

Peter Nowak

Weitere Informationen und Unterstützungsmöglichkeit: www.labournet.tv

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