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Aus DER RABE RALF April/Mai 2018, Seite 3

Die Welt braucht vollkommen neue Strategien, um die Pariser Klimaziele zu erreichen

Karikatur: Gerhard Mester; Copyright: SFV/Mester

Selbst mit einer sofortigen weltweiten Null-Emissions-Wirtschaft ist das Pariser Klimaziel, die Erderwärmung auf höchstens zwei Grad, am besten auf 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, nicht mehr zu schaffen. Das zeigen die neuesten internationalen Forschungsergebnisse, zusammengestellt im Informationsdienst „Renew Economy“ vom vergangenen Monat.

Dabei muss selbst eine globale Temperaturerhöhung um 1,5 Grad angesichts der heute schon vorhandenen Schäden als inakzeptable Katastrophe für die gesamte Menschheit bezeichnet werden. Das sehen wir schon jetzt bei über 20 Millionen Klimaflüchtlingen auf der Erde, die aus weitgehend vernichteten Lebensräumen infolge der bereits erreichten Erwärmung von etwa 1,1 Grad kommen.

Die neuen Klimaforschungsergebnisse konnten unter anderem den kühlenden Einfluss der gesundheitsschädlichen Luftverschmutzung durch sogenannte Aerosole, wie Schwefel, Stickoxide oder Kohlenstoffpartikel, in Zahlen fassen. Diese Aerosole kühlen die Erdtemperatur um etwa 0,5 bis 0,9 Grad ab. Die kühlenden Partikel stammen vor allem aus der Verbrennung der fossilen Rohstoffe – genauso wie die Klimagase CO2 und Methan, die den Treibhauseffekt anheizen.

Die 1,5 Grad würden schon in kurzer Zeit übertroffen werden, selbst wenn die Weltgemeinschaft ab sofort keine Treibhausgasemissionen mehr zulassen würde. Denn wenn die Förderung und Verbrennung von Erdöl, Kohle und Erdgas beendet ist, wird die Luft schnell wieder sauber. Die krank machende Luftverschmutzung in vielen Regionen der Erde würde zwar endlich verschwinden – mit ihr aber auch ihre kühlende Wirkung auf die Erdatmosphäre.

Sofort auf Null-Emissions-Wirtschaft umsteuern

Ein Teufelsdilemma, das nur durchstoßen werden kann, wenn sofort eine Wende zu einer kompletten Nullemissionswirtschaft auf der Erde eingeleitet wird – in Verbindung mit schnell organisierten pflanzlichen „CO2-Senken“, die viel Kohlendioxid binden. Diese einzig wirksame Strategie ist zum Beispiel vor einigen Jahren in dem Buch „Globale Abkühlung“ vorgeschlagen worden.

Um also das weitere Aufheizen spätestens bei zwei Grad zu begrenzen, müssten sofort alle Treibhausgas-Emissionen gestoppt und gleichzeitig große Mengen CO2 wieder aus der Atmosphäre entnommen werden.

Doch von einer solchen Strategie ist – außer in Ansätzen in China – in den großen führenden Nationen der Erde nichts zu sehen. Mit Schaudern muss man feststellen, wie verantwortungslos schwach CDU/CSU und SPD mit der neuen „Groko“ in Sachen Klimaschutz regieren wollen und wie Präsident Donald Trump versucht, die in den USA gerade stark anwachsende Klimaschutzwirtschaft zu behindern. Dort haben die Verantwortlichen offenbar nicht die geringste Ahnung, wie dramatisch die Lage im irdischen Hitzefieber tatsächlich ist und wie schnell sich in den kommenden Jahren die Erde weiter aufheizen wird.

Das Ganze ist auch ein Ergebnis der wissenschaftlichen Politikberatung, etwa durch den Weltklimarat IPCC. So hat der IPCC bis heute keine Konzepte entwickelt, wie die Weltgemeinschaft zu einer Nullemissionswirtschaft und zu einer „CO2-Reinigung“ der Atmosphäre kommen kann. Es gibt dazu viel zu wenig von der Politik in Auftrag gegebene Forschung und daher nur völlig unzulängliche Konzepte.

Die im Rahmen des Pariser Klimavertrags vereinbarten und angekündigten Maßnahmen, die Treibhausgasemissionen bis 2050 um 80 Prozent zu reduzieren und CO2-Senken erst ab 2050 wirklich in den Blick zu nehmen, sind völlig unzulänglich. Das kann nur als Kapitulation vor der rasant zunehmenden Erderwärmung bezeichnet werden. Es muss endlich verstanden werden, dass die Welt ihr „CO2-Budget“ bereits aufgebraucht hat.

Dabei ist die schnelle Umstellung auf eine Nullemissionswirtschaft technologisch und ökonomisch machbar – vielleicht sogar schon bis 2030, wenn alle auf der Erde daran arbeiten. Die rasanten Umwälzungen im Bereich der Informationstechnologien geben ein gutes Beispiel, wie schnell und vollständig sich auch die Klimaschutztechnologien durchsetzen könnten.

Konzepte für 100 Prozent erneuerbare Energie

Doch dafür braucht es auch politikfähige Konzepte, und daran wird in der Welt viel zu wenig gearbeitet. An Modellierungen und Konzepten für eine weltweite Energiewirtschaft mit 100 Prozent erneuerbaren Energien arbeiten nach meinen Erkenntnissen gerade mal drei Universitäten: Mark Jacobson an der Stanford-Universität in Kalifornien, Sven Teske an der Universität Sydney und Christian Breyer an der Lappeenranta University of Technology (LUT) in Finnland. Alle drei gehören zum weltweiten Wissenschaftler-Netzwerk der Energy Watch Group.

Noch in diesem Jahr will die LUT gemeinsam mit der Energy Watch Group eine erste globale Simulation einer Nullemissionswirtschaft für die meisten Wirtschaftssektoren vorstellen, verbunden mit einer Abschätzung der möglichen CO2-Senken durch Begrünung ökologisch zerstörter Flächen. Der erste Schritt, eine Simulation des weltweiten Elektrizitätssektors mit 100 Prozent erneuerbaren Energien, ist bereits der Öffentlichkeit vorgestellt worden.

Doch die Forschungen in Lappeenranta, Sydney und Stanford sind bei Weitem nicht ausreichend, um die Herausforderungen zu meistern, die in einem tatsächlich wirksamen Klimaschutz stecken. Es wird Zeit, dass alle Verantwortlichen endlich erkennen, dass man ganz andere Konzepte, politische Maßnahmen und Technologien entwickeln muss, um noch eine Chance für das Überleben der Menschheit zu haben.

Hans-Josef Fell

Der Autor ist Gründer und Leiter der Energy Watch Group. Als Bundestagsabgeordneter war er Autor des ersten Erneuerbare-Energien-Gesetzes aus dem Jahr 2000. Weitere Informationen:
www.hans-josef-fell.de
Tel. (030) 609898811


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