Die Zapatistas kommen!

Aus DER RABE RALF August/September 2021, Seite 17

Auf ihrer „Reise für das Leben“ kommen die AktivistInnen aus dem mexikanischen Chiapas auch nach Berlin

Bild: Ya-Basta-Netz

Am 22. Juni kamen die ersten sieben Zapatistas nach einer 50-tägigen Schiffsreise in Vigo im Nordwesten Spaniens an. Die rebellischen Indigenen aus Chiapas im Süden von Mexiko bauen dort seit den 1980er Jahren selbstorganisierte Gesellschaftsstrukturen auf. Vom Staat werden sie bekämpft, so dass sie eine „Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung“ (EZLN) aufgebaut haben. In Gesellschaft und Armee spielen Frauen eine wichtige Rolle. Für globalisierungskritische Bewegungen weltweit haben die Zapatistas und ihre Erfahrungen in Basisdemokratie eine große Bedeutung. Legendär ist ihr Ausspruch „Fragend voran“, mit dem sie ihre herrschaftskritische und feministische Haltung zur Welt ausdrücken.

Spanien ist die erste Station einer Weltreise: „Wir sind Zapatistas, Träger des Virus des Widerstandes und der Rebellion. Als solche werden wir die fünf Kontinente bereisen.“ Mit dieser Reise kehren sie die Eroberung Amerikas vor über 500 Jahren symbolisch um. Die Gruppe nennt sich „Geschwader 421“, weil ihr vier Frauen, zwei Männer und eine Person anderen Geschlechts angehören. 150 weitere Delegierte werden mit Flugzeugen anreisen.

Mit ihrer „Reise für das Leben“ möchten die Zapatistas weltweit Bewegungen „von links und unten“ zusammenbringen. „Es geht darum, uns zu vernetzen und unsere Kämpfe zu verbinden“, heißt es im Mobilisierungsvideo, und: „Wir werden nicht die Unterschiede suchen, sondern das, was uns verbindet.“

In einer gemeinsamen „Erklärung für das Leben“ der zapatistischen Befreiungsarmee EZLN und eines Teils des „Europa von unten“ wird ein vielfältiges „Wir“ beschrieben, das durch Vieles getrennt und nur durch Weniges verbunden wird. Doch dies Wenige ist sehr prägnant beschrieben: „Dass wir uns die Schmerzen der Erde zu eigen machen“ und: „Der Verantwortliche für diese Schmerzen ist ein System. Den Henker stellt ein ausbeuterisches, patriarchales, pyramidenförmiges, rassistisches, räuberisches und kriminelles System dar: der Kapitalismus.“

Die Maschine, die Zerstörung bringt

Die Zapatistas prangern Gewalt und Zerstörungen an und dass es immer wieder tödliche Angriffe auf AktivistInnen gibt. Im Januar dieses Jahres warnten die Indigenen Räte: „Und heute, nach mehr als fünfhundert Jahren Conquista und Krieg, sind wir in Gefahr, ausgelöscht zu werden – zusammen mit der gesamten Welt.“

Viele ihrer Botschaften packen die Zapatistas in märchenhafte Geschichten. So lassen sie den „Alten Antonio“ im Jahr 1985 sagen: „Es kommt der Tag, an dem der Tod sich aufs Grausamste zeigen wird. Die Maschine, die die Wege krank macht, wird begleitet von einem quietschenden Räderwerk. Sie wird lügen, wenn sie sagt, sie bringe Wohlstand. Denn Zerstörung bringt sie. Wer sich diesem Getriebe widersetzt, das Pflanzen und Tiere unter sich begräbt, dessen Leben und Erinnerung wird durch Mord enden. Das Leben stirbt durch die Kugel; die Erinnerung durch die Lüge. Die Nacht wird sich verlängern. Der Schmerz wird sich weiter ausbreiten. Es werden viele Tode gestorben.“

Die ersten Worte der Transperson Marijosé, sogleich nach der Ankunft des Schiffs in Spanien, waren: „Im Namen der zapatistischen Frauen, Kinder, Männer, Alten und selbstverständlich auch Menschen anderer Geschlechter erkläre ich, dass der Name dieses Bodens, den seine Einheimischen heute ‚Europa‘ nennen, fortan Slumil K‘ajxemk‘op, das heißt ‚rebellisches Land‘, oder ‚Land, das nicht aufgibt und nicht verzagt‘, genannt werden wird. Und so wird es den Einheimischen und Auswärtigen bekannt sein, solange es hier Menschen gibt, die nicht aufgeben und sich nicht verkaufen.“

Am 13. August, dem Jahrestag der (vermeintlichen) Eroberung, wollen die Zapatistas in Madrid sein: „Wir werden dem spanischen Volk zwei einfache Dinge sagen: Erstens: dass sie uns nicht erobert haben. Dass wir weiterhin da sind und Widerstand und Rebellion fortsetzen. Zweitens: dass sie nicht bitten müssen, dass wir ihnen etwas vergeben“, heißt es in einem Kommuniqué der EZLN vom Oktober 2020.

Die Berliner Vorbereitungsgruppe

Auch in Berlin hat sich eine Gruppe zusammengefunden, um den Besuch der Zapatistas zu organisieren, die voraussichtlich nach dem 13. August für ein paar Tage nach Berlin kommen werden. Die Vorbereitungsgruppe versteht sich als FLINTA-Netzwerk, dem Personen aus feministischen Gruppen und aus Gruppen angehören, die migrantische Kämpfe sichtbar machen und zu Dekolonialisierung arbeiten, sowie Menschen, die in verschiedenen studentischen, Arbeits- und Wohnkollektiven organisiert sind.

Sie sagen von sich: „Wir haben uns dafür entschieden, als FLINTA-Gruppe zu arbeiten, weil wir wissen, dass 75 Prozent der Menschen, die an der Tour fürs Leben teilnehmen, Frauen oder „otroas“ (sich als nicht binär definierende Menschen) sind. Wir haben uns von den Zapatistinnen und ihrer Art, ihre eigenen Frauentreffen zu organisieren, inspirieren lassen.“ Darum legen sie Wert darauf, dass die FLINTAS in Berlin diejenigen sein werden, die die Treffen leiten und Entscheidungen treffen und die nach außen sichtbar sind. Cis-Männer sind als Unterstützung für organisatorische und reproduktive Aufgaben willkommen.

In einem Einladungsschreiben an die Zapatistas hat die Gruppe geschrieben: „Das Programm, das wir planen, hat zwei grundlegende Aspekte. Eines ist das kollektive Verständnis, dass kultureller Austausch zentral für unsere politische Arbeit ist. Dazu gehört, zu Anarcho-Punk-Rock zu tanzen, iranisches Essen zu essen, gemeinsam eine Pachamanca zu genießen und Berliner Techno zu tanzen. Wir wollen auch aus dem oft vorherrschenden Akademismus in Berlin ausbrechen und eine horizontale Dynamik der gemeinsamen Debatte schaffen, in der wir alle gehört werden können. Deshalb variiert die Dynamik der Treffen zwischen Nachbarschaftsspaziergängen, Runden Tischen, Fahrradtouren und weiteren Aktivitäten.“

Hoffnung atmen

„Jetzt können wir Hoffnung atmen“, schreibt der Politikwissenschaftler John Holloway von der Autonomen Universität Puebla in Mexiko, der die zapatistische Bewegung von Anfang an begleitet, in der Juni-Ausgabe von „Contraste – Monatszeitung für Selbstorganisation“. Die Zapatistas kämen „nicht um zu führen, sondern um zu teilen. Ein Händehalten, ein wechselseitiger Fluss von Energien, vielleicht ein Funke. Ein Austausch bestimmter Erfahrungen des gemeinsamen Kampfes, um die Hydra zu töten, ein Lernen, das ein Lehren ist, ein Lehren, das ein Lernen ist.“

Er hofft, „dass die verrückte Reise Menschen weit jenseits der aktivistischen Welt berühren wird, viel mehr als nur die ‚üblichen Verdächtigen‘“, und betont, diese Reise solle „den Kampf für das Leben und gegen den Kapitalismus (denn der Kampf für das Leben muss ein Kampf gegen den Kapitalismus sein) in eine neue surreale Dimension führen. Der Surrealismus ist entscheidend, denn er bricht die Logik des Kapitals und seines Staates, die unsere Träume von etwas Besserem in die Reproduktion des ewig gleichen Systems des Todes zieht und zieht und zieht.“

Elisabeth Voß

Weitere Informationen: www.ya-basta-netz.org
Kontakt zur Berliner Vorbereitungsgruppe: E-Mail: berlin@ya-basta-netz.org
Teile dieses Beitrags hat die Autorin bereits im neuen Online-Rundbrief Trossenstek 1 veröffentlicht: www.welche-gesellschaft.org

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