Wer sind die Gelbwesten?

Aus DER RABE RALF Juni/Juli 2020, Seite 13

Autorinnen und Autoren aus Frankreich erklären die neue soziale Basisbewegung 

Wer hat Angst vor den „Gelbwesten“? (Foto: Ella Limoges/​Pixabay)

Das Phänomen der französischen „Gelbwesten“ (Gilets Jaunes) als Protestbewegung ist in Deutschland bisher kaum gründlich erklärt worden. Nun sind gleich zwei Analysebände erschienen, die dies erfolgreich unternommen haben. 

Der von Peter Wahl herausgegebene Sammelband „Gilets Jaunes“ beginnt mit einem interessanten Überblicksartikel des Herausgebers, der gleichzeitig die französischsprachigen Beiträge übersetzt hat. „Mit dem vorliegenden Buch wollen wir zum einen möglichst viel Informationen über die ‚Gilets Jaunes‘ geben und zum anderen die deutsche Diskussion über die Lehren anregen, die diese Bewegung für die ganze Linke bereithält“ – so benennt Peter Wahl die Ziele seines in Deutschland längst überfälligen Buchs.

Viele Intellektuelle unterstützen die „Gilets Jaunes“

Die Autorinnen und Autoren kommen wie der Herausgeber im Wesentlichen aus dem Umfeld von Attac. Bis auf die Beiträge von Wahl und dem deutschen Soziologen Lothar Peter stammen alle Artikel aus französischer Feder – was der Sachkunde und der Qualität der Beiträge durchaus zugutekommt.

Nach einem interessanten Einstieg von Patrick Fabiaz zur kurzen Geschichte der Gelbwesten wird das Verhältnis der neuen Bewegung zur Demokratie behandelt. In den beiden Beiträgen von Marie-Dominique Vernhes geht es um Herkunft und Besonderheiten der Gelbwesten als Bewegung sowie um die politischen Inhalte und Aktionsformen.

Lothar Peter befasst sich mit der Frage, was die französischen Intellektuellen über die Gelbwesten denken. Obwohl die Ära der Antielitären wie Jean-Paul Sartre oder Pierre Bourdieu vorbei ist, stellt er fest, dass viele Angehörige intellektueller Berufe Partei für die Gelbwesten ergreifen. Peter konstatiert, dass auch die Intellektuellen einem massiven Prozess sozialer Enteignung unterliegen und ihre Lage sich denen der Gelbwesten annähert. Er beschreibt dies mit dem Typus des „Intellektuellen von unten“.

Weder rechts noch antiökologisch

Eine vorläufige Einordnung der Gelbwesten und ihres Verhältnisses zu Nichtregierungsorganisationen sowie zur Arbeiterbewegung und den Gewerkschaften nehmen Christophe Aguiton und Pierre Khalfa vor. Sie bezeichnen die Gelbwesten als Katalysatoren der politischen Opposition gegen Präsident Macron, räumen aber auch anhand von Fakten mit dem Vorurteil auf, die „Gilets Jaunes“ seien eine rechte Bewegung mit rassistischen, fremdenfeindlichen und homophoben Ansichten und würden Umweltschutz ablehnen. Dieses Gerücht kursierte, weil die Bewegung mit dem Protest gegen eine Benzinsteuererhöhung ihren Ursprung nahm.

Abgerundet wird der Band durch einen Anhang, in dem sowohl originale Dokumente der Gelbwesten als auch Dokumente aus der Diskussion in Deutschland versammelt sind, so etwa ein Interview mit dem DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffmann oder ein Beschluss des Parteivorstands der Linken zu den Gelbwesten.

Das Buch ist absolut empfehlenswert. Es steckt voller anregender Ideen zur Auseinandersetzung mit Geschichte, Strategie und Taktik der „Gilets Jaunes“ als einer Form der Selbstorganisation von unten. Es beleuchtet aber auch die gesellschaftlichen Hintergründe und leistet eine erste fundierte Einordnung der Gelbwesten im politischen Spektrum.

Französische Besonderheiten

Die zweite Neuerscheinung stammt aus der Feder des in Frankreich geborenen und in Berlin lebenden Guillaume Paoli. Der Autor wendet sich mit dem Buch vor allem an Leserinnen und Leser in Deutschland. Er setzt sich nicht nur mit der Geschichte und Strategie der „Gilets Jaunes“ auseinander, sondern erläutert auch die Besonderheiten der französischen Staats- und Gesellschaftsform.

Paoli stellt fest, dass die soziale Frage wieder zurück auf der Tagesordnung ist, und nimmt seinen Einstieg über die Frage: „Wie lässt sich eine Politik gegen den Willen der großen Mehrheit durchsetzen? Für die Bürger: Wie kann man sich dem unheilvollen Gang der Dinge effektiv widersetzen?“

Schnell entkräftet auch er das Vorurteil von einer rechten, rassistischen und antiökologischen Bewegung. Solche Elemente hätten zwar in der Anfangsphase eine Rolle gespielt, dann habe es aber dank der besonderen Kommunikationsformen der Gelbwesten einen internen Klärungsprozess gegeben und die Bewegung habe sich auch an Protesten zu Umwelt, Klimaschutz und Frauenrechten beteiligt.

Vertretung durch Delegierte wird abgelehnt

Als markant arbeitet Paoli sowohl die interne direkte Kommunikation – den Dialog auf den Kreisverkehrsinseln – als auch die Ablehnung des Delegierten- und Sprechersystems heraus. Dies hebe sich positiv von der gescheiterten Personenfixierung bei den Grünen oder der Fünf-Sterne-Bewegung ab.

Auch die Farbe Gelb hat für ihn eine Bedeutung, weil sie in Frankreich partei- und gesellschaftspolitisch bisher nicht vergeben war. Die Vielfalt und Fantasie der Bewegung zeigt eine zwölfseitige Fotodokumentation von „Plein le dos“ („Schnauze voll“), einem Kollektiv, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Widerstand der Gelbwesten zu dokumentieren.

Der Autor hebt auch die Rolle einer sehr umfänglichen sozialwissenschaftlichen Begleitung hervor, die schnell die soziale und regionale Herkunft der Protestierenden klärte und ihre Themen und Ziele analysierte. Leider werden die Quellen nicht genannt, was allerdings der Lesbarkeit zugutekommt.

Der von Guillaume Paoli verfasste Band lohnt sich für alle Leserinnen und Leser, die sich für das Funktionieren einer sozialen Bewegung im Zeitalter neuer Medien interessieren und die sich eine Alternative und Ergänzung zum herrschenden Parteiensystem in Form direktdemokratischer Ansätze wünschen.

Herbert Klemisch

Peter Wahl (Hrsg.):
Gilets Jaunes
Anatomie einer ungewöhnlichen sozialen Bewegung
Papyrossa Verlag, Köln 2019
135 Seiten, 12,90 Euro
ISBN 978-3-89438-705-1

Guillaume Paoli:
Soziale Gelbsucht
Matthes & Seitz, Berlin 2019
162 Seiten, 15 Euro
ISBN 978-3-95757-828-0


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