Eine Serie über Alternativhandel

Aus DER RABE RALF Mai 1995

Entwicklungspolitik und Umweltschutz sind heute voneinander nicht mehr zu trennen. Wer umweltpolitisch etwas verändern will, um dieses Land lebenswürdiger und ökologisch-sozialer zu gestalten, kommt daher an globalen Themen nicht mehr vorbei.

Noch in jüngster Vergangenheit zeigte sich zum Beispiel bei der Vorbereitung des Demo-Wochenendes (1./2. April 95) anläßlich des UNO-Klimagipfels in Berlin, daß die inhaltlichen Schwerpunkte bei entwicklungspolitisch arbeitenden Gruppen (noch) anders gewichtet sind als die der Umweltgruppen. Doch nur durch eine Koordinierung aller Gruppen wird es in Zukunft möglich sein, den Herrschenden wirkungsvollen Widerstand zu leisten. Dafür sind allerdings noch unzählige Diskussionen mit viel Verständnis füreinander notwendig.

Die Aktion 3. Welt Handel

Eine Aktion,die in diesem Jahr 25 Jahre alt wird, ist die Aktion 3. Welt Handel (A3WH). Sie entstand aus kirchlichen Zusammenhängen und umfaßt heute mehrere entwicklungspolitische Gruppen, Weltläden und Importorganisationen. Die Zahl der (Eine-)Welt-Läden in Deutschland wird auf ca. 600 geschätzt. Schwerpunkt der A3WH ist die Förderung sozial gerechter und/oder ökologischer ProduzentInnen in den sogenannten Entwicklungsländern – zum größten Teil selbstverwaltete Genossenschaften, Kooperativen u.ä. Ein weiteres, sehr wichtiges Ziel ist die Ausschaltung des Zwischenhandels, also die Direktvermarktung, was unter anderem höhere Einkommen für die ProduzentInnen bringt. Die meisten an dieser Aktion beteiligten Initiativen nutzen außerdem die Produkte als Träger von Informationen über Hintergründe des ungerechten Welthandels, betreiben ausführliche Bildungsarbeit und versuchen, verschiedene Produkte (z.B. Kaffee) in Universitäten und anderen Einrichtungen zu etablieren. Die Mehrzahlungen der KundInnen, die Teil des Endverkaufspreises sind, werden dazu verwendet, soziale Unternehmungen in den betreffenden Projekten zu unterstützen. Der Bau von Trinkwasserbrunnen, Kindergärten und Schulen sowie die Verbesserung der projekteigenen Infrastruktur sind größtenteils nur durch diese Art der Spende möglich geworden. Nach 25 Jahren gibt es viele Erfolge und Mißerfolge. Es gab Diskussionen, wie weit der alternative Handel noch zu politisieren ist oder ob schon dieser Handel an sich politisch ist. Die Bereitschaft hier, mehr ökologische und “politische” Produkte zu kaufen und damit kritischer auf die Produkte, HerstellerInnen und AnbieterInnen zu sehen, wächst. Politischer Biokaffee ist keine Utopie mehr. Doch mit der Expansion des gerechteren Handels wächst auch seine Anfälligkeit gegenüber der kommerziellen Konkurrenz, die mittlerweile die ”ethische” Marktlücke erkannt hat und versucht, jetzt auch hier kräftig abzusahnen.

In dem 1994 erschienenen, sehr zu empfehlenden ”Aktionshandbuch Dritte Welt” (Schmetterling-Verlag, Rotebühlstr. 90 in 70178 Stuttgart) ist eine Aufstellung aller Firmen und Organisationen enthalten, die sich wirklich oder angeblich mit ”fairem Handel” befassen. In dieser Ausgabe des RABEN RALF sollen zwei von ihnen vorgestellt werden: MITKA und Transfair.

Die MITKA

Die MITKA hat sich 1986 gegründet mit dem einzigen Ziel, Kaffee aus Mittelamerika (hauptsächlich Nicaragua) direkt zu importieren. Sie war Vorreiter bei der Unterstützung des Biokaffee-Anbaus in Nicaragua und hat den Biokaffee nicht, wie sonst üblich, von einer US- oder europäischen Umweltorganisation, sondern von einer nicaraguanischen, der MAN, zertifizieren lassen (siehe RABE RALF April 94, S. 6/7). Einzelne MITKA-Gruppen importieren auch Kaffee aus El Savador (”La Cortadora”), Mexico (”Sonrisa”) und Cuba (”Cubita”). Die MITKA ist eine GmbH, deren Alleingesellschafter der ”Adelante e.V.” ist. Mitglieder sind: El Rojito (Hamburg), Ökotopia (Berlin), El Puente (Hildesheim), Dritte-Welt-Partner (Ravensburg), Liberacion (Hannover), Venceremos (Legden) und Nicaragua libre (München). 1993 wurde ein Umsatz von ca. 4 Mio. DM erzielt. In Berlin sind vor allem Kaffeesorten von Ökotopia und El Puente erhältlich. Nach meiner Beurteilung sind diese Kaffeesorten der MITKA noch fairer gehandelt als die, die mit dem Gütesiegel von Transfair angeboten werden.

Das Transfair-Siegel

Der Transfair e.V. vergibt seit 1992 das gleichnamige Gütesiegel, mit dem (gegen eine Lizenzgebühr für das Siegel) sowohl alternative als auch kommerzielle Firmen für ihre Kaffeesorten werben können,wenn bestimmte Bedingungen erfüllt werden: die Kaffeesorten dürfen nur von ProduzentInnen stammen,die im Transfair-Register eingetragen sind. Im ersten Jahr nach der bundesweiten Einführung (1993) konnten transfairsiegelte Kaffees nur einen Marktanteil von 1% am deutschen Kaffeemarkt erreichen (Ziel waren 3%). Marktführer der transfairen Kaffees ist der ”Pedro”-Kaffee der kommerziellen UNION-Rösterei. In diesem Jahr sind auch schon transfairsiegelte Teesorten auf dem Markt, wobei interessant ist, daß der Siegelvergeber nicht dieselben Kriterien wie bei Kaffee verwendet. Als nächstes Produkt soll Honig das Transfair-Siegel erhalten.

Träger von Transfair sind: das katholische Hilfswerk MISEREOR, das evangelische “Brot für die Welt”, die SPD-nahe Friedrich Ebert Stiftung, einige KaffeeproduzentInnen und die “Arbeitsgemeinschaft der 3.-Welt-Läden” (AG3WL). Der Verkaufspreis für den Kaffee, der immer noch höher als der anderer Kommerzkaffees ist, setzt sich aus dem Weltmarktpreis plus einem ”Solidarzuschlag” zusammen. Der Aufschlag, also die eigentliche Spende für die ProduzentInnen, ist allerdings nicht so hoch wie der Spendenbetrag der MITKA.

Für viele KonsumentInnen ist die ”Politik mit dem Einkaufskorb” das einzige Mittel, mit dem sie meinen, nachhaltig etwas gesellschaftlich verändern zu können. Aber selbst die Diskussionen um diese Art des Handels sind nicht frei von inneren Widersprüchen. Soll nun der Brandenburger Imker unterstützt werden, von dem niemend weiß, was er mit dem Erlös zu tun gedenkt, der aber von seinen Bienen Biohonig erzeugen läßt und dessen Weg zum Verbraucher kurz und nicht so umweltbelastend ist – oder unterstützen wir lieber die mexikanischen HonigerzeugerInnen in ihrem Kampf um das Überleben der indianischen Kultur und nehmen damit lange, unökologische Transportwege in Kauf? Vielleicht regen diese Gedanken eine Diskussion darüber im RABEN RALF an.

In der nächsten Folge werden anhand des genannten Buches und ”Insiderinfos” die Berliner TEEKAMPAGNE, El Puente und der Versandhandel ”Sancho Pansa” beschrieben.

Stefan Schrom


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