Rezensionen

Aus DER RABE RALF August/September 2023, Seite 23/26/27

Immer nur rechts abbiegen

Autobahnen als Orte von Nationalismus, Moderne und Männlichkeit

Bundesverkehrsminister Volker Wissing macht immer wieder deutlich, dass er den Bau weiterer Autobahnen fortsetzen will. Dazu gehört auch die Stadtautobahn A100 in Berlin. Der FDP-Minister und Freund der Automobilindustrie beruft sich dabei auf Pläne aus den 1990ern und ignoriert die Klimadebatte der letzten Jahre. Der Bau neuer Autobahnen ist das ganz falsche Signal.

Doch es gibt auch historische Gründe, die für einen Kampf gegen Autobahnen sprechen. Diese hat der Kulturwissenschaftler Conrad Kunze von der FU Berlin in seinem Buch „Deutschland als Autobahn“ auf über 450 Seiten zusammengefasst. Der Untertitel „Eine Kulturgeschichte von Männlichkeit, Moderne und Nationalismus“ wird dem Buch gerecht. Kunze schöpft in seinem Buch aus seinen profunden Kenntnissen von Kunst, Literatur und Filmen, die sich mit dem Automobil befassen, und macht die LeserInnen mit wenig bekannten Texten aus Kulturgeschichte und Philosophie vertraut.

Begehrte Autos

Er bedient sich im Umgang mit Wissen und Wissenschaft der Methode des „Umherschweifens“, französisch dérive (Rabe Ralf April 2023, S. 7), entwickelt in den 1960er Jahren von den SituationistInnen, auf die sich Kunze im Buch positiv bezieht. Im Vorwort schreibt er: „Was dieses Buch anbietet, ist ein historisch vorantastendes Fragen, warum viele Menschen Autos so sehr begehren, dass sie lieber ihren Kindern und Enkeln einen ruinierten Planeten hinterlassen wollen, als Kleinigkeiten wie Rasen und SUV aufzugeben.“

Immer wieder unternimmt Kunze Exkurse zur Geschichte. Er wehrt sich vehement gegen alte und neue Totalitarismustheorien, in denen Hitlerdeutschland und die Sowjetunion in eins gesetzt werden. Gegen solche Gleichsetzung erhebt Kunze an verschiedenen Stellen in einer heute seltenen Klarheit Einspruch, ohne ein Parteigänger des autoritären Staatssozialismus zu sein. „Die Prämisse für eine Kritik der DDR, die frei wäre von einer Fortsetzung des Hitlerschen Antikommunismus, ist die bedingungslose Anerkennung ihrer Existenzberechtigung, resultierend aus Stalingrad, Buchenwald und Auschwitz. Von diesem und nur von diesem Punkt aus sollte die DDR in aller nötigen Schärfe kritisiert werden.“

Im Anschluss wird beschrieben, wie auch in der DDR ein Autobahnnetz gebaut und das Auto zum Maßstab für Wohlstand erhoben wurde. Allerdings weist Kunze darauf hin, dass es in der DDR-Nomenklatura aus unterschiedlichen Gründen auch immer wieder Kritik am Autobahnausbau gegeben hat, dass der Ausbau des Nahverkehrs Priorität hatte und auch ein Tempolimit auf den Autobahnen galt. Wie das Kapitel zur DDR zeichnen sich auch die übrigen Teile des Buches durch eine strenge Orientierung am Quellenmaterial aus.

Autobahn-Propaganda der NSDAP

Dabei lässt der Autor keinen Zweifel daran, dass das Projekt Autobahn nicht zufällig immer wieder mit Nazis verbunden wird. Als die ehemalige TV-Moderation Eva Herman 2007 in der Johannes-B.-Kerner-Show erklärte, die Nazis hätten immerhin die Autobahnen gebaut, auf denen heute alle fahren würden, wurde sie der Sendung verwiesen. Was von Herman als Provokation gemeint war, ist allerdings in der Sache richtig, wie Kunze nachweist. Er zeigt auf, dass der Autobahnbau in den 1930er Jahren in großen Teilen der Bevölkerung noch unbeliebt war. Nur sehr wenige Menschen konnten sich damals ein Auto überhaupt leisten. Dass die NSDAP 1933 die in den Schubladen von großen Autokonzernen liegenden Autobahnpläne aufgriff, sei auch ein Signal der Naziführung an die Kapitalfraktionen gewesen, dass sie unter ihrer Regierung gut bedient werden, so Kunze.

Schon früh habe es auch Spenden aus der fossilen Industrie an die NSDAP gegeben. Kunze verweist auf Fritz Thyssen, der mit dem Bekenntnis, „Ich bezahlte Hitler“ schon Anfang der 1940er Jahre bekannt wurde. Weniger bekannt sei, dass mit Ford und Shell auch führende Konzerne des nichtdeutschen fossilen Kapitals Förderer der Nazis gewesen seien. Damit hatten sie in die aus ihrer Sicht richtige Partei investiert. Denn die Nazis ließen nicht nur die deutschen Autobahnen bauen, sie machten ein unbeliebtes Projekt erst populär. Kunze zeigt hier viele kaum bekannte Beispiele aus Film, Roman und Fotografie. Selbst auf Streichholzschachteln wurde das Lob des Autobahnbaus angestimmt.

Kein Gedenkort für die Opfer

Schließlich hatte die NSDAP in ihr Programm auch das Lob von technischem Fortschritt und Geschwindigkeit geschrieben. Kunze verweist auf die theoretischen Bezüge zum Futurismus, einer künstlerischen Strömung, die Nationalismus und Antifeminismus mit einem Bekenntnis zu schnellen Autos und Geschwindigkeitsrausch verband. Einige Exponenten des Futurismus – es waren alles Männer – wurden frühe Anhänger von Hitler und Mussolini.

Kunze betont, dass man sich auch aus antifaschistischer Sicht kritisch mit den deutschen Autobahnen beschäftigen sollte. Er benennt im Buch die Opfer des Autobahnbaus. Es waren zunächst Arbeiter und Arbeiterinnen, die in den Anfangsjahren der NS-Zeit öfter gestreikt haben. Später wurde ein Großteil der Autobahnen in Zwangsarbeit errichtet. Viele Menschen kamen dabei um. Bis heute gibt es weder einen Gedenkort für sie noch wurde über Entschädigungszahlungen diskutiert. „Die meisten der Überlebenden oder ihre Verwandten haben den ihnen zustehenden Stundenlohn nie erhalten geschweige denn eine Entschädigung. Es ist höchste Zeit dafür“, befindet Kunze.

Aber auch der Kampf gegen weitere Autobahnen habe eine antifaschistische Komponente. Kunze erinnert daran, dass heutige rechte Bewegungen wie die AfD oder auch die Facebookgruppe „Fridays for Hubraum“ jeden Eingriff in den motorisierten Individualverkehr als Einschränkung ihrer Freiheitsrechte massiv bekämpfen und mit besonderem Hass Klimagruppen angreifen, die für kurze Zeit den Automobilverkehr unterbrechen. Sie knüpfen damit an alte und neue rechte Ideologien an. Umgekehrt ist der Kampf gegen weitere Autobahnen auch eine Absage an solche Ideologien.

Operation Beton

Kunze stellte sein Buch im Juli im Rahmen der Ausstellung „A100 – Operation Beton“ vor, die noch bis zum 24. September im Gutshof Schloss Britz zu sehen ist. Dort widmen sich die Künstlerinnen Christina Zück und Petra Kübert mit Fotos, Hörstationen und Videos dem aktuellen Weiterbau der A100 in Berlin. In den Hörstationen kommen Anwohnerinnen, Klimaaktivisten und Politikerinnen zu Wort, die beschreiben, was die A100 für sie bedeutet. Ein Video zeigt einen Drohnenflug über den 3,2 Kilometer langen neuen Bauabschnitt, begleitet von sakraler Musik mit eingesprochenen Texten unter anderem von Greta Thunberg.

Peter Nowak

Conrad Kunze:
Deutschland als Autobahn
Eine Kulturgeschichte von Männlichkeit, Moderne und Nationalismus
Transcript-Verlag, Bielefeld 2022
458 Seiten, 48 Euro
ISBN 978-3-8376-5943-6

Kostenloser Download: www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5943-6

Ausstellung „A 100 – Operation Beton“
bis 24.9. im Museum Neukölln,
Gutshof Britz, Alt-Britz 81,
tgl. 10-18 Uhr, Eintritt frei
26./27.8. Festival der Entschleunigung
2.9., 10 Uhr Baustellenbegehung
www.museum-neukoelln.de


Verbinden, nicht einfügen

Helmut Rüdigers Hauptwerk „Föderalismus“ ist historisch und aktuell

Eine sich „realistisch“ nennende Schule der Politikwissenschaft beschreibt die Weltunordnung als ewigen Kampf von Einzelstaaten und Imperien, die um Macht und Einfluss konkurrieren. Für Thomas Hobbes, den Urvater dieser Denkschule, ist der Staat ein Monster, das auch nach innen die Herrschaftsordnung durchsetzt. Angesichts des Krieges in der Ukraine müssen wir, so sagen uns nun Hobbes’ Enkel, alle Realisten werden. Wir sollen aus utopischen Träumen erwachen und den Albtraum als Realität akzeptieren.

Alle gegen alle

Wenn die beste aller möglichen Welten tatsächlich nur eine sein kann, in der sich mit Atomwaffen ausgestattete Monster gegenseitig an die Gurgel gehen, ist ein gutes Ende kaum vorstellbar. Wenn das Denken nur bis zu den eigenen Grenzen reicht, können Menschheitsaufgaben wie die Klimakatastrophe nicht bewältigt werden. Angesichts der Lage kann man sich als Einzelner nur machtlos fühlen. Allerdings waren es auch Einzelne, die Auswege aus dieser Sackgasse suchten. Einer davon war Helmut Rüdiger, dessen Hauptwerk „Föderalismus“ nun als Neuauflage vorliegt.

Ein freier Sachse

Rüdiger wurde 1903 in Frankenberg bei Chemnitz geboren und kam früh mit der Jugendbewegung und dem Anarchismus in Berührung. Er lernte zahlreiche prominente Anarchisten kennen und wurde Redakteur der Zeitung „Der Syndikalist“. 1932 ging er nach Spanien, wo er endgültig feststellte, dass nicht nur die Nazis, sondern auch die Stalinisten seine Todfeinde waren. Er floh ins schwedische Exil und blieb bis zu seinem Tod 1966 in syndikalistischen Gewerkschaften aktiv.

In seinen von Gustav Landauer inspirierten Schriften vertritt Rüdiger einen freiheitlichen Sozialismus, den er auch „Föderalismus“ nennt. Er versteht darunter nicht die Einteilung von Einzelstaaten in Bundesstaaten, sondern ein Wirtschafts- und Organisationsprinzip, dass sich jenseits von Staatlichkeit bildet. Pierre-Joseph Proudhon, dem in Rüdigers Buch eine zentrale Rolle zukommt, formuliert es so: „Das föderale System ist das Gegenteil der Hierarchie einer Regierungszentralisierung.“ Die Gesellschaft soll von unten nach oben aufgebaut werden. Statt zwischenstaatlicher Konkurrenz soll es nichtstaatliche Kooperation geben. Der Einzelne wird nicht entmündigt, aber gefordert. Er soll sich nicht einfügen, aber verbinden.

Kein weltfremder Utopismus

Rüdigers Buch will keine Geschichte des Föderalismus sein, ist aber ein historisches Handbuch, das auf Gegenwart und Zukunft zielt. Mit seiner Dichte und Textfülle ist es stellenweise etwas unübersichtlich, die fehlenden Seitenzahlen im Inhaltsverzeichnis – nur im Rezensionsexemplar? – sind dabei nicht gerade hilfreich. Herausgegeben wurde es von Hans Jürgen Degen, einem der besten Kenner des Nachkriegsanarchismus, der in Vor- und Nachwort Rüdiger ergänzt und manchen Fingerzeig gibt.

Aber ist das nicht alles weltfremder Utopismus, ein Rückzug ins Traumreich? Der französische Ökologe René Dumont hat einmal gesagt: „Wenn die Realisten heute sogar zugeben, dass sie uns in den Untergang führen, müssen wir Utopisten das Wort ergreifen.“ Rüdiger hat das Wort ergriffen, man hört ihm gerne zu.

Johann Thun

Helmut Rüdiger: Föderalismus
Beitrag zur Geschichte der Freiheit
Hrsg. von Hans Jürgen Degen
Edition AV, Bodenburg 2023
561 Seiten, 24,50 Euro
ISBN 978-3-86841-289-5


Action ohne Reue

Unterhaltsamer Thriller mit umweltpolitischem Hintergrund

„Wie man eine Pipeline in die Luft jagt“ war 2020 der Titel eines Sachbuchs des schwedischen Geografen und Ökosozialisten Andreas Malm. Der Inhalt wird allerdings der verbalmilitanten Überschrift nur bedingt gerecht. In dem Bestseller erörtert Malm philosophische Fragen von Gewalt und Militanz im Angesicht des Klimawandels. Wenn er dann den Kampf gegen den Naziterror im Warschauer Ghetto mit heutigen Klimaaktivist*innen vergleicht, leistet er auch noch einen Beitrag zur Relativierung des Vernichtungsantisemitismus.

Auf solche Irrwege begibt sich zum Glück der Film „How to Blow Up a Pipeline“ nicht, der sich von Malms Buch nur den Titel geliehen hat. Ansonsten bekommen wir über 100 Minuten spannungsreiche Unterhaltung mit politischem Hintergrund geboten. Wir begleiten eine Gruppe sehr unterschiedlicher Menschen, die für ein Wochenende aus ihrem Alltagsleben aussteigen und sich in ein verlassenes Haus in einer menschenleeren Gegend der USA begeben. Die Gruppe will eine Ölpipeline sprengen.

Keine Bekehrungsszene

Alles Private der Figuren wird zunächst im Film bewusst ausgespart. Erst im Laufe der Handlung werden die einzelnen Personen in ihrem sonstigen Leben vorgestellt. Zumindest in Ansätzen werden so auch die unterschiedlichen Beweggründe für ihren Ökoaktivismus deutlich. So erfahren wir in der Rückblende, dass die Mutter der Indigenen Xochitl bei einer Hitzewelle gestorben ist. Michael, der zunächst als ein besonders in sich gekehrter Mensch erscheint, was sich aber bald als Irrtum herausstellt, wächst in einer Gegend auf, in der die Umweltverschmutzung durch die Ölförderung weit fortgeschritten ist. Die Arbeit in einer der Umweltorganisationen, die das Treiben der Ölkonzerne nicht weiter beeinträchtigen, interessiert ihn nicht mehr. Dann ist da noch ein scheinbar typischer Cowboy, der Haus und Land verliert, weil er sich mit den Ölkonzernen anlegt, und so zum Militanten wird. Sie alle haben sich zusammengerauft und in dem durchaus kurzweiligen Film sehen wir bei ihrer militanten Aktion zu, die immer wieder zu scheitern droht.

Denn fast alles, was schiefgehen kann, geht schief, was bei einer so bunt zusammengesetzten Gruppe nicht verwunderlich ist. Der Film ist auch deswegen bemerkenswert, weil hier keine Szene auftaucht, wo die Militanten ihr frevelhaftes Tun erkennen und Abbitte leisten. Solche Szenen finden sich tatsächlich in einigen Filmen, die sich in den letzten Jahren mit militantem Ökoaktivismus befassten. Dass wir hier davon verschont bleiben, ist schon allein ein Lob wert. Dafür gibt es einige besonders klischeehafte Szenen, die für den Spannungsbogen durchaus entbehrlich gewesen wären. Auch die Art, wie das FBI in dem Film noch seinen Auftritt hat, führt beim Lob zu einigen Abstrichen. Doch es ist ja kein Propagandafilm, sondern ein Actionfilm mit politischem Hintergrund. Dafür kann der Film allemal durchgehen.

Peter Nowak

How to Blow Up a Pipeline
Regie: Daniel Goldhaber
USA 2022, 104 min
OmU, FSK 16
bereits im Kino

www.howtoblowupapipeline.film


Das bunte Nachhaltigkeitsbuch

Vielfältige Vorbilder und Orientierung für den sehr breiten Mainstream

Ein ungewöhnliches Buch über Nachhaltigkeit ist kürzlich erschienen, das der Verbreitung dieses Jahrhundertleitbildes einen neuen Schub geben könnte – gerade vor dem Hintergrund der zunehmenden Krisenphänomene. Herausgeber sind Stefan Schulze-Hausmann, Wissenschaftsjournalist und Initiator des Deutschen Nachhaltigkeitspreises, und Günther Bachmann, Umweltwissenschaftler, Autor und bis 2020 Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung. Bachmann war auch – einige Leser:innen werden sich erinnern – einige Jahre im Vorstand des Vereins Berlin 21 aktiv.

Bilanz und Anregungen

Ungewöhnlich ist, dass dieses Buch ein Non-Profit-Projekt der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis ist und damit der Preis relativ niedrig. Ungewöhnlich ist ebenso die grafische Aufmachung der 238 bunten Seiten, die Mischung aus unterschiedlichen Fotoformaten sowie sehr unterschiedlichen Textformaten: Originalbeiträge zu Einzelthemen, Interviews und Dialoge, hervorgehobene Zitate prominenter Persönlichkeiten und zahlreiche Selbstdarstellungen von Organisationen und Unternehmen. Ungewöhnlich ist schließlich auch, dass zur aufwändigen Gestaltung Abbildungen gehören, bei denen „Augmented Reality“ genutzt werden kann: Mit dem Smartphone lassen sich Filme und Animationen direkt über gekennzeichnetes Bildmaterial abrufen (was nicht immer klappt).

Anlass für die aufwändige Publikation ist das Jubiläum des Deutschen Nachhaltigkeitspreises, den es seit 15 Jahren gibt und der in den verschiedenen Kategorien jetzt zum 15. Mal vergeben worden ist. Die Satzungsziele der Stiftung sollten auch für die Gestaltung des Buches gelten: Wandel beschleunigen, Akteur:innen einbeziehen, Kooperationen fördern, Konsument:innen orientieren, Gründer:innen unterstützen, nachhaltig produzieren, Formate weiterentwickeln, Expertenwissen bündeln.

Auf das Vorwort folgen sechs thematische Abschnitte, darunter die vier Transformationsfelder Klima, Ressourcen, Natur und Gesellschaft. Einen interessanten Überblick über „Wegmarken und Meilensteine der Nachhaltigkeit“ gibt eine aufklappbare und klein bebilderte Vierfachseite. Hier lässt sich über die lange Tradition, die Vielfalt und leider auch über die Langsamkeit der Veränderungen staunen. Bemerkenswert ist, dass dort für 2023 erwähnt ist: „Die Energiepolitik organisiert LNG-Terminals“.

 „Wir brauchen Bürgernähe und klare Sprache“

Insgesamt kommt in dem Buch ein sehr breites gesellschaftliches Spektrum mit entsprechenden Persönlichkeiten zu Wort und Bild. Darunter sind Politiker, Wissenschaftlerinnen, Unternehmen, Bankerinnen, Medienschaffende, Künstler, Film- und Rockstars, Staatsoberhäupter, Könige und Prinzessinnen – für fast alle ist etwas dabei. Hier eine Auswahl in Form von Zitaten.

Der frühere Bundespräsident Horst Köhler proklamiert: „Dieser Planet und die Menschheit auf diesem Planeten sind in Gefahr, sich selber umzubringen, wenn wir die jetzigen umweltzerstörenden, klimaschädlichen Verhaltensweisen in Konsum oder Produktion fortsetzen. Wir leben in einem Boot – ob wir nun in Afrika leben, in Deutschland, in Asien. Haben wir dieses Bewusstsein, ergibt sich daraus auch eine politische Konsequenz.“ Auch der britische Prinz Charles, inzwischen König, warnt: „Wenn wir nicht gemeinsam schnell entschlossen und intelligent handeln, wird es, wie ich befürchte, zu spät sein. Vielleicht nicht für uns selbst, aber mit Sicherheit für unsere Kinder und Enkel. Ihnen ein so vergiftetes Erbe zu hinterlassen, wäre zweifellos eine unvorstellbare Alternative.“

Vor allem aber steht das Machbare, das nachhaltige Handeln, Produzieren, Konsumieren und Leben im Mittelpunkt. In manchen Texten wird es konkreter, so in dem Beitrag mit Eckart von Hirschhausen unter dem Titel „Gesunde Erde – gesunde Menschen: Ein Narrativ mit Lust auf Zukunft“. In den vielfältigen Beiträgen von Unternehmen und wirtschaftspolitischen Organisationen wird gelegentlich ihr innovatives Agieren genauer beschrieben. So beispielsweise von „Circular Valley“, das ausgehend von den transformatorischen Erfahrungen in der Rhein-Ruhr-Region die Konzeption und Durchführung von Elementen der Kreislaufwirtschaft unterstützt. Das Circular Valley „fördert Start-ups aus der ganzen Welt in seinem Accelerator-Programm. In den vergangenen eineinhalb Jahren waren bereits Gründerinnen und Gründer von mehr als 60 Unternehmen“ dabei, und zwar von allen Kontinenten.

Auch die hohe Politik kommt zu Wort. So schreibt Bundestagspräsidentin Bärbel Bas recht klar: „Wir Abgeordneten sind besonders gefordert, die Menschen von den Chancen dieser Transformation zu überzeugen und sie auf dem Weg mitzunehmen. Mit Bürgernähe und klarer Sprache.“ Das aktuelle Beispiel der Kontroversen über die Heizungsumstellung deutet darauf hin, dass Politik wie auch Medien hier noch sehr viel zu lernen haben.

Können als gelebter Optimismus

In einem abschließenden Kapitel werden Stationen der Entwicklung des Deutschen Nachhaltigkeitspreises und seine institutionelle Struktur beschrieben, die mitwirkenden Jurymitglieder und nicht zuletzt die Ausgezeichneten genannt – eine sehr eindrucksvolle Liste. Sie zeigt das Engagement auf, das über die Grenzen der harten Nachhaltigkeitsszene hinausreicht.

Im Vorwort wird das Motto ausgegeben: „Alarm ist angesagt, Apokalypse aber nicht.“ Und so kommen in dem Nachhaltigkeitsbuch diejenigen zu Wort, die sich den anspruchsvollen Aufgaben stellen und sie konkret und greifbar anpacken. „Und die sich fragen: Geht da nicht noch mehr?“ – schließlich sei „das Können der gelebte Optimismus“. Diese aktive, engagierte Haltung durchzieht das ganze Buch. Und das kann bei den unterschiedlichsten Leserinnen und Lesern aufgrund der Vielfalt der Beispiele und Persönlichkeiten vereinzelt Resonanz erzeugen, sie informieren, inspirieren, motivieren und aktivieren. Denn Transformation zur Nachhaltigkeit geht nicht per Knopfdruck und es gibt kein Patentrezept, sondern es bedarf eines sehr breiten Spektrums an Aktivitäten, Projekten, Initiativen, Geschäftsmodellen, sozialen Innovationen, politischen Maßnahmen und Strategien.

Das Buch lädt zum Durchblättern und Schmökern ein, ist leicht zugänglich und unaufdringlich. Es ist für all jene sehr sinnvoll, die die Aktionsformen von Letzter Generation, Ende Gelände oder Earth First (noch) nicht billigen und zu würdigen wissen. Und der subventionierte Preis birgt das Potenzial großer Verbreitung – das sei ihm gewünscht, denn „da geht noch mehr“.

Edgar Göll

Stefan Schulze-Hausmann, Günther Bachmann (Hrsg.):
Das Nachhaltigkeitsbuch
Stiftung DNP, Düsseldorf 2023
238 Seiten, 17,12 Euro
ISBN 978-3-00-074741-0

www.nachhaltigkeitspreis.de/buch

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