Rezensionen

Aus DER RABE RALF April/Mai 2024, Seite 26/27

Fortschritt für alle

Endlich liegen weitere Texte des radikaldemokratischen Ökologen Élisée Reclus auf Deutsch vor

Manchmal gehen Wünsche in Erfüllung. Klagten wir vor zwei Jahren in unserem Reclus-Porträt (Rabe Ralf April 2022, S. 21) noch darüber, dass „momentan nur wenige Übersetzungen des Autors in Deutschland lieferbar sind“, hat der wunderbare Verlag Matthes & Seitz Berlin nun einen kleinen Band vorgelegt, der immerhin drei Texte des freiheitlichen Geografen enthält.

Ein guter Einstieg

Die Herausgeber Andreas Gehrlach und Stephan Zandt, die am Institut für Kulturwissenschaft der Berliner Humboldt-Universität forschen, haben dem Band den etwas großspurigen Untertitel „Politische Schriften“ gegeben. Das ist deshalb übertrieben, weil die drei Texte zwar tatsächlich politische Themen behandeln, aber nur einen kleinen Einblick in das Werk des Vielschreibers Reclus bieten können. Doch seien wir nicht undankbar, die Textauswahl ist hervorragend.

Man kann den Herausgebern auch dafür danken, dass sie dem Ganzen ein knappes Vorwort vorangestellt haben, das auf pseudoakademisches Geschwafel verzichtet und in klarer Sprache in Leben und Werk des Autors einführt. Damit stehen sie ganz in der Tradition Reclus‘, der zwar ein Universalgelehrter, aber alles andere als ein dünkelhafter Elfenbeinturmbewohner war.

Nicht wie, sondern was

Gerade weil der weit gereiste Franzose auch als Ethnologe über nichteuropäische Völker geschrieben hat, weisen die Herausgeber darauf hin, dass der 1905 verstorbene Reclus stellenweise Begriffe verwendet, die heute problematisch sind. Die unschönsten Worte konnten in der Übersetzung ersetzt werden, ohne dass, liebe tapfere Verteidiger der deutschen Sprache, hier irgendetwas verloren geht.

Gehrlach und Zandt schreiben zu Recht, dass Reclus gelegentlich „das Richtige in den falschen Worten sagt“. Wer aber glaubt, ihm Rassismus oder Sexismus unterstellen zu können, ist bei der Lektüre nur bis zum ersten fehlenden Genderstern gekommen.

Freundlicher Radikalismus

Während die Lektüre des ersten Textes, der den „modernen Staat“ behandelt, aufgrund zahlreicher, stellenweise antiquierter Quellen lohnenswert, aber mühsam ist, ist der mit „Der Fortschritt“ überschriebene Essay der vielleicht interessanteste Beitrag des Bandes.

Der Autor ist hier insofern ein Kind seiner Zeit, weil er an einem – auch technisch grundierten – Zukunftsoptimismus festhält. Allerdings hat er als früher Ökologe und konsequenter Demokrat dabei auch die Natur und die Nichteuropäer im Blick. Echten Fortschritt kann es nur für alle geben.

Reclus begegnet uns als ein radikaler Denker, der aus einer profunden Buch- und Weltkenntnis schöpft. Er ist dabei ohne Naivität humanistisch und ohne Gehässigkeit rebellisch. In einer Zeit, in der Herrschaftskritik mit Hass auf Personen und Aufklärung mit Geschwurbel verwechselt wird, brauchen wir ihn als Zeitgenossen.

Johann Thun

Élisée Reclus:
Staat, Fortschritt, Anarchie
Hrsg. von Andreas Gehrlach und Stephan Zandt, übersetzt von Rainer G. Schmidt
Matthes & Seitz, Berlin 2024
173 Seiten, 15 Euro
ISBN 978-3-7518-3003-3


Antimilitaristische Perspektive

Streitschrift gegen neuen deutschen Nationalismus

Deutschland soll wieder kriegsfähig werden, fordern politisch Verantwortliche von Union, FDP, Grünen und SPD. Der russische Angriff auf die Ukraine hat diese Entwicklung beschleunigt, aber nicht ausgelöst. Darauf weist Gerald Grüneklee in seiner gut lesbaren Streitschrift hin. Der Titel „Nur Lumpen werden überleben“ bezieht sich auf das Gerede vom „Lumpenpazifismus“, mit dem Linksliberale wie Sascha Lobo Menschen und Gruppen, die nicht kriegsbereit waren und sind, diffamierten.

Grüneklee zeichnet in seinem Buch die lange reaktionäre Tradition nach, missliebige Menschen als „Lumpen“ auszugrenzen. Doch er sieht den Begriff als Auszeichnung. „Die Begriffsherkunft des ‚Lumpen‘ verweist aber auch auf Menschen, die ihren eigenen Kodex hatten, ihre Überlebensstrategien – und die über beachtliche Widerstandskräfte verfügten, die sie jahrhundertelang recht resilient gegenüber staatlichen Zugriffen und Zwangsdiensten machten.“ Der Autor macht auch klar, was das heute bedeutet: „In diesem erweiterten Sinne verstehe ich den Lumpen-Begriff, beinhaltend die von der Gesellschaft Ver- und Ausgestoßenen, die An-den-Rand-Gedrängten, die Überflüssigen und jene, die sich aus unterschiedlichen Gründen dem Zugriff von Staat und Herrschaft so gut wie möglich zu entziehen versuchten.“

Zwischen Angriffskrieg und Neoliberalismus

Es ist zu hoffen, dass es auch im Deutschland des Jahres 2024 noch viele kritische Menschen gibt. Sie könnten durch Grüneklees Streitschrift gute Argumente bekommen. Die kurzen Kapitel werfen Schlaglichter auf den aktuellen deutschen Nationalismus, der mit Begriffen wie Wehrhaftigkeit und Kriegstüchtigkeit um sich wirft. Zur Sprache kommen die Profiteure des Krieges wie der Rheinmetall-Konzern, dessen Aktien seit zwei Jahren im Dauerhoch stehen.

Grüneklee beschreibt auch, wie der Krieg die Klimakrise verschärft, und wirft ein Schlaglicht auf die Ukraine als Labor des Neoliberalismus. Auf die rechte Traditionspflege in dem Land geht er ebenso ein wie auf die libertären ukrainischen Traditionen. Schließlich ist der Autor ein Kenner der Machnobewegung (Rabe Ralf Oktober 2022, S. 22).

Es ist gut, dass Grüneklee in einem eigenen Kapitel auch auf die Rechten in Russland eingeht. Paradox ist, dass ein Libertärer wie er sich vorwerfen lassen muss, das autoritäre Putin-Regime zu verteidigen. Seine Kritik an Nato, EU und ukrainischer Regierung mache „einen Angriffskrieg – nicht nur den Putins – nicht minder verabscheuungswürdig“, erwidert Grüneklee und fügt hinzu: „Man muss dieses Missverstehenwollen als Machtdiskurs deuten: Es gibt eine vorherrschende Meinung, damit eine Deutungshoheit. Wer sich dieser Deutungshoheit nicht beugen will, sieht sich allen möglichen und unmöglichen Vorwürfen ausgesetzt, die das Ziel haben, einen auf jeden Fall zu diskreditieren und auszugrenzen“, so der Autor.

Erfreulich, dass sich Grüneklee davon nicht beeindrucken lässt. Schließlich ist die Diskreditierung von Menschen, die gegen alle Kriege sind, ein Kennzeichen jedes Militarismus und Nationalismus.

Peter Nowak

Gerald Grüneklee:
Nur Lumpen werden überleben
Die Ukraine, der Krieg und die antimilitaristische Perspektive
Mandelbaum-Verlag, Wien 2024
166 Seiten, 15 Euro
ISBN 978-3-99136-509-9


Mensch und Natur – ein Widerspruch?

Der Mensch darf sich nicht länger als Herr und Eigentümer der Natur sehen, schreibt Simone Böcker

„Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“ Ist dem so? Betrachtet man die Nachteile, die ein rigoroser Eingriff in die Natur mit sich bringt, dann schon. Wir Menschen fügen der Natur immer größere Schmerzen zu. Und das bekommen wir auch zurück. Aber vor allem die kommenden Generationen werden unter den Konsequenzen von unserem Tun und Lassen zu leiden haben.

Simone Böckers Buch ist wie ein Appell. Es handelt davon, wie die Natur früher wild vor sich hin geblüht hat und Millionen von Tier- und Pflanzenarten ein Zuhause gab. Wie sie nach und nach von Menschen geformt und verformt wurde. Wie der Mensch anfing, über die Natur zu herrschen.

Schon im Prolog vergleicht Böcker die Natur mit der Kunst, die bekanntlich aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden kann. Dabei sieht sie die Natur als etwas, das man nicht zähmen oder bändigen kann. Bedenkt man nun, dass der Mensch seit Langem versucht, genau dies zu erreichen – die Natur unter seine Fittiche zu kriegen und sie zu bändigen –, dann scheint etwas gewaltig schiefzulaufen.

„Der Wald stirbt stetig und wird stetig neu geboren“

Die Menschen scheinen den Draht zur Natur verloren zu haben. Früher wurde die Natur romantisiert und in vielen Gedichten als eine Art Freund dargestellt. Wie etwas oder jemand, der eine Seele besitzt. Da fragt man sich, wie sich der Mensch der Natur so sehr entfremden konnte. Für viele scheint die Natur bloß noch eine Rohstoffquelle zu sein oder ein Ort, der ihnen Nahrung und eine schöne Aussicht bietet. Dass ihr Verhalten Konsequenzen für die Pflanzen- und Tierwelt hat, scheinen sie außer Acht zu lassen.

Noch entscheidender ist: Die Menschen sind dafür verantwortlich, dass es mittlerweile große Lücken im Kreislauf der Natur gibt. Böcker erwähnt, dass durch uns Menschen allein in den letzten 50 Jahren die Hälfte der Wildtiere verschwunden ist. Noch unklar ist, wann der Mensch anfing, die Natur zu seinem Eigen zu machen, hierbei wird des Öfteren der Anfang der Industrialisierung als Anschlagspunkt genommen.

Böcker berichtet vom letzten verbliebenen Urwald Europas, bei dem das Ökosystem noch intakt ist. Der Białowieża-Urwald an der Grenze zwischen Polen und Weißrussland beherbergt rund 12.000 Tierarten und mindestens 9000 Pflanzen- und Pilzarten, von denen noch nicht alle erforscht sind. Die Vielfalt des Urwaldes sorgt für ein komplexes, reiches, wildes ökologisches Netzwerk.

Die Natur wird gezähmt

Die Autorin erzählt von den grausamen Taten der Menschen gegenüber der Natur und davon, wie der Mensch ab dem 18. Jahrhundert begann, seine Grenzen zu überschreiten. Sie beklagt, dass der Hunger nach Macht in den Menschen nicht nachlässt und sie sich selbst schaden. Die meisten Wälder und Landschaften, die wir heutzutage zu Gesicht bekommen, sind nicht einmal mehr Kulturlandschaften, sondern industriell verwertbare Flächen, die der Mensch nach seinen kurzsichtigen Interessen zugerichtet hat.

Ein Grund könnte sein, dass der Mensch in Dingen, die ihm fremd sind, stets Gefahr sieht. „Der unerschütterliche Glaube an Wissenschaft und Fortschritt ging einher mit der Idee, dass die Natur dem Menschen Feind sei, die es zu zähmen, fesseln, unterwerfen und erobern galt“, schreibt Böcker etwas holprig. Das Problem sei hierbei die enorme Geschwindigkeit, mit der die Menschen die vielen Schäden anrichten. Die Natur bekommt nicht die Zeit und Ruhe, um sich zu erholen und wieder wild zu wachsen.

Böcker beschreibt, was das Zerstören und Verschwindenlassen der Natur für uns und die Tiere für Folgen hat. Diese sind bereits zu spüren, denn die vielen Lücken im Kreislaufsystem zeigen deutlich, dass das Verschwinden von Tierarten eine große Spur hinterlässt. Die Kreisläufe können sich nicht mehr schließen.

Simone Böcker spricht Themen an, die sehr aktuell sind. Themen, die uns alle und auch die kommenden Generationen betreffen. Themen, die zurzeit das Leben vieler auf den Kopf stellen und viele dazu treiben, auf den Straßen zu demonstrieren und Einsatz zu zeigen: für uns, die Tiere, die Natur und für eine sichere Zukunft.

Vertrauen – die Lösung?

Was könnten nun Lösungen sein? Gleich zu Beginn erläutert Böcker den Begriff Rewilding und die Idee dahinter. Es geht darum, der Natur ihren „unvorhergesehenen“ und „unkontrollierten“ Platz wiederzugeben, auf natürliche Prozesse zu vertrauen und zuzusehen, wie die Natur wieder wächst, wie der Artenreichtum zurückkehrt und sich die Lücken im Kreislaufsystem wieder schließen. Konkrete Beispiele sind die Wiederansiedlung von Raubtieren und anderen „Schlüsselarten“ oder der Rückbau von Deichen, um Flüssen wieder mehr Raum zu geben.

Das mag sich simpel anhören, doch die Umsetzung scheint schwer zu sein. Denn Kontrolle abzugeben, erfordert Vertrauen. Besonders damit scheint der Mensch zu hadern. Denn wie Böcker mehrfach anmerkt, verhalten wir uns nicht mehr wie ein Teil der Natur. Wir sind der Natur kein Freund.

Um das Projekt „Rewilding“ ins Laufen zu bringen, müssten wir unsere Beziehung zur Natur wiederherstellen. Denn unser derzeitiger Lebensstil ist einzig und allein auf uns selbst fokussiert. Da scheint es keinen Raum zu geben für Koexistenz, für friedliche Formen des Zusammenlebens. Schaut man sich an, wie wir Menschen mit anderen Tierarten und der Natur umgehen, kann von friedlich nicht die Rede sein. Dieser Lebensstil sollte hinterfragt werden.

Wir müssen lernen zu vertrauen, denn die Natur ist imstande, einen Artenreichtum zu erschaffen, wie das die Menschen niemals könnten, schreibt Böcker. „Der Klimawandel ist ein Signal, dass sich die Welt nicht sagen lässt, was sie zu tun hat“, zitiert die Autorin den nigerianischen Philosophen und Aktivisten Bayo Akomolafe.

Komma, Komma und …

Anzumerken ist, dass Böcker dazu neigt, wichtige Informationen langweilig zu verpacken. Ihr Schreibstil beinhaltet viele Aufzählungen, die nicht nur hin und wieder, sondern durchgehend auftauchen. Diese Störfaktoren unterbrechen den Lesefluss, und man fragt sich als Leserin immer wieder, wann die Aufzählung aufhört. Lediglich an einigen Stellen ist das wichtig, wenn es beispielsweise darum geht, was für Tiere bedroht sind.

Böcker hat es dennoch geschafft, mich als Leserin zum Nachdenken anzuregen. Erwähnenswert ist auch, dass die Autorin die Natur als ein Ganzes betrachtet und darstellt. Ihre Besorgnis, die sie immer wieder schildert, ist begründet. Würden sich alle so um die Natur sorgen, müssten wir vermutlich nicht um die Zukunft der kommenden Generationen trauern. Denn sie sind es, die das meiste abbekommen und zu spüren kriegen.

Vielen ist das Ausmaß dessen, was sie anrichten, nicht bewusst. Wir sind jetzt schon überfordert mit den bisherigen Konsequenzen, die unser Verhalten herbeigeführt hat. Wollen wir, dass unsere Kinder und die kommenden Generationen in so einer Welt leben? Wir können den Klimawandel nicht mehr stoppen. Was wir aber tun können, ist, wie auch Böcker in ihrem Werk mehrfach betont: nicht noch mehr Schaden anrichten und der Natur den Raum und die Zeit geben, wieder zu wachsen, zu heilen und die Vielfalt zurückzubringen. Wir müssen auf die Natur vertrauen und sie nicht nur als bloße Ressource sehen.

Shirin Shanibaqi

Simone Böcker: Rewilding
Auf der Suche nach einem Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur
Aufbau Verlag, Berlin 2023
256 Seiten, 24 Euro
ISBN 978-3-351-04183-0

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