Gibt es ein Leben ohne Wirtschaft?

Unser Wirtschaftssystem funktioniert nur, solange es lebendige Arbeit und Natur verbraucht. Wirkliche Nachhaltigkeit ist erst möglich, wenn wir uns von ihm befreien.

Aus DER RABE RALF November 1995

Fast jeden Tag hören wir von neuen, intelligenten Vorschlägen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Meist geht es dabei um eine Verkürzung der Arbeitszeit. Schon 1977 rechnete die Gruppe Adret in ihrem Buch ”Travailler deux heures par jour” vor, daß wir alle – bei gleichem Lebensstandard – mit nur wenigen Stunden Arbeit pro Tag auskommen könnten. Solche Berechnungen gibt es schon aus vorkapitalistischen Zeiten, so kam Thomas Morus in ”Utopia” 1517 auf den Sechsstundentag, wenn alle Müßiggänger beschäftigt würden. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß die meisten dieser Untersuchungen von einem normalen Lebensstandard ausgehen und keinem Sozialpartner schaden wollen, also durchaus das ”Wohl des Kapitalismus” im Sinne haben. In diese Richtung gehen im Prinzip auch die Forderungen der Gewerkschaften, der Sozialdemokraten und der Grünen. In ungebrochenem Glauben an die vernünftige Regulierbarkeit der Wirtschaft weisen sie sogar nach, daß ein Arbeitsbeschaffungsprogramm dank Einsparungen bei der Arbeitslosenversicherung Millionen an Staatsausgaben spart.

Doch diese einfachste aller Maßnahmen, die Verkürzung der Arbeitszeit, ist in den letzten Jahrzehnten nur schleppend vorangekommen oder sogar rückläufig. In den USA hat die Gesamtarbeitszeit seit den sechziger Jahren wieder von 44 auf 47 Wochen zugenommen. Hätte man die Produktivitätsfortschritte seit 1948 in Arbeitszeitverkürzungen umgewandelt, so könnten wir heute den Vierstundentag haben.

Wie ist es möglich, daß es trotz dieser und anderer vernünftiger Vorschläge und wiederholter Gelegenheiten, sie in die Praxis umzusetzen, heute in Europa 30 Millionen Arbeitslose gibt? Warum setzen sich doch immer wieder Unvernunft und Verschwendung durch?

Seit langem quält mich ein bohrender Verdacht: daß nämlich unser sogenanntes Wirtschaftssystem nicht mit Vernunft zu verstehen und zu reformieren ist, weil es damit und mit ”Ökonomie” überhaupt gar nichts zu tun hat. Der Anspruch, ein komplexes System zu sein, das mit rationellem Einsatz von Mitteln möglichst vielen Menschen einen möglichst guten Lebensunterhalt verschafft, ist vielleicht bloß Ideologie, Firmenpropaganda. Gerade die ”sinnlose” Arbeitslosigkeit legt das immer wieder nahe. Aber natürlich auch ein Blick nach Afrika oder Südamerika. Die Wirtschaft ist kein Welt-Haushalt, das Kapital nicht einfach eine Ansammlung von Werkzeugen oder Geld, die Arbeitskraft nicht einfach ein Produktionsfaktor. Autos sind keine Verkehrsmittel, Supermärkte keine Warenlager, Computer keine Rechner.

Wirtschaft (oder Kapitalismus – es gibt keine andere) funktioniert offensichtlich ganz anders.

Schauen wir nach Frankreich, wo sich die Sozialisten, ziemlich ”vernünftig”, zehn Jahre so gut es ging durchgemogelt, die Arbeitszeit etwas verkürzt und den Sozialstaat notdürftig intakt gehalten haben. Frankreich hat sich nicht schlechter als andere Länder, die rechte Regierungen hatten – wie Großbritannien -, gehalten. Doch dann wurde ”tief enttäuscht” die bürgerliche Rechte gewählt, zuerst ins Parlament, dann auf den Präsidentenstuhl. Woher diese Enttäuschung, dieser verlorene Glaube, wo es ihn doch gar nie hatte geben können? Und das, obwohl allen Franzosen sicher klar ist, daß es die Rechten nicht besser gemacht hätten und nicht besser machen werden. Was steckt hinter dieser irrationalen Reaktion? Warum wählen Arbeitnehmer vermehrt rechts, mehr als für sie gut sein kann?

Man könnte fast meinen, es sei da eine Art politischer Sadomasochismus im Spiel. Denn rein ökonomisch gesehen sind längst in allen Industrieländern 90 Prozent der Bevölkerung ”Proletarier”, das heißt sie leben von einem (Lohn-)Einkommen, mit dem nie wirklich Kapital angespart werden kann. Angesichts dessen hätten Wahlen spätestens seit Beginn dieses Jahrhunderts nur noch eine Formsache sein sollen: verschiedene Linksschattierungen, sozusagen ”gewerkschaftsinterne” Ausmachungen. So war es aber nicht. Es gab diverse Faschismen, eine ”konservative Revolution” und in Deutschland überwiegend Mitte-Rechts-Regierungen. Warum handelt die Arbeitnehmermehrheit dauernd gegen ihre eigenen Interessen? Die fehlende ”Aufklärung der Arbeiter”? Sie fand durchaus statt. Liegt es vielleicht daran, daß mit rationaler Aufklärung der Sache einfach nicht beizukommen ist? Ich vermute, daß rechter Irrationalismus, selbstquälerisches Leistungsdenken, dumpfer Nationalismus usw. der Dynamik unserer Wirtschaft viel eher entsprechen als die dauernden Versuche wohlmeinender Linker, ihr ihre ”wahre” Logik andienen und sie mit Reformprogrammen vor sich selbst retten zu wollen.

Ich möchte die Entwicklung des Kapitalismus hier nicht einfach als eine sadomasochistische Masseninszenierung ohne sinnvollen Ausweg darstellen. Es gibt selbstverständlich ökonomische Zusammenhänge, die z.B. Marx analysiert hat, als sie im 19. Jahrhundert auftraten. Die Rolle der Reproduktion, der tendenzielle Fall der Profitrate, die Überwindung des Marktes durch die Monopole – hinter diese Einsichten darf man nicht zurückfallen. Doch Marx erwischte das Ding erst, als es schon ”fertig” dastand. Und er übersah ein paar sehr wichtige Voraussetzungen, zum Beispiel die Frauen.

Was ”Wirtschaft” ist, wurde bereits vor ihrem Erscheinen definiert, in der Epoche, als die letzten matriarchalen Stadtkulturen zerstört wurden, also 1500 v.u.Z. Damals wurde die Auseinandersetzung zwischen entwickelter Landwirtschaftskultur und Handwerk zugunsten der Unabhängigkeit der ”ausgelagerten, strategisch organisierten” Wirtschaft als Fortsetzung des Raubkrieges mit anderen Mitteln entschieden.* Das patriarchale Prinzip wurde von da an zum Selbstläufer. Wer mit ihm konfrontiert wurde, konnte nur überleben, wenn er seine Logik übernahm – und verewigte es damit erst recht (Beispiel: die Unterwerfung der Kolonien und der Neokolonialismus nach deren ”Unabhängigkeit”). Was wir ”neutral” als Wirtschaft bezeichnen, ist eine irrationale gesellschaftliche Verstrickung. Die Einsicht, daß in unserer ganzen Zivilisation ”der Wurm drin” ist, ist natürlich in verschiedensten Formen seit der Antike geäußert worden. Sie wurde immer wieder verdrängt – gerade auch von den Kommunisten und Sozialisten, die sich immer auf die scheinbar ”fortschrittliche” Wirtschaftslogik einließen und lediglich versuchten, das ”Management” rationeller zu gestalten (z.B. durch Staatskapitalismus). Doch wie gestaltet man einen irrationalen Wahn rationeller? Die Linke hat von Anfang an die ”Logik des Gegners” (d.h. seinen Wahn) übernommen und damit den inneren ”Zwang zum Verrat” begründet, dem alle ihre Organisationen und Unternehmungen schließlich unterlagen. Von der reformistischen Gewerkschaft bis zur kommunistischen Revolution – statt einer Alternative zur Wahnwirtschaft waren sie immer ein Bestandteil von ihr. Die Wirtschaft hat sich bei uns dank der Kolonien die Linke leisten können. Selbst die meisten Rechtsparteien können heute von ihrem Programm her nur noch ”langsame Linke” sein.

Da die Wirtschaft ihre Programmierung aus dem oben beschriebenen Machtkampf bezogen hat, ist sie also ein ökonomisch verbrämtes Machtverhältnis und kann selbstverständlich nur mit einem Machtauflösungs- und niemals mit einem Arbeitsbeschaffungsprogramm beendet werden. Dies ist sehr schwierig, da Machtstrukturen das ganze System durchdrungen haben, von der Technik über die Arbeitsorganisation bis zu Architektur und Kultur. Die Umstellung auf einen ganz anderen ”Modus”, vom ruppigen Muß zu einem behutsameren Kann, ist daher kein rein ”wirtschaftspolitisches” Unterfangen.

Nun ist auch diese ”Macht” (Kontrolle mit Einschüchterung und Gewalt) nicht irgendein finsterer (männlicher) Urtrieb, sondern die Folge eines ”gesellschaftlichen Unfalls”, der sich später nicht mehr korrigieren ließ. Aus Krieg wurde Handel usw., und schließlich entstand das, was Marx als Kapitalismus vorfand – rein buchhalterisch etwas sehr ”Rationales”. ”Macht” ist keine psychologische oder gar biologische, sondern eine geschichtliche Kategorie. Das Schlimme ist nur, daß sich das Machtsystem heute zu einem höchst komplexen Knoten ausgewachsen hat und alle Lebensbereiche durchdringt, so daß wir wie ein Kranker auf der Intensivstation am Tropf hängen.

Die mathematisch exakte Firmenbuchhaltung der Wirtschaft als ganzer ist in Wirklichkeit nie aufgegangen. Wie schon Marx bei der Untersuchung der ”ursprünglichen Akkumulation” (welche Beschönigung eines gewaltsamen Vorgangs!) herausfand, hat der Kapitalismus seine Anfangskosten nie aufbringen können. Wie wir jetzt an der weltweiten sozialen Verelendung und der Naturzerstörung sehen, kann er auch für die laufenden Kosten nicht aufkommen, und wir stehen heute vor einem gewaltigen Schuldenberg. Es war einfach keine gute Idee.

Die ”Wirtschaft” war – das ist mein Verdacht – überhaupt nie nachhaltig möglich; sie ist nur zum Aufbau punktueller, regionaler ”Raubzentren” fähig, die vom Umland leben. Und da wir uns in einem dieser Raubzentren befinden, ist Wirtschaft für uns selbstverständlich etwas ganz Rationales. Zum ”Umland” gehören aber bei uns zum Beispiel schon die Frauen und deren verzweifelte Versuche, Haushalte zu führen und gesunde Menschen in die Welt zu bringen. Was viele Männer noch normal finden, erkennen sie häufig schon als Wahn.

Der Ausdruck ”Arbeitslosigkeit” läßt uns vergessen, daß die Hälfte der bei uns geleisteten notwendigen Arbeit Hausarbeit ist, natürlich unbezahlt, unorganisiert – sozusagen eine Gratis-Ressource wie Luft, eine gigantische Subvention an die sogenannte ”Wirtschaft”. Ganz selbstverständlich sind ähnliche Subventionen in Waren eingebaut (z.B. Computer), die aus Gegenden kommen, wo dörfliche und andere produktive Strukturen ausgesaugt werden (niedrige Löhne, keine Sozialleistungen, keine Rücksicht auf die Umwelt usw.). Diese Subventionen von außerhalb in die Wirtschaft machen gut und gern die Hälfte des Sozialprodukts aus und lassen daher die ”Wirtschaft” zu einem bloßen Verwertungsparasiten auf dem Körper der gesellschaftlichen Arbeit zusammenschrumpfen.

Das zwiespältige Wesen der Wirtschaft – einerseits archaischer Machtapparat, andererseits abhängig machende Versorgungsstruktur – macht es vorhersehbar, daß auch diesmal alle gut gemeinten Vorschläge zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit wirkungslos verpuffen werden. Es geht der ”Wirtschaft” eben nicht bloß um einen möglichst rationellen Einsatz des Faktors Arbeitskraft, sondern das Aufrechterhalten jenes ”sadomasochistischen Unterdrückungsklimas”, das dafür sorgt, daß niemand es wagt oder auch nur auf die Idee kommt, dem ”Verrückten zu widersprechen”.

Der tiefsitzenden Unvernunft der Wirtschaft ist mit ”vernünftigen” Regulierungen nicht beizukommen. Sie ist immun auch gegen allerlei geniale, kostenneutrale und interessenausgleichende Ideen, wie zum Beispiel Ökosteuern, garantierte Minimaleinkommen, Teilzeitarbeit usw. Zuviel Rationalität würde das ganze Wirtschaftsklima ruinieren und zum Beispiel dazu führen, daß massenhaft Leute ihre Bedürfnisse selbst definieren würden und zu dem Schluß kämen, daß sie mit dem halben Lohn, ohne Auto, Mikrowelle, Videospiele usw. ganz gut leben könnten. Könnten wir der Vernunft des Systems trauen, würden wir sofort unbezahlten Urlaub nehmen, mehr krank feiern, aufhören zu sparen, kurz: unbekümmert dahinleben. Denn wir wissen, daß von allem für alle mehr als genug da ist. Wir würden merken, daß das Leben auf diesem Planeten möglich ist.

Doch Wirtschaft muß absurd sein, weil nur so unendlich Pseudo-Bedürfnisse geschaffen werden können. An der ”Wirtschaft” müssen Körper und Geist leiden, weil nur so die Spannung in diesem System bleibt und die Hoffnung sowie deren Geldausdruck, der Kredit, möglich sind. Die Wirtschaftsentwicklung muß unsicher sein, damit wir uns Sorgen machen und Mühe geben. Wirtschaftsführer müssen leicht irr sein, damit wir ihnen jeden Blödsinn echt zutrauen (AKWs, Main-Donau-Kanal, Transrapid) und uns voller Sorge um die Zukunft jeden Morgen um sechs wecken lassen. Die spinnen da oben, wir müssen höllisch aufpassen! Das hält uns auf Trab. Und sie wissen es.

Auf dieser irrationalen Basis lassen sich die laufenden Rationalisierungen und auch das vielgepriesene ”japanische Modell” erst verstehen. Die ”lean production” zum Beispiel, eine der jüngsten Rationalisierungsideen, setzt vordergründig auf die Eigenverantwortung von Arbeitsgruppen. Doch diese neue, edlere Motivation funktioniert nur darum, weil dahinter die Drohung massiver Entlassungen und ein für die Arbeiter ungünstiger Arbeitsmarkt stehen. Das ”japanische Modell” wiederum funktioniert nur, weil der Vorzeigesektor (z.B. große Automobilbetriebe) ein ganzes Geflecht von Niedriglohnunternehmen, Garagenbetrieben usw. als Zulieferer aussaugt. Schöne Modelle haben oft eine grausige Rückseite. Dank der unangetasteten patriarchalen Arbeitsteilung haben die japanischen Frauen bisher die soziale Produktivität auf einem hohen Niveau halten können und damit erst die intensiven Arbeitsrhythmen ihrer Wundermänner ermöglicht. Die Profite im High-Tech-Sektor stammen in Wahrheit aus den arbeitsintensiven Haushalt-, Kolonial- oder Zulieferbereichen und aus zerstörter Natur.

Die Veränderungen im Produktionsbereich, der endgültige Abschied von der ”Vollbeschäftigung” (und bald auch vom Sozialstaat) kündigen das unaufhaltsame Ende linker Reform-Parteien an. Sie können ihre Aufgabe, das System ”vernünftig” zu regulieren, nicht mehr erfüllen, und daher mag sie auch niemand mehr wählen. Arbeit und Leidenschaft, Einkommen und Lebensunterhalt gehen nicht mehr zusammen. Der Kapitalismus ist sehr schnell dort angelangt, wo sich sein kleiner Bruder, der Sozialismus (oder Staatskapitalismus), schon befindet: bei der Pleite.

Es ist höchste Zeit, unseren möglichst glimpflichen Abgang zu planen.

Selbstverständlich ist es wichtig, gegen den Sozialabbau zu kämpfen. Auch könnten Arbeitsbeschaffungsprogramme einigen sinnvollen Projekten zugute kommen. Doch das eigentlich wirksame Feld der Subversion, das heißt der Lösung des uralten Knotens, liegt anderswo.

Die gegenwärtigen Angriffe auf die ”westlichen” Löhne (auch in Japan) zielen ganz klar darauf ab, Vollarbeitsjobs wieder überlebensnotwendig zu machen und damit den ganzen Sumpf von Halbtagslebenskünstlern, die begonnen haben, ihre Kreativität für sich selbst zu nutzen, trockenzulegen. Entweder sollen wir zuverlässige Vollarbeiter sein und loyal zum ”Kern des Systems” gehören, oder als Unterstützungsempfänger, ”neue Arme”, Kranke oder Kriminelle ausgeschieden werden. Kein Unternehmer will für die gleiche Menge Arbeit zwei oder drei ”geschätzte Mitarbeiter/innen” sonder-behandeln müssen. Es geht nicht um geschickte Arbeitsverteilung, sondern um ein neues Klima von Disziplin, Loyalität und Rücksichtslosigkeit. Dieses Klima hat Fixkosten pro Arbeitnehmerseele, nicht pro Stunde. Es geht um Angst, nicht um Vernunft. Existenzangst ist heute der wichtigste Produktionsfaktor. Die Arbeitslosen sind dabei wertvolle ”Vorzeigeopfer”. Sie ”arbeiten” in der Einschüchterungsbranche und sind darum sehr produktiv, weil sich die, die noch Jobs haben, mehr Mühe geben. In diesem Licht sind dann die ”Einsparungen durch Arbeitszeitverkürzungen”, von denen die Gewerkschaften sprechen, nicht mehr so offensichtlich. Nur wer Angst hat, ist wahnsinnig genug, in einem Wahnsystem produktiv zu sein.

Kann sein, daß gerade die Frauen, die der ”wirtschaftlichen Vernunft” aufgrund ihrer Erziehungs- und Haushalterfahrungen nie so recht getraut haben, diese erneute Wende besonders gut spüren. Wenn ihre kostenlosen Leistungen fehlen, bricht die Wirtschaft hier und noch mehr weltweit zusammen. Mit dem Abbau der Sozialprogramme werden wir, und vor allem die Frauen, gezwungen, wieder mehr Gratisarbeit für soziale Aufgaben zu leisten. Dazu kommt das Müllsortieren, billige Hauspflegerinnen sollen die Gesundheitskosten dämpfen, vor der eigenen Tür soll ”man” wieder selber wischen usw. Der Staat wird gezielt ausgehungert, damit die zurückgehaltene, unbezahlte Hausarbeit stimuliert wird. Dabei haben sie uns doch gerade beigebracht, daß nichts wert ist, was nichts kostet! Man kann nicht wirtschaftlichen Egoismus predigen und sich dann wundern, wenn sich niemand mehr um seinen Nachbarn (geschweige denn um die Umwelt) kümmert, Vergewaltiger nichts zu befürchten haben, ehrenamtliche Tätigkeiten nicht mehr ausgeübt werden usw. Wie teuer die Zerstörung der sozialen Beziehungen zu stehen kommt, sehen wir erst jetzt. Und natürlich wollen die, die es angerichtet haben, nicht dafür bezahlen. (Ganz ähnlich wird es uns auch bei der Entsorgung der AKWs gehen.)

Die Weigerung, noch einmal für die kapitalistische Mißwirtschaft einzuspringen, ist bei den Frauen schon spürbar. Sie, die zuletzt Jobs bekamen, sollen als erste wieder gehen und das soziale Netz zusammenflicken. Die Erpressung mit Arbeitslosigkeit und Krise darf diesmal nicht angenommen werden. Wenn schon mehr soziale Arbeit, dann unter Kontrolle jener, die sie erbringen und denen sie zukommen soll.

Dafür müssen souveräne soziale Formen gefunden werden, größere Haushalte, die mehr sind als Zulieferbetriebe eines überkommenen Experiments unter ”männlicher” Weltkontrolle.

Wir sind heute fast alle ”arbeitslos”, sei es, weil wir keinen Job haben, oder weil wir den Sinn der Arbeit, die wir noch tun, nicht mehr einsehen können. Wir haben das Vertrauen in den jeweils nächsten Aufschwung und in die ”langfristige Strukturpolitik” im Innern dieser Wirtschaft verloren. Wenn sozial- und umweltpolitische Aktivität noch einen Zweck haben könnte, dann nur in der Gestaltung eines grundlegenden Ausstiegs. Dieser kann sicher nicht mit noch so schlauen Regulierungsvorschlägen erreicht werden, sondern nur durch Bewegungen in der Gesellschaft selbst. Das Freikommen von der Wirtschaft kann heute kaum mehr abrupt geschehen, weil diese viele lebenswichtige Funktionen kontrolliert. Wenn Menschen sich aber zu Umstiegsprojekten zusammenfinden, dann können dafür jene Mittel, die für ”Investitionsförderung” vorgesehen sind, sicher ”sozial sinnvoll und ökologisch verträglich” eingesetzt werden, statt nur zu einer allgemeinen ”Stimulierung der Wirtschaft” (sie scheint ein lustloses, mürrisches Wesen zu sein). Gemeinschaftsprojekte, Tauschringe, Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften, Car-Sharing, Food-Coops, Nachbarschaftszentren usw. machen es möglich, nach und nach ein Leben außerhalb der Wirtschaft aufzubauen (oder mit einem Fuß draußen und einem drinnen) und können durch günstige Gesetze und Fördermittel gestützt werden. Da es absehbar ist, daß die Wirtschaft mit uns nichts mehr anfangen kann, müssen wir uns anderweitig organisieren.

p.m.

Der Autor ist Philologe und Gesellschaftstheoretiker und lebt in Zürich. Unter seinem Pseudonym P.M. hat er seit 1980 mehrere ”utopische” Buchtexte veröffentlicht, in denen – zum Teil in Erzählform – die hier nur angedeuteten Alternativ-Entwürfe weitergegeführt werden:

bolo’bolo
7. Aufl. 1995, DM 18,-
Olten – alles aussteigen
1990, DM 28,-
Amberland. Ein Reisebuch
1989, DM 26,-
alle im Paranoia City Verlag, Zürich

* Es könnte z.B. die große innerasiatische Trockenheit gewesen sein, die vor 5000 Jahren einige Völker zu räuberischen Nomaden machte. Die notwendige Abwehr der ”Räuber” militarisiert die Verteidiger, die wiederum ihre Nachbarn überfallen. Andere Theorien sehen den Ursprung des Patriarchats in unglücklichen Verewigungen von Krisenmanagements, die unter Streßsituationen entstanden. Vgl. Heide Göttner-Abendroth ”Das Matriarchat”; Maria Mies ”Patriarchat und Kapital”; Carola Meier-Seethaler ”Ursprünge und Befreiungen”.


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