Schluss mit lustig

Aus DER RABE RALF Juni/Juli 2018, Seite 26

Warum wir mehr Verbote und ein neues Denken brauchen

Der Titel dieses Buches verstört. Und tatsächlich soll es wachrütteln. Hier wird radikal über unsere „Komfortzone“ hinaus gedacht. Ja: viele Vorschläge in diesem Buch sind unbequem und schwer umzusetzen und berühren Dinge, über die nicht geredet wird. Ja: viele Gedankengänge sind rücksichtslos – rücksichtslos gegen Gedankenlosigkeit, Bequemlichkeit, Ausflüchte, Lügen, gegen die fortschreitende Zerstörung unserer Lebensbedingungen. Hier schreibt einer, der die herrschenden Verdrängungsmechanismen und Halbheiten satthat. So gut wie in allen zentralen und überlebenswichtigen Fragen wird dies in dem Buch deutlich: von Ökologie über Bevölkerungswachstum, Biodiversität und Ernährung bis hin zu Krieg und Frieden – und vor allem, was unseren bisherigen Umgang mit den bedrohlichen Trends angeht.

Seit vielen Jahrzehnten lebt die Menschheit über die Verhältnisse ihres begrenzten Planeten. Zurzeit brauchen wir dafür 1,6 Erden. So kann es nicht weitergehen, das wissen alle. Aber auf die Flugreise in den Süden, die ausgedehnte Motorradtour und das tägliche Stück Fleisch auf dem Teller wollen die meisten trotzdem nicht verzichten. Deshalb meint der Journalist und Verleger Herbert Lenz: Es wird Zeit, dass uns jemand auf die Finger haut und „Schluss damit!“ sagt.

Freiheit zur Selbstzerstörung?

Zahlreiche ressourcenverschwendende Luxusgüter müssen sofort abgeschafft werden. Große Verschmutzungsfaktoren sind zu begrenzen, zum Beispiel durch ein Limit an Flugmeilen. Das Buch fordert klare Verbote in vielen Bereichen und ein anderes Denken. Die vermeintliche Freiheit des Individuums – genauer: die Freiheit, unsere und künftige Lebensgrundlagen zu zerstören – muss sich für eine enkeltaugliche Welt hinten anstellen. Nur drastische Eingriffe formen eine neue Weltgemeinschaft, eine „Union Erde“, mit der sich Nationalismus überwinden lässt.

Hier und an manch anderer Stelle könnte man dem Autor eine gewisse Naivität vorwerfen. Doch bei genauerem Hinsehen und Hineindenken wird deutlich, dass vor allem die in unseren westlich-kapitalistischen Gesellschaften vorherrschenden Haltungen „naiv“ sind: Wir denken und tun so, als könne es mit Überkonsum, Ausbeutung und Zerstörung so weitergehen, als sei unser „Way of Life“ die richtige und anzustrebende Normalität.

Es heißt, dass dem Autor Herbert Lenz während des Schreibprozesses für sein vorhergehendes Buch „Die Menschheit schafft sich ab“ immer klarer geworden sei: Wir brauchen ganz drastische Einschnitte – sonst fahren wir unser „Raumschiff Erde“ an die Wand. Und so wartet Lenz unter anderem mit einem 11. Gebot auf: „Du sollst die Erde lieben wie Dich selbst.“

Agrarkonzerne auflösen, Rohstoffe verstaatlichen

Der Kern seiner Haltung kommt sehr gut im folgenden Zitat zum Ausdruck: „Da wir Menschen schwach, fehlerhaft und fürchterlich bequeme Querschädel sind, die darüber hinaus uneinsichtig unter latenter Rechthaberei leiden, passt folgende Selbstgeißelung des Zeit-Autors Sebastian Dalkowski: ‚Ich will Verbote!‘“ In einem Interview mit dem Freitag fasste Lenz zusammen: „Es geht auch darum, alle Rohstoffe zu verstaatlichen, alle Waffen zu verbieten, große Agrar- und Lebensmittelkonzerne zu zerschlagen, den Verbrauch von Energie und Wasser zu besteuern und die Gehälter zu begrenzen – der oberste Chef darf nur noch das Zehnfache des kleinsten Angestellten verdienen.“

An einigen Stellen sind Passagen mit Science Fiction (oder „Social Fiction“) eingebaut, um kommende Verhältnisse anschaulich und nachvollziehbar zu beschreiben. Besonders eindrucksvoll und berührend ist der Text von Ray Müller, der ein Gespräch zweier junger Menschen schildert, die sich im Jahr 2070 nach einer großen nuklearen Verwüstung rückblickend über die Fehler und Unterlassungen der vorhergehenden Generationen unterhalten. Sie können überhaupt nicht verstehen, wie die Vernichtung der Zivilisation passieren konnte, wieso nicht genug gegen Klimawandel, Kriege und Artensterben unternommen wurde: „Obwohl man wusste … Sie haben alles gewusst. Aber sie haben es dennoch getan.“ Und weiter: „Die Maxime war: Wir möchten von allem immer mehr. Nicht weil es sinnvoll ist, sondern weil wir es wollen. Das nannten sie ‚Freiheit‘.“ Wie in den anderen Teilen des Buches werden auch in dieser kleinen Zukunftsgeschichte Fakten eingestreut, die provozieren: „Kannst du dir vorstellen, dass im damaligen Amerika den Menschen von Geburt an im Durchschnitt jeden Tag 5.000 Werbespots ins Gehirn gespült wurden?“

Stand der Forschung in klare Worte gefasst

Das Buch kann wegen der teilweise drastischen Gedankengänge wohl kaum in einem Zuge durchgelesen werden. Zu viel Unangenehmes kommt zur Sprache und zu Bewusstsein. Aber trotz unserer recht wirkungsvollen mentalen Abwehrmechanismen und Ausreden dürften doch den meisten Leserinnen und Lesern die Herausforderungen begreiflich werden. Die Lektüre kann die alltäglich reproduzierte Kunst- oder auch Märchenwelt entzaubern und manche Denk- und Verhaltensänderungen anstoßen.

Das Buch beschreibt in höchst offener und schonungsloser Weise die Lage und die erforderlichen Maßnahmen, wie sie auch die moderne Forschung – in anderer Sprache und Form – immer öfter darlegt: Wir benötigen nicht nur eine Effizienzrevolution, die mehr aus demselben herausholt, sondern auch eine „Suffizienzrevolution“, die überhaupt weniger herausholt. Neben immerwährenden Innovationen brauchen wir auch „Exnovationen“, also die Abschaffung von dem, was uns schadet. Es müssen Verbote durchgesetzt werden: von Kohleverbrennung, Verbrennungsmotoren, Waffenproduktion, Einwegprodukten, Verpackungen. Es geht darum, eine einigermaßen geordnete, umfassende und zügige Transformation zu einer nachhaltigen Entwicklung zu steuern, statt Chaos, Dauerkrise und Katastrophen erleiden zu müssen. Die Transformationsforschung unterstreicht immer wieder, wie wichtig staatliches Handeln ist, um das Überleben der Zivilisation zu ermöglichen. Kurzum: Der neue Lenz ist da – ein aufrüttelnder Weckruf.

Edgar Göll

Herbert Lenz:
Zur Hölle mit uns Menschen!
Warum wir mehr Verbote und ein neues Denken brauchen
Komplett-Media, Grünwald 2018
252 Seiten, 19,99 Euro
ISBN 978-3-8312-0458-8


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