Befreiung vom Konsum

Aus DER RABE RALF Dezember 1996/Januar 1997

Aus allen in jüngster Zeit gemachten Untersuchungen der Zusammenhänge zwischen Umweltzerstörung, steigender Armut im „Süden“ und wachsendem Wohlstand im „Norden“ der Erdkugel ergibt sich die Forderung an den Norden und die wohlhabenden Schichten des Südens, ihren aufwendigen Lebensstil zu reduzieren. Doch den Weg, der dort hinführt, wollen die Politiker und die meisten BürgerInnen der wohlhabenden Industrienationen nicht gehen. So hat der Umweltgipfel in Rio 1992 nachwiesen, daß der Norden die meiste Energie verbraucht und der größte Umweltverschmutzer ist, einschließlich der Zerstörung der Ozonschicht und der Erwärmung der Atmosphäre – doch die Politiker des Nordens zögerten, die offensichtlichen Schlußfolgerungen aus diesen Analysen zu ziehen. Die meisten Menschen des Nordens, auch die Frauen, haben keine Lust, diese Erkenntnisse in Handeln umzusetzen. Auf der anderen Seite begreifen jedoch immer mehr Menschen, daß das Hin- und Herschieben der Verantwortung so nicht weitergehen kann und daß sie anfangen müssen, sich nach Möglichkeiten für eine andere Lebensweise umzusehen.

Vielen ist heute die Notwendigkeit einer solchen „Lebensstil-Änderung“ klar. Doch die Verantwortung dafür schieben sie meist auf die Regierungen und die Politiker. Wenn diese z.B. keine Gesetze zur Einführung einer Geschwindigkeitsbegrenzung oder zur Abfallvermeidung machen, machen die Einzelnen weiter wie bisher. In Gesellschaften mit parlamentarischer Demokratie sind die Politiker aber in der Regel nicht weiser als das Wählervolk. Sie erlassen keine unpopulären Gesetze, wenn die Menschen nicht schon von sich aus zu entsprechenden Veränderungen bereit sind, denn sie wollen ja wiedergewählt werden. Darum muß eine Bewegung in Richtung Lebensstil-Veränderung von unten kommen.

Eine Veränderung der Konsumgewohnheiten wird in den reicheren Schichten und Ländern erst möglich sein, wenn die Menschen sich einen anderen Begriff von „gutem Leben“ machen als den, den die Werbeindustrie verbreitet und der auf ständig steigendem Warenkonsum beruht. Das bedeutet nicht einfach Verzicht zu predigen, sondern die Werte hervorzuheben, die in unserer Konsum- und Leistungsgesellschaft auf der Strecke bleiben: Zusammenarbeit statt Konkurrenz; Respekt vor allen Wesen und ihrer Verschiedenheit statt ihrer Verwertung und Standardisierung; Selbstversorgung statt Abhängigkeit vom Weltmarkt; Gemeinschaftlichkeit statt egoistischer Einzelinteressen; Kreativität, Souveränität und Würde statt dauerndem „Schielen nach oben“; Befriedigung in der eigenen Arbeit statt Abarbeiten in irgendeinem Job und „Ausgleich“ durch Konsum.

All das ist zu einem großen Teil ohne oder zumindest mit weniger Warenkonsum möglich und bedeutet keinen Verzicht, sondern „nur“ die Einforderung eines anspruchsvolleren, glücklichen, gesunden, heiteren Lebens. Konsumbefreiung bedeutet Verbesserung der Lebensqualität, nicht Askese.

Das setzt andere Formen der Bedürfnisbefriedigung voraus als die käufliche, die Warenform (vielen die einzige noch bekannte Form). Zunächst ist festzustellen, daß die grundlegenden Bedürfnisse für alle Menschen gleich sind. Unterschiedlich sind lediglich die Arten und Weisen ihrer Befriedigung, oder ihre „Befriediger“, wie M. Max-Neef es ausdrückt.1 Max-Neef geht von folgenden grundlegenden menschlichen Bedürfnissen  aus:

  • Subsistenz (Gesundheit, Nahrung, Wohnung, Kleidung usw.)
  • Schutz und Fürsorge
  • Zuneigung (Selbstachtung, Liebe, Fürsorglichkeit, Solidarität usw.)
  • Verstehen und Wissen (Studium, Lernen, Untersuchen usw.)
  • Mitwirkung (Teilnahme, Verantwortung, Teilen von Rechten und Pflichten)
  • Muße (Phantasie, Spiel, Spaß, Erholung usw.)
  • Kreativität (Vorstellungskraft, schöpferische Arbeit, Neugier usw.)
  • Identität (Zugehörigkeitsgefühl, Unterschiedlichkeit, Selbstachtung usw.)
  • Freiheit (Selbständigkeit, Gleichheit, Selbstbestimmung usw.)

Diese fundamentalen menschlichen Bedürfnisse sind universal, sie sind gleich bei Arm und Reich, in über- und unterentwickelten Ländern. In den überentwickelten Ländern des Nordens werden diese Bedürfnisse fast ausschließlich durch den Kauf von Waren befriedigt, die industriell hergestellt wurden. Viele Waren sind jedoch, wie Max-Neef betont, „Pseudo-Befriediger“, denn sie befriedigen das eigentliche Bedürfnis nicht. So werden Autos von Männern häufig als Statussymbol gekauft, oder Frauen kaufen oft Kosmetik und Kleider, um auch das Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung zu befriedigen. Das tiefere Bedürfnis wird durch den Kauf aber nicht befriedigt, deshalb muß immer mehr gekauft werden.2

Konsumbefreiung würde jedoch bedeuten, daß diese grundlegenden menschlichen Bedürfnisse wirklich befriedigt werden. Zunächst muß die Behauptung zurückgewiesen werden, daß Menschen und ihre Bedürfnisse im Prinzip „unersättlich“ seien.3 Das heißt konkret, daß wir uns nach anderen Arten und Formen von „Befriedigern“ umsehen müssen. Nehmen wir zum Beispiel die Bedürfnisse nach Zuneigung und Anerkennung.

Konsumbefreiung würde bedeuten, daß die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse wirklich befriedigt werden

Viele Frauen versuchen, diese Bedürfnisse durch den Kauf von Kosmetik oder modischen Kleidern zu befriedigen, denn die Selbstachtung von Frauen ist in unseren Gesellschaften sehr stark an ihre äußere Erscheinung geknüpft, weniger an das, was sie tun. Es zeigt sich aber, daß trotz all dieser Anstrengungen Frauen nicht mehr geliebt oder respektiert werden. Kosmetik und Mode sind also weitgehend „Pseudobefriediger“. Im Rahmen einer Konsumbefreiungsbewegung könnten diese Bedürfnisse – nach Zuneigung und Anerkennung – jedoch auf eine „nicht-warenförmige“ Weise befriedigt werden, etwa dadurch, daß Menschen gegenseitige Anerkennung und Zuneigung tatsächlich zum Ausdruck bringen – etwa durch einen Besuch, einen Brief – für das, was sie sind und tun.

Bei Kindern könnten diese Bedürfnisse weit besser dadurch befriedigt werden, daß Erwachsene, statt Spielzeug zu kaufen, sich Zeit nehmen, mit ihnen zu spielen, ihnen Geschichten vorzulesen oder zusammen mit ihnen zu arbeiten. All das hätte den Vorteil, daß nicht nur der Warenkonsum verringert, sondern auch menschliche Beziehungen aufgefrischt würden. Häufig gibt es auch noch einen „synergetischen Effekt“, das heißt es werden mehrere Bedürfnisse gleichzeitig befriedigt. Wenn ich zum Beispiel mit Kindern spiele, können die Bedürfnisse nach Zuneigung, Muße, Schutz, Freiheit, Identität, Lernen und Anerkennung gleichzeitig befriedigt werden. Und zwar kostenlos und ohne Schaden für die Umwelt. Außerdem hat eine solch „nicht-warenförmige Bedürfnisbefriedigung“ den Effekt, daß der Genuß gegenseitig ist, die Kinder und die Erwachsenen geben etwas und bekommen etwas.

Eine Bewegung zur Veränderung unseres auf Warenproduktion und -konsum beruhenden Lebensstils würde vor allem eine Neubelebung unserer sozialen Kreativität bewirken. Wir müßten uns wirklich etwas Neues einfallen lassen. So schenkte mir zum Beispiel ein Freund zum Geburtstag einen „Gutschein auf Besuchszeit“ für Tage, wenn es mir schlecht ginge, eine Freundin bot mir eine Massage an, eine Mutter schenkte ihren Kindern vor Weihnachten „Erzählzeit“. Die Kinder werden sich an dieses Geschenk sicher länger errinnern als an jedes teure Spielzeug.

Eine solche Konsumbefreiungsbewegung in den reichen Schichten und Ländern des Nordens würde nicht nur die Umweltzerstörung bremsen und viele Menschen glücklicher machen, sie würde auch das Modell für den nachahmenden und nachholenden Konsum zerstören, das der Lebensstandard in den Industrieländern bisher für ärmere Menschen und Länder darstellt. Denn die Konsumgewohnheiten des Nordens werden in die Länder des Südens exportiert und von den dortigen Oberschichten nachgemacht. Das führt zu weiterer Abhängigkeit und Verschuldung, zum Verlust der kulturellen Identität und zu kolonialen Minderwertigkeitsgefühlen.3 Die Bemühungen vieler politischer Bewegungen im Süden um Eigenständigkeit und Erhaltung der Selbstversorgung könnten durch eine Konsumbefreiung im Norden unterstützt werden. Sie hätte auch nicht nur positive Rückwirkungen für die Umwelt und die Dritte Welt, sie müßte langfristig auch zu grundsätzlichen Veränderungen im Wirtschafts- und Gesellschaftssystem des Nordens führen.

Maria Mies

1 M. Max-Neef et al.: Human Scale Development – An Option for the Future, Development Dialogue, Cepaur 1989

2 Dagmar Steffen (Hrsg.): Welche Dinge braucht der Mensch? – Hintergründe, Folgen und Perspektiven der heutigen Alltagskultur, Anabas Verlag, Gießen 1995 [siehe Rabe Ralf 6/96, S. 22]

3 Maria Mies: Brauchen wir eine neue „Moral Economy“? in: Politische Ökologie, Sonderheft 6: Vorsorgendes Wirtschaften, München 1994

Der Text ist eine überarbeitete und gekürzte Fassung des Kapitels „Befreiung vom Konsum“ aus dem Band „Ökofeminismus – Beiträge zur Praxis und Theorie“, Zürich 1995. Eine erste Fassung wurde bei dem Symposium „Frauen und Kinder zuerst“ 1991 in Genf veröffentlicht.

„Die Befreiung vom Konsum“ ist auch der Titel einer 28seitigen Broschüre, in der die Autorin ihre Grundgedanken einer „Konsumbefreiungsbewegung“ darlegt. Bezug gegen 4 DM + Porto beim Ökodorf-Buchversand, 29416 Chüden.


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