Andere Wirtschaftsformen

Aus DER RABE RALF Februar 1997

Wirtschaftsformen, die auf Selbstversorgung und ökologische Nachhaltigkeit aus sind, würden ganz anders aussehen als die gegenwärtigen, an Wachstum und Profit orientierten. Sie müßten eher auf ethischen Prinzipien beruhen als auf der Kosten-Nutzen-Rechnung des Marktes.1 Ökologische Nachhaltigkeit, Selbstversorgung und Vorrang für die Bedürfnisse von Frauen und Kindern sind in riesigen Wirtschaftseinheiten nicht zu haben. Das müßten viel kleinere und weniger zentrale Einheiten sein. Produktion und Konsum ließen sich alsdann koordinieren, und die Produktion könnte mit den Bedürfnissen abgestimmt werden, was eine echte Teilnahme der Menschen an Produktionsentscheidungen bedeuten würde. Kleinere Wirtschaftseinheiten würden die Kooperation unter den Gemeinden erleichtern, wären außerdem ein notwendiger Schritt in Richtung Selbstversorgung und würden dadurch gegenseitige Hilfe und Unterstützung bewirken.

Weniger kaufen, weniger produzieren

Wenn es um die im letzten Teil dargelegte Idee der Konsumbefreiung geht, gibt es immer viele Einwände, warum dies illusionär sei.2 Ein Einwand ist, ich sähe im „Konsumverzicht“ die einzige Möglichkeit des Widerstandes gegen das zerstörerische Industriesystem. Dieser Einwand verkennt, wie weit eine Konsumbefreiung nicht nur den Ländern des Südens die Chance gäbe, Selbstversorgung und dauerhaftes Wirtschaften zu erreichen, sondern auch notwendigerweise die Strukturen der Industrieländer selbst verändern würde. Wenn sich das Verbraucherverhalten in der Weise ändert, daß eine größere Anzahl von Menschen nicht nur anders kauft – zum Beispiel ökologische oder fair gehandelte Produkte -, sondern insgesamt weniger (weil viele grundlegende Bedürfnisse sozial und nicht mit dem Kauf von Waren befriedigt würden), dann müßte das Rückwirkungen auf die Produktion haben. Industrie- und Marktsektor müßten schrumpfen.

Eine weitere logische Folge einer solchen Konsumbefreiungsbewegung wäre daher eine Produktionsbefreiungsbewegung. Das bedeutet, daß die Herstellung von umweltschädlichen, überflüssigen, unterdrückerischen Produkten durch die Industrie unrentabler würde. Eine solche „Produktionsbefreiungsstrategie“ könnte in erheblichem Maße durch die Gewerkschaften gefördert werden, wenn sie endlich ihr ganzes Machtpotential dafür einsetzen würden, daß sie mitentscheiden können, was produziert wird. Bisher kämpfen sie nur um einen größeren Anteil am Kuchen und überlassen es den Unternehmern, zu entscheiden, ob z.B. umweltgefährdende oder menschenverachtende Produkte hergestellt werden oder nicht. Es ist höchste Zeit, daß Arbeiter sich weigern, an der Produktion von Waren zu arbeiten, die den Krieg gegen die Natur und fremde Völker fördern, die Frauen und Kindern schaden, die die Dritte Welt weiter ausbeuten helfen. Das müßte mit der Weigerung beginnen, Waffen oder Waffenteile herzustellen.

Erzeuger und Verbraucher wieder zusammenbringen

Es gibt verschiedene Versuche, unseren verschwenderischen Lebensstil zu ändern, angefangen bei einzelnen Schritten bis hin zu breitangelegten Konsumboykotten. Ich möchte hier auf einige Einzelinitiativen hinweisen.

Der „Globale Aktionsplan“ (GAP) wurde in den USA entworfen, um befreundete Gruppen zusammenzubringen, die ihren Alltag ökologisch verändern wollen.3 Ähnliche Initiativen zur Veränderung des Kaufverhaltens gingen dort von der Zeitschrift The Ethical Consumer sowie von Hazel Henderson aus.4 In den USA sind Konsumboykottbewegungen gang und gäbe und werden von der Industrie gefürchtet. Das gilt aktuell vor allem für den Konsumboykott gegen gentechnisch manipulierte Nahrungsmittel, der unter anderem von Jeremy Rifkin geführt wird.

KritikerInnen des Konsumbefreiungs-Ansatzes reiben sich gewöhnlich an dem Punkt, daß die Konsumreduzierung zu einer individualistischen, isolierten Aktion führen würde, ohne Wirkung auf die Hersteller; sie würde die Armen und die Frauen treffen, die bereits am äußersten Rande der ungerechten Wirtschaft der Industrieländer stehen. Die Strategie sei nicht durchführbar, weil sie nur auf moralischen Appellen und nicht auf Interessen beruhe, daher würde sie keine Anhänger finden. Außerdem würde sie den Einzelnen verwehren, so viel zu konsumieren wie sie möchten. Und sie würde eine „Entpolitisierung“ einleiten, da der Aufruf zu einer Veränderung nicht von Politikern käme. Ein anderes, häufig vorgetragenes Argument lautete, daß ein Prozeß der Konsumbefreiung zu langsam wäre, daß die Lage sich bereits derart verschlechtert hätte, daß sie damit nicht mehr verbessert werden könnte.

Ich meine nicht, daß die Menschen im Norden mit Argumenten allein von der Notwendigkeit zu überzeugen sind, sich vom Konsumismus zu befreien. Kritik am Überkonsum des Nordens wurde laut und deutlich von den VertreterInnen des Südens auf dem Umweltgipfel in Rio geäußert, ohne daß dies in politisches Handeln seitens der VertreterInnen des Nordens umschlug.

Es mag daher ermutigender sein, Beispiele von Männern und Frauen zu geben, die auf diesem Weg bereits weiter gekommen sind. Ein solches Beispiel ist der japanische Seikatsu-Club.

Es funktioniert: Der Seikatsu-Club

Der erste Seikatsu-Club wurde 1965 von einer Hausfrau in Tokio gegründet. Zuerst ging es nur um die Reduzierung des Milchpreises. Bald aber, vor allem nach der Minamata-Verseuchung, entwickelte der Seikatsu-Club eine Philosophie, die sich auf das ganze Leben bezieht. Anfang der 70er Jahre dehnte er sich auf andere Provinzen aus. Die Frauen waren besorgt über vergiftete Nahrungsmittel, künstliche Nahrungsmittelzusätze etc. Sie merkten, daß die Verwendung von Atomstrom die Umwelt verseucht; daß chemischer Dünger in der Landwirtschaft die Muttermilch vergiftet. Sie fingen an, Milch bei Landwirten zu kaufen, die ökologischen Anbau betrieben. Eines der Mitglieder des Tokioter Seikatsu-Clubs schreibt:

„Wir weigern uns, Produkte zu kaufen, die schädlich für die Gesundheit unserer Mitglieder und für die Umwelt sind. … Zum einen bekommt der Club durch die direkte Zusammenarbeit mit den Bauern sichere Produkte… Wir sind der Meinung, daß Hausfrauen anfangen können, eine Gesellschaft zu schaffen, die in Einklang mit der Natur lebt, und zwar dadurch, daß sie ‚von ihrem Haus aus‘ aktiv werden. Durch unser Einkaufs- und Konsumverhalten versuchen wir, Einfluß auf die japanische Landwirtschafts- und Fischereipolitik zu nehmen.“5

Die Frauen erkannten die Gefahren der offiziellen Industriepolitik, die darauf gerichtet war, die Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln aufzugeben, um unter anderem die Interessen der Automobilindustrie zu wahren. Sie fingen an zu überlegen, wie eine Agrarpolitik sein könnte, die die Interessen von Frauen und Kindern ernst nähme. Der Seikatsu-Club nutzte die Kaufkraft der KonsumentInnen, um den ökologischen Landbau und die Selbstversorgung Japans mit Lebensmitteln zu unterstützen. Die Kooperation zwischen Produzenten und Konsumenten für den organischen Landbau wurde schließlich zu einer aktiven Lebensreformbewegung.6

Die Mitglieder kaufen alle Produkte direkt von den Landwirten, zu denen sie direkten Kontakt haben. Anfangs mußten sie nach ökologisch produzierenden Landwirten suchen, doch hat sich der Club seitdem exponentiell vergrößert. 1989 waren 170.000 Haushalte Mitglieder. Im Direktorium des Clubs sind 80 Prozent Frauen.

Der Seikatsu-Club hat nicht nur die Agrarpolitik Japans beeinflußt und den Lebensstil vieler Menschen verändert, sondern vor allen Dingen Frauen befähigt, eine aktive Rolle bei der Mitgestaltung des gesellschaftlichen Lebens und der Politik des Landes zu übernehmen.

„Der Seikatsu-Club wendet sich an die Öffentlichkeit, um einen selbstbestimmten Lebensstil zu schaffen, um den gegenwärtigen verschwenderischen Lebensstil zu verändern, der eine Folge der derzeitigen, vom Kapitalismus kontrollierten Gesellschaft ist. Wir glauben, daß der Weg zu einer Verbesserung der Lebensqualität in der Schaffung einer einfachen, aber sinnvollen Existenz liegt, die sich der Alles-Haben-Müssen-Illusion verweigert, die durch kommerzielle Produkte genährt wird. … Ziel des Seikatsu-Clubs ist es, zu lernen, wie die Gesellschaft sich selbst regieren kann durch die Selbstorganisation unseres Lebens. … Eines unserer Ziele ist es, lokale Ökonomien zu schaffen.“6

Es besteht kein Zweifel daran, daß der Seikatsu-Club mit dazu beigetragen hat, daß sich Japan bisher der Marktöffnung für Nahrungsmittelimporte aus den USA, vor allem von Reis, widersetzt hat. Beim Konsum anfangen heißt beim Weltmarkt aufhören.

Das Beispiel des Seikatsu-Clubs zeigt, daß Verbraucheraktionen, vor allem wenn sie von den Bedürfnissen und Erfahrungen von Frauen ausgehen, sich sehr von jenem kleinkarierten Sankt-Florians-Prinzip oder dem „Ohne-mich“-Standpunkt eigennütziger, vereinzelter Individuen unterscheiden. Da kann eine Dynamik entstehen, die tatsächlich „das ganze Leben“ zu ändern vermag. Chizuko Ueno, die über Frauennetzwerke in Japan geschrieben hat,7 ist sogar der Meinung, daß diese Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften und Netzwerke tatsächlich eine vollständige Zirkulation von Produktion und Konsum bewirken können, die nicht auf kapitalistischen Prinzipien beruht, sondern auf gegenseitiger Hilfe, Vertrauen, Gemeinschaft, Respekt vor den Mitmenschen und der Natur.

Maria Mies

1 Maria Mies: Brauchen wir eine neue „Moral Economy“? in: Politische Ökologie, Sonderheft 6: Vorsorgendes Wirtschaften – Frauen auf dem Weg zu einer Ökonomie der Nachhaltigkeit, München 1994 (Bezug: pan-adress, 82152 Planegg; 14,80 DM)

2 Siehe Teil 7, Der Rabe Ralf Dez. 96, bzw. ausführlicher: Maria Mies, Die Befreiung vom Konsum, 1990 (Bezug: Öko-Dorf Verlag, 29416 Chüden; 4 DM)

3 D. Gershon, R. Gilman: Global Action Plan for the Earth (Bezug: 57A Krumville Road, Olivebridge, New York, USA-12461)

4 Hazel Henderson: Creating Alternative Futures, Pedigree Books, New York 1979, und: Refraining the Global Debate over Development, Die Grünen im Bundestag, Bonn 1991.

5 Paul Ekins: A New World Order – Grassroots Movements for Global Chance – Seikatsu Club Consumers Cooperative (Japan), Routledge, London 1992.

6 Nomura/Nakahara/Katsuba (Hrsg.): Consumer Currents in Japan – The Information Centre for the Public Citizens, Tokyo, 1983.

7 Chizuko Ueno: Womens Networking is Changing the World, Tokyo 1988.

Der Text ist eine überarbeitete und gekürzte Fassung des Kapitels „Befreiung vom Konsum“ aus dem Band „Ökofeminismus – Beiträge zur Praxis und Theorie“, Zürich 1995. Eine erste Fassung wurde bei dem Symposium „Frauen und Kinder zuerst“ 1991 in Genf veröffentlicht.


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