Rezensionen

Aus DER RABE RALF Oktober/November 2022, Seiten 22/23, 26/27

Alarmstufe Rot

Unser Denken und Handeln muss radikaler werden, sagt Mojib Latif, sonst fliegt uns der Planet um die Ohren

„Code Red“ – „Alarmstufe Rot“. So beschreibt der Weltklimarat IPCC in seinem jüngsten, nunmehr schon sechsten Sachstandsbericht die Situation. Passend dazu hat der Klimawissenschaftler Mojib Latif ein neues Buch veröffentlicht: „Countdown. Unsere Zeit läuft ab – was wir der Klimakatastrophe noch entgegensetzen können“.

Der Kieler Professor nimmt kein Blatt vor den Mund und spricht viele unbequeme Wahrheiten aus, die man in seinem letzten Buch „Heißzeit“ noch vermisst hat (Rabe Ralf Oktober 2020, S. 23). Alles in allem eine gute Überblicksdarstellung, die im derzeitigen Kommunikations-Chaos Prioritäten setzt und Orientierung gibt – und klar macht, worum es wirklich geht, nämlich um die Verhinderung der Klimakatastrophe. Wer mitreden will beim Überlebensthema Klima, sollte dieses Buch gelesen haben.

Kohlendioxid und die menschlichen Grenzen

Latif sieht die Menschheit am Abgrund und sich selbst zwischen Hoffnung und apokalyptischen Befürchtungen. „Wir scheinen die Dramatik des Klimawandels immer noch nicht zu erkennen.“ Er verweist auf die Grenzen der Vorhersagbarkeit, der Anpassung und der Finanzierbarkeit und sieht unkalkulierbare Risiken. Er sieht seit Jahren keinerlei Fortschritte bei den Klimakonferenzen und fragt: Was muss eigentlich noch passieren, damit die Staatengemeinschaft endlich ernsthaft versucht, die Erderhitzung zu begrenzen? „Wir müssen in unserem Denken und Handeln viel radikaler werden“, schlussfolgert er. „Sonst wird uns der Planet um die Ohren fliegen.“

Die spekulativen Annahmen, auf denen die derzeitige „Klimapolitik“ beruht, werden durch zahlreiche Aussagen des Buches in Frage gestellt. Die Abschnitte zu drohenden Kipppunkten, schwindenden CO₂-Senken und schöngerechneten CO₂-Budgets oder zu den Spekulationen über „CO₂-Rückholung“ im großen Stil sind informativ und erhellend, auch wenn manche Formulierung der Dramatik der Entwicklungen noch nicht gerecht wird. Immerhin wird deutlich gesagt, dass Deutschland sein CO₂-Restbudget bei gleichbleibenden Emissionen bereits in 10 Jahren ausgeschöpft haben wird. Eine Tatsache, die in allen klimapolitischen Debatten und Planungen einfach ignoriert wird.

„Kulturelle Revolution“

Die Welt ist durch individuelles Wohlverhalten allein nicht zu retten, es bedarf „systemischer“ Veränderungen, meint Latif. „Wir müssen die Welt komplett umbauen und das fossile Zeitalter schnellstens hinter uns lassen, wenn wir eine Überhitzung der Erde noch vermeiden wollen“, stellt er klar. „Die Gewinnmaximierung um jeden Preis, ob zu Lasten der Umwelt oder des Staates (also des Steuerzahlers) ist asozial. Die Übernahme von Verantwortung durch das gerechte Teilen von Vermögen und Gewinnen gehört unbedingt zu der nötigen kulturellen Revolution“ – wobei hierzu wohl eine politische Revolution nötig sein dürfte.

Jürgen Tallig

Mojib Latif: Countdown
Unsere Zeit läuft ab – was wir der Klimakatastrophe noch entgegensetzen können
Herder, Freiburg 2022
224 Seiten, 22 Euro
ISBN 978-3-451-39271-9


Wenn der Staat das Gute befiehlt

Nikolaus Dimmel und Alfred Noll fordern und fürchten den „Öko-Leviathan“

So manch engagierter Umweltaktivist ist schon als „Ökofaschist“ beschimpft worden. Andere werden zumindest verdächtigt, Anhänger eines rigiden Verbotsstaates zu sein. Die Kritik kommt dabei meistens von Menschen, die die Freiheit des täglichen Fleischkonsums und das Menschenrecht auf Vielfliegen tapfer verteidigen.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es tatsächlich eine totalitäre Versuchung gibt, der, angesichts von politischer und gesellschaftlicher Tatenlosigkeit, auch Ökos hin und wieder erliegen. So schrieb der DDR-Dissident und Ökosozialist Rudolf Bahro, das Volk rufe im Grunde nach einem „grünen Adolf“, und der DDR-Philosoph Wolfgang Harich glaubte, dass nur ein kommunistischer Weltstaat mit weitreichender Machtbefugnis die Menschheit zu einem nachhaltigen Leben führen könne.

Nikolaus Dimmel und Alfred Noll haben eine Streitschrift vorgelegt, die in eine ähnliche Richtung zu gehen scheint. Unklar bleibt allerdings, ob die beiden Hochschullehrer der Rechts- und Politikwissenschaften darin den Öko-Durchsetzungsstaat einfordern oder vor ihm warnen.

Zahnloser Leviathan

1993 veröffentlichte der Feuilleton-Dichter Hans Magnus Enzensberger seinen Essay „Aussichten auf den Bürgerkrieg“, in dem er das Ende des „regulierten Krieges“ verkündet und den weltweiten Kampf aller gegen aller vorhersagt. Enzensberger bezieht sich wiederum auf den Philosophen Thomas Hobbes, der sich im 17. Jahrhundert, geprägt vom englischen Bürgerkrieg, einen Frieden nur unter einem allmächtigen Staat („Leviathan“) vorstellen konnte. Der von Dimmel und Noll gewählte Buchtitel spielt also gleichzeitig auf Enzensberger und Hobbes an. Was für Letzteren der Bürgerkrieg war, ist für die beiden Österreicher die Corona- und die Klimakrise.

Die Pandemie habe gezeigt, so das Autoren-Duo, dass der sich liberal nennende, aber in Wahrheit nur wirtschaftsliberal agierende Staat gescheitert sei. Während es Ländern mit einer „autoritären Variante des Kapitalismus“ wie Südkorea, Taiwan, Japan oder China gelungen sei, die Pandemie frühzeitig einzudämmen, habe man im Westen alles dem Markt überlassen und sich in der Politik damit begnügt „Staat zu spielen“.

„Der Markt tat das“, diagnostizieren die Autoren, „was er immer tut: er versagte. Lieferte falsch, zu spät oder gar nicht, ermöglichte Hasardeuren und Polit-Gangstern Geschäfte und Provisionen mit illegalen Produkten, falschen Masken, Vakzinen ohne Herkunftsnachweis.“ Dem Souverän sei nur eine medial inszenierte Politik des Spektakels geboten worden, nötig gewesen „wäre ein starker, klare Regeln effektiv anwendender und durchsetzender Staat“. Am Ende (es ist nicht vorbei) habe die Pandemie vor allem zu einer Umverteilung von unten nach oben geführt: Großunternehmen konnten ihre Gewinne maximieren, kleine Betriebe und Organisationen meldeten Insolvenz an. Die Gesellschaft stand – auf Abstand – ratlos daneben und spendete Kassiererinnen und Krankenschwestern Applaus.

Von der Corona- zur Klimakrise

Dass mehr als ein Zusammenhang zwischen der Corona- und der Klimakrise besteht, bemerken die Autoren völlig zu Recht: „Covid-19 ist Widerspiegelung, Ausdruck und Ergebnis jener Wirkkräfte und Triebfedern, welche zugleich auch die Klimakatastrophe erzeugt haben“ – also industrielle Landwirtschaft, Vernichtung von Rückzugsräumen für Wildtiere, globale Handelsketten. Auch in der Klimakrise agiere der liberale Staat hilflos. Obwohl im Grunde „uns allen“ bewusst sei, dass „der Klimawandel als Katastrophe stattfindet und fortschreitet“, komme auch in der Gesellschaft „keine kritische Masse zustande, um das zu tun, was doch alle Einzelnen als notwendig erachten“. Die notwendige ökosoziale Wende, die erforderlich ist, um einen Kollaps der Biosphäre zu verhindern, könne man, wie Dimmel und Noll schlussfolgern, nur noch von einem global agierenden „Öko-Leviathan“ oder „Climate Leviathan“ erwarten: „ein starker, direktiver, und ja: autoritär agierender Staat, welcher den vermeintlichen wirtschaftlichen Freiheiten des Produzierens und Konsumierens Schranken setzt.“

Die Autoren scheinen vor ihrer Forderung jedoch selbst zu erschrecken. Beinahe beruhigt geben sie einige Seiten später zu, dass die politischen Eliten der Nationalstaaten „den Teufel tun werden und ihre Macht an eine supranationale Entität übertragen“. Weiterhin sei es die Gretchenfrage, „welcher demokratischen Legitimität sich dieser Staat verpflichten würde“, denn, „solange sich die Unmündigen aller Couleur der stattfindenden Katastrophe nicht bewusst werden“, könne man von „der postulierten Weltherrschaft eines vernünftigen Öko-Leviathan bloß träumen“.

Die Frage der Gewalt

Besonders interessant wird es, wenn sich Dimmel und Noll zur Gewaltfrage äußern. Obwohl sie sich gegen jeglichen „Öko-Terrorismus“ aussprechen, verfallen sie gelegentlich einem RAF-Sound: „Wir reden keiner Gewalt gegen Personen das Wort. Aber wir reden mit offenem Visier einer Gewalt gegen Verhältnisse, Dinge und Ansprüche das Wort.“ Da sie aber Österreicher und keine Deutschen sind, hilft ihnen die Ironie aus dem selbstgerechten Rigorismus wieder heraus: „Wir hüten uns als über 60-Jährige, guten Gewissens der interpersonellen Gewalt das Wort zu reden; höchstens dann, wenn es wirklich nur noch darum geht, mit Anstand kaputtzugehen. Interpersonelle Gewalt ist beinahe durchgängig Ausdruck monomaner Diskurslosigkeit.“ Sympathisch ist auch die Forderung, sich als „Machtlose“, dem „Verfügungsanspruch der Gewalttäter gegenüber der Natur zu verweigern“ und die Mächtigen „zu blockieren, ihren Lebensstil zu ächten, sie gesellschaftlich zu isolieren“.

Dimmel und Noll geben sich durchweg radikal und verachten alle „sich konsensfähig gebenden Gänseblümchen-RednerInnen“. Das könnte man ihnen vielleicht noch durchgehen lassen, aber ärgerlich wird es, wenn sie über die Naivität der „halb gemütlichen, halb esoterischen Forderungen nach Achtsamkeit, Solidarität und Kooperation, Entschleunigung, Zeitwohlstand und Konvivialität“ spotten, mit denen sich die „Freunde des Urban-Gardening und des Dritte-Welt-Ladens begnügen wollen.“ Es stimmt zwar, dass es in den beschriebenen Milieus Menschen gibt, die glauben, dass die Katastrophe durch den Rückzug in den privaten Wirkungskreis aufgehalten werden kann, und dabei übersehen, dass sich „die Mechanismen der Kapitalakkumulation hinter ihrem Rücken durchsetzen“, aber trotzdem wird hier das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

Gerade weil der Staat im Großen zu scheitern droht, kann es unter, neben und abseits von ihm nicht genug soziale Experimente und Reallabore einer vielleicht verallgemeinerbaren Lebensweise geben. Diese Versuche sind, wie Gustav Landauer es ausdrückte, immerhin „Anfänge“. Schließlich geben die Autoren selbst zu, dass ein „Climate-X-Szenario einer friedlich-demokratischen Entwicklung vor allem auf regional-lokaler Ebene über politische und institutionelle Grenzen hinweg entlang der Gebote von Vernunft und Nachhaltigkeit, wie dies indigene Völker in Kanada tun“ möglich ist. Der Leser atmet noch einmal auf, wenn die radikalen Revolutions-Rentner bekennen: „Ohne die Institutionalisierung neuer partizipativer Mechanismen der Mitsprache bei allen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen wollen wir keine Zukunft.“

Wird Papa Staat es richten?

Dimmels und Nolls Polemik ist über weite Strecken glänzend geschrieben, viele Sätze streicht man sich an („Die Zukunft wird zur Müllhalde der Gegenwart“). Hin und wieder verlieren sich die Autoren in einem marxistischen Jargon oder betreiben zu viel „Namedropping“.

Alles in allem erfüllt die Streitschrift ihr Ziel: Sie sorgt für Streit, wie die abgedruckte Replik aus der Feder Ulrich Brands beweist. Der Politikprofessor lobt den Text als überzeugende Gegenwartsanalyse, bleibt aber bei den Lösungsvorschlägen skeptisch. Obwohl auch für ihn kein „revolutionäres Subjekt“ in Sicht ist, will er weiterhin auf den politischen Druck von unten und eine ökosoziale Staatsübernahme hoffen.

Würde das zu einem Öko-Leviathan mit menschlichem Antlitz führen? Aus weiter Ferne warnt Altmeister Bakunin: „Selbst wenn der Staat das Gute befiehlt, er beschmutzt es, weil jeder Befehl die Empörung der Freiheit herausfordert, weil das Gute, wenn es befohlen wird, das Übel wird. Die Freiheit, die Sittlichkeit und Würde des Menschen bestehen gerade darin, dass er das Gute tut, nicht weil es ihm befohlen wird, sondern weil er es begreift, weil er es will und liebt.“

Johann Thun

Nikolaus Dimmel, Alfred Noll:
Aussichten auf den Öko-Leviathan?
Eine Polemik
Bahoe Books, Wien 2021
104 Seiten, 14 Euro
ISBN 978-3903290648


Grüne, Braune, Rote

Mit Blick auf Gegenwart und Zukunft erforscht Jost Hermand die Ursprünge der Öko-Bewegung

Der 1930 geborene und 2021 verstorbene Germanist und Kulturwissenschaftler Jost Hermand galt in seiner Zunft wahlweise als Enfant terrible oder als ideologisches Fossil. Da ihn zu seinen Lebzeiten weder die DDR noch die BRD als Professor beschäftigen wollte, ging der überzeugte Linke an die Universität Madison in den USA.

Während sich die meisten seiner Kollegen der Postmoderne hingaben und möglichst komplizierte Texte produzierten, hielt er hartnäckig an einem Literatur- und Kunstwissenschaftsverständnis fest, dass die untersuchten Objekte auf die gesellschaftlichen Umstände bezieht, in denen sie entstanden sind. Leserlich blieb er dabei immer. Am Kunstwerk interessierte Hermand vor allem das in ihm schlummernde utopische Potenzial. Kein Wunder also, dass er sich schon früh für das Problem der Mensch-Natur-Beziehung interessierte und zu einem Historiker des Umweltschutzgedankens wurde.

Grüne Geisteswissenschaft

Bereits 1991 legte Hermand einen Band über „Grüne Utopien in Deutschland“ vor, 1997 folgte das Buch „Ökologische Dringlichkeitspostulate in den Kultur- und Geisteswissenschaften“. 2016 erschien eine Studie über Goethes Naturverständnis und 2020 die vorliegende Textsammlung „Brennpunkt Ökologie“.

Die hier abgedruckten Aufsätze und Reden bieten einen guten Querschnitt durch das Forschungsfeld. Die Spurensuche reicht vom Aufkeimen des ökologischen Bewusstseins im späten 18. Jahrhundert bis zum Umweltgedanken bei graswurzeligen Linken und braunwurzeligen Nazis. Hermand macht dabei immer mehr als deutlich, wo seine eigenen Sympathien liegen. Es geht ihm nie um ein rein ideengeschichtliches Eigeninteresse, sondern um die uns alle betreffenden Gegenwarts- und Zukunftsfragen.

Auf alten Pfaden träumen

Obwohl Hermand die ökologische Bewegung als buntes Feld beschreibt, führt ihn seine eigene ideologische Prägung stets auf die alten dogmatischen Pfade zurück. Ausgerechnet ein Text über „Nazifaschistische Zukunftskonzepte“ zeigt, dass die Träume des Autors immer nur bis zur nächsten Staatsgrenze reichen: „Niemand dürfte daher auf den Traum eines anderen, besseren, sowohl gemeinschaftsbetonten als auch naturerhaltenden Staats verzichten. Ein solcher Traum ist einer der wenigen Hebel, den wir noch haben, um eine eventuelle Wende herbeizuführen. Dass der Nazifaschismus diese Vision korrumpiert hat, bedeutet nicht, dass ein solcher Traum keine Geltung mehr hat.“

Wie immer findet sich bei Hermand Zugespitztes neben Holzschnittartigem, kunstvoll geschliffene Sätze wechseln sich mit Holzhammerargumenten ab. Ein Gewinn erzielt man aus der Lektüre trotzdem, denn Hermand weist kenntnisreich auf Wege hin, die man auch beschreiten kann, ohne dem Autor zu folgen.

Johann Thun

Jost Hermand:
Brennpunkt Ökologie
Kulturelle und gesellschaftspolitische Interventionen
Böhlau Verlag, Köln 2020
262 Seiten, 40 Euro
ISBN 978-3-412-51756-4


Ignoranz ist ein Verbrechen

Der neue Bericht an den Club of Rome ist ein „Überlebensratgeber“

Der Anthropologe Jared Diamond hat in einer historischen Untersuchung früherer, untergegangener Zivilisationen festgestellt, dass damals Anzeichen von nahender Katastrophe und Untergang ignoriert und als unangemessen abgetan worden sind. Ähnliche Ignoranz ist auch für unsere modernen Gesellschaften und ihre herrschenden Kreise festzustellen. Als vor 50 Jahren unter dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“ der erste Bericht an den Club of Rome erschien, wachten einige Menschen aus ihrer Betriebsblindheit auf, doch die maßgeblichen Akteure machten weiter, blockierten dringende Systeminnovationen und Strukturveränderungen, zögerten Reformen hinaus, verhinderten wichtige Weichenstellungen.

Noch in den jüngsten Jahren wurden sämtliche „Wendepolitiken“ ausgebremst – von sich konservativ und freiheitlich wähnender Politik, von Konzernen und anderen kurzsichtigen, ignoranten Kreisen. Zugleich werden die wissenschaftlich vorausgesagten ökologischen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Krisen und Katastrophen immer spürbarer, auch in unseren reichen, bislang wenig beeinträchtigten Gesellschaften. Die Einschläge kommen näher  – und zugleich wächst der Druck auf überfällige und spürbare Transformation. „Ende Gelände“, „Extinction Rebellion“, „Letzte Generation“ und andere zeigen es.

Eine Erde für alle

Auch die Warnungen aus der Wissenschaft werden immer lauter, wie nun der jüngste Bericht an den Club of Rome zeigt. Zum 50-jährigen Jubiläum schauen renommierte Wissenschaftler wie Jørgen Randers und Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, abermals in die Zukunft – und legen ein „Genesungsprogramm“ für unsere krisengeschüttelte Welt vor. Sie verweisen auf zwei mögliche Szenarien. Wir müssen uns demnach für den „Großen Sprung“ entscheiden – das bisherige „Weiter so“ ist keine humane, sinnvolle, lebensfreundliche Option mehr, sondern schlicht selbstmörderisch.

Der neue Club-of-Rome-Bericht heißt „Earth for All. Ein Survivalguide für unseren Planeten“ und erkundet vielversprechende Wege aus der Krisensituation. Auf Basis jahrelanger Erfahrungen und unter Beteiligung einer Vielzahl ausgewiesener Expert:innen werden Auswege für mehrere Bereiche beschrieben, bei denen mit vergleichsweise kleinen Weichenstellungen ein großer humanitärer, sozialer, ökologischer und wirtschaftlicher Nutzen für alle erreicht werden kann. Es sind vor allem Maßnahmen gegen die Armut im globalen Süden und gegen die grassierende Ungleichheit sowie für eine regenerative und naturverträgliche Landwirtschaft, für eine umfassende Energiewende und für die Gleichstellung der Frauen.

Not-wendiger Protest

Die gezielte Gestaltung einer „Großen Transformation“ wurde schon 1992 von den Vereinten Nationen proklamiert und 2011 vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU) klar und deutlich gefordert. Diesen Weg zu gehen, ist nach den bisherigen Praxiserfahrungen und wissenschaftlichen Studien zwar äußerst anspruchsvoll. Das zeigt schon ein Blick auf die Kernstruktur des „Earth for All“-Modells auf Seite 232 im Buch. Doch das Buch führt auch vor, dass eine Transformation zur Nachhaltigkeit mit allen Maßnahmen und Innovationen möglich ist, es zeigt Wege auf und macht Mut in diesen schlimmen Zeiten.

Dass aber nun ausgerechnet eine Bundesregierung mit maßgeblicher Beteiligung einer grünen und einer sozialdemokratischen Partei eine zerstörerische, zukunftsfeindliche Politik betreibt, bisher deklarierte Prinzipien verletzt, kurzsichtige und naive Maßnahmen in die Wege leitet, ist entsetzlich. Auch aus meiner Sicht als Zukunfts- und Nachhaltigkeitsforscher, der sich seit Jahrzehnten für sozial-ökologische Systemveränderung einsetzt, ist spürbarer Protest dringend Not-wendig!

Edgar Göll

Club of Rome (Hrsg.):
Earth for All. Ein Survivalguide für unseren Planeten
Oekom Verlag, München 2022
256 Seiten, 25 Euro
ISBN 978-3-96238-387-9


Gesundheitsgefahren durch 5G

Risiken der neuen Mobilfunk-Generation und strahlungsarme Alternativen

Das 5G-Netz wird ausgebaut, um immer mehr digitale Geräte miteinander verbinden zu können (Rabe Ralf Oktober 2019, S. 16, Juni 2020, S. 18). Der Physiker und ehemalige ÖDP-Europabgeordnete Klaus Buchner und die Ärztin Monika Krout befassen sich in „5G-Wahnsinn“ mit den gesundheitlichen Auswirkungen dieses neuen Mobilfunkstandards. Nach einer Einführung zu Mobilfunkstrahlung und den Besonderheiten von 5G – dies sind vor allem höhere Bandbreiten und Frequenzen – stellen sie dar, was dadurch im Körper von Menschen und Tieren geschieht.

Elektromagnetische Felder wie beim Mobilfunk können unter anderem auf körperliche Steuerungsmechanismen von Muskeln und Nerven wirken. Buchner und Krout zufolge können sie die Hormonproduktion stören, Entzündungen fördern, zur Entstehung von Krebs beitragen und das Erbgut verändern. Das Immunsystem kann gehemmt werden, was die Ausbreitung von Viren fördert. Die Strahlung kann auch auf die Herzfrequenz und auf die psychische Verfassung wirken, Schlafstörungen verursachen und die Fruchtbarkeit schädigen. Besonders gefährdet sind Kinder und Menschen, die an einer Elektrohypersensibilität leiden. Auch Pflanzen können betroffen sein.

Lobbyorganisation ICNIRP im Bundesamt

Warum die Regierung die Bevölkerung nicht vor diesen Gefahren schützt, erklären Buchner und Krout vor allem mit dem Wirken der „Internationalen Kommission zum Schutz vor nichtionisierender Strahlung“, englisch abgekürzt ICNIRP. Bei dieser Vereinigung angeblich unabhängiger WissenschaftlerInnen handle es sich „fast ausschließlich um Personen, die Verbindungen zur Industrie haben“. Strahlungsrisiken würden ignoriert und auf Vorschlag der ICNIRP lege die Politik zu hohe Grenzwerte fest.

Abschließend gibt es Tipps und Hinweise, wie Strahlenschutz auf kommunaler Ebene baurechtlich umgesetzt werden kann und wie Betroffene individuell versuchen können, sich zu schützen. Mit fast 400 Quellenangaben belegen die AutorInnen ihre Ausführungen.

Gemeinsam mit der EU-Abgeordneten Michèle Rivasi von den französischen Grünen hat Buchner außerdem einen Report über die ICNIRP verfasst, die ihren Sitz in einem Gebäude des Bundesamtes für Strahlenschutz hat und international bestens vernetzt ist. Mit Porträts der ICNIRP-Mitglieder veranschaulichen die AutorInnen deren mögliche Interessenkonflikte.

Beide Publikationen geben fundierte und teilweise erschreckende Einblicke in die Ignoranz gegenüber kritischen Forschungsergebnissen und die machtvollen Interessen an der flächendeckenden Einführung von 5G.

Elisabeth Voß

Klaus Buchner, Monika Krout:
5G-Wahnsinn. Die Risiken des Mobilfunks. Das gefährliche Spiel mit den Grenzwerten. Die strahlungsarmen Alternativen
Mankau Verlag, Murnau 2021
256 Seiten, 16,95 Euro
ISBN 978-3-86374-608-7

Kritischer ICNIRP-Report von Michèle Rivasi und Klaus Buchner: www.kompetenzinitiative.de (Publikationen – Broschüren)


Schläge für Lenin

Im Comic „Likwidator in der Ukraine“ kämpft ein zeitreisender Ökoterrorist gegen die Geschichte

Die vom Altpunk Ryszard Dąbrowski geschaffene Comic-Figur Likwidator ist in Polen eine Untergrund-Größe. Zahlreiche Abenteuer hat der Antiheld bereits bestritten. Im Album „Kaczystan“ (2015) macht er, der aus Polen stammt, aber kein Pole sein will, sich über Kirche und Staatsnationalismus lustig und geht dabei nicht gerade zimperlich mit Vertretern von Klerus und Macht um. Der Band „Ełro 2012“ ist dagegen eine bissige Satire auf die Fußball-Europameisterschaft. Hier hagelt es nicht nur Torschüsse, sondern auch Gewehrsalven und Leichen.

Likwidator sieht dabei immer gleich aus: ein schwarz vermummter Bodybuilder mit groteskem Dauergrinsen. Er ist zwar ein Zyniker, hat aber gewisse Prinzipien, die er gerne ausführlich darlegt: „Ich verfolge eine ökologische Weltsicht. Als höchster Wert steht die wilde Natur und deren Freiheit, und das verteidige ich.“ Ein vielleicht etwas schlichtes Weltbild, an dem man Autor Dąbrowskis Bekenntnis zu „Earth First!“ (einer auch unter Ökos umstrittenen Umweltbewegung) und Max Stirner (einem auch unter Libertären umstrittenen Anarchisten) erkennt.

Mit der magischen Eiche zur Machnowschtschina

Im hier besprochenen Album landet unser Held dank einer magischen Eiche aus dem Białowieża-Urwald in der Ukraine von 1920, also mitten im Bürgerkrieg. Er schlägt sich auf die Seite von Nestor Machno und seiner Machnowschtschina, jener legendären anarchistischen Bauernarmee, die unter der Totenkopfflagge gemeinsam mit der bolschewistischen Roten Armee große Gebiete der Ukraine vom zaristischen Joch befreite – um dann auch von den Staats- und Zwangskommunisten als Feind bekämpft zu werden.

Likwidator erkennt in Machnos Armee seine Kampfgefährten, weil auch sie (unbewusst) aufseiten von „Mutter Natur“ in den Krieg ziehen. Nach erfolgreichem Gemetzel an kommunistischen Soldaten und „Bauernwürgern“ meldet er sich freiwillig, um mit Lenin persönlich zu verhandeln. Der Spitzbart plant einen Hinterhalt, wird aber kurzerhand von Likwidator entführt und kassiert ordentlich Ohrfeigen. Kurz darauf gewinnen zaristische Truppen die Oberhand, nun ist Likwidator der Gefangene. Doch die Machnowschtschina naht …

Nichts für Lehrer-Lämpel-Leser

Der Comic ist gekonnt gezeichnet, gleichzeitig hingerotzt und detailversessen. Historische Anspielungen erkennt man sofort. Im Text macht sich gelegentlich der österreichische Zungenschlag der Übersetzerin charmant bemerkbar („Ich mag nimmer!“). Im Grunde besteht der Band nur aus überdrehten Slapstick-Gewaltorgien, die irgendwo zwischen Clever & Smart auf Testosteron und Tarantino auf Speed anzusiedeln sind. Likwidators Laune ist immer dann am besten, wenn er gnadenlos bolschewistische und zaristische Soldaten abschlachten kann. Geht es dabei geschmacklos und ekelerregend zu? Allerdings. Bleiben Moral und Erkenntnisgewinn auf der Strecke? Ganz sicher. Ist das Ganze trotzdem ein Riesenspaß? Ja und nochmals Ja. In der realen Historie bekommen meistens die Falschen die Schläge ab, da tut es gut, wenn es – im Comic – auch mal die Richtigen trifft.

Zart Besaitete können beruhigt sein: Likwidators Sieg ist nicht von Dauer. Er kehrt in die Jetzt-Zeit zurück, der Zug der Geschichte überrollt seine Taten und ist wieder auf dem gewohnt falschen Gleis. Likwidator grinst trotzdem. Der Rezensent auch.

Johann Thun

Ryszard Dabrowski:
Likwidator in der Ukraine 1920
Übersetzung aus dem Polnischen: Gosia Foremna
Bahoe Books, Wien 2020
54 Seiten, 12 Euro
ISBN 978-3-903022-69-0

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