Lebensbaum-Boykott nach fast 18 Monaten erfolgreich

Aus DER RABE RALF April 1997

Vor langer Zeit, im fünften Teil dieser Serie (November 95), berichteten wir über die Recherchen der Hamburger FAU/IAA (Freie Arbeiter Union/ Internationale Arbeiter Assoziation) in Mexiko. Der darauf folgende Boykottaufruf gegen die Naturwaren-Handelsfirma Lebensbaum hat inzwischen weitreichende Erfolge gezeigt. Trotz ehrenhafter Versprechen und Einholen von Expertisen durch Lebensbaum, verbunden mit öffentlichkeitswirksamen Beschimpfungen gegen die FAU/IAA, konnte die Richtigkeit der Hamburger Beschuldigungen bewiesen werden.*

Anthroposophischer Kapitalismus

Die aus Hamburg stammende Familie Peters betreibt auf ihrer ”Finca Irlanda” im südmexikanischen Chiapas seit 1928 biologisch-dynamischen Kaffeeanbau. Peters selbst war einst Schüler des Gründers der anthroposophischen Lehre, Rudolf Steiner. Auf seiner Finca wurde der weltweit erste demeter-Kaffee erzeugt. Der deutsche Biowaren-Großhändler Lebensbaum vertrieb diesen Kaffee in den letzten Jahren mit dem selbstkreierten Pseudo-Siegel ”Fair-Trade”. Dies bezeichnete die FAU/IAA im September 1995 als Schwindel, da die Bezeichnung ”fair” den KäuferInnen suggeriere, daß von den immerhin 30,60 DM pro Kilo ein Teil zur Unterstützung bedürftiger Menschen in Chiapas verwendet würde. Jedoch wurde auf der Finca Irlanda mit den gleichen ausbeuterischen Methoden produziert wie auf den umliegenden Fincas, die ebenfalls deutschstämmige Besitzer haben. Die sozialen und arbeitsrechtlichen Bedingungen der 40 bis 100 Festangestellten (hier wiedersprachen sich die Angaben der Fincabesitzer) und der etwa 500 meist gualtematekischen SaisonarbeiterInnen waren nicht hinnehmbar. Lebensbaum-Geschäftsführer Ulrich Walter, der auch Vorstandsmitglied bei demeter ist, bestritt jedoch, daß Akkord- und Hungerlöhne gezahlt wurden, Kinderarbeit üblich war und er selbst dies auch noch mit einen ”fairen” Anstrich verschleierte.

Umsatzrückgang

Auf Grund der Boykottkampagne gingen die Umsätze für Lebensbaum-Kaffee um 25% zurück. Die Reaktionen aus der Naturkostbranche waren allerdings vielfach von „biologischen Scheuklappen“ geprägt. Ein Vertreter von Allos, einem Marktführer in der Naturkostbranche, wurde von der FAU/IAA zitiert: ”Es geht doch um die biologische Qualität. Die Indianer sollen froh sein, daß sie nicht mehr mit Giften arbeiten, das andere ist doch erst einmal egal.”

Besonders nach der weltweit größten Naturkostmesse BioFach im vergangenen Jahr wuchs jedoch der Erklärungsdruck für Lebensbaum. Im April und im Juni 1996 – außerhalb der Erntezeit – nahmen VertreterInnen des demeter-Bundes Kontrollbesuche auf der Finca Irlanda vor. In ihrem Bericht kritisierten sie den Zustand der Wohnräume und Sanitäreinrichtungen für die ArbeiterInnen sowie die Tatsache, daß die von den Betreibern als vorbildlich bezeichnete Schule kaum mit Büchern ausgestattet war.

Am 18.9.96 waren in der ZDF-Magazinsendung ”Kennzeichen D” auch die Vorwürfe der FAU/IAA Thema (”Kinderarbeit auf dem deutschen Ökomarkt”). Zuvor gewannen die Hamburger ein presserechtliches Gerichtsverfahren gegen die Firma Lebensbaum, die dabei übrigens von einem Anwalt des Lebensmittelkonzerns Tengelmann (!) vertreten wurde.

Die anthroposophisch orientierte GLS-Bank mit Sitz in Bochum lehnte einen 150.000-DM-Kreditantrag von Ulrich Walter ab, der mit diesem Geld nun plötzlich notwendige Renovierungsmaßnahmen in den Massenunterkünften auf der Finca Irlanda finanzieren wollte. Entscheidend für die Ablehnung war die Tatsache, daß die GLS-Bank beim besten Willen nicht erkennen konnte, daß es sich bei der Finca Irlanda um ein ”Klein- und Kleinstprojekt in der Dritten Welt” handeln sollte.

Verblüffende Wende

Im vergangenen Herbst gab Ulrich Walter bekannt, daß Lebensbaum das bisherige ”Fair-Trade”-Siegel nicht mehr verwenden und ab sofort rund 75% des von der Finca Irlanda bezogenen Kaffees aus dem Verkehr ziehen würde. Nur noch der ausschließlich biologisch-dynamisch angebaute Kaffee wird weiter angeboten, jetzt mit dem ”TransFair”-Siegel zertifiziert (siehe Teil #, ### 199#). Dies bedeutet, daß ab sofort 0,39 DM/kg als Lizenzgebühr für das Siegel an den TransFair e.V. fließen – eine teure Aktion zu Imagerettung. Die Familie Peters indes wurde fallengelassen.

Im vergangenen Monat fand in Frankfurt am Main die Naturkostfachmesse BioFach 97 statt. In dem gleichnamigen Magazin liest sich Walters Sinneswandel so: ”Ulrich Walter … hat sich für dieses Siegel entschieden, weil ihn die Bekanntheit, die es in kürzester Zeit erreicht hat, beeindruckt hat.“ Allerdings habe der Lebensbaum-Geschäftsführer auch Kritik am TransFair-Siegel geäußert: „Seiner Meinung nach wird es auch an zu viele Großunternehmen vergeben, die mit der Lizensierung eines einzigen Produktes das soziale Deckmäntelchen auch für andere, nicht fair gehandelte Artikel erkaufen.” Ironie des Schicksals?

Stefan Schrom

* Ausführlich wird dieses Thema in zwei in Berlin erscheinenden entwicklungspolitischen Zeitschriften behandelt:

Lateinamerika Nachrichten Nr.271; Hrsg.: Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika (FDCL), Mehringhof, Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin-Kreuzberg;

Umbrüche Nr.15/16; Hrsg.: Baobab Infoladen Eine Welt e.V. (siehe Anzeige auf dieser Seite).

Zwei Augenzeugenberichte von der Finca Irlanda brachten wir in Teil 8 im März 96. Gegen Einsendung von 2 DM in Briefmarken senden wir Kopien aller im Raben Ralf erschienenen Artikel zum Thema Lebensbaum/Finca Irlanda zu.


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