Missbrauch des „fairen Handels“ / Kommerzialisierung der Bio-Branche

Aus DER RABE RALF November 1995

Aus aktuellem Anlaß wird die zweite Hälfte des Beitrages über die gepa verschoben – nicht ohne noch eine wichtige Information nachzureichen: die gepa-Regionalstelle in Caputh bei Potsdam gibt es nicht mehr. Das gepa-Team um Chefin Hilde van Poucke ist im September nach Berlin-Karlshorst umgezogen. Damit wird die gepa sicherlich für die Berliner Läden, Gruppen und Gemeinden attraktiver.

”Boykottiert Mexico-Kaffee!”

…lautete die Aufforderung der anarchosyndikalistischen Zeitung ”direkte Aktion” aus Hamburg im September dieses Jahres. In einer Sonderbeilage veröffentlichte das Blatt neueste Recherchen über Kaffee aus Mexiko. Ein großer Teil der Beilage deckt die Ausbeutung mexikanischer und guatemaltekischer KaffeearbeiterInnen durch deutschstämmige Finca-Besitzer und deren Verflechtung mit einer deutschen Ökofirma (Lebensbaum, Osnabrück) auf. Hauptprodukte dieser in den Artikeln angegriffenen Firma sind Kaffee und Tee aus ”fairem Handel”. Mit diesem Klischeebegriff arbeitet die Firma seit Jahren. Die KundInnen werden als ”EntwicklungshelferInnen” hochstilisiert. Daß KaffeearbeiterInnen weltweit ausgebeutet werden, ist sicherlich keine Neuigkeit. Aber die Schamlosigkeit, wie auch der Begriff des ”fairen Handels” mißbraucht wird, ist erstaunlich. Der Lebensbaum-Kaffee hat hier in Deutschland sogar das TransFair-Siegel erhalten (siehe Teil 1). Hier wird ganz offensichtlich gegen die Auflagen für die Siegelvergabe durch den TransFair e.V. verstoßen – und dies mit der Duldung durch TransFair. Nur Kaffee von Kooperativen darf „fairsiegelt“ werden, der Lebensbaum-Kaffee kommt jedoch von einer 300 Hektar großen Privatplantage, der Finca ”Irlanda” in Chiapas (Südost-Mexiko). Eine Frage, die nicht direkt in diesem Artikel gestellt wird, ist, mit welchen Kaffeefirmen hier in Deutschland TransFair noch irgendwelche Deals abmachte, da die Lizenzauflagen für das TransFair-Siegel anscheinend doch für einige zu hoch sind. Und wenn nicht, wie werden sich nun die anderen Lizenznehmer nach dieser offensichtlichen Bevorteilung zugunsten von Lebensbaum verhalten? Werden nun beim Handel mit ”alternativem Mexicokaffee” die solidaritätsbeitragszahlungswilligen KundInnen beschi$$en?

Nach einer vergleichenden Preiskalkulation bleiben nur die Kaffeesorten der gepa und die der MITKA (siehe Teil 1) übrig. Letztere haben ihre Kaffeesorten bisher nicht transfairsiegeln lassen, obwohl die Mehrpreiszahlungen für die KaffeearbeiterInnen bei der MITKA am höchsten gegenüber allen anderen Importeuren sind. MITKA-Kaffee wird in Berlin vorrangig von der selbstverwalteten Ökotopia GmbH vertrieben (Sandino-Sorten u.a.)

Zapatisten in der Naturkost-Szene?

Was bringt uns in der Naturkost-Branche eigentlich auf die Palme? Die blauäuige Verlogenheit, mit der uns ökologischer Landbau als gesund oder gar besonders sozial verkauft wird, während die ”Restindustrie” uns weiter verpestet und vergiftet? Die immer stärkere Kommerzialisierung der Bio-Szene? Die Arbeitsbedingungen? Nun, als Chefs von Bioläden, Aktionäre der Naturkostindustrie oder als Inhaber eines Öko-Großhandels interessiert uns dies sicherlich nicht, solange der Rubel rollt.

Aber vielen lohnabhängig Beschäftigten in der Naturkostindustrie stinken die tariflosen Zustände in den Naturkostläden (Stundenlöhne von 10-12 Mark sind keine Seltenheit, 580-Mark-Verträge sind gang und gäbe, qualifiziertes Personal gibt es so gut wie gar nicht) und in den Großhandelsbetrieben, die prekären Arbeitsverhältnisse bei den Speditionen oder die Arbeitshetze in der Produktion. Ja, auch hier gibt es Ausbeutung und Abhängigkeiten. Die Kapitalisten dieser Branche organisieren sich seit Jahren im ehemals allein für die Qualität und Werbung zuständigen Bundesverband Naturkost und Naturwaren, der immer mehr zum schnöden Arbeitgeberverband mutiert. Seit dem Bio-Boom wurden in dieser Branche immer mehr Arbeitsplätze geschaffen, heute macht sich immer stärker auch hier der ”stinknormale Kapitalismus” breit: verstärkte Konzentration bei den Herstellern ebenso wie im Bereich der Naturkostgroßhändler (hier jagt eine Pleite die andere, Fusionen und Übernahmen sind keine Seltenheit). Für die Läden bedeutet dies zwar ein umfangreicheres Angebot mit täglicher Anlieferung. Für kleine Hersteller und Händler bedeutet dies aber vor allem einen gnadenlosen Verdrängungswettbewerb durch immer härtere Lieferkonditionen (à la ALDI), der natürlich zuerst auf dem Rücken der ohnehin moralisch erpreßten Belegschaften ausgetragen wir (…)

Hipp, Hügli, wem gehört Rapunzel?

Die marktbeherrschende Position der Rapunzel AG ist ein Beispiel für die Entwicklung der ”Szene”: Erpressung von Großhändlern, das gesamte Sortiment zu übernehmen, Direktbelieferung bundesweit, Produktion von ”Sesamo”-Artikeln für den konventionellen Handel usw. usf. Seit Anfang 1995 beliefert Rapunzel den Babykosthersteller Hipp, dessen Produkte nur aus biologischem Anbau stammen (Umsatz: 300 Mio. DM 1994). Seit 1994 ist Rapunzel Alleinimporteur von LIMA-Produkten aus Belgien. Umsatz 1994: 51 Mio. DM; der alleinige Vorstand Joseph Wilhelm (hält 80% der Aktien) kassierte 1993 bereits 275.533 DM ”Vergütung”.

Der Schweizer Nahrungsindustriekonzern Hügli AG, Arbon, hat über seine 100%ige deutsche Tochter Hügli Nahrungsmittel GmbH Radolfzell (49 Mio. DM Stammkapital) bereits seine Finger an den Aktien von Rapunzel. Bereits seit Jahren produziert Hügli für Rapunzel Gemüsebrühe (Bio-Maggi). Eine phantastische Gelegenheit, bei Rapunzel einzusteigen, war dann deren verheerende ökonomische Situation, als der Wert der Rapunzel-Aktie 1994 kurzfristig aufgrund einer Veruntreuung des Prokuristen (hat 5,2 Mio geklaut) von 233 auf 176 Märker Marktwert sank und das Aktienkapital von 6 auf 4,5 Mio. DM abstürzte. Hier griff Hügli Rapunzel finanziell ”unter die Arme” .

Daß die Familien Hipp und Nestlé ´miteinander ”bekannt” sind, soll auch nicht verschwiegen werden (Die Konzerntochter Nestlé Alete GmbH setzt bereits bei 1/3 seiner Rohstoffe Bio-Ware ein ; 630 Mio. DM Umsatz) (Quelle: Hamburger Abendblatt 25.8.95).

Und Rapunzel ist äußerst interessant. Mit seinen knapp über 50 Mio. DM Jahresumsatz ist es kein kleiner Fisch, denn ob Südamerika, Afrika oder Asien (Türkei, Madagaskar, Bolivien,…) – überall findet man Rapunzel als Abnehmer von Bio-Rohprodukten und fairen Händlern. Die Vermarktung findet nicht nur bundesweit, sondern europaweit mit speziellen Schwerpunkten in der Schweiz, Frankreich (Rapunzel France) und den USA statt. Die Planungen für eine eigene Rapunzel-Naturkostladenreihe ist bereits in der Testphase.

Der Konzern Hügli rundet also langsam sein Imperium ab; anfangs kaufte man zwei Tofureien auf, die in die Knie gegangen waren, Yamato und Sojastern, dann die Heirler Reformwaren. Und in den Niederlanden ist man mit einem Drittel an Natudis beteiligt. Natudis ist der Großhandels- und Herstellerkonzern in der holländischen Naturkostindustrie: 70% des Großhandels kontrolliert er, von seinem Angebot von ca. 5.000 Artikeln gehören allein eintausend Produkte den eigenen Firmen. Marken wie Akwarius, Fertilia, Molen-Aartje, Hofu, NatuFood und Manna – alle waren einmal eigenständige Unternehmen!

Hauptsache öko-bio-logisch?

Wer es leid ist, sich für wohlsituierte Käuferschichten (44% der KäuferInnen gehören zum technokratisch-liberalen Milieu, weniger als 10% kommen aus der Arbeiterschicht), die einzig und allein der gesundheitliche und ökologische Aspekt von Lebensmitteln interessiert (trendorientierter Konsumstil und bewußter Genuß) auf ”alternative” Weise ausbeuten zu lassen, der sollte sich organisieren. Ziel ist die Erkämpfung besserer Lebens- und Arbeitsbedingungen im gesamten Naturkostbereich. Lassen wir uns, egal ob im Laden, in der Produktion oder im Großhandel beschäftigt, nicht gegeneinander ausspielen! (…)

Stefan Schrom

Soweit der Auszug aus „direkte aktion“. Eine Anfang Oktober erbetene Stellungnahme der Rapunzel AG, die auch Verteiler von Lebensbaum-Produkten ist, liegt mir bis heute nicht vor, dafür jedoch ein Hinweis im o.g. Blatt, daß Lebensbaum am 10. Juli 1995 wegen der vermeintlichen ”Rufmordkampagne” gegen die Firma mit einer Strafanzeige drohte.

P.S. Kurz vor Redaktionsschluß erreichte uns folgende Stellungnahme von TransFair zur Kritik an der Firma Lebensbaum bezüglich deren Vermarktung von Kaffee der Finca Irlanda/Mexiko:

Die Firma Lebensbaum ist Lizenznehmer von TransFair.
Der von Lebensbaum mit dem TransFair-Siegel angebotene Kaffee stammt von Kleinbauerngenossenschaften, die im ProduzentInnenregister von TransFair und seiner Schwesternorganisation Max Havelaar aufgeführt sind. Plantagen werden generell nicht in das Kaffee-ProduzentInnenregister aufgenommen. Dies gilt entsprechend für die Finca Irlanda.
Die Firma Lebensbaum hält sich gemäß des mit TransFair abgeschlossenen Vertrages an die dort festgelegten Bedingungen des fairen Handels. Vertragsverstöße sind uns also nicht bekannt, auch seitens unserer Partner in Chiapas/Mexiko liegen keine Problemanzeigen vor.

Sissi Beuthner
Geschäftsstelle TransFair e.V.


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