Wie fair sind deutsche Kaffeebarone in Mexiko?

Aus DER RABE RALF März 1996

Zu Beginn ist ein Rückblick auf Teil 5 [Rabe Ralf Nov. 95] notwendig. Dort wurde unter anderem über einen Boykottaufruf gegen mexikanischen Kaffee berichtet, der in der Zeitung “direkte aktion” aus Hamburg veröffentlicht wurde. Deren Herausgeber, die anarchosyndikalistische Gewerkschaft FAU, unterstellte der deutschen Ökofirma Lebensbaum, daß diese Kaffee von der “Finca Irlanda” in Chiapas (Südmexiko) vertreibt und dabei mit “fairem Handel” wirbt.

Die FAU-AktivistInnen stützen sich insbesondere auf Interwievs mit einem Rebellenführer der zapatistischen Befreiungsbewegung EZLN, der unter anderem von der Ausbeutung auf der genannten Finca berichtete. Inzwischen liegt der Redaktion ausreichendes Material vor – von der Finca Irlanda, von Lebensbaum u.a.

Um einen gewissen Einblick in das Hin und Her der gegenseitigen Vorwürfe und Beschuldigungen zu ermöglichen, sollen hier zwei Meinungen zitiert werden. Zunächst das Schreiben der Nürnberger Studentin Eva Höger, die die Finca Irlanda besuchte:

„Keine Ausbeutung“

»Finca Irlanda, 21. September 1995. Während meines 4tägigen Aufenthaltes in der Finca Irlanda, Soconusco, Chiapas, habe ich als Soziologiestudentin aus Nürnberg die Gelegenheit ergriffen, einige der Arbeiterinnen und Arbeiter dieser Finca nach ihren Lebens- und Arbeitsbedingungen zu befragen. (…) Die deutschstämmige Familie Peters lebt nun schon in der 3. Generation in Mexico. Don Bernd, dessen Großvater die Fina Irlanda aufbaute, ist genau wie sein Vater Walter Peters hier in Mexico geboren und besitzt (…) die mexikanische Staatsbürgerschaft. Er (…) kann meine Fragen zu Lohnhöhe und sozialen Leistungen an die Arbeitnehmer beantworten. An alle ArbeiterInnen wurde schon immer der Mindestlohn bezahlt. Warum nicht mehr als der Mindestlohn? Den Aufschlag für ein biologisch-dynamisches Produkt investiert die Finca Irlanda in die organische Anbauweise ihres Kaffees. Diese beansprucht 35-40% mehr Arbeitsaufwand als die herkömmliche oder intensive Methode. Für viele ArbeiterInnen bedeutet das, daß sie das ganze Jahr über Arbeit auf der Finca finden und nicht nur zur Erntezeit. Neben der Sozialversicherung an alle Arbeitnehmer (auch an die Saisonarbeiter aus Guatemala), die Irlanda trägt, sorgt die Finca mit einer Küche für die Ernährung der saisonalen Arbeiter und Arbeiterinnen. Hier erhält jeder seine Tagesration (…). Was die Leute zusätzlich brauchen, können sie in 2 Läden auf der Finca kaufen und an zur Verfügung stehenden Kochstellen zubereiten. (…) Natürlich besteht auch noch in den nächsten Jahren die Notwendigkeit, die Situation der KaffeearbeiterInnen zu verbessern. Im Vergleich zu anderen Fincas wird aber auf Irlanda schon viel in diese Richtung unternommen. Während meines Mexiko-Aufenthalts habe ich noch andere Kaffeeorganisationen, auch Zusammenschlüsse von Kleinproduzenten (wie UCIRI, die ihren Kaffee durch Gepa am deutschen Markt verkaufen) besucht. Ein Vergleich fällt schwer, aber hier auf Irlanda konnte ich den Eindruck gewinnen, daß die ArbeiterInnen hier nicht ausgebeutet oder schlecht behandelt werden.« (Kursive Hervorhebungen vom Autor)

Soweit die Nürnberger Studentin. Nun eine Stellungnahme von Stefan Bockemühl (El Puente), einem Experten für alternative Wirtschaftsprojekte in Lateinamerika:

„Fair ist was anderes!“

»Auf meiner letzten Reise (Ende 1995) habe ich einige Indios aus einem kleinen gualtematekischen Dorf hoch oben in den Bergen nahe der mexikanischen Grenze getroffen. Neben vielen Gesprächen über ihre Situation und wie sie sich mit einer neu gegründeten Association nun endlich selber helfen, kamen wir auch rein zufällig auf das Thema “Finca Irlanda”. Viele Menschen aus diesem Dorf verdingen sich auf der Finca Irlanda als “Tagelöhner” oder auch Saisonarbeiter. Aufgrund der anhaltenden Diskussionen fand ich das natürlich spannend und fragte nach. Die Bezahlung erfolgt nicht nach Mindestlöhnen sondern nach libras, also das, was sie tatsächlich an Kaffee gepflückt haben. Der daraus resultierende Lohn ist schlecht nach Aussagen der Leute, kann aber durchaus den gualtematekischen Mindestlohn erreichen. Gute Pflücker verdienen sogar mehr. Auf der Finca Irlanda wird genauso viel oder besser genauso wenig bezahlt wie auch auf den anderen Fincas.

Erst dachte ich, jetzt hast Du den Beweis, alles Betrug! Aber dann dachte ich näher darüber nach: Was hat “fairer” Kaffehandel mit der Bezahlung von Mindestlöhnen an Saisonarbeiter zu tun? Wird der Kaffee fair, wenn der gualtematekische Saisonarbeiter, der illegal auf der Finca beschäftigt wird, das Doppelte erhält?

Wenn wir über “fair” sprechen, ist es viel zu wenig, nur über die Löhne zu diskutieren. Gerade bei Produkten aus der sogenannten Dritten Welt muß der Gedanke “Hilfe zur Selbsthilfe” oder der Begriff “Entwicklung” absolut im Vordergrund stehen. Auch in Mexiko gibt es dafür das Konstrukt Kooperative oder auch Genossenschaft. Wenn sich also Bauern zusammenschließen, um ihre eigenen Belange in die eigene Hand zu nehmen, ist ein Ansatz für Entwicklung gegeben. In Mexiko arbeiten viele Genossenschaften auf dem Sektor der Kaffeeproduktion, auch im Bereich des biologischen Anbaus. Das Genossenschaftswesen in Mexiko sichert von vornherein gewisse demokratische Grundregeln und auch ein gewisses Maß an Information und Weiterbildung.

Wenn sich dann Produzenten mit solchen Strukturen mit europäischen Händlern zusammenschließen, die nicht einfach weltmarktpreisorientiert die Preise drücken, sondern auf Grund von Kriterien und Kalkulationen zu einem gemeinsamen “gerechteren” Produktpreis kommen, dann erst kann man darüber nachdenken, ob es sich um “fairen” Handel handelt.

Hierbei wäre dann noch zu klären, ob der europäische Händler nicht auch firmenstrukturierte Kriterien zu erfüllen hätte. Bei “El Puente” gehört auch die Import- und Vertriebsstruktur in die Kriterien hinein. Einen Konsens gibt es in der “Fair trade”-Bewegung allerdings noch nicht.

Im Fall der Finca Irlanda handelt es sich nun um ein privatwirtschaftliches Unternehmen. Unter den obigen Kriterien sehe ich in dieser Struktur keinen Hinweis auf eine eigene mexikanische Entwicklung und schon gar nicht einen Ansatz zur Selbsthilfe. Wie kann ein solcher Kaffee dann den Anspruch “fair” für sich vereinnahmen? Ich halte das für eine Verhöhnung sämtlicher mexikanischer Kaffeegenossenschaften.

Keiner will Lebensbaum in Abrede stellen, daß er einen der besten mexikanischen biologisch angebauten Kaffees anbieten kann, darauf sollte sich Lebensbaum bitteschön beschränken! Fair ist was anderes!«

Mir bleibt nur übrig, mich der Meinung von Stefan Bockemühl anzuschließen. Auf keinem Papier, daß uns zu dieser Thematik auch von der betreffenden Finca vorliegt, wird auch nur ansatzweise erwähnt, daß die Finca Irlanda irgendwann genossenschaftlich werden soll, geschweige denn das Land den Ureinwohnern zurückgegeben wird. Ganz bewußt wird mit der Terminologie des “fairen” Handels für ein Produkt geworben, ohne Rücksicht auf irgendwelche entwicklungspolitischen Kriterien, wohl aber die Tatsache ausnutzend, daß es seit über 25 Jahren in Deutschland die „Aktion Dritte Welt Handel“ gibt – als Lobby für einen fairen Handel mit der Dritten Welt. Das ungerechte Wirtschaftssystem wird von Lebensbaum nicht angegriffen, sondern nur “humaner” oder umweltgerechter genutzt. Ökologische Entwicklungen ohne Rücksicht auf soziale Hintergründe sind nur Augenwischereien.

Wer sich nicht nur für die Anbauweise des Kaffees interessiert, sondern auch für die sozialen Hintergründe kann hier als Alternative zum Irlanda-Kaffee immer noch den gepa-Kaffee aus UCIRI oder den Sonrisa vom Berliner MITKA-Mitglied Ökotopia schlürfen.

Stefan Schrom


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