Der Grunewald ist Waldgebiet des Jahres 2015

erschienen in DER RABE RALF, April/Mai 2015, Seite 13

„Im Grunewald ist Holzauktion …“

Zum vierten Mal wurde vom Bund Deutscher Forstleute (BDF) das „Waldgebiet des Jahres“ ausgezeichnet. Nach dem Meulenwald in Rheinland-Pfalz, dem Solling in Niedersachsen und dem Schönbuch vor den Toren Stuttgarts schaffte es 2015 der Berliner Grunewald auf den ersten Platz. In der Begründung wird unter anderem auf die Vielzahl unterschiedlicher Waldbiotope sowie die Seen und Kleingewässer als wertvolle Lebensräume für Pflanzen und Tiere hingewiesen. Zudem gelinge es dem Hauptstadt-Wald besonders gut, die hohe Besucherzahl von vielen Millionen Waldspaziergängern pro Jahr mit Naturschutz und Forstnutzung in Einklang zu bringen.

Der Dauerwaldvertrag

Die Holzauktion fand tatsächlich statt: vor über 100 Jahren, als Teile des Grunewaldes – schon damals ein Naherholungsgebiet für die Berliner – zum Spekulationsobjekt und in der Folge Wohngebiet für Reiche wurden. Nachdem bis 1890 knapp 250 Hektar des Grunewaldforstes gerodet waren, konnten große Mengen Holz zu niedrigen Preisen verkauft werden. So entstand der berühmte Gassenhauer (Text Otto Teich), der als „Rheinländer“-Melodie 1892 von Franz Meißner verewigt wurde.

Dass nicht noch mehr Wald abgeholzt wurde, ist dem Dauerwaldvertrag von 1915 zu verdanken, mit dem der kommunale Zweckverband Groß-Berlin ausgedehnte Waldflächen in der Berliner Umgebung, darunter den als Jagdgebiet für Damwild und Wildschweine genutzten Grunewald, vom Königlich-Preußischen Staat erwarb. Hintergrund war unter anderem die ausufernde Bodenspekulation zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die dadurch verursachte Waldvernichtung sollte aus ökologischen und gesundheitspolitischen Gründen eingedämmt werden.

Bereits 1904 kam es, als Ausdruck der vermutlich ersten deutschen Umweltbewegung, zu einer Protestaktion zweier Berliner Zeitungen, bei der rund 30.000 Unterschriften gegen die Vernichtung des Grunewaldes gesammelt wurden. Durch weitergehende Spekulationen sowohl des Staates (auch mit der angrenzenden Domäne Dahlem) als auch privater Waldbesitzer angeheizt, verschärfte sich die Situation noch, die Waldvernichtung wurde zum Politikum. „Bürger helft uns, unsere Wälder zu erhalten“ lautete der Hilferuf des 1906 gegründeten Berliner Waldschutzvereins, und ab 1908 etablierte sich der jährliche „Berliner Waldschutztag“. So gesehen geht der Abschluss des Dauerwaldvertrages auch auf den Druck der Berliner Umweltaktivisten zurück.

Die Fakten

Aber nicht nur der Gassenhauer um die Holzauktion hat den im Südwesten des heutigen Berliner Stadtgebietes gelegenen Grunewald weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht. Für alle, die mit dem Auto von Westen über die Bundesautobahn nach Berlin einreisen, ist er die grüne Eingangspforte der Stadt. Und einen gewissen Nimbus erlangte er zu Zeiten der Teilung der Stadt: als einziges großes, zusammenhängendes und gut öffentlich angebundenes Naherholungsgebiet für die Westberliner. Die Stichworte AVUS (für Automobil-Verkehrs- und Übungs-Straße), Prominenz (im gleichnamigen Villenviertel), Strandbad Wannsee (noch ein Gassenhauer: „Pack‘ die Badehose ein“) und Kalter Krieg (Teufelsberg-Abhöranlage) stehen für weitere „Markenzeichen“ des Forstes.
Mit dem 1879 in Betrieb genommenen Bahnhof Grunewald, heute nur noch als S-Bahn-Haltepunkt präsent, ist allerdings auch eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte verbunden. Von hier aus verließ am 18. Oktober 1941 der erste Deportationszug Berlin. Der Tag markiert den Beginn des systematischen Vernichtungsfeldzuges gegen die Berliner und europäischen Juden insgesamt.

Die eigentlichen Fakten zum Grunewald sind schnell aufgezählt: 3.200 Hektar (das heißt, rund vier mal acht Kilometer) groß; im Westen und Süden durch Havel und Wannsee, im Osten durch die Grunewaldseenkette und im Norden durch die Heerstraße begrenzt; durch AVUS und S-Bahntrasse längs durchschnitten. Im FACT SHEET der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz heißt es weiter: „Der Grunewald gehört zu einer eiszeitlichen Grundmoränenlandschaft, aus der sowohl die Havelberge mit dem Dachsberg als höchster natürlicher Erhebung (circa 70 Meter über NN) als auch das Haveltal und die Grunewaldseenrinnen entstanden. Weithin sichtbar sind zwei Wahrzeichen des Grunewaldes: der 1899 fertiggestellte Grunewaldturm und der höchste [Trümmer-]Berg Berlins, der Teufelsberg (circa 115 Meter über NN).“ Allgemein gestaltet sich das Relief flachwellig. Die Landschaft wird von zwei markanten Rinnentälern mit Seen und Mooren durchzogen. Zur Havelniederung hin bestimmen steile Hänge und die Endmoränenhügel der Havelberge das Landschaftsbild.

Flora, Fauna, Leute

Typisch für den Grunewald ist eine Vielzahl unterschiedlicher Waldbiotope. Hauptbaumarten nach den Kriegs- und Nachkriegszerstörungen sind heute vor allem Kiefer (gut 50 Prozent) und Eiche (25 Prozent). Kleinere Flächenanteile werden von Birken und Buchen (jeweils circa drei Prozent) und anderen Laub- und Nadelholzarten eingenommen. Weitere wertvolle Lebensräume für Pflanzen und Tiere sind, neben den bereits erwähnten Seen und Kleingewässern, Dünen, Mager- und Trockenrasen sowie Heideflächen, Moore und Sandgruben. In der mit Abstand größten ehemaligen Sandgrube im Jagen 86 tritt eine Besonderheit der Grunewaldmoräne – als Teil des Teltow-Rückens – hervor: hier fehlt der sonst typische Geschiebemergel fast vollständig. Er wird durch ältere Ablagerungen, hauptsächlich Schmelzwassersande, ersetzt. Im Grunewald sind sie außerdem außergewöhnlich mächtig (20 Meter und mehr), so dass der künstlich aufgehäufte, dünenartige Sandberg in der Grube schon imponieren kann.

Der Grunewald ist seit 1963 auf seiner gesamten Fläche Landschaftsschutzgebiet. Er beherbergt neun Naturschutzgebiete und EU-Schutzgebietsflächen. Außerdem ist er mit ausgedehnten Wasserschutzgebieten von großer Bedeutung für die Trinkwasserversorgung der Stadt. Im Grunewald liegen außerdem zwei sogenannte Referenzflächen nach den Kriterien des Forest Stewardship Council FSC (Council für Nachhaltige Waldnutzung und gleichnamiges Zertifizierungssystem) und des Naturland-Verbandes für eine ökologische Waldbewirtschaftung mit zusammen 120 Hektar, in denen keine forstwirtschaftliche Nutzung stattfindet.

Trotz des großen Besucherdrucks auf mehreren hundert Kilometern Waldwegen, den 50 Kilometer Reitwegen, einem Trimmpfad, zwei Waldspielplätzen und mehr als zehn Kilometer Stränden leben und gedeihen hier seltene streng geschützte Arten wie der Eichenheld-/Riesenbock und der scarabäusartige Eremit – immerhin zwei der größten Insektenarten Europas. Auch Reh-/Damwild und Mufflons kommen vor und werden bejagt. Für Abwechslung und mancherorts auch Ärger sorgen die hohen Wildschwein- und Fuchspopulationen.
Für die Verwaltung, Pflege und Bewirtschaftung des Grunewaldes sind vier Revierförstereien zuständig. Unter dem Dach des Forstamtes Grunewald kooperieren diese eng mit einer Vielzahl hier ansässiger oder benachbarter Partner – darunter drei Waldschulen der Berliner Forsten beziehungsweise der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, das Naturschutzzentrum Ökowerk am Teufelssee und die Betreiber diverser Ausflugsgaststätten.

Seine Lage – im Norden grenzt er fast an den Kurfürstendamm – und seine gute Erreichbarkeit (allein vier S-Bahnhöfe bieten direkten Zugang) machen den Grunewald zu einem der beliebtesten und am intensivsten genutzten Erholungsgebiete der Stadt. Bis zu 100 Millionen Waldbesuche werden jährlich gezählt.

Jörg Parsiegla

Weitere Informationen

www.waldgebiet-des-jahres.de


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