Viren aus dem Wald

Aus DER RABE RALF Juni/Juli 2020, Seite 6

Was Naturschutz mit Gesundheitsschutz zu tun hat

Flughund: Fledermäuse sind nicht das Problem, sondern der Umgang mit ihnen. (Foto: Winfried Tommerdich/​Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Seit Anfang des Jahres verbreitet sich das Coronavirus Sars-Cov-2 über die ganze Welt und hat den Alltag vieler Menschen stark verändert. Wahrscheinlich wurde das Virus von tropischen Fledermäusen auf den Menschen übertragen. Doch wie kam es dazu, dass Fledermäuse, die den Erreger in sich trugen, mit Menschen in Kontakt kamen? Wissenschaftler, die dieser Frage nachgingen, sehen einen direkten Zusammenhang zwischen Waldrodungen und ausbrechenden Virenerkrankungen – und erstaunlicherweise stellt das neue Coronavirus keinen Einzelfall dar.

Ökosysteme unter Druck

Wie alle Lebewesen tragen Tiere in freier Wildbahn Mikroben in ihren Körpern, die für sie keine Gefahr darstellen. Werden diese Mikroben – auch Viren lassen sich trotz unklarer Einordnung dazuzählen – auf Menschen übertragen, kann es aber zu Krankheiten kommen. Normalerweise kommt eine solche Übertragung aufgrund der unterschiedlichen Lebensräume von Mensch und Tier kaum zustande. Doch durch die zunehmende Zerstörung von Ökosystemen werden die tierischen Lebensräume verkleinert. Städte werden größer und die menschliche Populationsdichte steigt. Wildtiere haben keine andere Möglichkeit als auszuweichen und sich vor den Waldrodungen und anderen Natureingriffen zu retten. Sie siedeln sich in der Nähe von Dörfern und Städten an. So geschieht es dann, dass Tiere auf Obstfarmen oder Feldern nach Nahrung suchen. Die Mikroben werden durch Speichel, Blut und Exkremente in den Lebensräumen der Menschen verteilt.

Durch den engen Kontakt von Tier und Mensch passen sich Mikroben an. Sie können sich zu tödlichen Krankheitserregern entwickeln.

Waldzerstörung und der daraus resultierende vermehrte Kontakt zwischen Wildtieren und Menschen könnte auch der Auslöser für Sars-Cov-2 gewesen sein.

Fledermäuse wurden vertrieben

Fledermäuse wurden schon häufiger für die Ausbreitung bestimmter Krankheiten verantwortlich gemacht. Auch bei einer regionalen Epidemie mit einer 70-prozentigen Todesrate 1998 in Indonesien spielten sie eine tragende Rolle.

Bevor es aber überhaupt zum Kontakt zwischen Fledermaus und Mensch kommen konnte, wurden drei Viertel des Waldes Indonesiens gerodet, um die Palmölproduktion zu steigern. Dabei wurden viele Arten vertrieben – gerade auch Fledermäuse. Von der Insel Sumatra flüchteten sie über die Meerenge von Malakka ins nahe Malaysia, wo sie Obstbäume bevölkerten. Fledermäuse einer bestimmten Flughund-Gattung sind natürlicherweise Träger des Nipah-Virus. Dieses Virus hat sich auf malaysische Schweine übertragen, die heruntergefallenes, von Flughunden angebissenes Obst fraßen. Über die Verarbeitung von Schweinefleisch ist es dann auf Menschen übergesprungen. Ohne die Zerstörung des Waldes hätte sich diese Infektionskette nicht ergeben.

Und das ist nur ein Beispiel für zahlreiche Viruserkrankungen durch Übertragung von Wildtieren auf Menschen. Auch der Ebola-Ausbruch vor einigen Jahren wurde auf verschiedene Fledermausarten zurückgeführt. Eine 2017 durchgeführte Untersuchung zeigte, dass Ausbrüche des Ebola-Virus häufiger in solchen Gebieten Zentral- und Westafrikas vorkamen, in denen kurz zuvor Wälder in großem Stil gerodet worden waren.

Märkte mit fatalen Folgen

Doch nicht ausschließlich die Zerstörung der von Lebensräumen ist verantwortlich für Krankheitsausbrüche, sondern auch die Haltungsweise der Tiere, die für den menschlichen Verzehr gedacht sind. Durch teilweise illegalen Handel und durch Märkte, auf denen lebende oder frisch geschlachtete Tiere verkauft werden, sogenannte „Wet Markets“, kommen Tiere miteinander in Kontakt, die sich in der Natur wohl nie begegnet wären. Mikroben können so von einem Tier aufs nächste wandern. Wer Tiere kauft und verzehrt, die gefährliche Mikroben in sich tragen, infiziert sich schnell mit den Viren. Auf diesem Weg ist 2002 ein Coronavirus übertragen worden und hat die Sars-Pandemie verursacht, bei der mindestens 774 Menschen starben, vor allem in China.

Viele Krankheiten, wie Masern, sind von Nutztieren auf Menschen übergesprungen. (Foto: Wolfgang Ehrecke/​Pixabay)

In der Zusammenschau ist zu erkennen, dass derartige Virusausbrüche zum großen Teil von Menschen verursacht wurden – durch die Schäden, die sie in der Natur hinterlassen, durch illegalen Wildtierhandel und nicht artgerechte Tierhaltung. Es bleibt zu hoffen, dass Covid-19 jetzt zu einem Umdenken führt, um weitere Fälle dieser Art zu vermeiden.

Rebecca Lange


Copyright © 2009 - 2020 GRÜNE LIGA Berlin e.V. Landesverband Berlin - Netzwerk Ökologischer Bewegungen - Alle Rechte vorbehalten.