Gärten der Frauen

Wie Frauen zur Welternährung beitragen

Aus DER RABE RALF März 2000

Der Welternährungsgipfel der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO 1996 in Rom stellte in seinem Abschlußpapier fest, daß 800 Millionen Menschen unterernährt sind und aus Armut hungern. Landlose Landbewohner, Frauen und Kinder sind von Mangelernährungskrankheiten wie Blindheit oder Anämie besonders betroffen. Obwohl es genügend Lebensmittel gibt und die Lebensmittelproduktion im letzten Jahrzehnt stark zugenommen hat, kommen die Armen vieler Länder des Südens nicht an sie heran. Sie verdienen nicht genug, um die Produkte des Weltmarkts bezahlen zu können. Wenn – wie z.B. das Worldwatch Institute in Washington erwartet – die Getreidepreise infolge von Bodenerosion und Klimawandel weiter steigen, werden noch mehr Unbemittelte nur unzureichend Lebensmittel kaufen können.

Zugang zu ausreichender Ernährung bekommen diese Gruppen nur, wenn ihnen ein Stück Land zur Verfügung steht, worauf sie das Nötigste erwirtschaften können. Von Frauen des Südens wurde daher auf zahlreichen internationalen Konferenzen immer wieder für eine Rückkehr zur „Subsistenzwirtschaft“, eine Produktion vor allem für den eigenen Bedarf plädiert. Die Marktgläubigkeit männlich dominierter Regierungspolitik ist eine wesentliche Ursache der modernen Mangel- und Unterernährung. Man übersieht, daß im Süden, vor allem in Afrika, bis heute Frauen mit ihrem Arbeitseinsatz bis zu 80% ihre Familien aus ihrer Garten-Wirtschaft ernähren. Weil dieses Ernährungsystem für den Markt völlig unerheblich ist, wird es jedoch übersehen.

Das Abschlußpapier der FAO-Konferenz von Rom stellt zwar „die bedeutende die Rolle der Frauen in der Nahrungsmittelproduktion in den ländlichen Regionen der Entwicklungsländer“ fest. Aber früher einmal geforderte Bodenreformen tauchen im Schlußdokument nicht mehr auf, stattdessen nur eine formelhafte „Gleichheits“-Forderung. Zwar plädiert der FAO-Gipfel für eine „Wiederbelebung des Landes“, um die weitere Armuts-Wanderung vom Land in die Städte des Südens zu verhindern. Aber die schon lange beschlossenen Landreformen werden kaum empfohlen. Die von der Weltbank inszenierten Staudammprojekte, die in den letzten Jahren 240 Millionen Subsistenzbauern in aller Regel entschädigungslos von ihrem Land vertrieben haben, werden allenfalls erwähnt. Vor allem fehlt die Forderung nach Umverteilung der Landnutzungsrechte zugunsten der vom „westlichen“, modernen Bodenrecht bislang eher enteigneten Frauen.

Die Konferenzpapiere der FAO stellen fest, daß das Fördern einer nachhaltigen, umweltschonenden und menschengerechten Landwirtschaft mit angemessenen Preisen für Anbauprodukte die Landflucht und die städtische Armut beenden würde. Im Schlußdokument werden daraus aber keine Konsequenzen gezogen. Das Menschenrecht auf Nahrung ist in Artikel 11 des internationalen Vertrages für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte anerkannt, den 130 Staaten unterschrieben haben. Im Abschlußpapier der FAO werden die Probleme im „Aktionsplan“ benannt, leider ohne alle konkreten Angaben, wann was wie genau geschehen soll. Weder werden ausdrücklich angemessene Mindestlöhne gefordert, noch wird die Stimme für Landreformen erhoben. Die FAO-Gremien trauen sich offenbar nicht, dem Interesse der großen Getreideexportländer und der großen Agrarfirmen nach Ausweitung ihrer Exportmöglichkeiten zu widersprechen. Als wesentlich gilt daher eine Steigerung der Agrarproduktion.

Aus den Konferenzunterlagen geht hervor, daß Hunger und Hungerkatastrophen vor allem in Afrika Folgen von Kriegen und Umweltzerstörungen sind, nicht aber von fehlerhaftem traditionellem Anbau. 25% der Bevölkerung Afrikas südlich der Sahara lebte zwischen 1990 und 1994 in Ländern, in denen Kriege zu Zerstörungen und Vertreibungen und damit zu extremen Notsituationen führten. Hunger und Vertreibungen sind vielfach politisch gewollt.

Abgesehen von derartigen Hungerkatastrophen ist die Nahrungsmittelproduktion entsprechend zum Bevölkerungswachstum auch in Afrika gestiegen. Auf dem Forum der Nichtregierungsorganisationen in Rom wurde davor gewarnt, den Hunger in Afrika zu mythologisieren, um so die weitere durch Subventionen gesteigerte Mehrproduktion in den reichen Ländern zuungunsten der armen Staaten zu rechtfertigen.

Die meisten afrikanischen Staaten sind in der Lage, sich aus eigener Produktion zu erhalten, ohne daß dafür eine besondere Intensivierung der Landwirtschaft nötig wäre. Die Landbevölkerung ernährt sich wesentlich aus den von den Dorffrauen unterhaltenen „Küchengärten“. Traditionelle Anbauverfahren reichen für die Ernährung der Familien meistens aus. Eine effizientere Landwirtschaft mit gesteigertem Produktionsertrag erfordert erst die Verstädterung. Die Flucht in die Städte nimmt insbesondere durch Krieg und Umweltzerstörungen zu.

Verfolgung und Flucht führt zu einer zu hohen Bevölkerungsdichte und zur Überweidung in den Sahelgebieten Westsudans und generell in der Sahelzone. Weitere Verwüstungsprozesse sind Ergebnis von Überweidung für die Exportproduktion. Zerstörte Felder und sich verschlechternde Produktionsmöglichkeiten für Frauen führen schließlich zur Abwanderung in die Städte. Garantie auf ausreichende Einkommen gibt es dort aber nicht. Typisch ist eine „Mischökonomie“ aus Lohnarbeit, Nebenerwerb, Subsistenzarbeiten und Unterhalt durch Verwandtschaftbeziehungen. Es kommt zu einer Art „wilder“, städtischer Landwirtschaft. Nach Phasen des Gewährenlassens und der Verfolgung dieser „anarchistischen“ Gartenwirtschaft wird sie heute teilweise von den städtischen Behörden anerkannt.

Überleben durch Gärten: Weltweite städtische Landwirtschaft

Städtische und Stadtrand-Landwirtschaft ist kein neues Phänomen. In Mitteleuropa waren im 19. Jahrhundert die von Stadtbewohnern bewirtschafteten „Krautgärten“ vor den Toren der Stadt zur Einkommensergänzung weit verbreitet. Ergänzung des knappen Lebensmittelangebots war das Motiv für die Nutzgartenwirtschaft in der DDR.

Auch in Nairobi (Kenia) reichen die Löhne nicht, und Frauen und Männer betreiben wilde Landbebauung auf städtischen Brachen. Im zairischen Kisangani mit heute über 400.000 Einwohnern verdienten schon Anfang der 80er Jahre selbst Staatsangestellte nicht genug zur Ernährung ihrer Familien. Diese städtische Landwirtschaft wird zu zwei Dritteln von Frauen betrieben, als Subsistenzsarbeit gehört sie zur erweiterten Hausarbeit. Die Subsistenzarbeiten als Voraussetzung von Lohnarbeit und „Schattenwirtschaft“ werden natürlich nicht ausschließlich von Frauen erledigt. Fabriken stehen heute inmitten von Maisfeldern, da es im Interesse von Arbeitern wie Fabrikherren ist, den Arbeitern generell lange Wege zu ihren Feldern zu ersparen. Angebaut wird vor allem für den eigenen Bedarf, aber auch für den Verkauf.

Die wilden Gärten, die die Armen in Kisangani illegal auf Brachflächen anlegen, haben ihre eigenen Probleme. Es handelt sich nicht um Hausgärten. Am Haus gelegene Gärten besitzen nur die Reicheren, die schon länger am Ort leben. In den anderen Gärten fehlt der Kompost, der aus Küchenabfällen entsteht, als Dünger. Oft fehlt auch das Wasser. Es gibt keine Abstimmung wie auf dem Dorf, wer was anbaut, um so Pflanzenkrankheiten vozubeugen. Rotation im Anbau ist nicht möglich. Daher treten Pflanzenkrankheiten vermehrt auf, und es müssen immer anspruchslosere Pflanzen angebaut werden.

Weltweit wird die „Nebenerwerbslandwirtschaft“ vor allem von Frauen in jenen ländlichen Regionen betrieben, aus denen die Männer bereits abgewandert sind. Die blanke Not tritt in diesen Gebieten dann auf, wenn sich ändernde Bodenbesitzvorstellungen oder subventionierte „moderne Landwirtschaftssyteme“ auf Kosten der Subsistenzlandwirtschaft der Frauen gehen. Auch in Lateinamerika wird vielerorts, wo es nur irgend möglich ist, auf städtischen Brachen für den Eigenbedarf „geackert“, auch hier meist von Frauen.

Diese Art „städtische Landwirtschaft“ ist unsichtbar wie die Hausarbeit seit Etablierung der Nationalökonomie und wie die „Schattenwirtschaft“ im „informellen Sektor“. Was die Schwarzarbeit des informellen Sektors an notwendigem Zusatzverdienst nicht bringt, müssen die Subsistenzarbeiten der Frauen in Garten und Haushalt erarbeiten. Von der Weltpolitik werden diese Arbeiten, da nicht besteuerbar und kaum „marktrelevant“, nicht berücksichtigt. Für die Betroffenen sind die Gärten dennoch oft überlebensnotwendig.

Die Gärten um die Datschen rings um Moskau sind es, die vielen Moskauern das Überleben sichern, seit die Versorgungswirtschaft weggebrochen ist und Rußlands Läden leer sind. 1995 stammte in Rußland 90% der Kartoffelernte von privatem Anbau auf den Datschen. Auch in vielen anderen Städten der ehemaligen Sowjetunion hat wegen der schlechten Versorgungslage jeder Städter seinen Garten. In San Francisco haben sich Sozialarbeiter mit Erfolg für Gärten für die Arbeits- und Obdachlosen auf städtischen Brachen eingesetzt. Weltweit überleben nach Schätzungen bereits 200 Millionen städtische Familien mittels ihrer Kleingärten und produzieren dort 10-15% aller Nahrungsmittel.

Auch im Nachkriegsdeutschland überlebten viele Deutsche mit Schrebergärten und Kleinlandwirtschaft. In den 20er Jahren wie in den 50ern schickten Arbeitermütter ihre Kinder im Sommer zur Erntehilfe zu Bauern aufs Land, damit sie einmal ordentlich und ausreichend ernährt würden.

Grüne Utopien

Diese Rückwendung zum Land und zur Landwirtschaft geschah in der Geschichte nicht nur unfreiwillig. Als Intellektuelle im späten 19. Jahrhundert das „Getriebe jenes liebeleeren und erbarmungslos fremden ökonomischen Kampf ums Dasein“ (Max Weber) satt hatten, entstanden jene Diskussionen und Aktivitäten, der wir in Europa das moderne Wohlfahrtswesen verdanken, samt städtischem Grün, Parks, Gartenstädten und Koloniegärten. Viele gingen zurück aufs Land, um „zu siedeln“ und sich selbst zu versorgen, am erfolgreichsten junge Juden in den ab 1911 gegründeten Kibbuzim in Palästina.

Erfolgreich und beispielhaft war die Obstbaukolonie Eden bei Oranienburg, die 1893 als vegetarische Kolonie von Berlin aus gegründet wurde. Eden stand für das Ideal der „Reruralisierung“ aus freien Stücken. Jene „Reruralisierung“, die studentische „Fair-Trade“ Aktivisten auf dem „Hunger Gathering“ parallel zum FAO-Gipfel im November 1996 forderten.

Ende des 19. Jahrhunderts war die Forderung nach Kleingärten für Arbeitslose populär, besonders seit der 1890er Jahre, als sich Vertreter der Sozialreform und der Arbeiterbewegung, in Berlin etwa der Sozialdemokrat Paul Singer, für Koloniegärten für Arbeiterfamilien einsetzten. Den meisten Kommunen gelang es aber erst in der extremen Hungerzeit des Ersten Weltkriegs, genügend Land für Schrebergärten verfügbar zu machen.

Die Novemberrevolution von 1918 schuf die Voraussetzungen zu einer neuen Gesetzgebung. Die „Kleingarten- und Kleinpachtlandverordnung“ der Weimarer Republik von 1919 verfolgte wirtschaftliche, gesundheitliche und soziale Absichten. Jeder der wollte, sollte die Möglichkeit erhalten, auf 600 m² zumindest den eigenen Bedarf an Kartoffeln und Gemüse erwirtschaften zu können. Die darüber hinausgehende „Siedlungsidee“ blieb die ganzen 20er Jahre hindurch eine der großen Hoffnungen der Arbeitslosen.

Heute gibt es weitere Gründe für die städtische Gartenwirtschaft. Nitrat im Grundwasser macht deutlich, daß der konventionelle Landbau beginnt, uns leiblich zu gefährden.

Das Recht auf Landbesitz

30% könnten sie zum Einkommen beitragen, „sparen“, wenn sie den Garten ordentlich bewirtschaften, berichten Frauen aus einem fränkischen Dorf. Auch dort war es vielfach die Entscheidung der Frauen, nach Stillegung der Fabrik die Männer auf ferner gelegene Arbeitsplätze zu schicken, während sie selbst die Nebenerwerbslandwirtschaft allein weiter führen oder sich zumindest um den Garten kümmern. Die Gärten garantieren die Kommunikation unter den Dörflern und führen zu gegenseitigen Aushilfsaktionen.

Ein letztes Beispiel: Auf den sehr fruchtbaren Philippinen verdienen die Landarbeiter auf den Haciendas umgerechnet 30-40 DM im Monat. Damit kann man aber nicht den Reis für das tägliche Überleben kaufen. Daher brauchen die Armen eigenes Land, um anbauen zu können. Landreformen sind schon lange beschlossen, sie wurden aber nicht durchgeführt. Die Nutznießer des Exports aus den Philippinen, der reiche „Westen“ oder „Norden“, besteht nicht darauf, daß die entsprechenden Versprechungen eingehalten werden.

Dabei war es erst die Einführung des westlichen Rechts mit der Möglichkeit eines uneingeschränkten „Besitzes“ von Land durch einen Einzelnen, der in den meisten Ländern Afrikas und Asiens die Frauen um ihre Ackerflächen brachte. Die wichtigste Forderung der Afrikanerinnen auf der Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking war deshalb: mehr Recht auf Landbesitz, mehr Sicherheit für ihre Küchengärten. „Ernährungssicherheit“ heißt für viele Menschen des Südens vor allem: Recht auf ein Stück Gartenland. In Zeiten der Krisen sind Gärten lebensnotwendig. In den Tropen, aus denen die meisten unserer Gartenfrüchte stammen, reicht ein Grundstück von der Größe eines Gartens nahezu aus, um eine Familie zu ernähren.

Die deutlicher werdenden Umwelt- und Gesundheitskrisen erzwingen auch im Norden eine Rückkehr zu einem nachhaltigen Wirtschaften, zu mehr regionsbezogenem Arbeiten, vor allem im Landbau. Eine „Reagrarisierung“ muß dabei keineswegs ein Drama sein, sondern kann auch der Einstieg in neue Formen eines anderen, ausgeglicheneren Arbeitens und Lebens sein, die Frauen auch vor anstrenger Doppelbelastung in Haushalt und Beruf bewahren kann. Wenn sich die Agrarfakultät der Humboldt-Universität auch um die Gärten des „informellen Sektors“ als potentiellen Beitrag zu einer umweltverträglichen Bodenbewirtschaftung und Landschaftserhaltung und einer neuen Sozialpolitik zugunsten der Dörfler kümmern würde, könnte sie sich damit neue Aufgaben schaffen, die im Interesse der Gesamtgesellschaft liegen.

Elisabeth Meyer-Renschhausen

Literatur:

Agrarbündnis e.V. (Hrsg.): Der kritische Agrarbericht, Bielefeld 1996-2000

Maria Mies: Frauen, Nahrung und globaler Handel – Eine ökofeministische Analyse zum Welternährungsgipfel, Bielefeld 1996

Theo Rauch, Armin Haas, Beate Lohnert: Ernährungssicherheit in ländlichen Regionen des tropischen Afrikas zwischen Weltmarkt, nationaler Agrarpolitik und den Sicherungsstrategien der Landbevölkerung, In: Peripherie 63/96

Vandana Shiva: Das Geschlecht des Lebens

Uwe Hoering: Unsichtbar und unentbehrlich – Städtische Landwirtschaft verdient bessere Förderung, in: Welternährung 3/96

Oswald Hitschfeld: Der Kleinsthof – und andere gärtnerisch-landwirtschaftliche Nebenerwerbsstellen – ein sicherer Weg aus der Krise, Xanten 1993

Elisabeth Meyer-Renschhausen: „How to put more pesticids into our food“ – FAO-Welternährungsgipfel und Leibfeindlichkeit, in: Kommune 1/97

Diethart Kerbs, Jürgen Reulecke (Hrsg.): Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880-1993, Wuppertal 1998

Text gekürzt aus: Veronika Bennholdt-Thomsen, Brigitte Holzer, Christa Müller (Hrsg.): Das Subsistenzhandbuch – Widerstandskulturen in Europa, Asien und Lateinamerika, Promedia Verlag, Wien 1999, 34,- DM


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