Von Stockholm nach Rio: Ein nachhaltiger Eindruck

Aus DER RABE RALF März 1997

Angefangen hatte alles in Stockholm. Man schrieb das Jahr 1972. Der Club of Rome veröffentlichte seinen Bericht Die Grenzen des Wachstums. Die OPEC begann den Erdölpreis in die Höhe zu treiben. In Chile war Allende Präsident, und der Vietnamkrieg war praktisch verloren. Am 5. Juni, dem späteren „Tag der Umwelt“, begann in Stockholm die erste Umweltkonferenz der Vereinten Nationen.

Das System hat ein Problem

Die Vorstellungen darüber, was „Umwelt“ überhaupt war, lagen weit auseinander. Für die Entwicklungsländer waren das die Lebensbedingungen ihrer Bevölkerungsmehrheit, die nach zwei Jahrzehnten „Entwicklung“ stärker von Armut und Elend geprägt waren als zuvor. So gesehen sollte es auf einer Konferenz über die Umwelt darum gehen, die ungleiche Weltwirtschaftsordnung zu verändern. Wenn die Staaten des Nordens sich gezwungen sahen, in Umweltschutzmaßnahmen zu investieren, war das ihre Sache. Der Hauptverdacht der Entwicklungsländer war, daß die Nordstaaten sich vor Handelsnachteilen drücken wollten, die ihnen aus umweltschutzbedingt höheren Produktionskosten entstehen könnten. In Stockholm fand deshalb ein Resolutionsentwurf Brasiliens, wonach Umweltzerstörung ein Problem der Industrieländer sei und diese deshalb auch die Kosten zu tragen hätten, die Zustimmung aller Entwicklungsländer.

Für die Industrieländer hatte Umwelt nichts mit Armut zu tun. Das Industriesystem ging denen, die weltweit davon profitierten, selbst an den Kragen – diese Erkenntnis hatte in den Jahren zuvor zum Erstarken großer umweltpolitischer Bewegungen und Organisationen geführt. 1961 war der WWF, 1969 Greenpeace und Friends of the Earth gegründet worden. Die Regierungen mußten der zunehmenden Besorgnis ihrer Wähler um den Erhalt der Umwelt durch Aktivitäten Rechnung tragen. Zur Sorge gab es allen Grund. Es wurden mehr und mehr Umweltskandale aufgedeckt, die belegten, daß die heimischen Konzerne unter den zugedrückten Augen der Regierung die eigene Bevölkerung vergifteten. Das machte keinen guten Eindruck. Also wurden Umweltministerien eingerichtet, Gesetze erlassen und hin und wieder auch etwas Geld ausgegeben.

Andere machten sich andere Sorgen. Der Club of Rome hatte die Abhängigkeit der Industrieländer von den Rohstoffen des Südens in aller Schärfe aufgedeckt. Die Entwicklungsländer schickten sich an, diese Rohstoffe durch Verstaatlichungen und wirtschaftliche Zusammenarbeit unter ihre Kontrolle zu bringen. Damit waren zwei Themen auf dem Tisch, die bis heute Bestand haben. Erstens: wie können die Staaten des Nordens ihren Zugriff auf die Rohstoffe der Welt sichern und gleichzeitig vermeiden, politisch erpreßbar zu werden (zum Beispiel dazu, gerechte Preise für Rohstoffe zu zahlen)? Zweitens: was passiert, wenn die Länder des Südens einen immer größeren Teil dieser Rohstoffe selbst verbrauchen?

Ohne diese Fragen hätte es wahrscheinlich keinen Club-of-Rome-Bericht gegeben. Die Befürchtung der „Dritte-Welt“-Länder in Stockholm, mit dem Thema „Umwelt“ würden Probleme des Nordens zu Weltproblemen erklärt, war also nicht aus der Luft gegriffen.

Die Kinder und Enkel treten auf

Ganz ergebnislos endete die Stockholmer Konferenz nicht. Es wurde eine Abschlußerklärung verabschiedet, eine neue UN-Organisation (UNEP) geschaffen und ein Folgetreffen für zehn Jahre später anberaumt. Die Deklaration forderte, die natürlichen Ressourcen und die Regenerationsfähigkeit der Natur müßten „zum Nutzen gegenwärtiger und künftiger Generationen durch sorgfältige Planung und Bewirtschaftung geschützt“ werden. Damit traten erstmals die „künftigen Generationen“ in der Umweltdebatte der UNO auf. Dies war der Vorläufer der „nachhaltigen Entwicklung“.

Das Nachfolgetreffen 1982, wieder in Stockholm, gab den Anstoß zur Gründung der „Weltkommission über Umwelt und Entwicklung“, der berühmten Brundtland-Kommission. Diese legte 1987 den Bericht Our Common Future („Brundtland-Bericht“) vor, der den Begriff „sustainable development“ (nachhaltige Entwicklung) prägte. Kein anderer Begriff hat in den letzten Jahren eine derart steile Karriere gemacht.

Übersetzungsgefährdet

Nach Erscheinen des Brundtland-Berichts wurde nach einer deutschen Übersetzung für „sustainable“ gesucht. „Nachhaltig“ setzte sich durch, doch „dauerhaft“ hätte die Definition der Brundtland-Kommission besser getroffen. Diese hatte eine Entwicklung im Sinn, die „die Bedürfnisse der heutigen Menschen erfüllt, ohne die Möglichkeiten zukünftiger Generationen zu beschränken, ihre Bedürfnisse zu erfüllen“ – also nicht nur einen pfleglichen Umgang mit den natürlichen Ressourcen, sondern einen anderen Typ von Entwicklung, ein qualitativ anderes Wachstum. Das bisherige Modell von ökonomischer Entwicklung, gleich ob in Ost oder West, Nord oder Süd, wurde als eine Entwicklung angesehen, die ihre eigenen Grundlagen untergräbt und daher nicht von Dauer sein kann. Die Betonung verschiebt sich sozusagen von der Abschätzung des natürlichen Auslaufs, in dem sich die menschliche Gesellschaft bewegen kann („Umweltraum“), zur Art und Weise, wie sie sich bewegt.

Zum anderen machte sich das Konzept der dauerhaften Entwicklung die besonderen Erfahrungen zu eigen, die die Entwicklungsländer seit 1972 gemacht hatten. Viele Entwicklungsprojekte wie die Intensivierung der landwirtschaftlichen Exportproduktion („Grüne Revolution“), große Infrastrukturmaßnahmen mit Weltbank-Geldern usw. hatten einen kurzfristigen Wirtschafts-Boom ausgelöst, denen dann ein um so härterer Crash folgte. Diese Projekte machten die nationalen Ressourcen an Natur und Arbeit schnell zu Geld; aber ohne Zuführung immer weiterer Mengen an Geld brach diese Entwicklung zusammen. Die internationalen Konzerne wurden dabei reich, die Länder selbst aber stellten fest, daß sie ärmer und ausgeplünderter waren als vorher. Der allgemeine Lebensstandard stieg nicht, das Wachstum verlangsamte sich wieder, übrig blieben soziale und ökologische Schäden, die nicht aufgefangen werden konnten. Dauerhafte Entwicklung sollte das „Modell Boom-Crash“ überwinden.

Deutscher Wald wird nicht alt

Der historische Nachhaltigkeitsbegriff, der in der deutschen Forstwirtschaft entwickelt wurde und heute oft als Vorbild für nachhaltige Entwicklung hingestellt wird, ist gerade ein Beispiel, wie es nicht geht. Nachhaltigkeit bedeutete hier, die Forstbestände so zu bewirtschaften, daß sie langfristig die höchsten Erträge abwarfen. Dazu gehörte, nicht mehr Nutzholz zu entnehmen als im gleichen Zeitraum nachwachsen konnte. Es gehörte aber auch dazu, die Wälder so umzustrukturieren, daß in kürzerer Zeit mehr nachwuchs als bisher. Aus den Wäldern wurden monokulturelle Holzplantagen, wo auf großen Flächen gleichaltrige Bestände einer Baumart wuchsen (Hochwaldwirtschaft). Schnellwachsende Sorten (Fichte) wurden weit außerhalb ihrer natürlichen Verbreitung angebaut.

Seitdem gibt es in Mitteleuropa keine Wälder mehr, sondern große Baumäcker. Diese sind alles andere als nachhaltig, sondern in hohem Maße instabil und pflegebedürftig, z.B. wesentlich empfindlicher für Sturmschäden und Schädlingsbefall. Das „Waldsterben“ ist ein komplexer Prozeß, für den die Schadstoffe aus Industrie und Verkehr die Hauptrolle zu spielen scheinen. Dieser Prozeß wurde jedoch wesentlich erleichtert durch die Tatsache, daß unsere Wälder langfristig darauf vorbereitet wurden, krank zu werden. Die „nachhaltige Bewirtschaftung“ der Wälder in Mitteleuropa war also eher das Gegenteil von den Vorstellungen der Brundtland-Kommission.

Der Begriff „nachhaltige Entwicklung“ wurde bald überall aufgegriffen. Der Brundtland-Bericht hinterließ ungelöste Fragen und offene Streitpunkte, aber er lenkte die Aufmerksamkeit in eine richtige Richtung. Das Problem des Eigentums an den natürlichen Rohstoffen behandelt er allerdings nur am Rande. Er fordert die internationalen Institutionen und die Regierungen des Nordens auf, ihr Verhalten zu ändern, doch er stellt ihre Rolle nicht grundsätzlich in Frage. Aber „Unsere gemeinsame Zukunft“ sagte klar, daß der Hauptteil von Umweltverschmutzung und Ressourcenverbrauch vom Norden ausgeht und daß daher die Frage der Konsummuster in den Industrieländern mindestens so wichtig ist wie die Frage des Bevölkerungswachstums in den Entwicklungsländern. Und daß die Lösung der ökologischen Probleme nicht vom Problem der Armut zu trennen ist.

Karneval in Rio?

Fünf Jahre später klang das schon wieder ganz anders. Die UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro umgab die angereisten Regierungsvertreter erstmals mit dem Global Forum der Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs), die die offizielle Konferenz begleiteten. Rio war ein Medienspektakel, hinter dessen Vorhängen um die Verteilung der Umwelt geschachert wurde. An einem riesigen Baum hingen Tausende von Postkarten, deren AbsenderInnen die versammelten Regierungen aufforderten, doch etwas zur Rettung des Planeten zu tun. Zur gleichen Zeit erklärte US-Präsident Bush, daß er nicht daran denke, eine Klimakonvention zu unterzeichnen, die die Interessen der US-amerikanischen Industrie beeinträchtigen könnte.

Nach der Auflösung des „Ostblocks“ gab es für die drei weltwirtschaftlichen Zentren – Nordamerika, Europa und Japan – keine Notwendigkeit mehr, besondere Rücksichten zu nehmen. Der Golfkrieg 1991 hatte deutlich gemacht, daß der Norden auf zukünftige Rohstoffkriege gegen den Süden vorbereitet war. Der freie Zugang zu Ressourcen auf der ganzen Welt mußte nicht unbedingt Gegenstand von Verhandlungen sein.

Der Norden setzte sich auf der Konferenz in fast allen Punkten durch. Die Klimakonvention blieb unverbindlich und vage. Die Agenda 21 klammerte die Fragen einer veränderten Welthandels- und -wirtschaftsordnung ebenso aus wie die Rolle der multinationalen Konzerne. Von Begrenzungen und Konsummustern im Norden war wenig die Rede, viel dagegen von verbesserten Technologien. Vor allem aber gaben die Agenda 21 und die Konvention zur Artenvielfalt grünes Licht für die neuen Gen- und Biotechnologien, die ausdrücklich als Umweltschutztechnologien anerkannt wurden. Während die natürlichen Reichtümer ab sofort als „gemeinsames Menschheitserbe“ galten, wurden für die wissenschaftlich-technischen Verfahren „intellektuelle Eigentumsrechte“ garantiert. Das heißt: Indien kann den Konzernen des Nordens nicht verbieten, seine Pflanzenarten zu analysieren, zu katalogisieren und gentechnologisch mit ihnen zu experimentieren. Wenn diese Konzerne jedoch das Ergebnis dieser Forschungen zu Geld machen, sind ihre Patente auf die entdeckten pharmazeutischen Wirkstoffe oder auf manipuliertes Saatgut geschützt, und jeder muß dafür zahlen.

Rio ließ ein weltpolitisches Programm deutlich werden, das die Vorherrschaft und den Reichtum des Nordens und seiner Eliten unter den Bedingungen der ökologischen Krise nicht nur retten, sondern ausbauen soll.

Der Umweltbeauftragte der EU, Ripa di Meana, sah dies voraus und flog gar nicht erst nach Rio, und auch einige NGO-VertreterInnen zogen nach dem Gipfel die Konsequenzen und blieben den folgenden UN-Konferenzen fern. Die hinfahren, wissen, was sie erwartet. Rio hat den derzeitigen UN-Prozeß zur Kenntlichkeit verändert. Man muß dies im Auge behalten, wenn man die Auseinandersetzung um „nachhaltige Entwicklung“, die seither überall stattfindet, richtig bewerten will. Denn diese Auseinandersetzung findet nicht im luftleeren Raum statt. Es gibt einen äußeren Rahmen, in der das Konzept der Nachhaltigkeit seinen Platz hat:

Christoph Spehr

Literatur:

Hans-Magnus Enzensberger: Zur Kritik der politischen Ökologie, in: Kursbuch 33, Berlin 1973

Leopoldo Mármora: Ökologie als Leitbild der Nord-Süd-Beziehungen. Club of Rome – Brundtlandkommission – „Erdpolitik“, in: Peripherie 39/40, Berlin 1990.

Neil Middleton, Phil O’Keefe und Sam Moyo: Tears of the Crocodile. From Rio to Reality in the Developing World. London und Boulder (Col.) 1993

Gekürzt und bearbeitet aus:

Christoph Spehr: Die Ökofalle

Promedia Verlag, Wien 1996

240 Seiten, 34,- DM

Wir danken für die freundliche Genehmigung.


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