Öko-Falle

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar, schrieb Antoine de Saint-Exupéry. Heute gilt das mehr denn je, meint Christoph Spehr und schrieb dazu ein Buch. Einige Ausschnitte daraus sind in dieser Artikelserie zusammengefasst.

Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn die Dinge „gläsern“ wären. Wenn man ihnen, durch irgendeinen Zauber, wie in einer Kristallkugel, ihre konkrete Geschichte ansehen könnte. Nicht nur die abstrakten Angaben, wie die „Kilometerleistung“ des berühmten Joghurtbechers – die Transportkilometer von Joghurt und Becher von der Rohstoffgewinnung bis zum Aufessen und der Entsorgung. Nein, die wirkliche Geschichte der Dinge. Man könnte die Menschen sehen, die an ihrer Herstellung beteiligt waren. Auch diejenigen, die diese Menschen versorgten. Und auch noch die, die dadurch zu kurz kamen, daß diese Dinge hergestellt wurden.

In dem Stofftier, das auf meinem Tisch sitzt, stecken ja zum Beispiel nicht nur Kunststoffnähte und Füllwolle, es enthält auch die Arbeit von Arbeiterinnen einer Weltmarktfabrik in Hongkong oder Südchina (was auch immer auf dem Etikett steht). Ganz so, wie der Computer, auf dem ich dies schreibe, vor allem aus der Arbeit mir völlig unbekannter Leute vermutlich in Südostasien besteht; Leute, die die Teile hergestellt und zusammengebaut haben, die ich für mich arbeiten ließ, indem ich den Computer kaufte. In der Scheibe Schinken auf dem Butterbrot, auch wenn sie aus einem deutschen Schwein geschnitten wurde, stecken Ackerflächen in Brasilien, auf denen Soja als Futtermittel angebaut wird, um hier an die Schweine verfüttert zu werden – Flächen, die dort für die notwendige Selbstversorgung fehlen. Die Kaffeetasse hier auf dem Schreibtisch enthält nicht nur Kaffee, sie enthält auch einen Teil des weltweiten CO2-Ausstoßes, der jetzt in diesem Moment die Klimaerwärmung vorantreibt und die Sturmhäufigkeit im Indischen Ozean erhöht. Es ist zwar nur ein winziger Teil, doch der ganze Treibhauseffekt wird von solchen „verschwindend geringen“ Teilen verursacht. Und schließlich befindet sich mit dem Öl, das zu ihrer Herstellung verbrannt wurde, auch ein Stück Golfkrieg in der Tasse.

Früchte aus dem Apartheidstaat Südafrika ließen sich früher noch ganz gut boykottieren. Die Verflechtungen mit der weltweiten Ressourcenverschleuderung und den ungerechten Handelsbeziehungen sind den Produkten im normalen Alltag dagegen nicht mehr anzusehen. Dem könnte man sich praktisch nur durch vollständiges Selbermachen entziehen. In der Hose, die ich trage, steckt vielleicht die Handlung irgendeiner indischen Fernsehserie, über die sich die Frauen an den Nähmaschinen während der Arbeit unterhalten haben. Und vielleicht steckt auch ein Stück vom Magengeschwür ihres Vorarbeiters drin.

Das ist die positive Seite der ganzen Nachhaltigkeits-Diskussion: Sie trägt dazu bei, das Verborgene sichtbar zu machen, auch wenn es dabei mehr um die Kosten als um die Menschen geht. Doch es gibt etwas, das selbst die Kristallkugel nicht zeigen würde: die Antwort auf die Frage, warum es so läuft, wie es läuft. Was der Geist in der Maschine ist, der das Ganze am Laufen hält, obwohl es so schwindelerregend übel funktioniert. Ohne eine Antwort darauf hängen alle vernünftigen Vorschläge in der Luft.

  1. Von Stockholm nach Rio: Ein nachhaltiger Eindruck
  2. Aus DER RABE RALF März 1997

  3. Der Rindermond oder Vom Brunei-Prinzip zu den Nachhaltigen Niederlanden
  4. Aus DER RABE RALF April 1997

  5. Von Wölfen und Schafen oder Die Abwicklung des Westens
  6. Aus DER RABE RALF Mai 1997

  7. Kühlschränke statt Kanonen oder Nachrichten aus dem Zivilisationsmüll
  8. Aus DER RABE RALF Juli/August 1997

  9. Schützenswerte Natur, überflüssige Menschen – Ökologie im Nationalsozialismus
  10. Aus DER RABE RALF September 1997

  11. Als Papas Job noch sicher war – 30 goldene Jahre in Ost und West
  12. Aus DER RABE RALF Oktober 1997

  13. Die Nutzung der Natur als weltweites Pyramidenspiel
  14. Aus DER RABE RALF November 1997

  15. Die „Naturverbrauchsformel“
  16. Aus DER RABE RALF Dezember 1997/Januar 1998

  17. Ursprung und Entwicklung des modernen Naturmanagements
  18. Aus DER RABE RALF Februar 1998

  19. Die Dogmen des wissenschaftlichen Naturmanagements
  20. Aus DER RABE RALF März 1998

  21. Wieviel sich aus der Natur herausholen lässt und zu welchem Preis
  22. Aus DER RABE RALF April/Mai 1998

  23. Das scheitern des modernen Naturmanagements
  24. Aus DER RABE RALF Juni 1998

  25. ”Der Weg der Männer” – Die Regulationstheorie Läßt sich ein profitorientiertes System in ökologische Bahnen lenken?
  26. Aus DER RABE RALF Juli/August 1998

  27. ”Der Weg der Frauen” – Die Subsistenztheorie Schließt die Orientierung auf das Lebensnotwendige ein “Leben in Fülle” aus?
  28. Aus DER RABE RALF September 1998

  29. Die Abwicklung des Nordens: Den Zugriff auf den Süden zurückdrängen statt Herrschaftsstrukturen nachhaltig zu modernisieren
  30. Aus DER RABE RALF Oktober/November 1998

  31. Kurze Anleitung zur Abwicklung des Nordens
  32. Aus DER RABE RALF Februar 1999


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