Berliner Gartenarbeitsschulen: 90 Jahre praxisbezogene Umweltbildung im Garten

erschienen in DER RABE RALF, April/Mai 2015, Seite 7

Wir schreiben das Jahr 1919. In Neukölln tagt kurz vor Weihnachten am 22.12.1919 noch einmal Stadtverordnetenversammlung. August Heyn begründet den Fraktionsantrag der SPD zur Einführung des „Handfertigkeitsunterrichts in den Schulen“, der den Vorschlag zur Einführung einer Gartenarbeitsschule beinhaltet: „Vom Gartenunterricht verspreche ich mir außerordentlich viel. Gerade dadurch, dass alle Sinne angespannt werden, kann dem Kinde durch die direkte Berührung des Kindes mit dem Stoff das Wissen viel inniger vermittelt werden.“ …

Ein Jahr später, am 1.4.1920, wird am Teltowkanal (Neukölln) die erste Berliner Gartenarbeitsschule eröffnet. Dieser Garten existiert bis 1967 an diesem Standort. Der historisch-politische Hintergrund dieser Eröffnung ist aus den damaligen Bedingungen heraus zu verstehen. Der Erste Weltkrieg war gerade erst vorbei. Hunger und Elend waren allgegenwärtig. Gleichzeitig gab es einen politischen Neuanfang nach dem Krieg. Die Überwindung der Klassengesellschaft sollte auch eine neue Schule hervorbringen: „Die öffentlichen Schulen werden immer ein Abbild der Staaten sein. Die Gartenarbeitsschule […] ist ein erster Schritt von der alten zur neuen deutschen Schule“ (Heyn 1921). Es entstanden in dieser Zeit aber nicht nur die Gartenarbeitsschulen als große, zentrale bezirkliche Gärten, sondern auch viele kleinere Schulgärten an den verschiedenen Schulstandorten.

Der Gründung der ersten Berliner Gartenarbeitsschule waren schon während des Ersten Weltkrieges so genannte „Schulkolonien“ voran gegangen. Kinderreiche und arme Familien sollten in diesen Gemeinschaftsgärten die Möglichkeit bekommen, in kleinem Umfang eigene Lebensmittel im Garten zu erzeugen, um so die schlimmste Not abzumildern.

Blütezeit Weimarer Republik

Die Reformpädagogik der 1920er Jahre, so auch August Heyn, griff diese aus der Not geborenen Vorläufer auf, um neue Wege zu gehen. Weiterhin flossen die Gedanken von J. H. Pestalozzi („mit Kopf, Herz und Hand“), Maria Montessori, Friedrich Fröbel („Kindergarten“), Rudolf Steiner (Waldorf-Schulen) und Georg Kerschensteiner (Arbeitsschulen) in die neuen pädagogischen Konzepte ein. Gemeinschaftserziehung und Gemeinschaftsgärten passten in den politischen Zeitgeist der 1920er Jahre.
So ist es nicht verwunderlich, dass sich das Vorzeigeprojekt aus Neukölln schnell in Berlin ausbreitete. Bereits ein Jahr später, am 19. April 1921, nahm die Gartenarbeitsschule Wilmersdorf in der Dillenburger Straße ihren Betrieb auf. Sie existiert noch heute am gleichen Standort und ist, so gesehen, die älteste Berliner Gartenarbeitsschule am ursprünglichen Ort. Im Jahre 1922 folgte die Gründung der Gartenarbeitsschule in Schöneberg (Sachsendamm).

In den darauf folgenden zehn Jahren etablierte sich die Bewegung der Schulgärten und Gartenarbeitsschulen in ganz Deutschland. Man kann davon ausgehen, dass nahezu jede zweite allgemeinbildende Schule in Deutschland über eine Schulgartenfläche verfügte. Allerdings blieb das Konzept der zentralen Arbeitsgärten für Schüler, und damit auch der Begriff „Gartenarbeitsschule“, weitgehend auf Berlin beschränkt.

Der sehr dynamischen Entwicklung der Schulgarten-Bewegung in der Weimarer Republik folgte mit dem aufkommenden Nationalsozialismus der weitgehende Verfall. Die neuen Machthaber instrumentalisierten auch die Schulgartenarbeit für ihre menschenverachtenden Ziele.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann eine zweite Gründungswelle von Gartenarbeitsschulen. Wieder waren es reformorientierte, zum wesentlichen Teil sozialdemokratische Bezirkspolitiker, die nach den äußerst dramatischen und entbehrungsreichen Jahren für die Kinder ein Zeichen des positiven Neuanfangs setzen wollten. So engagierte sich beispielsweise der Weddinger Hauptschulrat und Bezirksverordnete Friedrich Krüger (SPD) für die Neugründung einer Gartenarbeitsschule im Bezirk Wedding (Scharnweberstraße). Im März 1950 begann dort die Arbeit mit den ersten Gartenklassen. Die Gartenarbeitsschule Tiergarten wurde im selben Jahr eröffnet, weitere Einrichtungen in anderen Stadtbezirken folgten und die bereits vor dem zweiten Weltkrieg bestehenden Gartenarbeitsschulen wurden mit neuen Leitungen fortgeführt.

Gartenarbeit in Ost und West

Es ist ein bemerkenswerter Fakt, dass die Geschichte der Schulgärten und der Berliner Gartenarbeitsschulen ganz eng mit den politischen und ökonomischen Krisen verbunden ist. Gerade in den besonders schwierigen Zeiten haben weitsichtige und engagierte Kommunalpolitiker und Pädagogen die Gartenarbeit für die Schüler voran gebracht! Ein wesentlicher Aspekt war immer die soziale Not und die Ernährungssituation der Bevölkerung.

Der Phase der politischen und ökonomischen Konsolidierung folgte die Teilung Deutschlands und damit, vor allem in Berlin, eine Spaltung der Bildungssysteme in zwei völlig unterschiedliche Richtungen. Die in den Ost-Berliner Bezirken befindlichen Gartenarbeitsschulen wurden in der DDR unter dem Begriff „Zentralschulgärten“ weitergeführt. Die Schulgartenarbeit bekam im DDR-Bildungssystem erstmalig den Status eines eigenständigen Schulfaches für die Klassenstufen 1 bis 4. Die Fachinhalte und die Methodik der Schulgartenarbeit wurden im Sinne einer sozialistischen Erziehung der Jugend eingesetzt. So stand die ertragreiche Produktion von Obst und Gemüse, die Erfüllung bestimmter Ernteziele, aber auch die Direktvermarktung als Lebensmittelergänzung für die Familien und Anwohner im Vordergrund.

Im westlichen Teil Deutschlands und Berlins hielten sich die Gartenarbeitsschulen auch in den Jahrzehnten der Teilung. Schulgartenarbeit war kein eigenes Fach, sondern in die Fächer Sachunterricht und Biologie integriert. Die Entscheidung über die Anlage eines Schulgartens auf dem Schulgelände lag jeweils in der Entscheidungsbefugnis der einzelnen Schulen.

Aktuelle Statistik

Nach einer aktuellen Erhebung im Bundesland Berlin haben 35 Prozent der Schulen einen eigenen Schulgarten auf dem Schulgelände (circa 270 Gärten, Gesamtfläche 14,1 Hektar). Zudem existieren in 10 der 12 Berliner Bezirke Gartenarbeitsschulen mit einer Gesamtfläche von etwa 38,4 Hektar. Damit liegt die Ausstattung des Stadtstaates Berlin mit Schulgärten ähnlich hoch wie in Flächenstaaten (Baden-Württemberg, Niedersachsen und andere), in denen solche Statistiken auch vorliegen. Nach vorsichtigen Schätzungen dürfte damit die Zahl der Schulgärten an den knapp 40.000 Schulen bundesweit bei circa 12.000 liegen. Gemessen an der vergleichsweise geringen Öffentlichkeitswirksamkeit des Themas Schulgarten ist das eine beachtliche Zahl.

Heute steht die Schulgartenbewegung vor neuen Herausforderungen. Angesichts der immer größer werdenden Bedeutung der Themen Umwelt, Natur, Ökologie, Ernährung, Klima, Boden und Globalisierung, sind diese Gärten ein „Startkapital“, auf das die zukünftige Bildungspolitik gut aufbauen kann und muss. Die engagierten Schulgarten-Protagonisten wie August Heyn und Friedrich Krüger und viele andere mehr, haben es uns vorgemacht. Die Zeit ist reif für mehr „Gärten für die Kleinen der Stadt“, ganz gleich, ob im Kleingarten, im Schulgarten oder in einer Gartenarbeitsschule!

Helmut Krüger-Danielson, Studienrat Biologie/Geographie
Leiter des Schul-Umwelt-Zentrum Mitte seit 1992

Weitere Informationen

„Bildung für Berlin: Berliner Gartenarbeitsschulen – 90 Jahre Grüne Lernorte in den Berliner Bezirken“, Broschüre der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung, Berlin 2010


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