Das Geschäft mit der Biokost / Arbeit muss Spaß machen

Aus DER RABE RALF Oktober/November 1998

Moneytalk

Im September 1998 erschienen in ”ÖKOnomy”, dem ÖKO-TEST-Magazin für Wirtschaft und Umwelt, neue Zahlen zur Entwicklung des Naturkosthandels in Deutschland. Laut BNN (Bundesverbände Naturkost Naturwaren) liegt der Jahresumsatz für die stetig wachsende Branche bei drei bis vier Milliarden DM. Das sind 1,2 bis 1,5 Prozent des Gesamtlebensmittelumsatzes in Deutschland. Insbesondere der Absatz von Naturkost in Supermärkten verzeichnet die größten Wachstumszahlen.

Die Supermarktketten verkaufen Ökowaren unter einem eigenen Label. Rewe (derzeit Deutschland größter Naturwarenanbieter) erreicht jährlich mit seinem Label ”Füllhorn” einen dreistelligen Millionenbetrag. Bei der Tengelmann-Gruppe gibt es das Label ”Naturkind”, bei dm ”Alnatura” und bei GLOBUS ”Terra Pura”. Wie es dazu kam, wurde bereits in einem früheren Artikel dieser Serie analysiert (siehe Teil 16, April 98). Die Naturkostfachgeschäfte sind allerdings nur mit einem Drittel an der Umsatzentwicklung beteiligt (1,2 Mrd. DM). Der konventionelle Lebensmitteleinzelhandel (Supermärkte und andere Läden) liegt mit 0,75 Mrd DM Umsatz noch auf Platz 3 hinter den Hofläden. Andere Direktverkäufer erreichen 0,8 Mrd. DM.

In ein bis zwei Jahren wird sich das Verhältnis allerdings so verändern, daß die Konzerne einen derartigen Umsatz erreichen, daß sie marktführend werden und damit direkten Einfluß auf die ökologische Landwirtschaft haben. Sie können in absehbarer Zeit auf Grund der verkauften Warenmenge die Einkaufs- und Verkaufspreise diktieren. Was dies für die Bioladenszene bedeutet, muß nicht weiter ausgeführt werden. In der Diskussion um das Unternehmen FORTSCHRITT und Verbrauchergemeinschaften wurde leider deutlich, daß sie sich lieber mit diesen Verbrauchergemeinschaften auseinandersetzt, als die Gefahr der Existenzbedrohung durch die Supermarktketten zu erkennen (siehe Rabe Ralf Dez. 97). Schon jetzt sind Ökowaren im Supermarkt billiger für die VerbraucherInnen zu haben als im Bioladen. Wenn auf absehbare Zeit nichts Entscheidendes geschieht, werden einige BioladnerInnen ihre Lebensmittel selbst im Supermarkt kaufen müssen.

Der Erfolg der Supermarktketten beruht auch auf der Tatsache, daß erst der ”Biosektor” eingerichtet wurde, als bei einem Großteil der Bevölkerung ”Öko” bereits zum Lebensstil gehörte. An der mehr als zwanzigjährigen mühseligen Aufbauarbeit für Vermarktungsstrukturen und Akzeptanz in der Öffentlichkeit für Ökoprodukte waren die Konzerne nicht beteiligt. Sie ernten jetzt – ohne Risiko und ohne großartige Aufklärungskampagnen – die finanziellen Früchte. Mit der Mixtur von Lebensmitteln aus konventioneller und ökologischer Erzeugung wird fast die gesamte Verbraucherschaft bedient, ausgenommen ”fundamentalistische” Öko-ÜberzeugungstäterInnen. Knallharte Profitberechnungen diktieren das Ökogeschäft im Supermarkt.

Die Mixtur macht’s

Im Einzelhandel außerhalb der Konzernketten gibt es interessante Tendenzen. In der Friedrichshainer Gärtnerstraße 11, am Boxhagener Platz, gibt es seit April dieses Jahres das Lebensmittelgeschäft PROVIANT.

Das Konzept dieses ca. 30m² kleinen Ladens der 33jährigen Olivia Kaufmann ist einfach und erfolgreich. Die sich selbst ”Wirtschaftsflüchtling aus dem Westen” nennende, als Grafikdesignerin ausgebildete Jungunternehmerin verkauft nur Produkte, die sie selbst ausprobiert hat und für gut befindet. Profitgier kann der Frohnatur nicht unterstellt werden, obwohl Profit nun einmal die Grundlage jedes Geschäftes in diesem Wirtschaftssystem ist.

Sei es die Auswahl an Produkten aus ökologischer Milch- und Fleischerzeugung, an Kaffee mit dazugehörigen Kaffeemaschinen aus Italien, Wein aus Spanien und Italien, spanischer Wurst, feuerfesten Tongefäßen und Paellapfannen, Pasta, Tees, vegetarischen Aufstrichen, Hirse, Bulgur, Kichererbsen… es macht Spaß, hier zu verweilen, zu fragen und zu diskutieren. Die Regale werden nicht getrennt nach ”Öko” und ”konventionell”, sondern sind gut gemischt. Das Brot liefert ”Backstern”, eine Berliner Vollkornbäckerei mit einem Rehabilitationsprojekt für behinderte Menschen.

Der Laden vermittelt insgesamt ein mediterranes Flair und das ständig freundliche Gesicht signalisiert den KundInnen, daß hier jemand arbeitet, der Spaß an seiner Arbeit hat. Auch das gehört zum Konzept!

Die Möglichkeit für einen kleinen Imbiß nutzen viele KundInnen, um bei Cappuccino und Espresso zu plaudern oder ausliegende Zeitschriften, Flugblätter usw. zu studieren. Durch diese Art der Kommunikation wird ein eigenes, sehr persönliches Verhältnis im ”magischen Dreieck” von Verkäuferin, Produkten und EndverbraucherInnen geschaffen.

Ein Laden für irgendwelche Eliten im armen Stadtbezirk Friedrichshain ist es nicht. Die Kundschaft setzt sich aus allen sozialen Gruppen der Bevölkerung zusammen; vom Punk über den Schlipsträger bis hin zu Müttern mit ihren Kleinkindern und Omas, die hier auch ihre Sorgen bei einem Plausch loswerden können. Den meisten Leuten kommt es nicht darauf an, bewußt ökologisch einzukaufen. Es wird auch nicht sonderlich für ökologische Produkte geworben. Olivia setzt eher auf den Aha-Effekt nach dem Motto: ”Ach, der Mozzarella kommt aus Brodowin? Das ist Ökokäse?”

Frisches Gemüse allerdings ist nicht im Angebot. Hier reagiert die Ladeninhaberin auf die Umgebung: auf der anderen Straßenseite gibt es Wochenmärkte, freitags den Ökomarkt auf dem Boxhagener Platz. Warum dann auch noch frisches Obst und Gemüse anbieten, wenn dies in einem Umkreis von 100 Metern zu haben ist?

Die VerkäuferInnen des Ökomarktes können im PROVIANT-Laden Wasser holen und auch die Toilette benutzen. Das ist ein wichtiger Service für Marktleute, besonders, wenn sie mehrere Stunden an einem Ort stehen müssen.

Die räumliche Nähe zu Wochenmärkten, zu zwei Verbrauchergemeinschaften (HOG und WURZELWERK) und zum Bioladen ”Naturkost Friedrichshain” empfindet Olivia als gute Voraussetzung für eine eigene, selbstgewachsene Kiezinfrastruktur. Momentan sei es gerade in Friedrichshain wichtig, bewußt einzukaufen. Und das ”bewußte Einkaufen” meint hier insbesondere die Geldbörse der KundInnen und erst in zweiter Instanz ideelle Überlegungen. Der Erfolg gibt ihr recht.

Doch findet Olivia die immer stärker werdende Armut der FriedrichshainerInnen beängstigend, nicht aus Angst um den Weggang ihrer Kundschaft, sondern weil sie sich als Friedrichshainerin fühlt. Zum Konzept gehört auch, zu akzeptieren, daß das Geschäft eventuell irgendwann keinen Gewinn mehr abwirft. Dann wird sie etwas Neues suchen, in dem sie sich verwirklichen kann. Resigniert wird nicht, denn Arbeit muß Spaß machen!

Stefan Schrom


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