Rückblicke und Ausblicke

Aus DER RABE RALF Dezember 1999/Januar 2000

DER RABE RALF: Das Thema deiner Diplomarbeit, die du vor drei Jahren geschrieben hast und die unserer Serie zu Grunde lag, hieß ”Grenzen und Möglichkeiten moderner Lebensgemeinschaften, dargestellt am Beispiel einer konkreten Utopie – Leben, Wohnen und Arbeiten in einer dörflichen Gemeinschaft im Land Brandenburg”. Was hat dich bewegt, deine Arbeit zu diesem Thema zu schreiben?

Inger: Wir leben heute in einer Zeit, die geprägt ist von Veränderungen und Umbrüchen. Deutschland entwickelt sich heute vom Industriestandort zum Dienstleistungsstandort. Einzelne Industriezentren werden bleiben. In der Forschung fehlen die Gelder. In den neuen Bundesländern sind beide Bereiche fast völlig weggebrochen, und es bietet sich keine Perspektive an. Auch im ländlichen Bereich sind diese Entwicklungstendenzen unübersehbar. Während sich in den alten Bundesländern die Struktur der Dörfer als geschlossene Siedlung mit landwirtschaftlicher und handwerklicher Erwerbsgrundlage langsam zu Wohnsiedlungen mit überwiegender Erwerbsgrundlage im Dienstleistungsbereich entwickelten, ist in den neuen Bundesländern alles zusammengebrochen. Dörfliche Gemeinden müssen sich völlig neu orientieren und nach neuen Wegen suchen.

All diese massiven Veränderungen im sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bereich zeigen besonders gravierende Auswirkungen in strukturschwachen, ländlichen Regionen. Zu den ärmsten Regionen in Deutschland zählt das Land Brandenburg. Da ich selber lange Zeit in diesem Land gelebt habe, hat mich das Thema ”moderne Lebensgemeinschaften auf dem Land als ein zeitgemäßer Ansatz im sozialen Bereich” besonders interessiert.

Hast du auch versucht, diese Idee der modernen Lebensgemeinschaft selbst umzusetzen?

Angefangen hat alles vor ungefähr vier, fünf Jahren, als ich nach Pinnow kam, um dort die Idee einer Lebensgemeinschaft zu verwirklichen. Mit einer Gruppe von Freunden wollten wir das Gutshaus kaufen, um uns einen gesicherten Wohnraum und eine Arbeitsmöglichkeit im sozialen Bereich aufzubauen. Aber es wurde dann sehr bald klar, daß das Gutshaus nicht zu bekommen war. So beschreibt meine Diplomarbeit eine persönliche Utopie – von dem Projekt des Gutshofes Pinnow.

Diese Arbeit spiegelt also deine persönliche Suche nach möglichen alternativen Lebensformen wider.

Ganz genau. Ich denke, wenn große Systeme am Zusammenbrechen sind, entstehen kleine überlebensfähige Einheiten. Dazu zähle ich im menschlichen Bereich die modernen Lebensgemeinschaften.

Was ist denn die Basis solcher Lebensgemeinschaften?

Viele dieser Gemeinschaften streben eine menschlichere Gesellschaft an, verzichten bewußt auf materielle und finanzielle Reichtümer, führen beispielsweise ein einfaches Leben zum Schutz und Erhalt der Natur, widmen sich den zwischenmenschlichen Beziehungen und der Kunst, wollen die Trennung von Wohn- und Arbeitsort und von Arbeit und Freizeit überwinden.

Zusammengefaßt liegen also die wichtigsten Funktionen moderner Lebensgemeinschaften im ökologischen Bereich in einer selbstversorgerischen und nachhaltigen Wirtschaftsweise, im demokratischen Bereich in der Erprobung neuer Formen der Eigentumsverteilung und Entscheidungsfindung, im sozialen Bereich in der Ermöglichung menschlicherer Beziehungen und dem Aufbau sozialer Netze, im ethisch-weltanschaulichen Bereich in der Schaffung neuer Werte und Orientierungen und mehr Naturverbundenheit, und im nachbarschaftlichen Bereich im gemeinsamen Wohnen und Wirtschaften.

Was ist aus dem Projekt der Lebensgemeinschaft in Pinnow geworden?

Der aktuelle Stand ist, daß der Gutshof Pinnow verkauft wurde. Für unsere Gruppe war er nicht bezahlbar. Wir haben dann nach anderen Möglichkeiten gesucht, unsere Idee zu verwirklichen, aber zum einen waren die meisten Häuser zu teuer oder baufällig und zum anderen haben sich die Wege mit der Zeit getrennt, das heißt nicht, daß wir uns zerstritten haben, im Gegenteil. Durch dieses Projekt haben sich Freundschaften vertieft und gefestigt, aber auch durch veränderte persönliche Lebenssituationen und Lebensvorstellungen aufgelöst.

Man kann also sagen, daß der Gutshof den Zusammenhalt der Gruppe bewirkt hat, dieses eine Haus aber nicht zu bekommen war und die Gruppe deshalb in der Form heute nicht mehr erhalten ist?

Ja, aber die Idee ist noch da und das Ziel ist das gleiche, und einige aus der Gruppe verfolgen es auch immer noch, eben nur auf anderen Wegen.

Wenn die Idee also die gleiche ist, wo willst du sie jetzt verwirklichen?

An Pinnow bindet mich nun nichts mehr. Das liegt zum einen daran, daß sich für mich dort keine Wohn- und Arbeitsmöglichkeit ergeben hat, und zum anderen an der neu entstandenen Dorfstruktur, die meinen Vorstellungen nicht entspricht.

Pinnow ist ein typischer Ort in Brandenburg, in dem jetzt nur noch ein Drittel Einheimische leben und zwei Drittel Wochenendurlauber. Durch dieses Ungleichgewicht der Bevölkerung entsteht ein Kontrast, der Frust hervorruft. Die Dorfbevölkerung ist größtenteils arbeitslos und die sich ansiedelnde Stadtbevölkerung ”nimmt ihnen jetzt auch noch das letzte bißchen Land”. Für sie erscheint der fremde Lebensstil der Städter unübersichtlich und unordentlich. Daß viele von ihnen jedoch wesentlich zur Erhaltung des Dorfbildes beitragen, Bäume, Häuser, Straßen schützen, wird dabei kaum beachtet. Auf der anderen Seite wird die Dorfstruktur weiter durch den Privatverkauf von Häusern und Grundstücken, auf den die Gemeinden keinen Einfluß haben, zerstört. So hat nur eine bestimmte Bevölkerungsschicht die Möglichkeit, aufs Land zu ziehen. Dies wirkt der Dorfbildung entgegen und es kommt zu Reibungen zwischen den Bevölkerungsgruppen.

Ich möchte dagegen an einem Patz leben, wo die Möglichkeit besteht, ein Zentrum für viele Menschen zu bilden. Ein Gegenbeispiel zu Pinnow ist Wallmow und Umgebung, ebenfalls in der Uckermark. Dort haben sich in den letzten Jahren viele Lebensgemeinschaften angesiedelt und es entsteht immer wieder neuer Platz für neue Leute. Durch eine Dorfinitiative entstehen neue Projekte, es gibt neue Arbeitsmöglichkeiten, ohne daß sich eine Elite herausbildet oder ein massives Meinungsungleichgewicht vorherrscht. In Wallmow sind so eine Freie Schule, ein Kindergarten und eine Kneipe entstanden, und dies unter Einbezug von Alten und Jungen, Dörflern und Städtern.

In solch einem Dorf kannst du dir also vorstellen, deine Idee vom Leben zu verwirklichen?

Ja, an einem Ort, wo alles ineinander greift, kann man auch allein leben bzw. einen eigenen Haushalt führen, denn die Gemeinschaft, die Dorfgemeinschaft, bildet ja den Kern. So stelle ich mir eine moderne Lebensgemeinschaft vor.

Wie stellst du dir in Verbindung mit dieser Lebensform deine Arbeit vor?

Mein Wunsch ist es, in einem großen Haus mit vielen Menschen zusammenzuleben und mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, so daß diese wieder einen Bezug zur Natur bekommen. Das ist so eine Vorstellung von mir.

Das Ganze liegt jetzt einige Jahre zurück. Was hat sich in dieser Zeit für dich verändert?

Ich habe in dieser Zeit mein Studium abgeschlossen und bin nun Sozialarbeiterin. In meinem privaten Bereich haben sich auch grundlegende Dinge geändert. Nebenbei arbeite ich im sozialen Bereich und in meiner freien Zeit versuche ich so nach und nach meine Ideen zu verwirklichen. Ein privater Garten auf dem Land bildet einen Teil der Ernährungsgrundlage für die Familie. Auch der größte Teil meiner Freunde wohnt auf dem Land, so daß die Möglichkeit, eine moderne Lebensgemeinschaft zu führen, durchaus besteht.

Mit Inger Elsner (heute Inger Trölsch) sprach für den RABEN RALF ihre Tochter Maria Elsner.


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