„Angewandte Matriarchatsforschung“

Wie zwei Städterinnen ihr erstes Huhn schlachten

Aus DER RABE RALF September/Oktober 2000

Ich schreibe aus einem kleinen Dorf im lippischen Norden, früher auch “Sibirien” genannt, wegen der schlechten Verkehrsanbindung und der auffällig kalten Winter. An einem der Höfe hier haben die Kinder ein Schild aufgestellt, “Hinterwelt” steht da drauf. Manchmal erscheint mir diese Bezeichnung wirklich zutreffend, wenn sich der Nebel so dick über den Ort legt, daß der Busfahrer kaum die Haltestelle findet, oder im Winter der Schnee meterhoch liegt und kein Auto mehr von der Stelle kommt. Dann glänzt der Himmel über dem Kleeberg, und ich vergesse “diese Zeiten” oder wünsche mir, daß sie mich vergessen. Doch nein, “unser” Dorf mit uns darin ist nicht vergessen worden, und spätestens wenn sich die Nacht oder der Nebel lichtet, werden wir daran erinnert. Morgens um fünf gehen die Straßenlaternen an, rauben dem Mondschein einen Teil seiner Kraft. Kurz drauf setzt der Berufsverkehr ein, die Schweinetransporter rücken an oder der Milchwagen, die Laster mit Futtermittel. Unser Geflügel verläßt den Stall, Swan, der kleine Hahn, kräht so kräftig er kann. Zeit aufzustehen, wir werden gebraucht. Seit sechs Jahren leben meine Freundin Elisabeth und ich in diesem Dorf, nachdem wir zuvor über dreißig Jahre in der Stadt verbracht haben. Wie es dazu gekommen ist und von einigem, was mir seitdem durch Hand, Herz und Kopf gegangen ist, möchte ich erzählen.

Eine frühe Lektion

Ich bin mitten in der Großstadt aufgewachsen. Der Dschungel meiner Kindheit, das waren dichtbefahrene Straßen. Wir Kinder lernten, den Autos auszuweichen wie gefährlichem Großwild, bewiesen uns gegenseitig Geschick und Mut, wenn wir lebendig von einer Straßenseite zur anderen wechselten. Natur, das war der Rasen, den wir nicht betreten durften, das Gestrüpp über einem alten Bunker, die paar Wochen im Sommer bei Oma, Onkel und Tante auf dem Land. Tiere gab es in meiner Umgebung praktisch nicht. Meine Eltern erklärten mir, das Leben in der Stadt sei für Tiere nicht geeignet. Allenfalls verirrte sich mal eine Spinne auf den Asphalt, wo wir spielten. Die Jungen, meine Spielkameraden, machten sich dann einen Spaß daraus, ihr die Beine auszureißen, und beobachteten vergnügt, wie sie hilflos versuchte davonzukrabbeln. Noch heute wird mir übel, wenn ich daran denke – oder eine Spinne sehe. Bis vor kurzem dachte ich, daß es die Spinnen sind, die mich ängstigen, doch es scheinen die Erlebnisse zu sein, an die sie mich erinnern: an die Lektion, die ich schon als kleines Mädchen bekam vom Umgang der Männer mit Natur.

Umzug aufs Land

Trotz (oder wegen?) des Mangels an Natur, der den größten Teil meines Lebens geprägt hat, hütete ich einen Schatz innerer Bilder vom guten bäuerlichen Leben, entwickelte eine romantische Sehnsucht nach dem Leben auf dem Land. Als ich später Soziologie studierte, fühlte ich mich von einer Theorie angezogen, in der Natur einen eigensinnigen Platz hat, nicht totgeschwiegen, rätselhafterweise verschwunden oder zu “Umwelt” degradiert ist. Ich fand den entstehenden feministischen Subsistenzansatz spannender als beispielsweise den keimfreien, menschenleeren Raum der Systemtheorie. Während ich mich in der Frauenbewegung engagierte und zu einem feministischen Politikverständnis arbeitete1, Tschernobyl uns vom Glauben an den technischen Fortschritt nachhaltig kurierte2, interessierte mich immer mehr die Frage, welche lebbaren, realistischen Alternativen es geben könne abseits städtischer, vorgezeichneter Lebensmuster. Ich wollte mehr ausprobieren vom “besseren” subsistenzorientierten Leben. Eine unverhoffte Erbschaft ermöglichte es Elisabeth und mir, mit der Romantik Ernst zu machen. Wir kauften ein Haus in besagtem kleinem Dorf. Mich hatte vor allem die Schönheit der Landschaft angezogen, die mich an die besten meiner Urlaube erinnerte. Alles andere traf mich unvorbereitet.

Bruch mit der Romantik, neue Freuden

Der größte Schock war, wieviel Arbeit wir plötzlich hatten. Da war ein altes Haus instandzusetzen, der Garten (etwa 2.000 m²) mußte gepflegt und nach unseren Vorstellungen umgestaltet werden, die Öfen wollten versorgt sein, lang gehegte Pläne standen Schlange, in die Tat umgesetzt zu werden – und wir hatten praktisch keine Ahnung von alledem. Glücklicherweise waren wir zu diesem Zeitpunkt beide erwerbslos, doch da wir mehr oder minder regelmäßig auch in unseren Berufen als Psychologin und Soziologin arbeiten, gilt es immer wieder, eine Balance herzustellen zwischen Wünschen und Erfordernissen. Bisweilen frage ich mich, was ich “früher”, als ich noch in der Stadt lebte, mit all meiner Zeit angefangen habe. Als ich noch keine Samenkataloge studierte auf der Suche nach alten Gemüsesorten oder standortgeeigneten Tomaten; als ich mich noch nicht mit dem Kennenlernen von Wildpflanzen und Rezepten für ihre Zubereitung befaßte; als ich noch mit keiner Schneckenplage und keiner Bohnenschwemme fertig werden mußte, keine Probleme mit der Brennholzbeschaffung hatte und mir die Tücken des Baustoffs Lehm unbekannt waren…

Doch Berge von Arbeit haben auch ihre guten Seiten. Zum Beispiel beteiligen wir unseren Besuch nach Möglichkeit an den Arbeiten in Haus und Garten. Wir haben das richtig kultiviert, weil wir einfach keine Zeit mehr hatten, stundenlang dazusitzen und zu reden. So hat sich ein Kreis von Freundinnen gefunden, die regelmäßig Wochenenden bei uns verbringen, an denen wir gemeinsam arbeiten und feiern: Wir bauen Zäune, Ententeiche, legen Hecken an, fahren im März in den Wald zum Holz machen, hacken und transportieren es übers Jahr von einem Lagerplatz zum nächsten und wärmen uns am Abend daran, wenn wir den Tag bei Wein und gutem Essen beschließen. Das sind schöne, festliche Tage, die zeigen, wie Leben in (Frauen-)Gemeinschaft sein kann. Wir alle genießen den Geschmack, wie es ist, wenn Frauen für das “Ganze” verantwortlich sind. Hand in Hand zusammenwirken, nach eigenen Ideen, im eigenen Rhythmus arbeiten, draußen, auf und mit der Erde. Das ist eine körperlich und seelisch befriedigende Arbeit, weil wir zusammen sind und etwas schaffen. Und dann kommen die Gedanken: Was wäre, wenn Frauen wieder Macht hätten? Welche Macht haben wir? Welche Macht wollen wir haben?3

“Angewandte Matriarchatsforschung”

Seit ich auf dem Land lebe, habe ich eine erweiterte Sicht davon, was Ent-Machtung von Frauen heißt. Einerseits ist meine Erfahrung, daß und wie Männer über Natur herrschen, vielfältiger geworden: Ich erlebe schmerzhaft, wie sie ohne vernünftigen Grund die schönsten Bäume abholzen, höre im Morgengrauen das Schreien der Schweine, wenn sie zum Schlachthof abtransportiert werden, hoffe kaum noch auf die “Grünen”, denn ich mache sie neben manchem anderen dafür verantwortlich, daß auf dem schönen Kleeberg nun Windräder errichtet werden. Mich ärgert, daß sie nicht konsequent für weniger Technik und Verbrauch eintreten, sondern uns noch mehr davon bescheren. Ich sehe, wie immens der Machtbereich der Männer geworden ist, daß sie nicht “nur” über Frauen und Kinder herrschen, sondern über das weite Land, die Wälder, die Gewässer, das “Vieh”. Im Vergleich dazu sind die Reiche der Frauen, ihre Gemüsegärten, ihre Blumenbeete, die paar Hühner, Enten und Gänse dermaßen klein… Andererseits – und das ist das wirklich Erstaunliche für mich –, unser Stückchen Land ist natürlich vergleichsweise winzig, aber es erscheint mir oft dermaßen groß und voller Möglichkeiten und Wunder. Knappe hundert Quadratmeter Land genügen vollauf, um meine kleine Familie und sämtlichen Besuch im Sommer mit vielfältigem Gemüse und Salat zu versorgen. Kräutertee müssen wir schon lange nicht mehr kaufen. Beerensträucher lassen sich leicht vermehren, der Buchs für die Hecken erfordert schon etwas mehr Glück und Geduld. Ein Walnußbaum und Haselnußsträucher wachsen heran. Der kleine Pilzgarten ist eher ein Sorgenkind, doch gelegentlich kann ich – wundersamerweise – einen Korb Shiitake in die Küche tragen. Elisabeths Domäne sind die Kräuter und Blumen, ein ganz eigenes Frauen(forschungs)feld.4

So erfahre ich sinnlich, daß (Wieder-)Ermächtigung von Frauen etwas anderes heißen muß/müßte als nur die Beteiligung an abstrakter politischer (Männer-)Macht. Bei den notwendigen Arbeiten, die übers Jahr hinweg anfallen, erlebe ich die Macht der Natur. Das ist oft nicht idyllisch, sondern anstrengend: wenn die Leitungen einfrieren und wir im Winter wochenlang das Bad nicht benutzen können, wenn der Wind einen der mühsam errichteten Holzstapel umpustet, wir die Küken vor dem Habicht (oder dem Fuchs?) beschützen müssen (drei verschwinden dennoch unerklärlicherweise…). Es gibt immer wieder Stunden, in denen wir uns die “Sinnfrage“ stellen: Warum sind wir nicht in unserer bequemen, übersichtlichen Stadtwohnung geblieben? Mir helfen dann politische und/oder romantische Überzeugungen nicht weiter. Was mir hilft, ist, nach der Devise vorzugehen “Tun, was zu tun ist”, das Notwendige, den nächsten Schritt zu tun: eine Waschmöglichkeit in der Küche einrichten (das ist dann doch wieder romantisch), das Holz erneut aufstapeln, die verbliebenen Küken füttern. Das Leben geht weiter.

Und: Das Landleben hat meine Leidenschaft für matriarchale Mythologie und feministische Spiritualität entfacht. Ich feiere Jahreskreisfeste, bilde mich in Ritualarbeit fort, lerne Frauen kennen, die der Kirche den Rücken gekehrt haben, ohne all ihren Glauben hinter sich lassen zu wollen. Ich hatte auch in der Stadt schon entsprechende Literatur gelesen, doch der Gewinn war vorwiegend geistiger Natur gewesen, körperlich wenig spürbar. Obskur erschien es mir, warum Tod und Töten ebenso wie Leben und Gebären in matriarchaler Mythologie eine zentrale Rolle spielen, verkörpert in der Figur des Heros, der in jedem Sommer sein Leben lassen muß, damit im Frühling neues Leben entstehen kann.5 Die Parallele zu landwirtschaftlichen Kreisläufen ist greifbar geworden, denn Ernten, Korn schneiden, Schlachten sind mehr oder minder bewußte Formen zu töten. Die Natur selbst führt jährlich das Drama von Wachsen-Werden-Vergehen-Neuentstehen auf, führt uns die Gewißheit vor Augen, daß das Leben zum Tod führt und ebenso gewiß wiederkehrt. Ich finde diese Sichtweise samt ihren psychischen Entsprechungen (der Notwendigkeit von “Krisen” und Engpässen beispielsweise) ausgesprochen tröstlich. Und sie hilft mir, unangenehme Entscheidungen zu fällen – Bäume abzusägen, Pflanzen zurückzuschneiden, Hühner zu schlachten, die Schnecken den Enten zum Fraß vorzuwerfen, die eigene Sterblichkeit zu erkennen. Natur (wir eingeschlossen) ist nicht nur “lieb”, hervorbringend und nährend, sondern auch “böse”, furchterregend und zerstörerisch. Ob es denkbar ist, daß (matriarchale?) Gesellschaften, die diesen Doppelcharakter, die Wandelbarkeit, in allem erkennen und zelebrieren, friedlicher waren als patriarchale Gesellschaften? Welchen Wert könnte es haben, individuell wie gemeinschaftlich wie “global“, die Mutter (Erde) wieder ins Zentrum unseres Denkens und Tuns zu rücken? Und: Könnte es sein, daß altes frauen-/mutterorientiertes Wissen weniger “versunken“ ist, als wir allgemein annehmen? Ist es möglich, daß wir eher bei den “kleinen Leuten” fündig werden auf der Suche nach mutterzentrierten Denk-und Lebensweisen? Bei uns im Dorf jedenfalls sind es die “einfachen”, ärmeren Familien, in denen die Frauen offensichtlich und unangefochten stark und anerkannt sind, selbstverständlich “regieren”.

Nun, das ist der Gedankenacker, den ich derzeit bestelle. Augenzwinkernd erkläre ich dann bisweilen, daß ich “angewandte Matriarchatsforschung“ betreibe, wenn ich Petersiliensamen ernte oder über den Hühnerzaun schaue. Denn ich mag die staunenden Gesichter (besonders von Männern), wenn wir über das als günstig geltende Verhältnis von einem Hahn auf zehn Hennen sprechen. Männer identifizieren sich ja gerne mit dem “Hahn im Korb”, den sie als Chef und Profiteur von zehn Hennen betrachten. Ist es nicht “in Wahrheit“ umgekehrt: Zehn Hennen leisten sich einen Hahn?

Heimisch werden

Die Vorbesitzer unseres Hauses sind nach dem Krieg aus Ostpreußen gekommen, waren “Vertriebene”. Lang und verschlungen ist die Geschichte der Vertreibung und Enteignung der Frauen von “Grund und Boden” – kurz bisher die meine, mir davon wieder etwas zu eigen zu machen, an einem Ort, der mir bis dahin fremd war. Jetzt habe ich schon Erinnerungen: zum Beispiel an die vielen Bäume, die in den paar Jahren gefällt wurden, seit wir hier wohnen; an den Tag, als der kleine Buchenhain der Motorsäge zum Opfer fiel; an den Tag, als die prächtigen Linden gräßlich kurz gestutzt wurden; an den Tag, als die Nachbarjungen ihre alte Obstwiese plattmachten. Bei diesen Aktionen muß ich immer wieder emotionalen Streß bewältigen und bin froh, die DorfbewohnerInnen mittlerweile gut genug zu kennen, um sie nach dem Warum ihres Tuns zu fragen, bekomme manchmal auch plausible, beruhigende Erklärungen. Und: Ich bin dabei, meinen Frieden mit den Spinnen zu machen – sie begegnen mir einfach und ich immer einfacher ihnen.

Überhaupt: Viel tragen unsere Tiere zum allmählichen Heimischwerden bei. Sie vermittelten Bekanntschaften, samt den ersten Streitereien. Unsere Hündin suchte sich gleich zwei Rüden aus der Nachbarschaft, brachte neun Junge zur Welt, die Katze stammt aus einem nachbarlichen Wurf, die Bruteier für unsere Henne von einer anderen Nachbarin. Das Schlüpfen der Küken war sogar ein kleines Dorfereignis. Denn die sogenannte “Naturbrut” ist auch auf dem Land keine Selbstverständlichkeit mehr. Die GeflügelhalterInnen kaufen gewöhnlich Eintagsküken, Hybriden aus Brutmaschinen, um sie aufzuziehen, oder legereife Hennen, anstatt die Unwägbarkeiten einer drei Wochen brütenden Henne in Kauf zu nehmen. Auch unsere Holzheizung schafft Kontakte und Gesprächsstoff. Sei es, daß wir für ein bißchen verrückt gehalten werden, weil wir nicht wie alle anderen mit Öl heizen (ein Gedanke, der mich auch manchmal beschleicht); sei es, daß wir erfahren, welcher Mann im Dorf die optimale Säge besitzt, um die Holzberge kurz und klein zu machen, was wir dann auch gemeinsam tun. Und unvermutet gibt es Ereignisse, die – bei aller Tristesse, die so ein Dorf heutzutage auch haben kann – die ersehnte Romantik aufleben lassen: die Mithilfe bei der Strohernte, die Dorfhochzeit mit Einspänner und Spalierreiten, ein reisender Hufschmied…

Erste bäuerliche Gefühle

Mit den Hühnern haben erste bäuerliche Gefühle bei uns Einzug gehalten. Vielleicht, weil sie zu meinen Bildern vom guten Leben auf dem Land gehören? Weil sie unsere ersten “Nutztiere” sind, die für frische leckere Eier sorgen von sonst schwer erhältlicher Qualität? Die Eier sind ein neuartiger Reichtum: Wir haben stets etwas zu verschenken und ein Tauschmittel für kleine nachbarliche Gefälligkeiten. Freundinnen in der Stadt sammeln altes Brot für unser Geflügel, so senken wir die Futterkosten, schaffen Verbindungen und eine sinnvolle Verwertung der Brotreste. Und außerdem: Ich freue mich an ihrer Gesellschaft, ihrer besonderen, ganz eigenen Art, so als hätte es mir immer schon gefehlt, diese stetig pickende, scharrende bunte Schar in meiner Nähe zu wissen und zu sehen. Ich bestaune die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihr Dasein gestalten: Wie sie sich im Stall einrichten, irgendwann “loslegen”, nach und nach auch an den vorgesehenen Plätzen. Sie brüten meisterlich, und nach genau einundzwanzig Tagen schlüpfen neun Küken aus den Eiern… Ich denke: Nicht nur der Mangel an menschlicher Gesellschaft macht einsam, sondern auch das Fehlen tierischer Geselligkeit, ihr Da-Sein, ihre Lehren, die Geschichten, die sie uns erzählen (lassen).

Wir schlachten das erste Huhn

In unserem Garten bekam ich bald Probleme, weil ich mit einer Art pazifistischer Grundhaltung ans Werk ging. Ich strebte maximalen Wildwuchs an, wollte die Gänseblümchen vor dem Rasenmäher bewahren, keinem Baum ein Ästchen krümmen. Nun, ich hatte noch keinen wirklichen Eindruck bekommen von der unbändigen, eigensinnigen Fruchtbarkeit der Natur, noch nicht den Kampf gegen Löwenzahn, Giersch und Quecken aufgenommen. Dabei kam ich ins Nachdenken über die Notwendigkeit des Tötens und Zerstörens, ein (nicht nur) feministisches Tabu – kein Wunder angesichts der Tötungsexzesse unserer Zivilisation. Kann es sein, daß die extreme Gewalttätigkeit männerdominierter Gesellschaften nicht nur damit zusammenhängt, daß Frauen in ihrer Macht beschnitten wurden, das Leben zu organisieren, sondern auch in der Macht, Leben zu beenden? Welche Verluste an praktischem weiblichem Wissen gibt es nicht nur um die Vorgänge beim Gebären, sondern auch um die des Tötens, das Wissen um die besten Werkzeuge, den besten Zeitpunkt, die beste Vorgehensweise?

Als wir uns Hühner anschafften, habe ich nicht daran gedacht, daß wir sie irgendwann würden schlachten wollen. Doch nach einigen Monaten zeigte sich die Notwendigkeit ganz klar. Sonst könnten wir die Hennen nicht brüten lassen, hätten keine Nachkommenschaft oder alternativ dazu das totale Chaos. Wie auch immer: Wir entschieden, zwei Perlhähne zu schlachten und nicht über den Winter zu bringen, sie würden nur weiter Futter verbrauchen und immer zäher werden.

Seit ich einmal neugeborene Kätzchen getötet habe, weiß ich, daß auch das Töten von “Kleintieren” Wissen und Können erfordert. Wir brauchen also eine Expertin. Eine längere Suche beginnt. Bei Freundinnen in der Stadt, die zum Subsistenzansatz arbeiten, löse ich mit unserem Ansinnen eine Debatte über die Schrecken der Schlachthöfe aus, bekomme den Hinweis, daß die Frauen in Juchitán in Mexiko ihre Hühner “einfach so” schlachten, ohne langes Hin- und Hergrübeln. Letzteres ist anregend, löst aber nicht die praktische Seite des Problems. Auf dem Bauernhof nebenan ist das Hühnerschlachten Männersache, ihnen möchte ich unsere Tiere nicht anvertrauen. Eine andere Nachbarin, eine alte Frau, die sich auch darauf versteht, zeigt sich nicht begeistert, uns zu helfen; ein weiterer Nachbar erklärt sich auf Drängen seiner Frau zwar bereit (“du wirst doch einem Huhn noch den Kopf abhacken können!“ feuert sie ihn an), doch wir verzichten auf das Angebot.

Was tun?

Mütter und Töchter

An die naheliegendste Person hatten wir bei unserer Suche interessanterweise nicht gedacht: Elisabeths Mutter. Sie ist auf dem Bauernhof aufgewachsen, war dort mit für das Geflügel zuständig, und Hühnerhaltung war auf der Landwirtschaftsschule ihr Spezialfach. Sie ist also hervorragend qualifiziert für den Job. Nur: das liegt fünfzig Jahre zurück. Doch als wir sie fragen, freut sie sich, sie begeistert sich richtig für die Sache, frischt im Bekanntenkreis ihr Wissen auf. Dann kommt sie vorbei, im Gepäck ein scharf geschliffenes Beil. Sie zeigt uns Schritt für Schritt, was zu tun ist. Elisabeth schreibt später darüber:

“Sabine hat die Hähne gepackt, meine Mutter hat sie an den Krallen fesfgehalten, am langen Arm herumgeschleudert, mit dem Kopf gegen den Hauklotz geknallt und dann mit rechts das Beil geführt, während ich gemeinsam mit ihrer Linken die Krallen festhielt. Sabine hat daneben das Loch für die abgetrennten Köpfe gestochen, und ich habe die zappelnden Körper so lange in den Eimer gehalten, bis sie stille und ausgeblutet waren. Es kam viel weniger Blut, als ich dachte, vielleicht eine Tasse pro Hahn, aber wir alle drei brauchten die umgebundenen Schürzen dringend, weil es trotz Eimer ziemlich spritzte. Perlhähne haben ganz besondere Köpfe, und als sie abgetrennt waren, konnte ich den Kopf zum ersten Mal richtig in Ruhe angucken. Ich habe ihn angefaßt und in das Erdloch gelegt. Ich weiß nicht mehr, ob ich traurig war, jetzt, wo ich es aufschreibe, bin ich es. Es waren sehr schöne, stolze Hähne. Es war ein starkes Stück Arbeit, zu dritt, bis sie in den Tiefkühlbeuteln verschwunden waren, und das meiste hat meine Mutter gemacht. Ich war stolz auf meine Mutter, weil sie zum ersten Mal seit fünfzig Jahren wieder geschlachtet hat und alles noch konnte.”

Beim Rupfen erzählt Elisabeths Mutter aus ihrer Kindheit: wie viele Hühner sie hielten, wie viele auf einen Schlag geschlachtet wurden, welche Teile sich wie verwerten lassen, so daß es praktisch keinen Abfall gibt. Ihr Traumberuf war Bäuerin. Ihre Mutter brachte sieben Mädchen zur Welt, bevor der ersehnte Stammhalter geboren wurde. Der erbte Land und Hof, wurde reich damit, während die Schwestern mit geringen Geldsummen abgefunden wurden. Was wäre, wenn Töchter solche Höfe geerbt und eigenständig bewirtschaftet hätten? Welche Kontinente an Wissen und Möglichkeiten von Müttern und Töchtern sind verlorengegangen? Diese Gedanken im Kopf, sitzen wir da, rupfen unsere Hähne. Nun – was auch immer “gewesen wäre, wenn…”, es ist auch etwas: Sie zeigt ihren Stolz auf ihr Wissen über Geflügelhaltung, ihre Freude, daß sie dafür nach so langer Zeit doch noch Anerkennung erfährt, daß ihr Können gebraucht wird. Und ich spüre die Besonderheit, die darin liegt, daß sie diese Anerkennung von ihrer eigenen Tochter bekommt.

Wurzeln schlagen

Ähnlich erging es mir mit meinem Vater. Auch er ist im Dorf großgeworden, wurde durch Erbfolge zum Arbeiten in der Stadt gezwungen, in einem Beruf, den er wenig geliebt hat. Heute fühlt er sich durch mich als seine Tochter, die das ländliche Leben pflegt, an seine Wurzeln erinnert. Von ihm habe ich mein Faible für das Heizen mit Holz, und wenn ich viel übe, lerne ich vielleicht noch einmal so gut Holz hacken wie er.

Die Kräne sind postiert. Auf dem Kleeberg wird das erste Windrad errichtet, weitere werden folgen. Wie wird die Landschaft aussehen, wenn ich alt bin? Werde ich hier weiter Wurzeln schlagen? Im Winter gehen die Hühner früh schlafen. Schon nachmittags um vier höre ich ihr vertrautes Glucken aus dem Stall.

Sabine Marx

1 Sabine Marx, Thesen zu einem feministischen Politikverständnis, Bielefeld 1988

2 Marina Gambaroff u.a., Tschernobyl hat unser Leben verändert. Vom Ausstieg der Frauen, Reinbek 1986

3 Zu einem feministischen Machtverständnis vgl. Starhawk, Wilde Kräfte, Freiburg 1987

4 Zum Einlesen empfehle ich: Alice Walker, Auf der Suche nach den Gärten unserer Mütter, in: Sara Lennox (Hrsg.), Auf der Suche nach den Gärten unserer Mütter. Feministische Kulturkritik in Amerika 1970-80, Darmstadt 1982

5 Heide Göttner-Abendroth, Die Göttin und ihr Heros, München 1986

Aus: V. Bennholdt-Thomsen u.a. (Hrsg.): “Das Subsistenzhandbuch. Widerstandskulturen in Europa, Asien und Lateinamerika”, Promedia, Wien 1999. Wir bedanken uns für die freundliche Genehmigung.


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